Fundstück: „Passt einfach“ von Marvin Clifford

In einem Kommentar bei bei Alles Evolution erwähnte only_me folgenden Comic:

Passt einfach“ von Marvin Clifford bei Schisslaweng

Dieser Comic illustriert auf hervorragende Weise das „netter Kerl“-Syndrom („nice guy syndrom„). Ich vermute, dass ein ähnlicher Comic mit vertauschten Rollen, bei dem der nicht vergebene Mann keinerlei Aufmerksamkeit bei der Frau erregt, als „typisch weibliche Hypergamie“ gewertet würde. Als unerwarteter Bonus ist hier sogar Fettlogik enthalten.

Korrigierend seien zwei thematisch passende Kommentare von david erwähnt, ursprünglich bei Alles Evolution erschienen (welches auch mit „diesem Blog“ gemeint ist):

Hier braucht es mal ein bisschen Kitsch, der nicht ins Weltbild passt:

Viele attraktive Frauen sind übrigens mit erstaunlich sympathischen, netten, gar nicht so schwer erfolgreichen Typen zusammen. Was daran liegt dass normale Männer sowieso besser sind als ihr Ruf.

…und Frauen auch längst nicht (alle) so hypergam wie ihr Ruf auf diesem Blog

Übrigens haben sich die Geschichten von Martin Clifford seit einiger Zeit stark verändert. Er erlebt jetzt ganz neue Abenteuer und ist sogar mal romantisch. Na, da hat jemand noch rechtzeitig den Absprung von der Bitterkeit geschafft.

Die Schisslaweng-Comics, die mir vorher am häufigsten über den Weg gelaufen sind, sind übrigens „Was Frauen wollen“ und „Antwort auf alles„. Finde ich beide eher so „naja“.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ich würde statt „nice guy“ lieber auf „wild boy“ setzen… Energie, Aktivität – mir hat das im Leben immer mehr geholfen als frustriert herumzusitzen oder mich zu fragen, warum die Welt so ungerecht ist.

Duran Duran: Wild Boys

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Das LBG NRW als Blaupause für die Bundesliga

Es folgt ein Gastbeitrag von Joghurt. Aus der E-Mail, mit dem dieser eingereicht wurde:

[A]ls Anlage übersende ich einen satirischen Beitrag zur Frauenförderung in NRW. Was wäre wohl, wenn man das Konzept der „im Wesentlichen gleichen Leistung“ auf die Bundesliga übertrüge?

Hintergrund ist die gesetzliche Regelung im Beamtenbereich, wonach eine Frau befördert wird, wenn sie „im Wesentlichen“ die gleiche Leistung wie ein Mann erbracht hat. Im Bereich der Finanzverwaltung bedeutet dies, dass eine Frau mit 41 Punkten (Sehr gut, unterer Bereich, untere Ausschärfung) dem Mann mit 44 Punkten (Sehr gut, oberer Bereich, obere Ausschärfung) befördert wird, da beide das Gesamturteil „Sehr gut“ haben. Das gilt natürlich nur dann, wenn in der darüber liegenden Beförderungsstufe Frauen unterrepräsentiert (neudeutsch für benachteiligt) sind. Infolgedesssen werden in den besonders betroffenen Bereichen aufgrund der anhängigen Klagen weder Frauen noch Männer befördert. Da erhält der Begriff der Kostenneutralität eine ganz neue Bedeutung.

Das hat verständlicherweise zu viel Unmut geführt. Was wäre also näherliegend als dieses Konzept auch für den Bereich der Sparkassen einzuführen?
Der Beitrag nimmt einige Argumente der Teilnehmer dieses Schauspiels zur Hand, überspitzt sie und zeigt mit auf dem Weg liegenden Ingredienzen den begrenzten Gerechtigkeitsanspruch mancher Landesminister in NRW auf.

Sollte die Regelung aus NRW Bestand haben, wird es vermutlich nicht das einzige Bundesland mit einer solchen Regelung bleiben…. Es bleibt spannend.

Das Magazin „Eleven Blue Pill*ix“ (EBP*ix) stellt die neue Fördermaßnahme für eine spannendere Bundesliga vor: Positive Bayern-Diskriminierung

Mit einer während der laufenden Saison eingeführten Neuregelung hat der Verband „Dufte Frauen am Ball“ (DFB) einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit in der Bundesliga erbracht. In einer Gesprächsrunde hatten wir Gelegenheit mit zahlreichen Verantwortlichen des DFB, Interessensvertretern und Betroffenen dieses grandiosen Umbruchs zu sprechen und sind nun von der Sinnhaftigkeit dieser innovativen Jurisprudenz Förderung überzeugt. Ypsilanti Ehrenwort!

Die sperrige Regelung des § 19 Absatz 6 LBG (Let Bayern Growl) im Wortlaut: „Solange in der Tabelle über der Mannschaft des Fußball-Club Bayern München e.V. weniger als 50% der Mannschaften der Liga stehen, verliert diese ein Spiel, wenn sie im Wesentlichen die gleiche Leistung erbracht hat, wie die gegnerische Mannschaft.“ Damit ist der FC Bayern München bis zum Erreichen des 10. Tabellenplatzes von der Neuregelung betroffen.
Die Fördermaßnahme wird anhand folgender Beispiele deutlich:

Ergebnis Sieger
Bayern München Borussia Dortmund 5:4 Bayern München
Bayern München Borussia Dortmund 4:4 Borussia Dortmund
Bayern München Borussia Dortmund 4:3 Borussia Dortmund
Bayern München Borussia Dortmund 4:2 Borussia Dortmund
Bayern München Borussia Dortmund 4:1 Borussia Dortmund
Bayern München Borussia Dortmund 4:0 Bayern München
Bayern München Borussia Dortmund 1:1 Borussia Dortmund
Bayern München Borussia Dortmund 1:0 Bayern München

EBP*ix: „Frau Kracht, wie sind Sie auf die Notwendigkeit der Fördermaßnahme gekommen?“

