Soll man die Sorgen und Ängste und Ressentiments der Bevölkerung ernst nehmen?

Im Zusammenhang der US-Präsidentenwahl 2016 schreibt ein Arzt (Psychiater) und Philosoph auf einem Blog unter dem Titel „’Make America great again“’. Zur politischen Psychologie des Ressentiments“ folgendes:

„Die übliche Reaktion der Wohlmeinenden auf das Ressentiment lautet: „Man muss die Ängste ernst nehmen.“ Diese ebenso verlogene wie herablassende Haltung nähert sich bis zur Unkenntlichkeit dem Ressentiment an: Auch sie erklärt das Gefühl zur höchsten Instanz. In Tat und Wahrheit ist das Ressentiment eine Verleugnung der Angst.“

Dazu ein paar ein Gedanken meinerseits dazu:

Weshalb soll das eine verlogene Haltung sein, wenn man die Ängste der Leute ernst nimmt? Und was soll daran herablassend sein?

Ob das jemand als herablassend empfindet, dürfte wohl jede Person immer wieder anders empfinden und ist vermutlich keine anthropologische Grundkonstante aller Menschen; dies ist m.E. eine unzulässige Verallgemeinerung.

Wenn man sich empathisch der Angst oder dem Ressentiment eines Menschen nähert, heißt dies selbstverständlich nicht, dass nun das Gefühl zur höchsten (moralischen) Instanz erklärt bzw. erhoben wird? Wenn ein Mensch Mordabsichten hegt, die auf gewissen Gefühlen basieren, dann kann man zwar die dahinter stehenden Gefühle ernst nehmen, aber das heißt noch lange nicht, dass man die Mordabsichten gutheißt. Der Mensch kann zwar seine Gefühle explorieren, aber man kann dann die möglichen, daraus entstehenden Handlungen (Ressentiments, Mordabsichten) selbstverständlich für vollständig unangebracht halten. Jedoch: Sorgen, Ängste und Ressentiments nicht ernst nehmen, lässt diese sicherlich nicht einfach verschwinden, wenn man einfach sagt, das sei alles Schwachsinn. Ich vermute, das Gegenteil dürfte vielfach zutreffen. Sorgen, Ängste und Ressentiments ernst nehmen, heisst für mich, dass ein Mensch diese quasi explorieren darf und man dann schaut, was steckt eigentlich dahinter: wieso, weshalb, warum hat ein Mensch solche Sorgen, Ängste und Ressentiments. Und wie können solche Sorgen, Ängste und Ressentiments in konstruktive Bahnen gelenkt werden, sodass eben Rassismus, Fremdenfeindlichkeit etc. abgebaut wird.

Und ob nun das Ressentiment eine Verleugnung der Angst ist, scheint mir auch nicht so gewiss zu sein. Da kann Angst dahinterstecken, da können aber auch viele andere Gefühle dahinterstecken (Groll, Ärger, Schmerz, Verletzungen etc.). Übrigens: Wenn die Linke die Ängste der Leute nicht ernst nimmt, dann werden sie sicherlich die Rechtspopulisten ernst nehmen; mit den entsprechenden Konsequenzen.

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11 Kommentare zu „Soll man die Sorgen und Ängste und Ressentiments der Bevölkerung ernst nehmen?“

  1. „Weshalb soll das eine verlogene Haltung sein, wenn man die Ängste der Leute ernst nimmt? Und was soll daran herablassend sein?“

    Meine Vermutung ist, daß das ganz anders gemeint ist: Bekanntlich bedeutet „repräsentative Demokratie“, daß man es mit der Demokratie nicht wirklich ernst meint, wenn die Abgeordneten sind nur ihrem Gewissen verpflichtet und allenfalls noch dem Fraktionszwang, aber nicht dem Votum des Volkes.

    Soll die Staatsgewalt aber dennoch vom Volk ausgehen, so kommt es für den Grad, zu dem Demokratie realisiert ist, vor allem auf den Willen des gewählten Volksvertreters an, dich nach dem Votum des Volkes oder wenigstens den Menschen in seinem Wahlkreis zu richten.

    Die Sache mit den Ängsten hat meiner Ansicht nach dieselbe Quelle wie die Islamophobie oder die Homophobie. Damit wird angedeutet, daß beides so hirnverbrannt und moralisch jenseits alles zulässigen liegt, daß man schon eine Geisteskrankheit braucht, um erklären zu können, wie es zu der betreffenden Einstellung kommt.

