Franziska Schutzbach und der #SchweizerAufschrei: Bauchstalinismus und Empörungsbewirtschaftung

Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach mokiert sich in einem Blog-Artikel über die Reaktionen der Männer im Zusammenhang des #SchweizerAufschrei. Leider bleibt sie bei ihrer Analyse bzw. Kritik in einem dualistisch manichäischen Weltbild verfangen.

Die Überschrift des Blog-Artikels hat es bereits in sich

Die Überschrift des Blog-Artikels von Franziska Schutzbach, in dem sie sich mit den Reaktionen der Männer im Zusammenhang des #SchweizerAufschreis auseinandersetzt, hat es bereits in sich, er lautet nämlich:

Wie können die Tussen es wagen?

Offenbar hat eine Person (oder waren es mehrere?) die Initiatoren des #SchweizerAufschreis in den Social Media als Tussen bezeichnet, die es wagen würden, sich gegen Sexismus, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt zu wehren bzw. dies öffentlich zu thematisieren. Solche Aussagen wie „Tussen“ sind selbstverständlich zu unterlassen, aber man kann sich ebenfalls fragen, wie repräsentativ diese Aussagen für alle Kommentatoren bzw. für alle Männer sind? Vermutlich nicht sehr repräsentativ. Franziska Schutzbach baut somit m.E. bereits im Titel einen Popanz auf, der besagt: Männer beschimpfen Frauen als Tussen und wollen ihnen offenbar den Mund verbieten, wenn diese gewisse Problematiken thematisieren. Vereinfacht könnte man auch formulieren: Männer sind Unterdrücker und Frauen die armen Opfer.

Dualistisch manichäisches Weltbild und Rundumschlag

 Franziska Schutzbach schreibt:

Spätestens seit #SchweizerAufschrei wissen wir, dass FemQueerTransColorLesben bald die Macht übernehmen. Die Zeit der breitbeinigen Männlichkeit, der Polter-Eidgenossen, Welterklärer, Maskulisten, Mansplainer, Werte-Verkünder, Pussygrabscher und Bescheidwisser ist vorbei. Sie sterben bald aus.

In einem ersten Rundumschlag gegen alles Böse wird bereits am Anfang fleissig sortiert: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Wie viele Personen haben wohl in den Kommentarspalten der Online-Medien geschrieben, dass FemQueerTransColorLesben bald die Macht übernehmen würden? War das 1 Person von 100 bzw. 1 Person von 1’000 Personen? Hat Franziska Schutzbach eine repräsentativ empirische Studie durchgeführt und ausgerechnet, wie hoch der prozentuale Anteil ist? Oder könnte es vielleicht so sein, dass dies z.B. nur eine Person gesagt hat und Franziska Schutzbach wiederum einen Popanz aufbaut, quasi als rhetorische Strategie, um einen Beweis zu liefern, dass Männer quasi einem Hirngespinst nachjagen?

Und sind diese „breitbeinige Männlichkeit“, diese „Polter-Eidgenossen“, „Welterklärer“, „Maskulisten“, „Mansplainer“, „Werte-Verkünder“, „Pussygrabscher“ und „Bescheidwisser“ eine homogene Gruppe? Also alle samt und sonders böse Männer, die allen Frauen und insbesondere der Franziska Schutzbach nur böses wollen oder sonst nur böses auf der Welt tun? Könnte es ev. sein, dass hier Franziska Schutzbach schon mal zahlreiche Feindbilder aufbaut, um ihrem dualistisch manichäischen Weltbild Genüge zu tun?

Wer ist eigentlich Täter und wer ist eigentlich Opfer?

Franziska Schutzbach schreibt:

Vorhersehbar wie der Sonnenuntergang meldeten sich die ersten Stimmen, die es gemein fanden, dass sie „immer als Täter“ genannt werden. Die es doof fanden, dass Frauen sich „als Opfer inszenieren“. Wo sie, die Männer, doch die eigentlichen Opfer sind! Und wo doch die eigentlichen Täter diejenigen sind, die die Frechheit haben, sie an ihre Täterrolle zu erinnern! Ein grosser Entlastungsdrang entlud sich, es wurde geschimpft: Feminazis, Gesinnungspolizei! Und sowieso: Frauen nerven, denn die wollen offenbar tatsächlich, dass Männer ihr Verhalten reflektieren, gar ändern. Und da hört der Spass auf!

