Fundstück: Das Feindbild weißer Mann

Ein Thema, das ich im Artikel zu den US-Präsidentschaftswahlen nicht mehr angeschnitten habe, war das Narrativ vom weißen Mann, der automatisch böse ist. Es gibt dieses Feindbild in mehreren spezialisierten Varianten – „der weiße heterosexuelle man“ (Abkürzung „WHM“, sehr verbreitet), als Verfeinerung davon „der weiße heterosexuelle cis-Mann“, „weiße junge Männer„, „alte weiße Männer“, „wütende weiße Männer“, „weiße Männer mit niedrigem Bildungsstand“ usw. Wichtig ist dabei, dass sie grundsätzlich gegen den jeweiligen Rest der Welt sind, welcher fortschrittlich ist.

In der Analyse des Wahlergebnisses war entsprechend die Rede vom „weißen Mann mit niedriger Bildung“, der Donald Trump den Wahlsieg ermöglicht habe. Das erinnerte mich doch gleich an die Kommentierung der österreichischen Präsidentschaftswahl:

Genderama vom 26. April

Bei den Wahlen in Österreich haben vor allem Frauen mit Hochschulreife den Kandidaten der Grünen gewählt und Männer ohne Hochschulreife den Kandidaten der FPÖ.

Genderama vom 28. April – ein Leser mit einer interessanten These:

Es soll über verschiedene Ebenen (Geschlecht, Politik, Bildungsstand) hinweg eine negative Analogie geschaffen werden, um gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Es wird gleichzeitig ein Geschlecht und eine Wählerschaft diskreditiert. Die Analogie lautet Rechtpopulistenwähler = Mann = dumm (geringer Bildungsstand). Während es umgekehrt lautet: Grünenwähler = Frau = intelligent (mit Hochschulabschluß). Da gibt man in einem Atemzug die korrekte politische Richtung und das bessere Geschlecht vor.
(…)
Wozu also den Bildungsstand der Wähler bemühen, wenn sich das Wahlverhalten von Frauen und Männern in weiten Teilen gar nicht so sehr unterscheidet und dort, wo es die größten Differenzen gab, der „Geschlechter-Bonus“ eine nicht ungewichtige Rolle gespielt haben dürfte? Richtig: Der einzige Grund liegt darin, im Doppelpack zu diskredtieren.

Seitdem ich das gelesen habe, achte ich darauf. Man schaue etwa auf die Statistiken der Tagesschau (auf „Analysen zur Wahl“ klicken):

  Clinton Trump
Weiße 37 58
Schwarze 88 08
Hispanics 65 29
  Clinton Trump
Männer 41 53
Frauen 54 42
  Clinton Trump
kein College-Abschluss 44 51
College-Abschluss 52 42

(Quelle: Exit poll Edison)

Natürlich gibt es Unterschiede, aber für einen schwarzweiß gezeichneten Krieg entlang der Linien Geschlecht, Hautfarbe, Bildungsstand gibt es keinen Anhaltpunkt. Im Gegenteil, soweit sind die Zahlen gar nicht auseinander! Oder wie es anderswo formuliert wurde:

Fefe, 13.11.2016:

Hier hat keine Übernahme des wütenden weißen Mannes stattgefunden. Die anderen haben auch millionenfach für Trump gestimmt. Insbesondere übrigens die weißen Frauen.

Der Aufwachen-Podcast zeigte das auch in Folge 155 „Blasenplatzen“ (schöner Name!):

Das für einige Unvorstellbare: Frauen wählen Trump! Latinas wählen Trump! Das mit dem Sexismus ist denen nicht so wichtig!

Der Podcast ist in Gänze hörenswert. Ich habe zum Teil laut gelacht.

Lucas Schoppe schreibt ebenfalls eine höchst lesenswerte Analyse. Er pickt dabei noch den Punkt heraus, dass Hillary Clinton im Gegenzug nicht massenweise Schwarze, Hispanics usw. überzeugen konnte, wählen zu gehen.

Man muss dabei bedenken, dass es eine reine Mehrheitswahl war und die Wahlbeteiligung entsprechend niedrig (50%). Es geht also auch darum, wer überhaupt als Wählergruppe mobilisiert werden konnte.

Der eigentlich schon abgeschrieben Mann als relevante Wählergruppe… da läßt sich eine Einschätzung, die aus anderem Anlass gegeben wurde, jetzt wieder hervorkramen:

Genderama vom 12. März:

Vor einigen Jahren hatte die Grüne Renate Künast einen geschlechterpolitisch lichten Moment, den man mit dem kurzzeitigen geistigen Aufflackern von Demenzkranken vergleichen kann. Sie stellte beim Aufkommen der Piratenpartei fest: „Wir hätten mehr machen müssen, um die Wähler zu erreichen, die sich für die Piraten entschieden haben. Und das sind vor allem Männer unter 25 Jahren.“

zum Mythos „Frauen gleich behandeln“

Ein während der Wahl benutzter Kniff („Geschlechterkrieg“, „Männer gegen Frauen“, „Krieg gegen die Frauen“, „Frau = besserer Kandidat“) wird jetzt einfach weitergesponnen: Eine demokratische Wahl zu verlieren wird als Zeichen für die „gläserne Decke“ angesehen. Zum Vergleich: Jemand, der den später siegreichen männlichen Kandidaten während des Wahlkampfes versuchte anzugreifen, durfte entspannt Fernsehinterviews geben. Normalerweise wäre das ein mutmaßlicher Attentäter.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Es war viel die Rede vom „Rust Belt“, den ehemaligen Industriestaaten der USA, die die Wahl entschieden hätten.

Billy Joel: Allentown

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Dieser Beitrag wurde unter Graublau, Ich habe ja nichts gegen Männer aber abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Fundstück: Das Feindbild weißer Mann

  1. Alex schreibt:

    Bringt es auf den Punkt:

  2. Matze schreibt:

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