    Von den Ängsten des Volkes zu reden, ist ein Euphemismus davon: Anstatt den Wählerwillen nicht zu bewerten, sondern ihn für maßgeblich zu halten, wird von Ängsten geredet, die offenbar irrational ist, während die Wohlmeindenden qua politischer Position meinen, es besser zu wissen.

    1. Zum Volkswillen! Nun, hier in der Schweiz haben wir ja eine halbdirekte Demokratie, haben also viele Abstimmungen im Jahr, bei denen wir eben über Sachgeschäfte abstimmen können wie z.B.: Gurtenobligatorium ja oder nein, Armeeabschaffung ja oder nein, mehr Urlaub ja oder nein etc.
      Finde ich selbst eine super Sache! Gibt jedoch auch Abstimmungen (Volksentscheide), die heikel sind, insbesondere wenn es um den Angriff auf Menschenrechte, Grundrechte bzw. Bürgerrechte geht.

      1. „Gibt jedoch auch Abstimmungen (Volksentscheide), die heikel sind“

        Natürlich. Aber dann muß man eben in Bildung investieren, um solche Effekte klein zu halten. Sollte man jedenfalls, wenn man es mit der Demokratie ernst meint und sie mehr als ein Schein sein soll …. 😉

  2. „Weshalb soll das eine verlogene Haltung sein, wenn man die Ängste der Leute ernst nimmt? Und was soll daran herablassend sein?“

    Ich denke, Elmar ist dem schon etwas näher gerückt, aber trifft es noch nicht ganz.
    Herablassend und verlogen daran ist schlicht folgendes: Die Menschen, die da protestieren und auf die Straße gehen, äußern primär keine „Ängste und Sorgen“ (das auch, aber nur sekundär), sondern vor allem einen ziemlich klar artikulierten Willen, ein definiertes Eigeninteresse, und der kann durchaus sehr reflektiert sein.
    Indem man das als „Ängste und Sorgen“ deklariert, deklariert man sie zu unwissenden, unmündigen Bürgern, die nur bei richtiger Information und besser vermittelter Politik ganz anders denken würden. Ja, man kann sogar sagen, man pathologisiert sie (wie Elmar schon andeutete).
    Letztendlich tut man dadurch das Gegenteil von dem, was man behauptet. Man nimmt die Leute eben nicht Ernst!
    Nehmen wir das konkrete Beispiel Pegida. Dieses Leute artikulieren keine „Ängste und Sorgen“, die wollen einfach bestimmte Dinge nicht, die die Politik über ihre Köpfe hinweg entscheidet. Die wollen keine Masseneinwanderung, sie wollen nicht, dass des Islam mehr Macht in Deutschland bekommt und sie haben, ob es uns passt oder nicht, ein Recht darauf, das nicht zu wollen! Man kann das übertrieben finden, man kann meinen, dass sie falsch liegen, und alles super ist. Und dann müsste man sich mit ihnen mit Argumenten auseinander setzen. Im besten Habermasschrn Sinne des herrschaftsfreien Diskurses. Das passiert aber nicht. Von ganz links werden sie als Rassisten und Nazis beschimpft, und die Mitte behandelt sie wie kleine Kinder, deren „Ängste und Sorgen“ man zwar ernst nehmen müsse, sie selbst aber nicht. Ihr artikulierter Wille wird aber von beiden nicht respektiert. Respektiert werden sie nur von der AfD und den ganz Rechten. Dann braucht man sich über deren Wahlergebnisse auch nicht mehr zu wundern.

    1. Ok, kann ich nachvollziehen, wenn „Ängste und Sorgen“ ernst nehmen quasi paternalistisch verstanden werden kann. Nur würde ich hier zumindest sagen, dass es nicht unbedingt paternalistisch gemeint sein muss. Wenn mir jemand sagt, er möchte eine atomwaffenfreie Welt, dann kann er dies sicherlich gut rational argumentativ begründen, aber ich denke, das ist vielfach auch noch mit Gefühlen gekoppelt wie eben ev. Angst, Sorge, Befürchtungen etc. Und wenn ich danach frage, geht es mir keineswegs um eine Pathologisierung oder Therapeutisierung, sondern um ein besseres Verstehen der Motivation oder des Willens.

  3. @aranxo: Danke für Deinen Kommentar, er nimmt mir viel Tipparbeit ab. Ergänzend noch dazu: Die Leute mit unliebsamen Meinung werden auf die irrationale Ebene geschoben. „Ängste“, „Sorgen“, „Wutbürger“, „Protestwähler“ usw. Sie werden stets über die Gefühlsebene definiert und so im Umkehrschluss zu „Un-Vernünftigen“ gemacht (weil sie sich angeblich nicht rational verhalten bzw. äußern).

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