Es ist das, was immer passiert, wenn irgendwo Frauen aufmucken: Sie werden öffentlich zur Schnecke gemacht oder es wird ihnen zumindest vorgepredigt, wie sie Sexismus richtig zu verstehen haben. Wie können diese Tussen es wagen? Haben sie denn nichts gelernt? Ja, die Herren treten gern nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versichern.

Jetzt muss man die Franziska Schutzbach einmal fragen, ob sie es gerne hätte, wenn sie quasi, nur weil sie ein Mann oder eine Frau ist und somit einer dieser zwei Populationen angehört (Männer bzw. Frauen),  quasi mit einem Generalverdacht belangt würde, der heisst: „Männer sind potenzielle Vergewaltiger oder sexuelle Belästiger oder Sexisten?“ Was würde Franziska Schutzbach sagen, wenn man sagen würde: „Frauen sind potenzielle Kindsmörderinnen“? Oder „Ausländer sind potenziell kriminell“? Franziska Schutzbach würde bestimmt laut aufschreien und sagen: „das ist Rassismus, wenn man sagt, dass Ausländer potenziell kriminell sind“.  Oder was würde Franziska Schutzbach sagen, wenn die SVP (eine rechtskonservative neoliberale populistische Partei in der Schweiz) eine Aufschrei-Kampagne starten würde, bei der alle Bürger dazu eingeladen sind, ihre Erfahrungen mit Ausländerkriminalität emotionalisierend, moralisierend und skandalisierend zum Besten zu geben?  Auch hier würde sie wohl lauthals Rassismus, Populismus und Fremdenfeindlichkeit schreien. Aber wenn sich Männer beschweren, dass sie den Eindruck haben, quasi alle Männer würden als potenzielle Täter stigmatisiert und gebrandmarkt, dann ist das vermutlich für Franziska Schutzbach vollständig etwas anderes.

Weshalb spricht eigentlich Franziska Schutzbach nicht ebenfalls von männlichen Opfern und weiblichen Tätern? Vermutlich passt dies nicht in ihre feministische Agenda und wird tunlichst ausgeklammert und vermieden und würde das Bild zerstören von: hier die guten Frauen als Opfer und dort die bösen Männer als Täter.

Bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz kommt eine Studie aus dem Jahre 2013, was die potenziell belästigenden Situationen anbelangt, zum Ergebnis, dass kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen auszumachen sind. Bei sexueller Gewalt im europäischen Vergleich sind, was die Opfer betrifft,  Unterschiede zwischen Männern und Frauen kaum vorhanden:

Wir haben also bei der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz und bei sexueller Gewalt bei neusten Studien kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was die Opfer betrifft., wenn neuere Studien berücksichtigt werden. Wenn nun gewisse Männer den Eindruck bekommen, sie würden pauschal als potenzielle Täter gebrandmarkt, ist es sicherlich nachvollziehbar, wenn sie sich dagegen wehren.

Und selbstverständlich treten diese Kommentarschreiber nach Franziska Schutzbach nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versichern. Woher weiss Franziska Schutzbach, dass diese Kommentarschreiber oben sind? Oder weshalb sollten sie oben sein? Was genau heisst eigentlich oben? Kennt Franziska Schutzbach diese Kommentarschreiber persönlich? Weiss sie überhaupt irgend etwas von ihren Lebenslagen – ausser, dass sie vielleicht Männer sind, was auch nicht zu 100% sicher ist, sondern nur vermutet werden kann. Und woher weiss sie, dass sich diese Kommentarschreiber ihrer Allmacht versichern wollen? Könnte es nicht auch sein, dass sich Franziska Schutzbach hier wiederum als „armes Opfer“ inszenieren möchte, das unten wie ein Mäuschen steht (machtlos, hilflos, ausgeliefert) und ein Bild vom bösen Unterdrücker und Machtmenschen zelebriert, der selbstverständlich ein Mann ist?

