Fundstück: Nach Verhältnis mit minderjährigem Schüler: Lehrerin sieht sich als Opfer

Es gibt bestimmte Geschichten, die man immer wieder erzählen kann. Leider meine ich dabei nicht Popkultur à la „TV Tropes“, sondern tatsächliche Ereignisse.

Ich hatte schon einmal überlegt, eine Sammlung anzulegen für das Experiment „Mann schlägt Frau in der Öffentlichkeit vs. Frau schlägt Mann in der Öffentlichkeit“ mit den üblichen Ausgängen „sofort greifen Leute ein vs. niemand tut etwas, sogar Zustimmung oder Beifall“. Die Serie „Spaß mit Männerhass“ beruht auf den überraschenden Ergebnissen von „Was kommt dabei heraus, wenn ich in einem Text „Männer“ wahlweise durch „Ausländer“, „Schwarze“ oder „Juden“ ersetze?“.

Und die dritte Erzählung, die mich immer wieder fassungslos macht und um die es heute gehen soll, lautet „möglichst junge, hübsche Lehrerin hat Sex mit minderjährigem Schüler – das kann doch nicht schlecht sein, die ist doch keine Täterin“.

Lucas Schoppe hatte bereits einmal in einem Monatsrückblick unter der Überschrift „Was hast Du für ein Problem? Sexuelle Gewalt durch Frauen“ einige Beispiele versammelt.

Den neuesten Fall sah ich heute auf Yahoo, was mich über USA Today schließlich zum The Des Moines Register brachte, welches wiederum auf einer Ausgabe der Sendung „The Dr Phil Show“ basierte namens „A Teacher’s Sexual Relationship with a Student“. (Ja, für überall dasselbe Thema braucht man weder eine Theorie über Lügenpresse noch gleichgeschaltete Medien; es reicht, wenn ganz trivial alle voneinander abschreiben.)

Die Geschichte ist in ihren Einzelheiten so bizarr, dass ich Schwierigkeiten habe, ihr zu glauben. Schauerlich ist sie für mich aber gerade nicht wegen ihres Wahrheitsgehaltes, sondern ob der Tatsache, dass in der Berichterstattung die Überschrift die Perspektive der mutmaßlichen Täterin schildert: „Ich bin das Opfer.“ Selbst wenn der Artikel diese Richtung nicht beibehält, reiht sich der Titel ein ins Narrativ „Was ist passiert? Egal, denn Frau = Opfer – alles klar!“.

Die behaupteten Punkte:

  1. 23-jährige Lehrerin beginnt Verhältnis mit 17-jährigem Schüler
    (in Iowa ist das auch mit volljährigen Schülern nicht erlaubt).
  2. Es gibt täglich Sex, auch an öffentlich zugänglichen Orten, sie schickt ihm Nacktfotos – und denkt, das Verhältnis geheimhalten zu können.
  3. Als es herauskommt, wird sie eigentlich für den Schuldienst gesperrt – darf aber aufgrund eines Fehlers bis zum Ende des Schuljahres weiter unterrichten.
  4. Sie sieht sich als Opfer des Schülers, beschuldigt ihn, sie verführt zu haben, er sei intelligent und gut im Umgang mit Worten.
  5. Jetzt arbeitet sie als Stripperin.

Wenigstens präsentieren die Berichte die Ex-Lehrerin nicht als „arme“ oder „heiße“ Frau, sondern als dumm wie Brot („Nackfotos an einen Teenager geschickt – wer konnte schon damit rechnen, dass er sie Freunden zeigt?“) und reichlich unempathisch, völlig auf sich selbst fixiert. Andererseits wird kein Gedanke daran verschwendet, dass der Frau – volljährig und mit besonderer Verantwortung einem Schüler gegenüber – hier einseitig eine Plattform geboten wird, ihre Version der Geschichte zu erzählen.

Ich wage es zu bezweifeln, dass die gesamte Affäre für den Schüler als besonders tolle Erfahrung seiner Jugend in Erinnerung bleiben wird. Dazu kommt der Vorwurf, er sei der Täter. Außerdem wird es selbst ein charakterlich gefestigter Erwachsener in der Regel nicht gutheißen, wenn durch jemand anderen sein Intimleben in der Öffentlichkeit ausgewalzt wird.

Dass ein ähnlicher Fall zwischen einem Lehrer und einer minderjährigen Schülerin so durch die Medien gereicht wird, kann ich mir nicht vorstellen. Das schließt allerdings nicht aus, dass etwa im Dorfgespräch die Schuldfrage anders entschieden wird. In der Schilderung von Erzählmirnix über Rahmenbedingungen kommt das sehr gut heraus.

Es sei zudem noch ein Abschnitt aus dem erwähnten Text von Lucas Schoppe zitiert, der eine bemerkenswerte Beobachtung enthält:

Allerdings geht die Verharmlosung solcher Taten keineswegs allein auf das Konto feministischer Interpretinnen.

