Warum ich bei Computerspielen mehr Fantasie lieber habe

sharkathotep schrieb in einem Kommentar:

Es gibt viele Spiele, in denen es nicht möglich ist, einen weiblichen Charakter zu spielen, und dennoch werden sie von Frauen gespielt. (…)
Ich bin übrigens ein solcher weiblicher Spieler, der männliche Charaktere spielt, wenn er sie gutaussehend findet (oder auch wenn kein weiblicher zur Verfügung steht), und selbst wenn ich in einem Spiel das Geschlecht frei wählen kann, werde ich definitiv „gendergeswappte“ Durchgänge machen.

Das freut mich sehr! Ich spiele z.B. bei Fantasy-Rollenspielen ebenfalls sowohl Männer als auch Frauen, je nachdem, was mir gerade passt.

Dabei finde ich es unnötig einschränkend, wenn automatisch irgendwelche Geschlechtsunterschiede bei der Generierung eingebaut werden, etwa „Frauen sind immer schwächer als Männer“. Das ist ja auch nicht durch die Biologie abgedeckt, sondern ein Fehlschluss aus „Frauen sind im Durschnitt schwächer als Männer.“ Wer würde sich schon beim Erschaffen von Fantasy-Helden immer mit dem Durchschnitt zufrieden geben? Helden sollen schließlich etwas Besonderes sein…

Klar, ganz ohne Realismus geht es nicht, denn ohne Bezugspunkte zu Bekanntem kann man sich schlecht orientieren (obwohl auch das einmal ein reizendes Setting wäre…). Allzu viel Anspruch an Realismus würde umgesetzt für die meisten Leute kein interessantes Spiel zurücklassen (ich schreibe über Fantasy, nicht Simulatoren). Sicher, wenn Elfen spärlich bekleidet in die Schlacht ziehen und die Gruppe durch klirrende Kälte ebenso wie sengende Hitze mit denselben Klamotten läuft, runzele ich die Stirn. Andererseits würde bei einer auch nur halbwegs realistischen Umsetzung von Tragkraft (Maximalgewicht der Ausrüstung mit entsprechenden Ruhepausen je nach Grad der Vollgepacktheit) jeder Spielspaß flöten gehen.

Der andere Punkt, den ich bei einigen Spielen schade finde: Wenn es in Richtung des anderen Extrems geht und die Männer alle perfekt durchtrainiert sind und die Frauen Fotomodellfiguren haben. Da wäre ein wenig Variation besser, zumal nicht jeder Charakter seinen Lebensunterhalt durch körperliche Arbeit verdient. Magier müssen weder besonders kräftig noch hübsch sein und bei Dieben ist es sogar von Vorteil, wenn sie in einer Masse nicht besonders auffallen und man sich gerade nicht an ihr Gesicht erinnert.

Allerdings muss auch ich hier aufpassen, nicht auf den „Realität ist unrealistisch“-Effekt hereinzufallen. Wirken etwa “Mortal Kombat“-Charaktere „unnatürlich“? Dabei wurden z.B. mit Becky Gable und Katalin Zamiar echte Kampfsportlerinnen für die Rollen der Kämpferinnen verwendet. Außerhalb des Spielekontextes, aber ähnlich erhellend: Renee Somerfield ist das „unrealistische“ Modell aus der Protein-World-Reklame, die „unmögliche Schönheitsnormen“ propagierte.

Fazit: Ich habe lieber eine größere Auswahl beim Aussehen und den Eigenschaften der Helden zur Verfügung. Den Realismusgrad möchte ich gerne soweit wie möglich selber bestimmen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wo es schon um Realismus und Perfektion geht..

U2: Even Better Than The Real Thing (The Perfecto Mix)

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4 Kommentare zu „Warum ich bei Computerspielen mehr Fantasie lieber habe“

  1. Ich bin durchaus selbst nicht dafür, dass es spielrelevante Unterschiede durch die Geschlechterwahl geben sollte. Aber man sollte sich doch darüber im Klaren sein, dass dies eine erhebliche Verzerrung der Realität darstellt.
    Gerade eine verschiedene Muskelkraft ware sehr realistisch. Es gibt zwar Frauen, die starker sind, als Männer, aber das trifft nie auf gesunde trainierte Frauen gegen gesunde trainierte Männer zu.
    Ein interessanter Abriss dazu findet sich unter:
    https://allesevolution.wordpress.com/2015/12/16/koerperkraft-unterschiede-zwischen-mann-und-frau/

    Ansonsten kann das jeder bestätigen, der regelmäßig in einem Fitnesscenter trainiert. Frauen drücken weniger als Männer.