Frauen werden nach Schutzbach also immer, wenn sie mit dem Mund aufmucken, zur Schnecke gemacht? Gibt es diesbezüglich empirische Untersuchungen, die genau das bestätigen, was Franziska Schutzbach hier behauptet oder ist das einfach ihr gefühlter Eindruck und/oder ev. eine rhetorische Strategie, um Frauen wiederum als allgegenwärtiges und ubiquitäres Opfer zu inszenieren? Ist es nicht viel mehr so, dass die wichtigen Medien in der Schweiz (Radio, TV, Print, Online) sehr ausführlich und wohlwollend über den #SchweizerAufschrei informiert haben? Man könnte sogar sagen: In den wichtigen Medien ist der #SchweizerAufschrei quasi hegemonial geworden.

Bauchstalinismus und Empörungsbewirtschaftung

 

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Franziska Schutzbach schreibt:

Was den Kommentatoren offenbar entging: dass jeder ihrer Tweets erneut bewies, wie bitter nötig der Aufschrei ist, wie nötig Feminismus und letztlich auch Political Correctness sind. Denn es muss eine Art zivilisierter Selbstzensur geben, die unsere Gesellschaft zusammenhält. So zu tun, als wäre es fortschrittlich, Ideen der Gleichheit und Gerechtigkeit oder letztlich einfach des Respekts mit Füssen zu treten, ist kindisch und regressiv. Ich will ‚Tusse‘ sagen dürfen! Rabääää! Apropos Kind: Kinder dazu zu erziehen, dass sie Bitte und Danke sagen, dass sie in der Schule am Platz bleiben und Konflikte gewaltfrei lösen, ist common sense. Zu lernen, dass wir beim Essen nicht rülpsen oder Menschen nicht anspucken, wenn sie uns nicht passen, ebenso. Warum soll der Anspruch, menschliches Verhalten zu ‚steuern‘, ja ein Stück weit ‚anzuerziehen‘, bei der Sexualität oder im Geschlechterverhältnis plötzlich aufhören?

Kulturelle Gepflogenheiten und Vorstellungen sind keine Naturtatsachen, sondern verändern sich.

Das hört sich zwar alles auf den ersten Blick sehr vernünftig an, wenn wir jedoch diesen #SchweizerAufschrei, der u.a. von Franziska Schutzbach lanciert wurde, genauer betrachten und ihn mit den Augen des erst kürzlich verstorbenen Mediensoziologen Kurt Imhof prüfen, der u.a. das „Jahrbuch Qualität der Medien“ herausgegeben hat, sieht die Sache doch ganz anders aus. Im Hinblick auf die Flutung der Öffentlichkeit mit Emotionalisierung, Moralisierung und Skandalisierung, wie dies z.B. mit dem #SchweizerAufschrei geschehen ist, kommt er in einem Interview mit der Überschrift „Schluss mit dem Bauchstalinismus“ zu folgender Einschätzung:

„Keine Frage: die Indifferenz hat zugenommen. Sie hat allerdings aus meiner Sicht mehr mit der grassierenden Boulevardisierung zu tun. Human Interest, Personalisierung, Skandalisierung und Moralisierung fluten die Öffentlichkeit mit Belanglosem. Ursprünglich beruhte der Journalismus auf der Darstellung von Sachverhalten, die erst die Basis für normative Schlüsse bildet. Wenn wir nun aber die Debatten betrachten, über die alle etwas wissen, Strauss-Kahns Liebesleben, das antiquierte Balzverhalten von Brüderle mitsamt den 100 000 Tweets der #aufschrei-Kampagne oder die in ihrer heissen Phase ausgeprägt auf die Empörungsbewirtschaftung einer Einzelperson fixierte Abzockerauseinandersetzung beobachten, sehen wir hingegen eine moralisch-emotionale Überfrachtung des Öffentlichen. Diese dient nicht mehr der sanften Gewalt des besseren Arguments, sondern erzeugt möglichst viel Empörung und betreibt systematisch moralische Diskreditierung. Nun ist aber Moral keineswegs weltanschauungsfrei. Sie tut nur so und kann sich erst noch um Argumente drücken.“

