Warum Cédric Wermuth an keine öffentliche Diskussion mehr geht, wenn nur Männer an der Diskussion teilnehmen

Der Schweizer Parlamentarier Cédric Wermuth (Partei der Sozialdemokraten) will ein politisches Zeichen setzen bzw. Symbolpolitik betreiben und hat erst kürzlich auf seinem Blog verlauten lassen: “Ich werde ab sofort zu keinen öffentlichen Diskussionen mit mehr als zwei Gästen mehr zusagen, wenn sie nur aus Männern zusammengesetzt sind“. Da stellt sich doch gleich die Frage, weshalb sind nur die Frauen Adressaten seiner Symbolpolitik?

Cédric Wermuth schreibt: 

„Spätestens seit dem #SchweizerAufschrei darf man offenbar hierzulande wieder über Feminismus und Geschlechterdiskriminierung sprechen, ohne gleich als vorgestrig abgestempelt zu werden (die rechten Sektenblätter jetzt mal ausgenommen).“

Habe ich da etwas verpasst? Mir ist in den letzten Monaten und Jahren in den linksliberalen Medien, aber auch in den öffentlich-rechtlichen Medien, kein Feminismus-Bashing oder Geschlechterdiskriminierung-Bashing aufgefallen. Im Gegenteil: Entweder wird sehr neutral darüber berichtet oder sie protegieren den Feminismus richtiggehend. Und vor allem: Wurden im #SchweizerAufschrei auch Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer thematisiert? Weiss eigentlich Cédric Wermuth etwas von Männern als Opfer von Gewalt und wie viele Hilfsangebote es für diese Zielgruppe gibt?

Ungleichheit der Geschlechter beruht auf struktureller Diskriminierung

 Cédric Wermuth schreibt:

„Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern beruht selbstverständlich zu einem großen Teil auf strukturellen Diskriminierungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.“

Woher weiß Cédric Wermuth, dass die Ungleichheit der Geschlechter in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft auf Diskriminierung beruht?

Und weshalb auf einer strukturellen Diskriminierung. Was genau ist eigentlich eine „strukturelle Diskriminierung“? Wenn Frauen und Männer anzahlmässig nicht paritätisch in der Legislative vertreten sind, ist das eine Diskriminierung bzw. ist das eine strukturelle Diskriminierung? Jeder Wählende hat ja die Auswahl, ob er alle Männer auf einer Liste streichen will und nur eine Liste abgibt, die nur mit Frauen besetzt ist. Wenn jede Frau die wählen geht, nur Frauen wählt und die Linken mithin das selbe tun, dann gibt es innert kürzester Zeit eine satte Mehrheit von Frauen in der Legislative. Und diese Frauenmehrheit in der Legislative kann dann desgleichen nur noch Frauen in die Exekutive und Judikative wählen und folglich haben wir im politischen System innert kurzer Zeit eine klare Frauenmehrheit. Ich sehe somit keine Diskriminierung und insbesondere auch keine strukturelle Diskriminierung, weil die Veränderungen können mithilfe individuellem Verhalten erreicht werden, ohne dass quasi über Gesetze (Quoten) eingegriffen werden muss, falls dies die Bevölkerung auch will. Abgesehen davon, dass bei einer Legislative, die demokratisch gewählt wurde, keine Ergebnisgleichheit zwischen verschiedenen Populationen vorherrschen muss und dies somit auch keine Diskriminierung darstellen kann, wenn der Männer- bzw. Frauenanteil z.B. bei 70% liegt.

Weiße Männer mit Privilegien

Cédric Wermuth schreibt:

„Das lösen wir nicht mit etwas ‚Willen’ und wenn wir etwas netter sind zueinander. Trotzdem gibt es natürlich enormen Spielraum in unserem individuellen Verhalten – gerade auf der Seite der Privilegierten (das wären dann Männer, vor allem weiße).“

Was für Privilegien haben eigentlich weiße Männer, die kaum ökonomisches, kulturelles und politisches Kapital haben? Diese Männer haben vermutlich vielfach auch noch sehr wenig symbolisches und soziales Kapital, sind also eher auch noch symbolisch und sozial in der Gesellschaft marginalisiert. Wäre es somit nicht viel adäquater, wenn man von weißen Frauen und Männern spricht, die viel kulturelles, ökonomisches oder politisches Kapital besitzen und infolgedessen vielfach privilegiert sind, die dann ebenfalls Veränderungen anstossen könnten? Auch nichtweiße Männer und Frauen, die viel ökonomisches und kulturelles Kapital aufweisen, sind häufig sehr privilegiert.