Hannas-Lore Kracht, DFB-Präsidentin: „Die Regelung war notwendig, weil man anhand der Tabellenplatzierungen des FC Bayern München der letzten Jahre ganz klar erkennen kann, dass die übrigen 17 Mannschaften benachteiligt werden. Das wollen wir ändern. Das von Professor Papyrus entwickelte Problemlösungskonzept haben wir mit maximalem Wirkungsgrad und minimaler Ausgewogenheit ungeachtet vorgetragener, berechtigter Einwände in eine moderne, nicht neutral formulierte und daher recht einseitige Regelung gegossen. Wir haben uns auch nicht von Gerechtigkeitserwägungen ablenken lassen.“

EBP*ix: „Wird das nicht zu Klagen vor den Sportgerichten führen?“

Juri Hatschy, Leiter der Sportgerichtsbarkeit des DFB: „Oh, das hat es schon. Vor unseren eigenen Sportgerichten haben wir zwar schon fünf Verfahren verloren, aber die zählen ja nicht. Hähä. Was wissen die schon! Wie Ralle, Jäger der verlorenen Kölner Schätze, schon gesagt hat: Notfalls gehen wir bis zum Europäischen Sportsgerichtshof. Da stehen die Chancen dann wieder 50:50. Das ist unser Verständnis von Chancengleichheit.“

Manni Lehnsmann von der „Deutsche Spieler(in) the Gewerkschaft“ (DStG) wirft ein: „Wir haben kein Verständnis für eine solche Regelung. Es ist kein schöner Umgang mit den Spielern aller Mannschaften.“

Arne Hopeman, Fanclub FC Bayern München (schwingt rote Fahne und singt): „FC Bayern, Stern des Südens…“

EBP*ix: „Ruhig, Brauner! Übrigens, warum gilt ein 5:4 als eine wesentlich bessere Leistung und ein 4:1 nicht?“

Ma Lheurmann, Leiterin der Nachwuchsabteilung: „Fünf Tore sind schon eine ganz andere Leistungsstufe. Das ist wesentlich besser. (Au weia, jetzt kommen die Logikfragen… Oh, Logik als neues Schulfach… Ach, nee!)“

Arne Hopeman, Fanclub FC Bayern München: „Wäre es nicht folgerichtig, die Regelung so auszugestalten, dass der FCB auch in den Genuss der Regelung kommt, wenn er z.B. in der unteren Tabellenhälfte stünde?“

Ma Lheurmann, Leiterin der Nachwuchsabteilung: „Nein, die Bayern sind sowieso privilegiert. Es ist doch politisch korrekt, nur die übrigen Mannschaften zu fördern, auch wenn die Bayern dabei unmittelbar benachteiligt werden. Das ist Non… äh Konsens. Hier in Düsseldorf würden wir sowieso niemals zu den Bayern gehen.“

EBP*ix: „Herr Btng [*anonymer Bayern-Spieler, die Redaktion], wie empfinden Sie das als Bayern-Spieler?“

Herr Btng, anonymer Bayern-Spieler: „Ich freue mich aufgrund meiner Herkunft benachteiligt zu werden. Das entspricht meinem Gerechtigkeitsempfinden, zumal ich als Kind aufgrund meiner Hautfarbe und der großzügigen finanziellen Ausstattung meiner alleinerziehenden Mutter stets bevorteilt war. Nein, ich musste mich nicht anstrengen. Ist mir aufgrund des Bayern-Privilegs alles einfach so zugefallen. Übrigens, ich habe ein Alternativangebot für eine heimatnahe Liga. Herr Bauland [*Headhunter, die Redaktion] hat mir sogar sein Nachbargrundstück mit Alligatoren als Willkommensgeschenk angeboten. Voll nett der Kerl!“

Diana Wehdemei, Teamchefin im BVB Fanclub: „Ich bin von der Neuregelung enttäuscht. Als Spieler möchte ich doch Meister werden, weil ich guten Fußball spiele und nicht, weil ich dem richtigen Verein angehöre. Um ins Spiel zu kommen, brauchen wir bessere Schiedsrichterleistungen. Kommen die Spieler des BVB beispielsweise nach einer Spielunterbrechung ins Spiel, werden sie erst einmal weg gegrätscht.“

Ba Stiff Hen, Leiterin der Abteilung MGEPA (Meine grüne einseitige Privilegierung Anderer): „Da sehen sie mal zu welch rüden Fouls die Bayern-Spieler neigen. Deswegen fördern wir auch sogenannte Verletztenhäuser, also die für Nicht-Münchner.“

Arne Hopeman, Fanclub FC Bayern München: „Wenn es um Verletzte geht, wäre es nicht sinnvoll, ein Haus für alle Verletzten zu gründen? Immerhin kann man dann 100% der Betroffenen helfen.“

Ba Stiff Hen, Leiterin MGEPA (entsetzt): „Was für eine Philosophie ist das denn?“

Arne Hopeman, Fanclub FC Bayern München: „Die Einzige, die funktioniert.“

EBP*ix: „Wir schweifen ab. Kommen wir zurück zu unserer Neuregelung.“

Ralf Spitzel vom „Fairband dés Parlez“ (FdP): „Wir halten übrigens eine solche Förderung, die an die Herkunft der Mannschaften anknüpft, mit dem Grundregelwerk für nicht vereinbar. Deswegen mache ich das in meinen kritischen Interviewanfragen Nr.12699 und Nr.12824 an den DFB zum Thema und frage unter anderem nach, welche Auswirkung die Neuregelung auf die sportliche Leistungsbereitschaft aller Spieler hat.“

Dr. Walter Bore-ya-Hans, Leiter des Financial Management (FM) des DFB (hat vor Inkrafttreten der Neuregelung noch den Ruhepause-Beschluss aufgehoben, um rund ein Drittel der Spieltage vorzuverlegen): „Die Neuregelung trifft grundsätzlich auf Akzeptanz bei allen Mannschaften, auch wenn einzelne Bayern-Spieler die Regelung kritisch sehen. Nebenbei haben beim Vorziehen der Spieltage die übrigen Mannschaften im Mittel häufiger gewonnen als die Bayern. (Das spricht zwar dafür, dass die Neuregelung gar nicht notwendig war, aber da müssen Sie erst einmal selbst draufkommen, Sie 5cm-Hürdenstolperer.)“

EBP*ix: „Laut Berichten der Zeitung für rote Pillen -die RP- wollen Sie die Förderung nun auch auf andere Ligen ausweiten. Konkret schreibt die Zeitung: “Der DFB … [aus leistungsschutzrechtlichen Gründen nur als Snippet angezeigt, die Redaktion]“. Ist das korrekt?“

Hannas-Lore Kracht, DFB-Präsidentin: „Ja, wir wollen Fakten schaffen! Wir sind von unserer fortschrittlichen Neuregelung, ausdrücklich nicht die Besten fördern zu wollen, überzeugt. Sollte sich unsere Regel nach Jahren (mal wieder) als Verletzung der Grundregel des fairen, sportlichen Verhaltens erwiesen haben, bin ich bis dahin als Präsidentin des DFB sowieso schon wiedergewählt. (Hihi).

