Warum ich einige Positionen für schwer zu verteidigen halte

Nach wie vor bin ich erstaunt über das Ausmaß der geplatzten Filterblasen nach der US-Präsidentschaftswahl. Die Kollision einer als unpassend empfundenen Realität mit dem bisherigen Weltbild, der anhaltende Zustand von Ratlosigkeit bis hin zu nackter Angst beschränkt sich nicht nur auf poststrukturelle Genderfeministinnen oder Lügner und Manipulatoren (SJW), sondern grassiert immer noch unter Politikern und Journalisten, also solchen Leuten, die aus den Emotionen anderer Menschen Kapital schlagen, aber selbst nüchtern vorgehen sollten, um in ihrem Beruf Erfolg zu haben.

zu sehr eingebuddelt, um sich zu bewegen

Eine vernünftige Reaktion bestünde darin, die Wirklichkeit unter geänderter Informationlage neu zu erfassen und mit anderen Teilen der Gesellschaft notwendigerweise Dinge auszuhandeln.. Bei den beiden erstgenannten Gruppen ergeben sich jedoch aus deren Grundüberzeugungen und Verhaltensweisen eine ganze Reihe von Hindernissen, die dem im Wege stehen:

  1. Es gibt keine allgemeine objektive Realität, nur die Perspektive mit Priorität zählt.
  2. Probleme der anderen sind nur eingebildet.
  3. Die Mehrheit hat Macht, daher keine Probleme.
  4. Über verschiedene Identitäten/Gruppen hinweg kann man sich nicht verständigen, „nur X kann Xe wirklich verstehen“.
  5. Auf den anderen einzugehen ist Verrat an der Sache. Wer Recht hat, braucht nichts zu erklären!
  6. Eine beliebig komplizierte Sprache zeigt Gruppenzugehörigkeit und Tugendhaftigkeit.
  7. Sachliche Kritik gibt es nicht.

All das kann man sich nur leisten, solange man in der Machtposition ist. Sobald man die Meinungshoheit verloren hat, wird es sehr schwer, sich zu bewegen, denn dafür hat man sich vorher zu sehr eingebuddelt. Und genau diese Immunisierung gegen Kommunikation und Kompromisse, dass man extrem priviligiert ist.

Welten dazwischen

Das zeigt sich auch an den erlebten Realitäten. Zunächst diejenige der Menschen, welche sich in dem Wahlergebnis ausdrückt. Wie schon erwähnt schrieb Jens Berger bei den Nachdenkseiten:

Ist es wirklich so schwer, sich in einen ehemaligen Facharbeiter aus Flint, Michigan hineinzuversetzen, der früher ein stolzes und geachtetes Mitglied seiner Gemeinde war, der seine Familie durch die harte Arbeit ernähren konnte und es am Ende sogar geschafft hat, eines seiner Kinder an eine dieser teuren privaten Hochschulen zu bringen? Was mag in diesem Mann vorgehen, der heute von Glück reden kann, dass er noch einen Job im Supermarkt hat, wo er jungen Schnöseln ihre Einkäufe in Tüten verpacken darf und ansonsten nur sieht, wie „sein Amerika“ vor die Hunde geht?

Eine wichtige Frage vieler Leute in Deutschland sei, „warum man trotz formal guter Ausbildung keinen Job bekommt“.

Ergänzend nannte JK in den Hinweisen des Tages „Menschen, die einfach nur gute Arbeit leisten und davon leben wollen“, welche „sich jeden Tag fragen müssen, wie sie wieder einen Job bekommen können, der es Ihnen möglich macht die Hypotheken für ihr Häuschen oder die Ausbildung für ihre Kinder zu bezahlen“.

Schauen wir im Gegenzug auf ein Aushängeschild des Feminismus in Deutschland. Anne Wizorek hat zwar ihr Studium nicht beendet, aber über eine Twitter-Aktion letzten Endes einen Posten von der Regierung bekommen (Berufung in die Sachverständigenkommission zur Erarbeitung des Zweiten Gleichstellungsberichts der Bundesregierung).

Ihre offenbar größte Sorge: „Für ganz viele Frauen ist es extrem schlimm, einfach schon auf die Straße zu gehen.

Abstieg breiter Schichten vs. vom Staat gefördert: Unterschiedlicher können die Realitäten kaum sein.

Journalisten wie Politiker

Interessant ist ferner, dass auch Journalisten inzwischen die üblichen Ablenkungsmanöver anwenden, um sich nicht mit Kritik zu befassen. Die Glaubwürdigkeit der meisten Phrasen überlebt eine Begegnung mit der Realität allerdings nicht lange:

„der Wähler ist einfach dumm“

Das war schon vor Jahren erkennbar falsch. Dazu schrieb etwa der konservative Journalist Michael Spreng:

Politiker werden immer wieder davon überrascht, dass die Wähler schlauer sind, als Politiker denken.

Und ja, er hat diese Einsicht immer wieder gerne genannt.

Tatsächlich sind Wahlen in den meisten Fällen nur ein sehr grobes Instrument, um den eigenen Willen kundzutun. Insbesondere ohne regelmäßige Volksabstimmungen zu ganz konkreten Fragen fällt dem Wähler die Aufgabe zu, mit wenigen Kreuzen alle paar Jahre seine Meinung zu einer komplizierten Gemengelage auszudrücken. Wie soll das klar und einfach lesbar sein?

„Leute interessieren sich nicht für Fakten“

Die Leute suchen nicht mehr nach Fakten, wo sie schon lange keine mehr gefunden haben! Wenn Meinungen als Fakten vorausgesetzt oder unseriöse Studien präsentiert werden, da ist es doch klar, wenn die Menschen das irgendwann ausblenden.

Das neue Modewort „postfaktisch“ soll eben diese Ausrede liefern. Unter dem Titel „Postfaktisch?“ Was soll denn nun dieser Unsinn schon wieder? schrieb Jens Berger auf den Nachdenkseiten:

Zwischen den Zeilen heißt „postfaktisch“ eigentlich nur, dass das Establishment erkannt hat, dass es die politischen Debatten der Gegenwart nicht mehr auf Sachebene führen kann, weil es faktisch die schlechteren Argumente hat.

„man kann den Leuten nicht mehr Kompliziertes erklären“

Um meinen Eindruck aus Foren im Internet und Gesprächen in der physischen Realität zusammenzufassen: Es herrscht eine große Sehnsucht nach Fakten, Hintergrundinformationen, Erklärungen, Debatten. Viele Leute finden die dargebotenen Informationen schal und wenig ergiebig.

„die Leute haben zu kurze Aufmerksamkeit“

Der beste Gegenbeweis sind stundenlange Podcasts und Youtube-Videos, die Leute auch noch freiwillig finanzieren. Offensichtlich kommt man ohne millionenschwere Technik aus, um Leute bei der Stange zu halten. Nur müssen die Inhalte hörens- und sehenswert sein.

„im Internet schreiben größtenteils Trolle“

Die Nachdenkseiten haben kürzlich 100 Seiten Leserbriefe zur aktuellen politischen Debatte veröffentlicht. Laut Aussage der Macher mussten nur wenige Zuschriften herausgefiltert werden. So sieht es aus, wenn man die Augen nicht verschließt.
Von wegen nur Pöbelei unter den Kommentaren!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wenn es schon um Realitätsblasen in diesen Tagen geht, fällt mir der Soundtrack eines Computerspiels ein.

Reality Bubble: Days Like These

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10 Antworten zu Warum ich einige Positionen für schwer zu verteidigen halte

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