Warum weder ich noch Männer und Jungen im allgemeinen Probleme mit weiblichen Hauptfiguren haben

Entgegen allen Behauptungen gibt es viele „Frauen als Heldinnen im Film“ und Männer mögen diese Filme. Sind die angenommenen Unterschiede in den Vorlieben also falsch?

Uepsilonniks erwähnte in einem Kommentar seinen Artikel „Weibliche Helden à la Hollywood – Ein Problem?“. Es steht dort nicht direkt drin, aber es hat mir zwei Erkenntnisse ins Gedächtnis gerufen:

1. Im Prinzip ist die Verallgemeinerung „Männer kommen mit weiblichen Helden nicht zurecht“ die Übertragung der Verallgemeinerung „Männer kommen mit starken Frauen nicht zurecht“ auf die Popkultur.

2. Wenn die „Stärke“ einer weiblichen Figur darin besteht, immer und überall besser zu sein als alle Männer, dann ist das auch keine interessante Geschichte für Männer im allgemeinen. Es wäre aber auch eine extrem langweilige Figur.

So geht’s nicht!

Solche Allmachtsphantasien, in denen das andere Geschlecht komplett auf die Matte geschickt wird, sie können nur in der Erzählrichtung „Frau gewinnt gegen Männer“ funktionieren. Umgekehrt gibt es nichts an Prestige zu gewinnen. Das mag böse sexistisch klingen; wenn der Kampf auf der Ebene der Körperkraft stattfindet, wird das jedoch mit Fakten aus der Biologie unterfüttert. Dazu nur zwei Fakten aus einer ganzen Sammlung in zwei Artikeln bei „Alles Evolution“:

1. Der Oberkörper von Männern ist im Schnitt 40-50% stärker.

2. Der durchschnittliche Mann hat also die Griffstärke einer professionellen Handballspielerin oder professionellen Judokämpferin.

Christian Schmidt:

99,9% der Frauen haben weniger Oberkörpermuskelmasse als der durchschnittliche Mann. Da sind schon eine Menge sportlicher Frauen darunter und die allermeisten davon sind dennoch schwächer als der durchschnittliche Mann. Was auch deutlich macht, dass alle Vorstellungen davon, dass Frauen ruhig gegen die Männer im Sport konkurrieren könnten utopisch sind.

Dass die „Stärke“ der Frau sich aus der Position gegen alle Männer speist, sollte zu denken geben: Mit echter Stärke, die man in sich selbst hat und nicht in Abgrenzung zu anderen, hat das nichts zu tun. Außerdem wird hier der Geschlechterkampf „Frauen gegen Männer“ gepredigt, ein Nullsummenspiel der Geschlechterverhältnisse.

So geht’s!

Lucas Schoppe hatte vor einigen Monaten in einem sehr aufschlussreichen Text namens „Jungen lesen anders“ aufgeführt, welche Mythen über die Lesegewohnheiten von Jungen herrschen und was sie tatsächlich motiviert. Die Behauptung, “Mädchen würden sich beim Lesen auch in Jungen- oder Männerfiguren hineinversetzen, Jungen sich aber nicht in Mädchen- oder Frauenfiguren.“, korrigierte er prompt:

Aus der Erfahrung im Unterricht lässt sich diese Meinung nicht bestätigen. Jungen versetzen sich sehr wohl und durchaus selbstverständlich auch in Mädchenfiguren hinein. Wir haben zum Beispiel beide schon die Erfahrung gemacht, dass Lutz Hübners (…) Stück Creeps – in der lediglich drei Mädchen bei einem Casting auftreten – auch Jungen begeistern kann. Heldinnen wie Lindgrens Ronja Räubertochter sprechen ganz selbstverständlich auch Jungen an.

Die Vorstellung, Jungen würden sich nicht mit weiblichen Figuren identifizieren, verrät wohl einen durchaus traditionellen und tendenziell auch ressentimentgeladenen Blick auf sie: Jungen nämlich wären weniger als Mädchen fähig oder bereit zur Empathie.

Diese schiefe Blick setzt sich, nebenbei bemerkt, bis ins Erwachsenenalter fort. Männer können ja gar nicht nachvollziehen, was es heißt, wenn man X ist oder Y erlebt…

Dabei gibt es laut Lucas Schoppe sogar recht einfache Indikatoren, was Jungen gerne lesen und was nicht. Und diese haben, welch Überraschung, nichts mit dem Geschlecht der Protagonisten zu tun:

Deutlich wichtiger noch als für Mädchen ist es nach unserer Erfahrung für Jungen, dass ein Buch handlungsstark ist, also eine nachvollziehbare, spannende, vielleicht auch actionreiche äußere Handlung hat. Die Protagonisten müssen nicht unbedingt männlich, aber sie müssen handlungsfähig sein. Jungen würden sich, kurz gefasst, mit Katniss Everdeen aus den Hunger Games eher identifizieren als mit Bella Swan aus der Twilight-Reihe – die tatsächlich fast ausschließlich von Mädchen gelesen wird.
(…)
Katniss hingegen ist selbstständig, wehrhaft, trickreich, und sie hat gelernt, sich auf sich selbst zu verlassen.

Bücher, in denen das innere Erleben der Protagonisten im Mittelpunkt steht und die äußere Handlung kaum eine Rolle spielt, lassen insbesondere Jungen auch dann kalt, wenn die Protagonisten männlich sind.

Eine ähnliche Diskrepanz zwischen der Ablehnung durch Mädchen und der Freude von Jungen habe ich übrigens umgekehrt niemals bei einem Buch oder Film erlebt – auch nicht, z.B., bei dem Film Juno über die Schwangerschaft eines jungen Mädchens. Auch wenn die junge Juno deutlich im Mittelpunkt steht, waren Jungen daran nicht weniger interessiert als Mädchen – schließlich kann das Thema auch sie betreffen.

Jungen können gut mit Mädchen und Frauen mitfiebern und sich für Geschichten interessieren, in denen diese die Hauptfiguren sind. Warum diese Erkenntnis mit Vorurteilen über das, was Männer angeblich nicht mögen, zuschütten? Zur allgemeinen Lebensfreude oder einem besseren Verhältnis der Geschlechter kann das doch nicht beitragen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Heute ein Lied, das sowohl Junge als auch Mädchen im Titel hat…

The Chemical Brothers: Hey Boy Hey Girl

Werbeanzeigen