Und dann sorgen wir auch endlich für gleiche Spielergehälter: Die Bayern-Spieler erhalten ja über 20% mehr als die übrigen Spieler, bei gleicher Spieldauer wohlgemerkt! Der EPD [*englische Abkürzung für: „Tag bis zu dem ich meine persönlichen Wahlentscheidungen bereue“, die Redaktion] fiel diesmal auf den 7. Spieltag!!!“

EBP*ix: „Da gerinnt mir ja das Blut in den Adern. Letzte Frage: Was ist Humanismus?“

H.-L. Kracht, DFB-Präsidentin: „Das ist eine im Widerspruch zum Sozialismus stehende Weltanschauung.“

Moderat*ix unserer Gesprächsrunde war Joghurt Österreich, Brandenburger Tor Logo GmbH. Bitte verwenden Sie in Mails folgende Anreden: an sonnigen Werktagen „Herr“, am Wochenende „Frau“, bei guter Verbindung „W Lan“, an den übrigen Tagen „Meister Joga“

LSR Content Manager : G. Lobbyinger, Analogistan

Die Redefreiheit wurde durch die Freespeech-in-my-Bubble Zensur e.V. (Vorsitzende St. Asi) gewährleistet.

Fundstücke: Adrian, Tristan Rosenkranz und Lucas Schoppe zu „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ von Arne Hoffmann

Christian Schmidt hat bei „Alles Evolution“ Artikel zu verschiedenen Büchern veröffentlicht, in denen er Leser fragt, wie diese ihnen gefallen haben. Ich halte es für sinnvoll, einige der Besprechungen separat zu veröffentlichen, weil man sie dadurch leichter wiederfindet und auch direkt auf sie verweisen kann. Besprechung von einführender Literatur in ein Thema – übrigens ausdrücklich auch solche der „Gegenseite“ – hat ohnehin mehr Platz in den Blogs verdient.

Nachdem es letzte Woche um „Männerbeben“ ging, ist diesmal „Plädoyer für eine linke Männerpolitik, ebenfalls von Arne Hoffmann.

Adrian (Schwulemiker):
Männer, jetzt geht’s los!

Tristan Rosenkranz (Gleichmaß e.V.)

Ich hab das Buch auch gelesen und verbleibe mit wenigen Worten bei einer absoluten Empfehlung: faktensatt, extrem gut und weitläufig recherchiert, unaufgeregt und gerechtfertigterweise als Standardwerk zu bezeichnen. Wer meint, schon hinreichend über die Felder männlicher Benachteiligung zu wissen, wird mit diesem Buch noch zahlreiche Fakten dazu gewinnen.

Lucas Schoppe (man tau):

Auch ich hab das Buch gelesen, und auch ich finde, dass es ein Standardwerk von Geschlechterdiskussionen ist. Wer es nicht kennt, und wer sich damit nicht ernsthaft auseinandergesetzt hat, kann nicht für sich beanspruchen, auf dem Stand der Diskussion zu sein. (Das gilt also vermutlich für den größten Teil feministischer Gender-Anbieter.)

Das liegt einerseits an dem hier schon mehrfach erwähnten unendlichen Faktenreichtum. Anstatt (im Stile des Twitter-Feminismus à la Wizorek) einfach zu behaupten und um das eigene Selbstgefühl zu kreisen oder (im Stile des hermetisch-akademischen Feminismus à la Butler) abstrakt und losgelöst zu formulieren, belegt Arne alles, was er schreibt, vielfach – und dies mit einer weltweiten Perspektive. Gerade auch dieser ungeheure Faktenreichtum hat es mir übrigens sehr schwer gemacht, eine einzelne Rezension darüber zu schreiben.

Übrigens wäre das m.E. ein sehr sinnvolles Projekt, um das Buch zu unterstützen. Ein so extrem belegreicher Text braucht eigentlich dringend ein Register, um die Orientierung darin zu erleichtern und die Fakten auch leicht zugänglich und auffindbar zu machen. Vielleicht könnte man das auch in einer gemeinsamen Arbeit erstellen – wenn sich verschiedene Akteure jeweils ein Kapitel vornehmen. Ich würde jedenfalls gern auch in Vorleistung treten und für ein Kapitel schon einmal anfangen.

Das Buch hat noch einen zweiten Aspekt, der wichtig ist: nämlich einen tief traurigen. Arne tritt für einen integralen Antisexismus ein – eine geschlechterübergreifende Politik, die sich gegen Diskriminierungen von Frauen UND Männern richtet. Die Linke aber, die Bündnispartner für eine solche humane – und eben nicht nur: feministische – Geschlechterpolitik sein könnte, gibt es nicht mehr. Oder: Sie wird zumindest institutionell nicht mehr vertreten. Eigentlich hätten sich Politiker der Grünen, der Linken oder der Sozialdemokraten begeistert oder zumindest interessiert auf dieses Buch stürzen müssen, um damit die Diskussionen in ihren Parteien auf eine andere Grundlage zu stellen.

Stattdessen gibt es dort nur – wie ja gerade die Verleumdungen des Bundesforum Männer-Vorsitzenden Rosowski gegen den Gender-Kongress wieder zeigen – desinformierende Abwehrhaltungen.

