Der Weg des Jack Donovan. Teil 2: »The Way of Men«

(Teil 1: »Androphilia«)

In »The Way of Men« unternimmt Donovan den Versuch, nachzuliefern, was er seit Erscheinen von Androphilia als Desiderat wahrgenommen hatte: eine positive Definition dessen, was er unter »Männlichkeit« versteht. »Positiv« nicht nur im Sinne einer Wertung (die lag schon in Androphilia vor), sondern im Sinne einer detailliert begründeten Definitionssetzung. Dazu bestimmt er einen elementaren Situationstyp, auf den »Männlichkeit« anthropologisch zugeschnitten ist, und entfaltet sodann eine Beschreibung von Merkmalen, die Männer zur Bewältigung von Situationen dieses Typs entwickelt haben. Dazu erinnert er daran, dass die ursprüngliche Lebensform des Homo Sapiens darin bestand, sich in kleinen, relativ isolierten Sippenverbänden und mit nur temporären Lagerplätzen in Abhängigkeit von Witterung und Nahrungsangebot über die Erde zu bewegen. Eine elementare Situation des Mannes bestand also darin, auf dem Marsch und beim Lagern einen Sicherheitsbereich der Gruppe gegen die Umwelt abzustecken sowie diesen zu überwachen und bei Bedarf zu verteidigen.

»Sprawling, complex civilizations made up of millions of people are relatively new to men. For most of their time on this planet, men have organized in small survival bands, set against a hostile environment, competing for women and resources with other bands of men. (…) Relieved of moral pretense and stripped of folk costumes, the raw masculinity that all men know in their gut has to do with being good at being a man within a small, embattled gang of men struggling to survive. The Way of Men is the way of that gang.« (S. 3)

Diese männliche »Gang« ist teilweise für den Schutz des gesamten Sippenverbands zuständig, operiert aber teilweise auch vom Sippenverband entfernt als selbständige Einheit, insbesondere als Jagdgruppe oder Kriegsverband. Für die selbständige Einheit gilt die wachsame Abgrenzung gegen die Umwelt noch einmal in verschärfter Form und unterliegt Anforderungen der taktischen Zweckmäßigkeit.

»The group of 2 to 15 men is a comfort zone. It’s an effective team size for tactical maneuvers, but it’s also social manageable. You can really know about that many guys at one time. (…) The fireteam-to-platoon sized gang is the smallest unit of us. Beyond us is them, and the line that separates us from them is a circle of trust.« (S. 11 f.)

Die Grenzziehung zwischen Innen und Außen, zwischen »denen« und »uns« ist dabei fundamental und operiert über Vertrauensbeziehungen – sowohl innerhalb der Männergruppe als auch im Sippenverband als Ganzem.

»When you claim territory and draw a perimeter, that line separates your group from the rest of the world. The people inside the perimeter become us and everything known and unknown outside the perimeter becomes them. (…) It has always been the job of men to draw the perimeter, to establish a safe space, to separate us from them and create a circle of trust.« (S. 13 f.)

Die Notwendigkeit, sich innerhalb der Männergruppe aufeinander verlassen zu können, führt zu einer gegenseitigen kritischen Prüfung und Bewertung ihrer Mitglieder im Hinblick auf Männlichkeitswerte:

»When men evaluate each other as men, they look still for the same virtues that they’d need to keep the perimeter. Men respond to and admire the qualities that would make men useful and dependable in an emergency.« (S. 15)

Diese Situationsbestimmung deckt sich gut mit den Befunden der Anthropologie, wie sie etwa von Klaus E. Müller zusammengefasst werden. Müller beschreibt einen »topographischen Dualismus«, der von einem kosmologischen Dualismus überlagert und bestätigt wird:

»Im ganzen also läßt sich die geschlechterspezifische Raumaufteilung ihrer Grundstruktur nach auf ein quasi konzentrisches Zwei-Sphären-Modell reduzieren, bestehend aus einem den Frauen zugewiesenen Binnen- und einem von den Männern beanspruchten Außenbereich; ersterer ist mehr familiär-privater Natur, letzterer greift über den häuslichen Intimbereich hinaus und besitzt entsprechend weiterreichende, das Ganze der Gruppe umfassende Dimensionen von allgemeinerer, öffentlich-politischer Relevanz.« (Müller 1989, S. 262)