Das heisst: Kurt Imhof würde vermutlich den #SchweizerAufschrei unter Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus subsumieren. Kurt Imhof sagt im Interview weiter:

Die sanfte Gewalt des besseren Arguments hat keine Chance gegen die moralgetränkte Empörung und unsere privaten Leidenschaften geraten unter die Fuchtel einer ebenso moralgetränkten Political Correctness.

(…)

Affekte und Empörungsgefühle sind die billigste Währung, die wir haben. Wenn unsere Unterschichtenmassenmedien zur öffentlichen Hinrichtung eines bekannten Grossbankers auf dem Paradeplatz aufrufen würden, dann kämen Zigtausende. Eine Einsicht des Aufklärungsliberalismus war: Öffentliche Hinrichtungen, die Human-Interest-Ereignisse der Vormoderne, sind pädagogisch nicht wertvoll. Sie befriedigen Affekte und tragen nichts zum Fortschritt von Mensch, Moral und Gesellschaft bei. Also musste dieser Zivilisationsprozess über die Bildungsinstitutionen und das öffentliche Räsonnement zunächst das ganze Volk durchdringen, damit es möglich wurde, den Rechtsstaat aufrechtzuerhalten und die Gewaltenteilung durchzuziehen. Dahinter wollen wir doch nicht zurück?

Die #SchweizerAufschreikampagne nimmt es zumindest billigend in Kauf, dass quasi eine Debatte über Sexismus, Sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung mittels Empörungsbewirtschaftung und moralischer Diskreditierung abgehandelt wird und die „sanfte Gewalt des besseren Arguments“ auf der Strecke bleibt.

Franziska Schutzbach schreibt:

Kulturelle Praxen zu überdenken und zu hinterfragen ist ein normaler, ja wichtiger Vorgang moderner demokratischer Gesellschaften.

Weshalb dies nun Franziska Schutzbach explizit in diesem Kontext aufführen muss, ist m.E. nicht nachvollziehbar. Dies dürfte vermutlich für die Mehrheit der Frauen und Männer eine Binsenwahrheit sein.

Political Correctness versus Noam Chomsky

Franziska Schutzbach schreibt:

Bei genauer Betrachtung geht es beim Political-Correctness-Argument darum, die asymmetrische Machtverteilung zu verteidigen, den Status quo zu erhalten.

Bei Franziska Schutzbach geht quasi alles immer nur um ungleiche Macht- und Ressourcenverteilung. Es kommt ihr offenbar nicht in den Sinn, dass hinter der Kritik an PC auch ganz andere Motive stecken könnten. Wenn sich beispielsweise Noam Chomsky  für die Redefreiheit eines Holocaustleugners einsetzte, dann ging es ihm ganz sicherlich nicht darum, eine asymmetrische Machtverteilung zu verteidigen, sondern, es ging ihm darum, die Meinungsäusserungsfreiheit auch und gerade in Fällen von abscheulichen Gedanken zu verteidigen. Man kann Chomskys Haltung für richtig oder falsch finden, aber der Impetus für die Meinungsäusserungsfreiheit ist in diesem Fall sicherlich anders, als Franziska Schutzbach dies verallgemeinernd insinuiert.

Franziska Schutzbach schreibt:

Und nicht zuletzt ist Political-Correctness-Bashing auch ein Ablenkungsmanöver vom eigentlichen Thema. Unterstellt wird, die Anliegen von Frauen oder anderen minorisierten Gruppen seien Demokratie-untauglich. Der Effekt dieser Unterstellung ist, dass am Ende über das ‚falsche‘, angeblich totalitäre Vorgehen der Frauen diskutiert wird, statt über das Problem ungleicher Macht- oder Ressourcenverteilung. Und so lief es auch in einigen Aufschrei-Debatten: Anstatt über die Probleme zu reden, die Frauen durch den Aufschrei benannt hatten, sollten sie sich rechtfertigen über die richtige oder falsche Form ihres Protests, über Sexismus-Definitionen oder sich gar dauer-erklären, inwieweit ihre Anliegen nicht totalitär oder Männerfeindlich seien.