Überhaupt hatte Leszek damals, als das Buch erschien, meiner eben formulierten Einschätzung dazu mit sehr guten Gründen widersprochen. Auch wenn die Bündnispartner in den Parteien fehlten, hätte die Formulierung einer linken Männerpolitik für die männerpolitischen Diskussionen selbst eine sehr wichtige Bedeutung gehabt. (…)

So oder so: Wer geschlechterpolitisch auf dem Stand der Diskussion sein will, kommt um das Buch wirklich nicht herum.

Lucas Schoppes ursprüngliche Rezension:
Warum Linke die Männerrechtler brauchen (aber Männerrechtler die Linken nicht)

Leszeks Erwiderung:
Über den Sinn linker Männerpolitik

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ich finde dieses Lied sehr passend zum Buch, weil es sehr ernst klingt, aber auch einen hoffnungsvollen Unterton hat. Außerdem geht es um Unterstützung in schlechten Zeiten.

The Pretenders: I’ll Stand By You

Fundstück: Spaß mit Männerhass – Folge 15

Bei Stadtmensch-Chronicles wird schön herausgestellt, warum sich der unten beschriebene Test lohnt:

Würde man nämlich derartige Schuldzuweisungen, wie sie von Frauen an Männer gemacht werden, auf andere Peergroups übertragen – etwa Schwarze vs. Weiße, Arier vs. Juden (letzter Vergleich nur aus dramaturgischen Gründen) – dann würde einem die Monstrosität der Vorwürfe geradezu entgegen springen. (…) Würde z.B. ein Politiker Sätze in die Welt streuen wie »Juden sind halbe Wesen« oder »Alle Schwarze sind potenzielle Vergewaltiger«, dann würde es sein sofortiges Karriereende bedeuten und zwar völlig unabhängig vom »Wahrheitsgehalt« oder von nachgeschobenen Entschuldigungen wie etwa »aus dem Zusammenhang gerissen«. Frauen dürfen das anscheinend, insbesondere die feministischen in Funk und Fernsehen.

Ich muss fast immer, wenn ich solche Ungeheuerlichkeiten lesen, laut loslachen. Dass jemand ernsthaft in der Öffentlichkeit solche Aussagen über Ausländer, Schwarze oder Juden tätigt, ist so jenseits von Gut und Böse, dass mich allein Vorstellung daran zum Lachen bringt, weil es einfach zu absurd klingt. Und genau über diese Schiene kann sich die Debatte einschleichen. Wie ich in einem Kommentar unter den letzten Beitrag der Serie schrieb:

Zu erkennen, dass einem derselbe Grütz mit nur ein paar ausgetauschten Wörtern unter verschiedenen Etiketten präsentiert ist, ist schon einmal ein wichtiger Schritt.

Dann noch darauf zu kommen, dass das ja in keinem Fall angemessen ist, ist mein frommer Wunsch an andere. Das wird bestimmt nicht immer klappen (und ich bin mir sicher, da ebenfalls irgendwelche Scheuklappen zu haben), aber wenn ich da nur einen einzigen Menschen zum Nachdenken bringe, hat es sich gelohnt.

Zur Erinnerung: die Spielregeln

Nur ein kleiner Test:

Was kommt dabei heraus, wenn ich in einem Text „Männer“ wahlweise durch „Ausländer“, „Schwarze“ oder „Juden“ ersetze?

Fundstücke mit Quellangabe einfach in die Kommentare schreiben!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? „I can’t believe the news today“ – das ist genau meine Reaktion, wenn ich den Test durchführe.

U2: Sunday Bloody Sunday (live)

Fundstück: Nach Verhältnis mit minderjährigem Schüler: Lehrerin sieht sich als Opfer

Es gibt bestimmte Geschichten, die man immer wieder erzählen kann. Leider meine ich dabei nicht Popkultur à la „TV Tropes“, sondern tatsächliche Ereignisse.

Ich hatte schon einmal überlegt, eine Sammlung anzulegen für das Experiment „Mann schlägt Frau in der Öffentlichkeit vs. Frau schlägt Mann in der Öffentlichkeit“ mit den üblichen Ausgängen „sofort greifen Leute ein vs. niemand tut etwas, sogar Zustimmung oder Beifall“. Die Serie „Spaß mit Männerhass“ beruht auf den überraschenden Ergebnissen von „Was kommt dabei heraus, wenn ich in einem Text „Männer“ wahlweise durch „Ausländer“, „Schwarze“ oder „Juden“ ersetze?“.

Und die dritte Erzählung, die mich immer wieder fassungslos macht und um die es heute gehen soll, lautet „möglichst junge, hübsche Lehrerin hat Sex mit minderjährigem Schüler – das kann doch nicht schlecht sein, die ist doch keine Täterin“.

Lucas Schoppe hatte bereits einmal in einem Monatsrückblick unter der Überschrift „Was hast Du für ein Problem? Sexuelle Gewalt durch Frauen“ einige Beispiele versammelt.

Den neuesten Fall sah ich heute auf Yahoo, was mich über USA Today schließlich zum The Des Moines Register brachte, welches wiederum auf einer Ausgabe der Sendung „The Dr Phil Show“ basierte namens „A Teacher’s Sexual Relationship with a Student“. (Ja, für überall dasselbe Thema braucht man weder eine Theorie über Lügenpresse noch gleichgeschaltete Medien; es reicht, wenn ganz trivial alle voneinander abschreiben.)

Die Geschichte ist in ihren Einzelheiten so bizarr, dass ich Schwierigkeiten habe, ihr zu glauben. Schauerlich ist sie für mich aber gerade nicht wegen ihres Wahrheitsgehaltes, sondern ob der Tatsache, dass in der Berichterstattung die Überschrift die Perspektive der mutmaßlichen Täterin schildert: „Ich bin das Opfer.“ Selbst wenn der Artikel diese Richtung nicht beibehält, reiht sich der Titel ein ins Narrativ „Was ist passiert? Egal, denn Frau = Opfer – alles klar!“.