Müller bezeichnet diese geschlechterspezifisch zugeodneten Sphären als Endosphäre und Exosphäre. Die damit bezeichnete Differenzierung erfolgt sowohl auf der ökonomischen und topografischen »Basis«, als auch im kosmologischen »Überbau«:

»Jenseits des engeren, endosphärischen Siedlungsbereichs aber beginnt auch die Transzendenz, die gleichsam eine Überhöhung der Exosphäre ins Kosmische darstellt. In Busch und Wald, im Meer, in den Wolken und in den Himmeln darüber, unter der Erde, auf dem Grund der Flüsse und Seen, in einer anderen, eben der ›jenseitigen‹ Welt, hausen und herrschen die Ahnen, Geister und Götter. Und auch dort dominiert, wie auf Erden, das männliche Geschlecht.« (Müller 1989, S. 269)

Dieses Grundmuster gilt nicht nur für ursprüngliche Wildbeutergesellschaften, sondern ebenso auch für sesshafte Siedlungsgemeinschaften vor dem Entstehen von (oder ihrer Integration in) Hochkulturen. Was Donovan als fundamentale Trennung in »us« und »them« bezeichnet, nennt Müller die »nostrozentrische Optik« (Müller 2010, S. 421-445):

»Originär – und idealtypisch schematisiert – besaßen Siedlung und Weltbild eine orbikulare Struktur: Den Ausgangs- und Mittelpunkt der Orientierung bildeten im kleinen Herd, Hütte, Familie, gesamtgesellschaftlich die Agora (mit dem Gründergrab), beziehungsweise das Männerhaus, die Residenz und Kultstätte der Senioren und des Gearchen. Unmittelbar um den Dorfplatz herum hatten die Hütten der Angehörigen der ältesten, also der Ur- und Gründersippe ihren Platz, denen sich, in konzentrischer Abfolge, die Anwesen der genealogisch nächstjüngeren Verwandtschaftsverbände anschlossen, bis hin zur Peripherie mit den Verschlägen und Hütten der Randständigen. Die Siedlung selbst umschlossen zunächst, noch dem Gruppenterritorium zugehörig, die Feldflur, dann Busch und Wald, die bereits in die Exosphäre übergingen, darauf die unwegsame, von gefährlichen Tieren, Ausgestoßenen, unzivilisierten barbarischen Völkern, Dämonen und Ungeheuern bewohnte Wildnis und schließlich der Randbereich der Erde und der rings ihn umflutende Ozean, in denen beiden die verbliebenen Monsterkreaturen der Urzeit hausten.« (Müller 2010, S. 422 f.)

The Tactical Virtues

Ob in der archaischen oder der weiterentwickelten Form: in allen Fällen ist die »Exosphäre« der Zuständigkeitsbereich der Männer, in dem sie sich bewähren müssen. Ultimatives Kriterium dieser Bewährung ist nicht irgendeine Moral, sondern der Erfolg als solcher. Aus diesem Grund bezeichnet Donovan die elementaren Werte der Männlichkeit als »taktische Tugenden«, von denen es seiner Ansicht nach vier gibt: Stärke, Mut, Können und Ehre.

»Strength, Courage, Mastery, and Honor are simple, functional virtues. (…) They are amoral, but not immoral. Their morality is primal and it lives in a closed circle. The tactical virtues are unconcerned with abstract moral questions of universal right or wrong. What is right is what wins, and what is wrong is what loses, because losing is death and the end of everything that matters.« (S. 19)

Diese taktischen Tugenden dienen als Meßskala, anhand derer sich Männer gegenseitig vergleichen. Das führt unweigerlich zu einer Skalierung und Hierarchisierung von Männern hinsichtlich des Grads, in dem sie diesen Tugenden gerecht werden.