Sprache und Bilder prägen die Vorstellungen

Cédric Wermuth schreibt:

„Sprache und Bilder prägen unsere Vorstellungen von Gesellschaft und Zusammenleben. Und wenn Politik von Männern „gemacht wird“, bleibt das Bild einer Gesellschaft in der Männer das Sagen haben der Normalfall in unseren Köpfen. Das ist eine selbstverstärkende Spirale, die zu durchbrechen unsere gemeinsame Aufgabe ist. „

Möglicherweise sollte man die Sprache und Bilder, die unsere Vorstellungen prägen, auch nicht zu fest überschätzen. Woran erkennt man beispielsweise bei einer Fernsehdiskussion, dass diejenigen Leute, die besonders viel ökonomisches und kulturelles Kapital besitzen, über vertreten sind im Vergleich zur Gesamtpopulation? Das kann man ja in der Regel nicht unmittelbar feststellen, weil man ja vielfach nicht weiss, wie viel Vermögen und Einkommen sie besitzen bzw. erhalten und welche Bildungsabschlüsse sie vorzuweisen haben. Sprache und Bilder können somit eine Übervertretung bei diesen Populationen nicht erklären, es müssen somit andere Mechanismen verantwortlich sein, die dafür sorgen, dass eine Übervertretung dieser Populationen zustande kommt.

Cédric Wermuth fällt einen Grundsatzentscheid

Cédric Wermuth schreibt:

„Ich habe deshalb heute einen für mich selber gültigen Grundsatzentscheid gefällt: Ich werde ab sofort zu keinen öffentlichen Diskussionen mit mehr als zwei Gästen mehr zusagen, wenn sie nur aus Männern zusammengesetzt sind.“

Also, das heißt: Bei mehr als zwei Gästen in öffentlichen Diskussionen muss, falls man den Cédric Wermuth ebenfalls dabei haben will, mindestens auch eine Frau als Diskussionsteilnehmerin dabei sein. Jetzt kann man sich natürlich gleich fragen, weshalb Cédric Wermuth eine ausgeglichenere Repräsentation der unterschiedlichen Populationen bei öffentlichen Diskussionen nur beim Faktor Geschlecht haben möchte? Weshalb nicht auch beim Alter (Alterskohorten), beim kulturellen Kapital (Bildung), ökonomisches Kapital (Einkommen und Vermögen), Nationalität (Schweizer vs. Ausländer), Migrationshintergrund, Ethnie bzw. Hautfarbe, sexuelle Orientierung (Schwule, Lesben), Konfession, Wohnort (Stadt, Agglomeration, Land) Behinderung, etc., usw., usf.

Weshalb soll also, wenn es um Diversity geht, nur das Geschlecht eine Rolle spielen und alle anderen Unterschiede sollen obsolet sein? Ist das gerecht? Könnte das nicht auch ein falsches Signal aussenden, dass nur gewisse Gruppe angemessen repräsentiert werden sollen und andere sind es nicht wert? Und wenn wir die Sache noch aus der Perspektive der Privilegien anschauen: von denjenigen Populationen, die am wenigsten ökonomisches, kulturelles, symbolisches, soziales und politisches Kapital besitzen ist sicherlich nicht die Population der Frauen diejenige, die in der Schweiz hinsichtlich der vorgenannten Faktoren am wenigsten privilegiert ist, sondern die unteren Klassen/Schichten/Milieus und die Ausländer/Migranten/Flüchtlinge.

Weshalb also nur die Frauen? Cédric Wermuth würde vermutlich wie folgt argumentieren: Frauen würden 50% der Population ausmachen und wären somit eine der größten Gruppe, die ev. in öffentlichen Diskussionen unsichtbar gemacht bzw. nicht repräsentativ vertreten würden und mit einer Population müsse man ja schlussendlich einmal beginnen. Diese Argumentation mag nachvollziehbar sein, aber es zeigt eben doch auf, dass andere Populationen, die unterrepräsentiert sein können, für Cédric Wermuth nicht den selben Stellenwert haben wie die Population der Frauen. Insbesondere eben die zwei weiter oben genannten Populationen nicht, die sicherlich schlechter gestellt sind als die Frauen, weil sie im Durchschnitt weniger ökonomisches, politisches und kulturelles Kapital besitzen als die Frauen. Der soziale Blick von Cédric Wermuth ist infolgedessen sehr selektiv und partikularistisch: Diversity ist jedoch mehr als nur partikularistische Frauenpolitik.

Werbeanzeigen