Die behaupteten Punkte:

  1. 23-jährige Lehrerin beginnt Verhältnis mit 17-jährigem Schüler
    (in Iowa ist das auch mit volljährigen Schülern nicht erlaubt).
  2. Es gibt täglich Sex, auch an öffentlich zugänglichen Orten, sie schickt ihm Nacktfotos – und denkt, das Verhältnis geheimhalten zu können.
  3. Als es herauskommt, wird sie eigentlich für den Schuldienst gesperrt – darf aber aufgrund eines Fehlers bis zum Ende des Schuljahres weiter unterrichten.
  4. Sie sieht sich als Opfer des Schülers, beschuldigt ihn, sie verführt zu haben, er sei intelligent und gut im Umgang mit Worten.
  5. Jetzt arbeitet sie als Stripperin.

Wenigstens präsentieren die Berichte die Ex-Lehrerin nicht als „arme“ oder „heiße“ Frau, sondern als dumm wie Brot („Nackfotos an einen Teenager geschickt – wer konnte schon damit rechnen, dass er sie Freunden zeigt?“) und reichlich unempathisch, völlig auf sich selbst fixiert. Andererseits wird kein Gedanke daran verschwendet, dass der Frau – volljährig und mit besonderer Verantwortung einem Schüler gegenüber – hier einseitig eine Plattform geboten wird, ihre Version der Geschichte zu erzählen.

Ich wage es zu bezweifeln, dass die gesamte Affäre für den Schüler als besonders tolle Erfahrung seiner Jugend in Erinnerung bleiben wird. Dazu kommt der Vorwurf, er sei der Täter. Außerdem wird es selbst ein charakterlich gefestigter Erwachsener in der Regel nicht gutheißen, wenn durch jemand anderen sein Intimleben in der Öffentlichkeit ausgewalzt wird.

Dass ein ähnlicher Fall zwischen einem Lehrer und einer minderjährigen Schülerin so durch die Medien gereicht wird, kann ich mir nicht vorstellen. Das schließt allerdings nicht aus, dass etwa im Dorfgespräch die Schuldfrage anders entschieden wird. In der Schilderung von Erzählmirnix über Rahmenbedingungen kommt das sehr gut heraus.

Es sei zudem noch ein Abschnitt aus dem erwähnten Text von Lucas Schoppe zitiert, der eine bemerkenswerte Beobachtung enthält:

Allerdings geht die Verharmlosung solcher Taten keineswegs allein auf das Konto feministischer Interpretinnen.

Als vor wenigen Monaten einmal bei Alles Evolution über eine sexuelle Beziehung zweier Lehrerinnen mit einem Schüler diskutiert wurde, interpretierten einige Männer das als eine durchaus willkommene sexuelle Initiation – während unter anderem eine feministische Kommentatorin, „marenleinchen“, darauf bestand, dass das Verhalten der Lehrerinnen sehr problematisch sei. Auch hier geraten gewohnte Frontverläufe also in Unordnung.

Danke dafür, marenleinchen, und danke fürs darüber Berichten, Lucas Schoppe!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die Kombination „Lehrer/Schülerin“ kam schon in diesem Klassiker vor.

The Police: Don’t Stand So Close To Me

Vom dummen, männlichen Wähler

Es folgt ein Gastartikel von Lion.

Nach Wahlen werden gerne Statistiken und Erkenntnisse der Wahlforscher veröffentlicht. Schon seit langen Jahren ist es üblich, danach zu schauen, in welchen Wahlkreisen die Parteien die meisten Stimmen einheimsten und welche Wählerwanderungen es zwischen den Parteien gab. Neuerdings wird jedoch auch größerer Wert darauf gelegt, die Wählerschaft anhand persönlicher/demographischer Kriterien zu zerlegen, nach der Fragestellung: „Wer wählt eigentlich Partei XYZ?“.

Vordergründig geht es dabei um das Informationsbedürfnis innerhalb der Gesellschaft, das damit befriedigt werden soll. Man sollte aber nicht vernachlässigen, wozu solche Veröffentlichungen außerdem genutzt werden können.

Neben einer rein quantitativen Wertung einer Wahl („Welche Partei erhielt wieviel Stimmen?“) wird durch die neue Betrachtungsweise unterschwellig eine qualitative Betrachtung ins Spiel gebracht – was dem Gleichheitsgrundsatz „eine Person – eine gleichwertige Stimme“ (egal, welches Geschlecht, welcher ethnischen Herkunft, welche Religionszugehörigkeit, welcher Intelligenzgrad, welcher Schulabschluss, welcher Beruf usw.) widerspricht. Statt es nach diesem demokratischen Grundsatz hinzunehmen, dass es jedem Wähler und jeder Wählerin selbst überlassen bleibt, die Entscheidung zur Stimmvergabe nach eigenem Gutdünken vorzunehmen, wird die Wählerschaft der gewollten Anonymität entrissen und anhand der Kriterien sortiert.

Dieses kann niemals wertfrei geschehen. Eine höhere Intelligenz/ein höherer Schulabschluss wird beispielsweise immer als „besser“ gesehen werden, als eine niedrigere Intelligenz oder ein geringerer Schulabschluss. „Jung“ gilt immer noch als erstrebenswerter als „alt“. Und (Leser von Blogs mit Geschlechter-Themen wissen es) „weiblich“ gilt gerne als moderner / zukunftsweisender / cleverer als „männlich“.

Überlegt man sich dann noch, dass auch Parteien (insbesondere durch die handelnden Personen der Medienbranche) ständig Wertungen erfahren, ist es nur ein kleiner Schritt zu positven/negativen Assoziationsketten und zu einer Sache, die ich „doppelte Diffamierung“ nenne. Gesetz den Fall, Partei XYZ hat in den Medien nicht gerade den besten Ruf, so schlägt man mit einer angeblich neutralen Formulierung wie „Die Partei XYZ wird vorwiegend von Männern, Arbeitslosen und weniger Gebildeten gewählt“ gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Assoziationskette XYZ-Wähler – Mann – arbeitslos – weniger gebildet diffamiert in zwei Richtungen: Gegen die Partei und gegen Angehörige der identifizierten Wählerschaft. Die unterschwelligen Aussagen sind: a) Die Partei XYZ bekommt nur Zustimmung von weniger erfolgreichen/beliebten Personen, also ist Partei XYZ auch zweifelhaft und b) Männer / Arbeitslose / weniger Gebildete wählen oft „die falsche Partei“, also kann man diese Personengruppen auch nicht für voll nehmen.