    1. Schau Dir den Originalartikel an, unter dem der Kommentar stand: 🙂
      https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/09/01/warum-weder-ich-noch-maenner-und-jungen-im-allgemeinen-probleme-mit-weiblichen-hauptfiguren-haben/
      Da beziehe ich mich ausdrücklich auf den von Dir zitierten Artikel von Alles Evolution. Das war sozusagen die eine Seite der Medaille, deren dann diesen Artikel über die andere inspirierte.

      Natürlich ist das eine Verzerrung der Realität – aber gerade Fantasyspiele sind meistens keine stimmige Weltensimulation. Können sie auch gar nicht, weil sie sonst für 90% der Spieler unglaublich langweilig wären. In einem üblichen Spiel begegnet man ständig Monstern, rund um eine idyllische Stadt gibt es finstere Mächte usw. Die Einwohner einer solchen Stadt wären am Rande der Verzweiflung oder längst weggezogen, die Wirtschaft wäre zusammengebrochen, es gäbe einen politischen Aufruhr etc.

  2. Schön, dass das Thema hier behandelt wird. Letztens kam in einem meiner Lieblingspodcasts das Argument, natürlich spiele man männliche Charaktere, immer und überall, man wolle sich schließlich 1. mit dem Charakter identifizieren und 2. sich selbst im Rollenspiel verwirklichen

    Was für ein eindimensionaler Blödsinn. (und ich hab‘ die Typen dort echt gern)

    Ein Computerspiel erlaubt praktisch niemals das Maß an Flexibilität, das notwendig wäre um mich selbst darin darzustellen – oder wenn, nur auf einer sehr abstrakten Ebene (Minecraft z.B.).

    Also, wenn mir schon ein mehr oder wenig fertigtes Konzept eines Charakters vorgesetzt wird, ist es doch im Interesse der Abwechslung so viel interessanter, wenn mein Held eine Frau ist – wie unfassbar öde, immer und immer wieder den gleichen Van Damme zu spielen, egal ob in Plattenrüstung oder Raumanzug.

    Das alles wäre weit weniger ein Thema, wenn männliche Charaktere, naja, Charaktere wären. Ein Guybrush Threepwood oder George Stobbard (Baphomet) sind Identifikationsfiguren, auch wenn sie nicht mir persönlich entsprechen.
    Wenn mein Commander Sheppard ein knorriger aber anständiger „Der Alte“ sein könnte, oder wieso nicht ein Intellektueller, der durch blöde Zufälle in seine Position geraten ist, das Militär verachtet aber im Interesse seiner Untergebenen halt sein Bestes tut. Weiss der Geier, ich bin kein Autor, sollen die machen, die man dafür bezahlt.

    Aber so … bleibt mir eh nur eine Frau, wenn ich aus lauter – und das ist nicht im Sinne der Genderei gemeint, sondern rein ästhetisch – anglozentrischer, bellizistischer Machoödnis nicht vor Langeweile vom Stuhl kippen möchte.
    Klar, diese Entscheidungen werden aus betriebswirtschaftlichen Überlegungen gemacht, da anscheinend die Mehrheit der Computer- und Videospieler sabbernde Idioten sind, die Nasenbluten kriegen wenn dieses ausgewrungene Bild auch nur den kleinsten Farbtupfer kriegt (Scheissmetapher, aber egal jetzt).

    „Urban Chaos“ hat sich getraut, dich mit einer schwarzen Bullin durch New York zu schicken. Leider war es kein besonders gutes Spiel, wie man hört. Sogar bei Freelancer habe ich damals gestutzt, dass mein Charakter zwar weiss und männlich ist aber … *gasp* blond und Engländer. WTF. Das ist Diversität. Ein weißer Typ aus Europa. Naja, „Europa“…

    Wohin wollte ich damit? Keine rechte Ahnung. Egal, [/rant]. Danke für die Plattform 🙂

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