Interessant ist hier, dass Franziska Schutzbach die Frauen als Minorität (numerische Minderheit) sieht, obwohl z.B. in der Schweiz gerade das Gegenteil der Fall ist: Die Population der Frauen ist numerisch eine Majorität. Aber es zeigt gut auf: Sie möchte vermutlich die Frauen unbedingt als Randgruppe inszenieren, die eben unterdrückt sind und einen Opferstatus zugewiesen bekommen sollen. Über Empörungsbewirtschaftung, moralische Diskreditierung von Personengruppen, Emotionalisierung und Skandalisierung in der Öffentlichkeit soll also nicht diskutiert werden, das würde ja vom eigentlich Problem ablenken. Das die Art und Weise, wie die Problematik in der Öffentlichkeit thematisiert wird, selbst zum Problem werden kann, kommt selbstredend nicht auf den Radar, bzw. ist selbstverständlich nur eine Nebensache und tut nichts zur Sache: Kollateralschäden (der Zweck heiligt die Mittel) werden einkalkuliert und sind nicht der Rede wert.

Die ewig unterdrückte Frau

Franziska Schutzbach schreibt:

Ich habe unter #SchweizerAufschrei keinen einzigen Tweet von einer Frau gesehen, der eine rechtliche Zurückstufung oder Schlechterstellung von Männern forderte, oder diese in den Gulag stecken wollte. Aber ich habe gesehen, wie Männer, anstatt zuzuhören, alles, was Frauen vorbrachten, als Gezeter abzutun. Ich habe gesehen, wie sie Frauen den Mund verbieten wollten.

Wenn Männer quasi als Tätergruppe hingestellt werden, unabhängig davon, ob dies nun bewusst oder unbewusst, explizit oder implizit geschieht und Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer nicht ins Blickfeld geraten, muss sich Franziska Schutzbach nicht wundern, wenn sich Männer gegen eine kollektive Dämonisierung zur Wehr setzen, auch wenn gewisse Formen der Verteidigung selbstverständlich unangebracht sind. Wie bereits weiter oben dargelegt: Wenn Ausländer oder Flüchtlinge pauschal als Tätergruppe in der Öffentlichkeit diffamiert würden, dann wäre der Aufschrei von Franziska Schutzbach gewiss; aber bei Männern darf das selbstverständlich gemacht werden.

Franziska Schutzbach schreibt:

Man muss es offenbar immer und immer wieder sagen: Frauen, die in den Geschlechterbeziehungen ein Machtgefälle erkennen, wollen Männern nicht den Pimmel abschneiden. Und nein, Menschen, die ihre Verletzlichkeit offenbaren und mehr Schutz möchten, wollen Männern nicht die Weltherrschaft wegnehmen (wobei das ein Gedanke wert wäre).

Das dürfte für viele Männer kein Problem sein, wenn in Geschlechterbeziehungen Machtgefälle angesprochen werden, wenn die Männer jedoch den Eindruck haben, dass Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer nicht thematisiert und Männer quasi kollektiv in der Öffentlichkeit dämonisiert werden, dann ist es nachvollziehbar, wenn Männer sich hier zur Wehr setzen.

Geschlechtergerechtigkeit und wer wie viel weiss

Franziska Schutzbach schreibt:

(…) Sondern endlich dazu übergehen, sich mehr Wissen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit anzueignen und im besten Fall auch die eigenen Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten hinterfragen. Und nicht zuletzt werden sie in der Lage sein, auch mal Fragen zu stellen, anstatt die eigene Einschätzung für die einzig richtige zu halten. Fragen wie zum Beispiel: Warum sind in der Werbung, in Medien und in Filmen Frauen immer wieder Sexobjekte? Oder dümmliche Prinzessinnen? Warum sitzen in vielen Talkshows mehr Männer? Warum wird Care-Arbeit bis heute überwiegend von Frauen gestemmt? Und weshalb geht sexualisierte Gewalt fast ausschliesslich von Männern aus?