Im Sinne der Demokratie, aber auch im Sinne unterschiedlicher Personengruppen sollte man sich gegen dieses Gift der unterschwelligen Wertung verwehren. Es gilt: Eine Person – eine Stimme, egal, wie diese Person „beschaffen“ ist oder wie sie zum Entschluß gekommen ist, eine bestimmte Partei zu wählen. Weder die Wählenden noch ihre Stimme sind qualitativ zu gewichten. Wer es trotzdem tut, dem kann getrost unterstellt werden, damit eigene Ziele zu verfolgen, gerade dann, wenn es sich um Medien handelt, die sich ja ansonsten „Gleichheit in jeder Hinsicht“ auf die Fahnen geschrieben haben.

#SchweizerAufschrei: Michèle Binswanger über die antifeministischen Memmen, die gefälligst aufhören sollen zu flennen!

von Mark E. Smith

Ein „#SchweizerAufschrei“ gab in den letzten Tagen in der Schweiz viel zu reden, und es gab insbesondere auch von vielen Männern grosse Kritik an dieser Aufschrei-Kampagne. Die Journalistin Michèle Binswanger erklärt in einem meinungsbetonten Artikel den Kritikern, weshalb dieser Aufschrei sinnvoll ist. Ob ihr das gelingt …..?

In der Schweiz gab es in den letzten Tagen einen sogenannten „#SchweizerAufschrei“, der, ähnlich wie der „Hashtag Aufschrei“ in Deutschland aus dem Jahre 2013, Sexismus, sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung zum Thema hatte. Auslöser dafür war neben den Aussagen von Donald Trump (Pussygate) eine Aussage einer nationalen schweizerischen Parlamentarierin (SVP-Nationalrätin) namens Andrea Geissbühler, die sich in einem Interview mit einem Regional-Sender wie folgt äusserte:

„Naive Frauen, die fremde Männer nach dem Ausgang mit nach Hause nehmen und dann ein bisschen mitmachen, aber plötzlich dennoch nicht wollen, tragen ja auch ein wenig eine Mitschuld. Da sind die bedingten Strafen vielleicht gerechtfertigt.“

Es geht an dieser Stelle nicht darum, diese Aussage von Andrea Geissbühler zu diskutieren und zu qualifizieren, sondern aufzuzeigen, was der Auslöser für den „Hashtag SchweizerAufschrei“ war. Wie in Deutschland, mit dem „Hashtag Aufschrei“, wurde dieser in der Schweiz von vielen Medien (Print, Online, Radio, TV) aufgegriffen und somit in der Öffentlichkeit breit thematisiert.

In diesem Beitrag möchte ich mich ausschliesslich mit einem Artikel von der Journalistin und Feministin Michèle Binswanger auseinandersetzen, der am 18. Oktober 2016 auf dem Online-Portal des Tagesanzeiger erschienen ist.

Der Titel und der Vorspann des Artikels lauten dabei wie folgt:

„Hört auf zu flennen, ihr Memmen!“
„Antifeministen wollen wissen, was der #SchweizerAufschrei bringen soll. Eine gute Frage, doch die Antwort wird ihnen nicht gefallen.“

Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob es nett, höflich und konstruktiv etc. ist, wenn man die „fremdernannten“ Antifeministen bereits im Titel mit „Memmen“ tituliert, die aufhören sollen zu flennen. Michèle Binswanger weiss offenbar, dass man die „fremdernannten“ Antifeministen ohne grosse berufliche bzw. gesellschaftliche Konsequenzen beleidigen, diffamieren oder diskreditieren darf, weil solche Beschimpfungen zumindest im gesellschaftspolitischen Mitte-links-Milieu im Sinne von Antonio Gramsci hegemonial sind. Interessant ist natürlich auch die Frage, weshalb Michèle Binswanger so treffsicher wissen kann, dass die Kritiker des „#SchweizerAufschrei“ alle samt und sonders Antifeministen sind? Ich glaube kaum, dass sie die Kritiker danach gefragt hat und ebenfalls ist unwahrscheinlich, dass sich diese selbst so etikettiert haben. Aber: Warum sollte Kritik am „#SchweizerAufschrei“ gleichbedeutend mit Antifeminismus sein? Ev. sind es einfach Menschen, die Humanisten, Menschenrechtler, kritische Geister etc. sind und das kritisieren, was für sie nicht einleuchtend bzw. stimmig ist, ohne irgendwelche politische Ideologien zu präferieren. M.E. gibt es jedoch dafür zwei plausible Gründe, weshalb Michèle Binswanger die Kritiker allesamt unter die Antifeministen subsumiert: 1) Sie kann sich offenbar nicht vorstellen, dass überhaupt jemand berechtigte Kritik an diesem „#SchweizerAufschrei“ haben kann, ohne quasi ablehnend gegenüber dem Feminismus eingestellt zu sein, und/oder, 2) sie will vor allem ein Feindbild kreieren, so im Sinne von: „Die Menschen, die für Gleichberechtigung von Mann und Frau sind, haben selbstverständlich nichts gegen den Feminismus und somit auch nichts gegen den „#SchweizerAufschrei“ und wer diesen trotzdem kritisiert, ist eben ein Antifeminist, der jenseits von Gut und Böse ist“. Durch diese Reduktion in zwei Parteien (hier die Feministinnen und dort die Antifeministen) wird bereits der erste Schritt getan, um die Debatte in einen Feindbild-Modus zu lenken.

