Fundstücke: Alte Hüte, die uns als neu verkauft werden

Faszinierend, wie oft sich „neue“ oder „revolutionäre“ Konzepte als alter Wein in neuen Schläuchen herausstellen. Drei Beispiele, die mir einfallen:

Intersektionalismus

Wie crumar bei Alles Evolution feststellt:

Was mich am meisten ärgert ist, dass die Intersektionalistinnen schamlos plagieren und so tun, als hätten sie etwas neues erfunden.

Dabei ist der echte Erfinder des Intersektionalismus mit folgendem griffigen Bild hervorgetreten:

Die „Katholische Arbeitertochter vom Land

Der Begriff geht auf Ralf Dahrendorf zurück im Zusammenhang mit Bildungsnachteilen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen (Arbeiter, Landbevölkerung, Mädchen, Katholiken). Er stammt aus dem Jahr 1966.

crumar weiter:

Was uns als neu verkauft wird, hat als Erkenntnis ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel.
(…)
Wenn sich in einer untersuchten Gruppe der Bevölkerung *zu einer bestimmten Zeit*, bestimmte Teilgruppen *nicht* befinden und dies an der Verkettung mehrerer Nachteile liegt, die empirisch nachweisbar sind – dann ist der Schluss von Dahrendorf richtig.
Er schloss von einer *empirischen Beobachtung* der Bevölkerung auf die Existenz von Nachteilen von Bevölkerungsgruppen.

Was die Intersektionalistinnen jedoch tun, ist eine ahistorische, (a-)kontextuelle UMKEHRUNG dieser Vorgehensweise.
Hier ist für immer und von vorne herein *gesetzt*, wer „diskriminiert“ ist.
(…)
Eine Wissenschaft, bei der von Beginn an die Resultate feststehen hat aufgehört Wissenschaft zu sein.

die gläserne Decke

LoMi in den Kommentaren zum selben Artikel:

Die „gläserne Decke“ ist übrigens schon vor gut 100 Jahren eingeführt worden als „ständische“ Dimension und zwar durch Max Weber. Dieser hatte sehr wohl erkannt, dass nicht alle Ungleichheit das Ergebnis von Besitzverhältnissen ist, sondern dass gewisse privilegierte Gruppen nach eigenen Kriterien von sich aus Menschen ausschließen.

Männer böse, Frauen gut

Lucas Schoppe: Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht.

  1. Warum Männerfeindschaft modern ist
  2. Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit
  3. Politik und Kinderfeindschaft
  4. Zeit für neue Lieder

Kernidee: Die Idee, dass Männer schlecht sind und Frauen gut, ist etwa 200 Jahre alt. Die Veränderungen, die die Gesellschaft durch die Moderne mitmacht, werden holzschnittartig auf die beiden Geschlechter heruntergebrochen: Der Mann, das schrecklich-entfremdete Wesen, die Frau, das natürlich-bewahrende Wesen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei dem Gedanken, dass unterschiedliche Zeiträume durcheinander geworfen werden, fiel mir ein entsprechender Liedertitel ein:

Udo Jürgens: 1000 Jahre sind ein Tag

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6 Antworten zu Fundstücke: Alte Hüte, die uns als neu verkauft werden

  1. Alex schreibt:

    ->crumar
    „Was die Intersektionalistinnen jedoch tun, ist eine ahistorische, (a-)kontextuelle UMKEHRUNG dieser Vorgehensweise.
    Hier ist für immer und von vorne herein *gesetzt*, wer „diskriminiert“ ist.“

    Schon nicht nur ahistorisch, sondern eine anti-historische Sichtweise. Durch alle Zeiten ging es gleich zu und damit wird die gesamte Vergangenheit geweisst und umgedeutet.
    Aber es ist sehr interessant, wo es entwendet wurde. Daran sieht man ja die grobe Verstellung, die das Konzept erfahren hat.

  2. Matze schreibt:

    „Der Mann, das schrecklich-entfremdete Wesen, die Frau, das natürlich-bewahrende Wesen.“

    Schoppe schreibt in seinem aktuellen Artikel:

    Die bürgerliche Geschlechterordnung überformt und ideologisiert dieses Modell. Der bürgerliche Mann ist für den Außenbereich der Familie zuständig, insbesondere für die finanzielle Reproduktion im Beruf – die bürgerliche Frau wird in einen Innenbereich verwiesen, in dem sie Anspruch auf Versorgung und Schutz hat, in dem allerdings ihre Möglichkeit des Wirkens nach außen auch begrenzt ist.