Als vor wenigen Monaten einmal bei Alles Evolution über eine sexuelle Beziehung zweier Lehrerinnen mit einem Schüler diskutiert wurde, interpretierten einige Männer das als eine durchaus willkommene sexuelle Initiation – während unter anderem eine feministische Kommentatorin, „marenleinchen“, darauf bestand, dass das Verhalten der Lehrerinnen sehr problematisch sei. Auch hier geraten gewohnte Frontverläufe also in Unordnung.

Danke dafür, marenleinchen, und danke fürs darüber Berichten, Lucas Schoppe!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die Kombination „Lehrer/Schülerin“ kam schon in diesem Klassiker vor.

The Police: Don’t Stand So Close To Me

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7 Antworten zu Fundstück: Nach Verhältnis mit minderjährigem Schüler: Lehrerin sieht sich als Opfer

  1. Matze schreibt:

    Erwachsene Frau schläft mit minderjähren Jungen: verbotene Liebe

    http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/verbotene-liebe-lehrerin-und-ihr-ex-schueler-traeumen-von-hochzeit-a-312445.html

    Erwachsener Mann schläft mit minderjähren Mädchen: Pädophiler + Vergewaltiger

    Gibt da häufig einen gewissen Doppelstandard, so auch z.B. bei Suzie Grime:

    Der einzige Unterschied war, dass ich von nun an auch anfing, auf die gleiche Art und Weise zu ficken: nämlich für mich selbst. Ganz gleich ob Männer oder Frauen: Ich holte mir, was ich wollte, wann ich es wollte, wie ich es wollte—rudimentären Sex ohne nerviges Ich-gebe-vor-mich-für-dein-Leben-zu-interessieren-Gesülze.

    http://www.vice.com/de/read/wie-mein-muschi-tattoo-mich-zu-einer-besseren-feministin-gemacht-hat-227

    – kommt es von einer Frau ist es selbstbestimmend

    – kommt es von einem Mann ist es sexistisch

    (- kommt es von einem Vergewaltiger, ist es ne Straftat)

    Just saying…

    Oder eine andere Geschichte:

    Weil betrunkene Kundinnen es nicht lassen konnten, den Barmännern unter den Kilt zu greifen, reagierte die Belegschaft der Bar „Hootananny“ in Inverness laut International Business Times mit einer drastischen Maßnahme: Die Schottenröcke werden zurück in den Schrank gelegt und stattdessen werden wieder Hosen angezogen.

    Barbesitzer Kit Fraser erzählt in einem Interview von der zunehmend schlimmer werdenden Situation. „Können Sie sich vorstellen, was passieren würde, wenn ich in ein Restaurant ginge und einer Frau unter den Rock greifen würde? Ich würde aufs Polizeirevier gebracht werden, und das zurecht. Wir sind uns des Sexismus sehr bewusst. Die Frauen haben anscheinend Nachholbedarf.“

    http://www.rp-online.de/panorama/ausland/schottenrock-barkeeper-geben-kilts-wegen-sexueller-belaestigung-auf-aid-1.5238093

    Ja, solange sie sich bei allem was mit Sex zu tun hat nur als Opfer sehen, bleibt der Nachholbedarf bestehen. Gab es da nicht auch Leute die behaupten das Männer glauben das Frauen für sie immer sexuell verfügbar zu sein haben? Wieder so ein blinder Fleck der nicht ins ideologische Korsett passt. ^^

  2. Miria schreibt:

    Ich finde, die Geschichte wird ziemlich aufgebauscht. Die betreffenden Personen sind 23 und 17, gerad einmal fünf Jahre Altersunterschied!
    Sollte es sich nicht um seine Lehrerin handeln, würde das in Deutschland kein Schwein interessieren – bei umgekehrten Geschlechterverhältnissen im Übrigen auch nicht.
    Auch in meiner Jugend hatten einige Freundinnen Partner, die Anfang zwanzig waren, während sie gerade 16 oder 17 waren.

    In dem Fall von Missbrauch bzw. Straftat durch die Ältere Person zu reden, ist absoluter Unsinn. Einzig der Umstand, dass einer ihrer Schüler evtl. in einem Abhängigkeitsverhältnis steht und keine schlechte Bewertungen riskieren will, macht hieraus etwas, was als nicht in Ordnung gilt.

    • Matze schreibt:

      Und das sie sich als Opfer sieht ist auch ziemlicher Unsinn…

    • Graublau schreibt:

      Der wesentliche Punkt ist das Abhängigkeitsverhältnis. Das Alter des Schülers kommt erschwerend hinzu.

      • Lotosritter schreibt:

        Zudem ist Sex im Abhängigkeitsverhältnis auch in Deutschland bis zur Volljährigkeit strafbar (§ 174 StGB Abs. 2.2).

      • Miria schreibt:

        @Lotosritter: So einfach ist das nicht. Die Strafbarkeit hängt bei Personen zwischen 16 und 18 Jahren davon ab, ob das Abhängigkeitsverhältnis tatsächlich in irgendeiner Weise in dem Zusammenhang ausgenutzt wurde. Spielt das hingegen bei der privaten Begegnung der beiden Personen keine Rolle, ist diese auch nicht strafbar.

  3. Pingback: Sammlung und Weltraumaffen 23.10.2016 | stapelchipsblog

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