Gentlemen, es gibt keine Entschuldigung, packen Sie es an.

Wie wäre es, wenn sich Franziska Schutzbach im Gegenzug ein bisschen mehr Wissen über Geschlechtergerechtigkeit aneignen würde? Beispielsweise in dem Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer endlich auch einmal von ihr thematisiert werden? Und wie wäre es, wenn Franziska Schutzbach sich einmal die Frage stellen würde, weshalb Männer 1,5 mal häufiger als Frauen Opfer von schweren Gewalttaten werden (Mord, Totschlag, Raub, schwere Körperverletzung); Männer fast 3mal häufiger Selbstmord begehen als Frauen, Männer immer noch 5 Jahre früher sterben als Frauen, Männer viel häufiger obdachlos sind als Frauen usw., usf., etc.!

Fazit

Das Narrativ, das uns Franziska Schutzbach in ihrem Blog-Artikel erzählt, ist sehr einseitig und auf einem dualistischen manichäischen Weltbild aufgebaut, das insbesondere Dämonisierung und Feindbilder erzeugt; Differenzierungen und Grautöne sind kaum vorhanden. Es lautet vereinfacht wie folgt:

  • Männer beschimpfen Frauen und werten diese ab;
  • Männer sind Unterdrücker und sonnen sich in ihrer Allmacht;
  • Männer wollen den Frauen den Mund verbieten und sie unterdrücken;
  • Frauen sind nur Opfer und keine Täterinnen.
  • Männer sind nur Täter und keine Opfer.
  • Frauen sind machtlos und eine Minorität. Männer sind die Majorität und haben Macht.

Quellen:

„Wie können die Tussen es wagen“

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz

Sexuelle Gewalt: Neue Studien belegen geringe Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Opfern

Schluss mit dem Bauchstalinismus!

 

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14 Kommentare zu „Franziska Schutzbach und der #SchweizerAufschrei: Bauchstalinismus und Empörungsbewirtschaftung“

  1. Es gibt für mich bei feministischen Artikeln ein paar, immer wiederkehrende Fragen:

    „Wenn Feminismus nichts gegen Männer hat, warum sagt er ihnen seit Jahrzehnten, daß diese sich ändern müßten?“

    „Wenn Feminismus eine Bewegung ist, die Frauen zu Autonomie und Selbstbestimmung verhelfen will, warum wird dafür die Hilfe anderer Personen gebraucht? Ist es nicht absurd, daß ich selbstbestimmter werde, wenn sich jemand anderes ändert?“

    Und bisher habe darauf noch keine informative Antwort gehört.

    1. Wenn Du ein, zwei konkretere Beispiele bringen würdest, dann wären die Fragen leichter zu beantworten. Wenn sich Männer sexistisch verhalten, dann dürfte ja klar, sein, dass sich Männer verändern müssen, und das heisst ja nicht gleichzeitig, dass dann Feministinnen etwas gegen Männer im allgemeinen haben, sondern nur, wenn sie sich sexistisch verhalten.

      Deshalb: bring doch mal ein konkretes Beispiel.

      1. Mit dieser Nachfrage hab ich jetzt nicht gerechnet. Denn ich muß ja eigentlich nur nehmen, was du selbst zitiert hast:

        „Sondern endlich dazu übergehen, sich mehr Wissen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit anzueignen und im besten Fall auch die eigenen Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten hinterfragen. Und nicht zuletzt werden sie in der Lage sein, auch mal Fragen zu stellen, anstatt die eigene Einschätzung für die einzig richtige zu halten.“

        Männer sollten x tun, sich ändern …

        „Gentlemen, es gibt keine Entschuldigung, packen Sie es an.“

        Und es sollte zum Mannsein gehören, das zu tun.

        Mir ist nicht klar, welcher Fortschritt durch diese Beispiele erreicht wird. Was war denn an meinen Fragen so undurchsichtig?