    Trotz einiger Jahrzehnte der Emanzipation hält sich dieses Modell bis heute. Nach der Geburt von Kindern beispielsweise sind Väter im Schnitt mehr als zuvor in der Erwerbsarbeit tätig, Mütter deutlich weniger. Allein das Muster der Männlichkeit aber, nicht das korrespondierende der Weiblichkeit steht dabei zugleich anhaltend in der Kritik.

    [..]

    Ort der Frau ist in diesem Modell der Emanzipation ein sozialer Innenraum, dessen Bewohnerinnen nicht damit behelligt werden, welche Kosten in den äußeren Bereichen der Gesellschaft für die Errichtung dieses Raums aufgebracht werden müssen. Emanzipation bedeutet hier kein ziviles Miteinander von Frauen und Männern, sondern eine schroffe Trennung ihrer Bereiche.

    Das ist nicht allein aufgrund der verschwiegenen Kosten fatal. Das traditionelle Männlichkeitsmodell wird sinnvoll erst durch das korrespondierende Modell der Weiblichkeit, und dieses wiederum wird erst realisierbar durch das Modell disponibler Männlichkeit. Beide Muster sind logisch zwingend aufeinander und auf die gemeinsame Geschlechterordnung bezogen.

    Wer also eines dieser Muster aufrecht erhält, der hält damit zwangsläufig auch am anderen Geschlechtermuster und an ihrer gemeinsamen Ordnung fest. Das Modell der geschützten und bewahrenden Weiblichkeit ist also kein Gegenmodell zur disponiblen Männlichkeit, sondern seine notwendige Ergänzung – ebenso wie umgekehrt. Wer daher Weiblichkeit als Lösung des Problems der Männlichkeit präsentiert, der reproduziert damit beständig eben das Problem, das zu lösen er vorgibt.

    Die friedfertige Frau braucht den disponiblen Mann.

    Und er fasst es dann gut zusammen:

    Die Rede vom Patriarchat bewahrt so vor allem den Willen, die Strukturen einer modernen Gesellschaft weiterhin als eine Männerangelegenheit zu betrachten – und aus weiblicher Perspektive den Unwillen, sich gleichermaßen für sie verantwortlich zu fühlen. So werden dann Probleme moderner Gesellschaften verkürzt und verquer als Probleme der Männlichkeit diskutiert.

    Das hat Folgen. Äußerungen von Ressentiments, Gefühlen der Verachtung und gar des Hasses gegen Männer erscheinen als legitim, weil sie nicht als Äußerungen einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, sondern als Akte der Gesellschaftskritik interpretiert werden.

    https://man-tau.com/2016/09/21/jammer-manner-und-friedens-frauen/

    Natürlich wie immer zu Gänze lesenswert!

    • Matze schreibt:

      Vor allem der letzte Absatz passt sehr gut zu einigen Sachen die ich die letzten Wochen gelesen und gesehen habe. Dort waren dann Feministinnen die behaupten das sie Männer nicht hassen, nur Männer als Klasse, als Gruppe und das Männer als solche sich kritisieren lassen müssen. Nicht nur steht das Verhalten von Frauen als Gruppe hier wie selbstverständlich mal wieder völlig von jeglicher Kritik befreit da (Female Hypoagency), sondern wird über Männer ein Art Gruppeschuld gelegt bei der (nur die schlechten) Taten von Individuen immer auf alle Männer zurückfallen (Male Hyperagency).

      • Alex schreibt:

        „Dort waren dann Feministinnen die behaupten das sie Männer nicht hassen, nur Männer als Klasse, als Gruppe und das Männer als solche sich kritisieren lassen müssen.“

        Ausrede und Heuchelei, damit die moralische Überlegenheit aufrecht erhalten werden kann.
        Letztere sollte man als allererstes in Frage stellen. Jedes Diskutieren um Sachthemen ist völlig überflüssig, da jede noch so schlechte Lüge als Triumpf gilt, wenn man sie durchsetzen kann.

  3. Pingback: Fundstück: man in the middle zu Intersektionalismus | Geschlechterallerlei

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