Beschimpfung der mutmasslichen Antifeministen im Kontext der Qualität der Medien

Aber ich möchte noch kurz etwas Grundsätzliches zu dieser Beschimpfung der „fremdernannten“ Antifeministen durch Michèle Binswanger sagen und zwar aus medienwissenschaftlicher Sicht und hier insbesondere, wenn es um die Qualität von Medien und Öffentlichkeit geht:

Der erst kürzlich verstorbene Mediensoziologe Kurt Imhof, der zuletzt Professor für Soziologie und Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich war und u.a. das alljährlich erscheinende „Jahrbuch Qualität der Medien“ herausgab, sagte einmal in einem Interview:

„Der Aufklärungsliberalismus hat auch aus den Erfahrungen der Religionskriege ein Bewusstsein dafür behalten, dass der unzivilisierte, affektgetriebene Mensch des Menschen Wolf ist. Deshalb setzten die Aufklärungssozietäten auf Affektkontrolle als zivilisatorisches Programm. Ihre Forderung nach ‚Ausgewogenheit’ bedeutete, dass Argumente niemals gegen Personen, sondern nur gegen Argumente antreten. Für die Affekte, das Triebhafte und ‚Naturgemässe’ des Menschen hat die Aufklärung strikt den Raum des Privaten reserviert. Im Öffentlichen gilt dagegen der Respekt vor der – begründeten – Meinung anderer. Man nimmt politische Gegner ernst. Man gibt nicht einfach ein Charakterurteil über andere ab, weil einem ihre Meinung nicht passt. Wer dies in den Aufklärungsgesellschaften tat, verstiess gegen grundsätzliche Regeln und wurde vom Diskurs ausgeschlossen. Aus gutem Grund, denn die persönliche Diskreditierung anderer ist nichts als bauchstalinistische Gegenaufklärung, die auf die schlechten Instinkte des Menschen setzt.“

Insofern wäre die Beschimpfung im Titel (Memmen, die aufhören sollen zu flennen) von Michèle Binswanger gegenüber den mutmasslichen Antifeministen alles andere als ein Zeichen von Qualitätsjournalismus, sondern „bauchstalinistische Gegenaufklärung, die auf die schlechten Instinkte des Menschen setzt“.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, weshalb Michèle Binswanger überhaupt auf diese abwertenden Wörter wie „Memmen“ und „flennen“ kommt. M.E. leitet sie dies aus den nachfolgenden Erörterungen ab – sie schreibt nämlich:

„Auch durch die sozialen Medien schwirrten sofort die antifeministischen Verteidigungsschwadronen und verkündeten ihre Weisheiten zum Thema Sexismus in der Schweiz. Der #SchweizerAufschrei, hiess es da, sei a) ein Profilierungstrick linker Politikerinnen, b) sei Sexismus in der Schweiz kein Problem, weil sie selber c) noch nie eine angemacht oder angegrabscht hätten. Sie seien aber d) selber schon begrabscht worden und hätten das nicht schlimm gefunden. Daraus schliessen sie schliesslich e), dass Frauen mit der Aktion nur Opferstatus beanspruchen wollen.“

Die „fremdernannten“ Antifeministen drehen quasi den Spiess des „#SchweizerAufschreis“ um und sagen: sie selbst würden nie Frauen sexistisch behandeln bzw. sexuell belästigen, aber wenn jemand sexistisch behandelt bzw. sexuell belästigt würde, dann wären sie es; sie würden dies jedoch nicht schlimm finden; zumal sie eben gerade nicht flennen und sich wie Memmen benehmen. Für sie ist also die sexuelle Belästigung bzw. der Sexismus der Frauen gegenüber ihnen kein Grund zur Klage. Die „fremdernannten“ Antifeministen machen jedoch den Frauen des „#SchweizerAufschrei“ den Vorwurf, dass diese quasi mimosenhaft reagieren würden. Indem diese nämlich bereits Komplimente wie „sie sei nett angezogen“ oder „sie würde schöne Stiefel tragen“ als sexistisch taxieren würden, zumal derartige Komplimente Frauen auf ihr Aussehen reduzieren würden.
Die „fremdernannten“ Antifeministen sind nach Michèle Binswanger also primär deshalb Memmen, die flennen, weil sie nicht so mimosenhaft wie gewisse Frauen auf Komplimente reagieren und dies als Sexismus wahrnehmen.

Eine frohe Botschaft: Nicht alle Männer sind Sexisten, aber alle Frauen sind Opfer

Michèle Binswanger schreibt:

„Die Verteidigungsschwadronen beklagen sich, hier würde allen Männern der Prozess gemacht, was vollkommener Blödsinn ist. Nur weil alle Frauen das erleben, heisst das nicht, dass alle Männer so sind.“

Michèle Binswanger gibt sich empört. Wie können gewisse Männer nur auf die absurde Idee kommen, der „#SchweizerAufschrei“ würde behaupten, alle Männer wären potenzielle Sexisten und sexuelle Belästiger? Diese Auffassung scheint mir jedoch überhaupt nicht abwegig zu sein: Wenn bei Michèle Binswanger alle Frauen Opfer sind und keine männlichen Opfer weit und breit thematisiert werden und die Täter primär männlich sind, dann werden einmal die Männer als Opfer vollständig eskamotiert und auch Frauen als Täterinnen sind quasi inexistent. Wie kommt eigentlich Michèle Binswanger auf die Gewissheit, dass 100% der Frauen Opfer sexueller Belästigung und Sexismus sind? Hat sie repräsentative wissenschaftliche Studien darüber konsultiert? Natürlich nicht! Das ist ihre „gefühlte“ Wahrheit bzw. Gewissheit!

Michèle Binswanger als Spezies des postfaktischen Zeitalters

Man könnte also polemisch formulieren: Michèle Binswanger ist eine typische Spezies des postfaktischen Zeitalters bzw. der postfaktischen Politik bzw. des postfaktischen Journalismus; es interessiert sie nicht, was repräsentative wissenschaftliche Studien über Sexismus und Sexuelle Belästigung hinsichtlich Männer und Frauen bisher herausgefunden haben, sondern ihre Betroffenheit und ihr subjektive „Gefühltheit“ sind primär der Massstab, um das gesellschaftliche Ausmass festzustellen und einzuordnen.
Bei Wikipedia können wir unter dem Begriff postfaktische Politik u.a. folgendes lesen:

„Der Begriff postfaktische Politik bezeichnet ein politisches Denken und Handeln, bei dem evidenzbasierte Fakten nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt der Aussage auf die eigene Klientel zurück. In einem demokratischen Diskurs wird – nach dem Ideal der Aufklärung – über die zu ziehenden Schlussfolgerungen aus belegbaren Fakten gestritten. In einem postfaktischen Diskurs wird hingegen gelogen, abgelenkt oder verwässert – ohne dass dies entscheidende Relevanz für das Zielpublikum hätte. Entscheidend für die von postfaktischer Politik angesprochenen Wähler ist, ob die angebotenen Erklärungsmodelle eine Nähe zu deren Gefühlswelt haben.“

Michèle Binswanger im Empörungs- und Betroffenheitsmodus

Nachdem sie de „fremdernannten“ Antifeministen die Leviten gelesen hat, nähert sie sich nun mit eiligen Schritten dem Empörungs- und Betroffenheitsjournalismus.