  2. Wenn Männer Frauen sexuell belästigen, dann ist ja eine Reflexion des Verhaltens nötig, damit sich das in Zukunft ändert.
    Das Gleiche gilt für:
    – Sexismus von Männern gegenüber Frauen;
    – wenn Männer Frauen quasi nur als Sexobjekt sehen und diese in Film, Werbung etc. so darstellen;
    – wenn Männer keine Frauen zu Talkshows einladen.

    Ja, ist eigentlich nicht falsch: Geht ja um Bewusstmachung und Reflexion, die dann eben zu Verhaltensänderungen bei Männern gegenüber Frauen führen sollen.

    Ich sehe die Problematik eher auf einer anderen Ebene:

    Viele Frauen haben es gerne, wenn sie als Sexobjekt wahrgenommen werden. Weshalb soll man also Werbung verbieten, wenn es Frauen gibt, sie sich gerne so darstellen und die auch gerne so wahrgenommen werden möchten. Hier will der Feminismus quasi alles verbieten und das finde ich eben übel oder die eigentliche Problematik beim Feminismus.

    Also sehe Deine Problematik noch nicht soooo genau! 🙂

    1. „Also sehe Deine Problematik noch nicht soooo genau!“

      Das liegt daran, weil du meine Prämissen nicht ernst nimmst.

      Erste Prämisse: „Wenn Feminismus nichts gegen Männer hat,“
      Zweite Prämisse: „Wenn Feminismus eine Bewegung ist, die Frauen zu Autonomie und Selbstbestimmung verhelfen will,“

      Wenn in der feministischen Praxis verlangt wird, daß Männer Frauen nicht ungebeten betatschen sollen, dann ist das kein Problem der Selbstbestimmung.

      Die Pointe meiner Fragen liegt also mehr darin, daß merkt, diese Fragen nicht vernünftig beantworten zu können und daraus schließt, daß Feminismus etwas anderes will als er vorgibt, zu wollen.

      1. Gut, ich vermute, wir definieren Selbstbestimmung unterschiedlich! Du müssest also zuerst das Wort Selbstbestimmung genau definieren. Aber gut, das sind ein bisschen Spitzfindigkeiten. 🙂

      2. Na ja … Selbstbestimmung heißt im Grunde soviel wie personale Autonomie.

        Aber ich werde da was in meinem übernächsten post darüber schreiben, das hilft dann bestimmt weiter.

    2. Wenn sich Männer sexistisch verhalten, dann dürfte ja klar, sein, dass sich Männer verändern müssen, und das heisst ja nicht gleichzeitig, dass dann Feministinnen etwas gegen Männer im allgemeinen haben, sondern nur, wenn sie sich sexistisch verhalten.

      Warum sollte das klar sein?

      wenn Männer Frauen quasi nur als Sexobjekt sehen und diese in Film, Werbung etc. so darstellen;

      Meine Sexualität funktioniert so, warum sollte ich das ändern? Vorgeburtliches Testosteron bereitet mein Gehirn darauf vor, gut mit Objektifizierung zu können und eine Frau als Sexobjekt zu sehen, führt zu Testosteronausschüttungen und macht mich geil und glücklich. Warum sollte ich daran etwas ändern? Das ist meine Natur. Sollen die sich ändern, wenn sie denn meinen.

      Man kommt übrigens auf dem Weg des integralen Antisexismus zum selben Schluss: Warum sollte das eine Geschlecht aus Gründen der eigenen Sexualität vom anderen Geschlecht verlangen können, dass dieses seine Sexualität ändern möge? Mit derselben Berechtigung wie Frauen von Männern die Änderung ihrer Sexualität verlangen, können Männer von Frauen die Änderung derer Sexualität verlangen. Warum sind die eigentlich nicht immerzu willig? Das ist doch Sexismus!

      Und wenn man sich beide Perspektiven mal vernünftig angesehen hat, erkennt man: es geht nur um Macht. Wer kann seine Interessen durchsetzen? Warum also „sollte das klar sein“?

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