»(S)ome men won’t be able to cut it. They will be regarded as less manly and thought of as lesser men. Some men are going to get their feelings hurt. That’s not fair, but fairness is a luxury that men can ill afford in dire times.« (S. 20 f.)

Donovan legt aber Wert auf die Feststellung, dass Männer auf diese Weise nicht dazu verurteilt sind, sich ausschließlich in Konkurrenz aufzureiben, sondern dass diese Konkurrenz durch die Notwendigkeit zu und ein Interesse an Kooperation wieder ausbalanciert wird, weil die primäre Gang immer wieder auf externe Herausforderungen und Bedrohungen treffen wird.

»Men aren’t wired to fight or cooperate, they are wired to fight and cooperate. (…) Men will constantly shift gears from in-group competition to competition between groups, or competition against an external threat.« (S. 21)

Strength

Körperliche Stärke ist die Voraussetzung aller anderen männlichen Werte in einer Epoche, in der technische Hilfsmittel, die fehlende Stärke aufwiegen könnten, kaum entwickelt sind. Donovan schließt sich den Befunden der Evolutionspsychologie an, denen zufolge geschlechtstypische Merkmale und Verhaltensdispositionen des Menschen das Resultat einer sich über hunderttausende von Jahren hinziehenden Evolution sind. Er liefert für jede der vier Haupttugenden eine als solche gekennzeichnete Definition. Diejenige für »Stärke« lautet:

DEF: »Strength is the ability to exert one’s will over oneself, over nature and over other people.« (S. 29)

Er weist auch darauf hin, dass größere Stärke eine Erfahrung ist, die Männer machen: es sind nicht allein kulturelle Regeln und Erwartungen, die einen Mann die die männliche Rolle sozialisieren, sondern die Erfahrung des eigenen, mänlichen Körpers selbst.

»Physical strength is the defining metaphor of manhood because strength is a defining characteristic of men. (…) The experience of being male is the experience of having greater strength, and strength must be exercised and demonstrated to be of any worth.« (S. 30)

Das Donovan weiß, wovon er spricht, lässt sich unschwer an seinem eigenen männlichen Körper erkennen, den er durch intensives und langjähriges Krafttraining entwickelt hat. Körperliches Training stellt für Menschen wie ihn einen eigenständigen Lebensinhalt dar. Er ist jedoch kein Bodybuilder, dem es primär auf optisch auffällige Muskelentwicklung, sondern ein Kraftsportler, dem es auf Leistungsfähigkeit ankommt. Die Welt der »gyms«, der »Muckibuden«, ist eine eigene Subkultur. Wie sich dieser Wert der »Stärke« in die Praxis umsetzt, sehen wir am Besten an einem Beispiel.

Ein vor allem in den USA beliebt gewordenes Trainingsgerät dieser Subkultur ist die Kugelhantel oder »Kettlebell«. Sie hat den Ruf, ein besonders »männliches« Trainingsgerät zu sein, was zu einem Teil darauf zurückzuführen ist, dass ein unachtsames Training mit ihr eine hohe Verletzungsgefahr birgt, weshalb zu seinem Gebrauch eine strikte Disziplin erforderlich ist, zu einem anderen Teil auf die geschickte Marketing-Strategie des ehemaligen Spetsnaz-Ausbilders Pavel Tsatsulin, der dieses in der alten Sowjetunion weit verbreitete Gerät in den USA bekannt machte. Auf dem Klappentext eines Lehrbuchs wird es so beschreiben:

»Die Kettlebell ist die Kalaschnikow unter den Fitnessgeräten: schlicht, urtümlich und brutal – und enorm wirksam, um Kraft und Ausdauer zu entwickeln.«

Ihre »Männlichkeit« wird besonders hervorgehoben:

»Was ist eine Kettlebell? Es ist eine Kanonenkugel mit einem Griff. Ein kompromissloses, kompaktes Sportgerät. Das Statement: ›Ich habe die Nase voll von euren metrosexuellen Fitnessstudios! Ich bin ein Mann und will auch wie ein Mann trainieren!‹ Ein Kettlebell-Workout wirkt befreiend und ist so martialisch wie ein Schwertkampf. Es ist ein Sinnbild für das, was Ori Hofmekler [ehemaliger Angehöriger der israelischen Spezialkräfte, bekannt durch seinen Ernährungsratgeber »The Warrior Diet« – dj] als ›Kriegerinstinkt‹ bezeichnet.« (Tsatsulin 2015, S. 25)

