Warum ich den Nachdenkseiten applaudiere

Die Nachdenkseiten erleben im Zuge der US-Präsidentschaftswahl anscheinend gerade ihr Momentum. Die angesprochenen Themen sind auf so sehr mit denen dieser Blogblase verschränkt, dass ich aus dem angenehmen Staunen nicht mehr herauskomme.

Auf den Punkt gebracht: Der Zorn der einfachen Leute ist zu verstehen. Für die Sorgen breiter Bevölkerungsschichten ist die Linke blind geworden. Genderfeminismus und politische Korrektheit sind reine Ablenkung..

Die Texte sind selbst dann interessant, wenn man nicht links ist und auf die links/rechts-Unterscheidung allergisch reagiert. Denn gerade das vorschnelle Anheften von negativen Etiketten und die ständige Abgrenzung, die Lebensferne und die Verachtung anderer Leute werden kritisiert.

Jens Berger hat eine schreiberische Sternstunde mit „Populisten und dumme Wähler? Ihr habt nichts, aber auch rein gar nichts, verstanden„. Zwei Zitate, in denen er es auf den Punkt bringt:

Die Fähigkeit, zu erahnen, was in anderen Menschen vorgeht, scheint vor allem dem linken Lager tatsächlich verloren gegangen zu sein. Und dies nicht nur in den USA. Hierzulande ist es doch genauso.

Kritiker aufgepasst: Wer es absolut plausibel findet, dass immer mehr Wähler „rechtspopulistisch“ wählen, sagt damit nicht, dass er dies auch gut findet.

Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Leszek, djadmoros, crumar… es mangelt nicht an Personen, die politisch „irgendwas mit links“ sind und bei denen ich mir gut vorstellen kann, dass sie Jens Bergers Einschätzung in wesentlichen Punkten teilen. Der wohl dichteste Absatz des Artikels:

Ist es wirklich so schwer, sich in einen ehemaligen Facharbeiter aus Flint, Michigan hineinzuversetzen, der früher ein stolzes und geachtetes Mitglied seiner Gemeinde war, der seine Familie durch die harte Arbeit ernähren konnte und es am Ende sogar geschafft hat, eines seiner Kinder an eine dieser teuren privaten Hochschulen zu bringen? Was mag in diesem Mann vorgehen, der heute von Glück reden kann, dass er noch einen Job im Supermarkt hat, wo er jungen Schnöseln ihre Einkäufe in Tüten verpacken darf und ansonsten nur sieht, wie „sein Amerika“ vor die Hunde geht? (…) Haben wir Linksliberalen mit unserer tollen Bildung und Ausbildung wirklich nie auch nur den Hauch Empathie gelernt?

In ihren heutigen Hinweisen des Tages zitieren die Nachdenkseiten eine ähnliche Geschichte. Früher hochqualifizierter Facharbeiter, dessen Handarbeit Weltklasse-Niveau hatte, heute arbeitslos und von der großen Politik vergessen.

Deutliche Worte findet Jens Berger auch in der Bestimmung der Ursachen:

Klar, diesem selbstgerechten Bürgertum, dem offenbar die Deutungshoheit im rot-grünen Lager zugefallen ist, geht es in der Tat gut. Hier muss man sich keine Gedanken darüber machen, warum man trotz formal guter Ausbildung keinen Job bekommt. Hier sind Hartz IV und Grundsicherung sehr abstrakte Themen. (…) [d]a es uns ja materiell ohnehin (zu) gut geht, stehen nun die weichen Themen auf der Agenda – genderneutrale Toiletten sind dann wichtiger als Chancengleichheit, die Frage, ob schwule Paare Kinder adoptieren können, ist wichtiger als die Frage, wie man Jobs in strukturschwache Regionen bringt. (…) Politik hat dann eine Politik für Minderheiten zu sein. Wer als weißer christlicher Mann gleich drei Mehrheiten [*] angehört, hat da schon mal schlechte Karten. ([*] obgleich Männer demographisch idT eine Minderheit sind, werden sie paradoxerweise politisch als Mehrheit angesehen)

Ins selbe Horn stößt auch JK als Kommentar zu dem genannten Hinweis des Tages:

Weshalb sollten Menschen, die einfach nur gute Arbeit leisten und davon leben wollen und ohne eigenes Verschulden zum Spielball der neoliberalen Globalisierung geworden sind, sich mit damit auseinandersetzen ob »all gender welcome Toiletten« notwendig sind oder nicht, wenn sie sich jeden Tag fragen müssen, wie sie wieder einen Job bekommen können, der es Ihnen möglich macht die Hypotheken für ihr Häuschen oder die Ausbildung für ihre Kinder zu bezahlen?
(…)
Diese Problematik gilt nicht nur für die USA, sondern auch für die Mehrheit der deutschen Linken, die an allen Ecken Diskriminierung wittert, dabei aber den entscheidenden gesellschaftlichen Antagonismus, den zwischen Arm und, den zwischen dem obersten 1% und dem Rest völlig verdrängt, mithin die soziale Frage nicht mehr stellt.
Um es plakativ zu formulieren, was wäre gewonnen, wenn in Deutschland alle Toiletten korrekt gegendert wären, aber das Hartz-IV System weiterbesteht, das die Betroffenen Tag für Tag Demütigungen und Schikanen aussetzt (…)?

Der Schlusssatz von JKs Kommentar ist ein hervorragendes Fazit:

Ohne soziale Gerechtigkeit kann es auch keine Gleichberechtigung in anderen Bereichen geben. Das zu begreifen ist die aktuelle Herausforderung.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Welcher Titel passt besser zum Gefühl, dass die etablierten Parteien im Dunkeln tappen?

Julian Casablancas: Left and Right in the Dark

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Graublau abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Warum ich den Nachdenkseiten applaudiere

  1. Pingback: Warum ich auch Cicero applaudiere | Geschlechterallerlei

  2. Pingback: Gastartikel: Laurie Pennys Artikel ist keinen Penny wert | Geschlechterallerlei

  3. Pingback: Artikelsammlung 20.11.2016 | stapelchipsblog

  4. Pingback: Fundstück: Ahoi Polloi mit prägnanter Wahlanalyse | Geschlechterallerlei

  5. Pingback: Warum ich einige Positionen für schwer zu verteidigen halte | Geschlechterallerlei

  6. Pingback: Warum ich Obdachlosigkeit für ein vernachlässigtes Thema halte | Geschlechterallerlei

  7. Pingback: Warum ich die „Fake News“-Hysterie selbst für „Fake News“ halte | Geschlechterallerlei

  8. Pingback: Fundstück: Globalisierung erhöht die Suizidrate in den USA | Geschlechterallerlei

  9. Pingback: Fundstück: Der Armutsbericht der Bundesregierung – ein Armutszeugnis | Geschlechterallerlei

  10. Pingback: Fundstück: Sinkende Einkommen bei Männern führen zu weniger, bei Frauen zu mehr Ehen | Geschlechterallerlei

  11. Pingback: Fundstück: Die Realität blubbert hervor – bei Fefe | Geschlechterallerlei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s