Michèle Binswanger schreibt:

„Was sexuelle Übergriffe anging, hatte ich in meinem Leben ein paarmal Glück. Oder konnte mich wehren. Als ich einmal allein im Ausgang war und mir von hinten jemand an den Hintern fasste, drehte ich mich um und stellte ihn: ‚Du hast mir jetzt aber nicht gerade an den Hintern gefasst?’, fragte ich laut. Er tat ertappt und murmelte in sein Bier: ‚Ja, aber das ist doch nicht so schlimm!’ Nein, ich fand die Berührung nicht schlimm. Schlimm fand ich, dass er dachte, er könne das einfach so tun. Ohne irgendwas, nicht einmal Blickkontakt, den er missverstehen könnte. Man wird zum Objekt gemacht, nicht ernst genommen. Schlimm ist, wenn die 15-jährige Tochter am Sonntag vom Lernen im Park heimkommt und sagt: ‚Da war so ein Typ, der hat uns aufdringlich zugezwinkert und uns verfolgt. Sehr gruselig.’ Das ist es, was wir jeden Tag erleben: Nicht ernst genommen, als Fickstück und Schlampe betitelt werden, in unserer sexuellen Integrität bedroht, vom väterlichen Stadtpräsident mit einer Hand auf dem Bein angefasst werden. Es ist eine verdammte Realität in diesem Land, nicht bei allen, nicht jeden Tag. Aber es passiert.“

Jetzt kann man sich natürlich fragen, was dieser Empörungs- und Betroffenheitsjournalismus erreichen will und was er schlussendlich bewirkt? Und ob er überhaupt ein realistisches und repräsentatives Bild über Sexismus und sexuelle Belästigung in der Schweiz abgibt und zwar was sämtliche Täter und Opfer betrifft und dies bei Männern wie bei Frauen.

Der bereits weiter oben zitierte Mediensoziologe Kurt Imhof sagt im Zusammenhang von Empörungsjournalismus:

„Keine Frage: die Indifferenz hat zugenommen. Sie hat allerdings aus meiner Sicht mehr mit der grassierenden Boulevardisierung zu tun. Human Interest, Personalisierung, Skandalisierung und Moralisierung fluten die Öffentlichkeit mit Belanglosem. Ursprünglich beruhte der Journalismus auf der Darstellung von Sachverhalten, die erst die Basis für normative Schlüsse bildet. Wenn wir nun aber die Debatten betrachten, über die alle etwas wissen, Strauss-Kahns Liebesleben, das antiquierte Balzverhalten von Brüderle mitsamt den 100 000 Tweets der #aufschrei-Kampagne (…) sehen wir hingegen eine moralisch-emotionale Überfrachtung des Öffentlichen. Diese dient nicht mehr der sanften Gewalt des besseren Arguments, sondern erzeugt möglichst viel Empörung und betreibt systematisch moralische Diskreditierung. Nun ist aber Moral keineswegs weltanschauungsfrei. Sie tut nur so und kann sich erst noch um Argumente drücken.“

Die #SchweizerAufschrei-Kampagne und der hier besprochene Artikel von Michèle Binswanger kann somit nach Kurt Imhof unter Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus subsumiert werden, denen es nicht mehr darum geht, mit „der sanften Gewalt des besseren Arguments“ zu überzeugen, sondern möglichst mittels Emotionalisierung, Skandalisierung und Moralisierung Aufmerksamkeit zu erheischen und moralische Diskreditierung zu betreiben (alle Kritiker der #SchweizerAufschrei-Kampagne als Antifeministen brandmarken und sie als Memmen, die flennen, beschimpfen).

Politik und Medien zeichnen vielfach ein schiefes Bild

Dass die Politik und die Medien vielfach ein schiefes Bild zeichnen, wenn es um die Opfer und Täter von Gewalt, Sexismus und sexueller Gewalt geht, darauf hat erst kürzlich wieder Stephan Schleim hingewiesen, wenn er schreibt:

„Medien und Politik zeichnen ein einseitiges wie eindeutiges Bild: Opfer sexueller Gewalt sind vor allem Frauen. Männer werden in der Regel als Täter dargestellt. Neue Studien widerlegen dieses Bild deutlich. Bei Untersuchungen in Chile und der Türkei gab es kaum Unterschiede bei den Opfererfahrungen zwischen den Geschlechtern. Im europäischen Vergleich zeigten sich 32% der Frauen und 27% der Männer betroffen von sexueller Gewalt. Es ist höchste Zeit, dass Medien und Politik ihr falsches Bild korrigieren.“

Was soll der „#SchweizerAufschrei“ bezwecken?

Für Michèle Binswanger soll der Aufschrei und ihr Artikel den Männern bewusst machen, in welcher Welt die Frauen leben und sie dazu ermuntern, selbst einzuschreiten, wenn wieder eine Frau von einem Mann sexistisch behandelt bzw. sexuell belästigt wird. Hier zeigt sich sehr gut, dass dieser Aufschrei, zumindest wenn wir Michèle Binswanger folgen, ausschliesslich für Frauen gedacht ist, die Opfer werden und zwar Opfer ausschliesslich durch Männer als Täter. Das schiefe Bild, auf das bereits Stefan Schleim hingewiesen hat, wird somit weiterhin zementiert bzw. reproduziert.

Quellen:
(http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Hoert-auf-zu-flennen-ihr-Memmen/story/31808295)
https://www.schweizermonat.ch/artikel/schluss-mit-dem-bauchstalinismus
http://www.heise.de/tp/artikel/49/49666/1.html
http://www.telebaern.tv/118-show-news/12639-episode-sonntag-9-oktober-2016/29540-segment-vergewaltigungen-in-der-schweiz