Die ursprüngliche Kettlebell war ein altes russisches Getreidegewicht mit einer Masse von einem Pud (etwas mehr als 16 kg), das zu sportlichen Zwecken zweckentfremdet wurde. Die russischen Kettlebells wurden in Größen eines Vielfachen dieser 16 kg – typischerweise 1, 1,5 und 2 Pud – hergestellt und in diesen Versionen auch in den USA vermarktet. Da die Kugelhantel jedoch bald auch von den »metrosexuellen Fitnessstudios« entdeckt und in Varianten »für Mädchen« von vier Kilogramm aufwärts angeboten wurde, sind die usprünglichen Versionen nunmehr als »military grade kettlebells« zu erwerben.

Einer von Donovans Podcasts wird vom Bild einer Übung mit der Kettlebell eingeleitet. Dieses Gerät ist insofern die perfekte Symbolisierung der taktischen Tugend »Stärke« als einer praktischen Zielsetzung und Aufgabe. Hier erhalten wir Einblick in den zum risikofreien Exportartikel geschrumpften Charme des russischen Militärs am Beispiel von Pavel Tsatsulin selbst:

Und hier haben wir ein Beispiel für die Gegenrichtung: ein zeitgenössischer russischer Kettlebell-Workout in Wolgograd, vom Einsteller unterlegt mit amerikanischem Rap von Roy Jones Jr.:

Courage

Die zweite Tugend ist der Mut, durch den Stärke gleichsam in Bewegung gesetzt wird. Mut impliziert das in Kauf genommene Risiko, Schaden zu erleiden, und die Überwindung der Angst davor:

DEF: »Courage is the will to risk harm in order to benefit oneself or others. In its most basic amoral form, courage is a willingness or passionate desire to fight or hold ground at any cost (gameness, heart, spirit, thumos). In its most developed, civilized and moral form courage is the considered and decisive willingness to risk harm to ensure the success or survival of a group or another person (courage, virtus, andreia)« (S. 41)

Auch dieser Wert ist innerhalb der männlichen Gang skalierbar – Männer vergleichen und bewerten sich untereinander hinsichtlich ihres Mutes. Mut ist eine taktische Ressource der Gruppe – der Mut jedes Einzelnen entscheidet über den Erfolg der Gruppe bei der Abwehr von Angriffen, bei dem Erreichen von Zielen, aber auch bezüglich der Abschreckung. Mut ist in Sprache und Körpersprache kommunizierbar und kann daher dazu dienen, potentiellen Angreifern ein hohes Risiko im Falle des Angriffs zu signalisieren. Symbolisch zum Ausdruck gebrachter Mut kommuniziert den Grad der Bereitschaft, Widerstand zu leisten. Donovan rekapituliert hier die alte römische Legende von Mutius Scaevola, der vor dem Etruskerkönig Porsenna, den er zuvor vergeblich zu ermorden versuchte, seine rechte Hand im Feuer verbrennen lässt, um den kollektiven Mut des römischen Volkes zu signalisieren – der Legende nach wurde Porsenna dadurch zum Friedensschluss motiviert.

Mut in seiner ursprünglichen Funktion ist wie Stärke amoralisch, weil er auf elementaren, überlebensdienlichen Erfolg zielt. Donovan stellt aber auch sogleich klar, dass diese ursprüngliche Amoralität in komplexeren, zivilisierteren Gesellschaften nicht mehr funktioniert. Spätestens in staatlich organisierten Gesellschaften mit einem legitimen Gewaltmonopol werden die primordialen Äußerungen von Mut nicht mehr von dem Mut und der Stärke anderer Gruppenmitgleider begrenzt, sondern in einer grundsätzlichen Art und Weise gebrochen. Donovan verweist auf Platons »Staat«, in dem der Wächterstand »edlen Hunden« (»gennaios kynos«, »noble puppy«) gleichgesetzt wird:

»Denn du weißt wohl, daß das edler Hunde Art ist, von Natur gegen Hausgenossen und Bekannte so sanft zu sein wie nur möglich, gegen Unbekannte aber ganz das Gegenteil.« (Politeia II, 375e)

Die ursprünglichen Männlichkeitswerte sind in der Moderne noch mehr als in der Antike sinnbildlich an die Kette gelegt. Ihr zivilisationsdienlicher Gebrauch wird nicht mehr dem Zufall überlassen, sondern ist staatlicher Kontrolle unterstellt. Die männliche Existenz in der modernen Gesellschaft ist eine tragische:

»One of the great tragedies of modernity is the lack of opportunity for men to become what they are, to do what they were bred to do, what their bodies want to do. They could be Plato’s noble puppies, but they are chained to a stake in the ground – left to the madness of barking at shadows in the night, taunted by passing challenges left unresolved and whose outcomes will forever be unknown.« (S. 42)

Mastery

Die dritte männliche Kardinaltugend ist »Können«, »Meisterschaft« oder, wie Martin Lichtmesz frei übersetzt, »Kompetenz«. Sie verkörpert den alten Satz, dass eine Frau ist, was sie ist, und ein Mann ist, was er tut – das heißt auch: wie und auf der Höhe welcher Fähigkeiten er etwas tut. Donovan nimmt zur Kenntnis, dass die männliche Rolle, seine »Stellenausschreibung«, über die Zeiten und Kulturen hinweg wechselt, aber er besteht darauf, dass sie einen anthropologisch unveränderlichen Kern hat: dass Männer »selbsttragend« sein sollen:

»While the job description for men undeniably changes according to time, place and culture, the primal gang virtue that unifies them all is ›being able to carry yout own weight.‹ (…) A child is a child, but an incompetent adult is a beggar. (…) The bare minimum required for moving from dependence to interdependence is competence and self-sufficiency – the ability to carry one’s own weight.« (S. 46 f.)

Ein erwachsener, vollwertiger Mann ist jemand, der unmittelbar zu der Gang, und mittelbar zur Sippe, der er angehört, etwas beiträgt, das über seine bloße Subsistenz hinausgeht. Anders als eine Frau muss ein Mann seine Existenz rechtfertigen, um Anerkennung als Mann zu finden. Er muss also für sich selbst sorgen können, um Gang und Sippe nicht zur Last zu fallen. Zum Teil wird die Subsistenz des Mannes durch seine Familie gewährleistet, wo er an den Früchten des weiblichen Sammelfleißes teilhaben kann, zum Teil durch Redistribution von Jagdbeute untetr Männern. Dauerhaften und regelmäßigen Misserfolg kann sich jedoch kein Mann leisten, ohne seine Kompetenz, ein Mann zu sein, in Frage gestellt zu sehen. In primitiven Gesellschaften ist die Wertschätzung, ein gute Mann zu sein (»being a good man«), identisch mit der Wertschätzung, gut darin zu sein, ein Mann zu sein (»being good at being a man«, S. 23). Erst im weiteren Verlauf der Zivilisationsgeschichte entkoppeln sich beide Wertungen. Die Unterscheidung »between being a good man and being good at being a man« (S. 23) ist eine Schlüsselunterscheidung von Donovan, die an der Wurzel seiner (noch näher zu erläuternden) Antinomie von Anthropologie und Geschichte steht.

Donovans Definition des »Könnens« lautet folgendermaßen:

DEF: »Mastery is a man’s desire and ability to cultivate and demonstrate proficiency and expertise in technics that aid in the exertion of will over himself, over nature, over women, and over other men.« (S. 48)

Man kann dies auch als »Streben nach Tüchtigkeit« umschreiben. Die Definition erinnert an Hannah Arendts Umschreibung der entsprechenden Ansicht Heraklits sowie des Handlungsraums der griechischen Polis:

»So verläuft der Unterschied zwischen Mensch und bloßem (tierischen) Lebewesen mitten durch das Geschlecht der Menschen: nur die ›Besten‹, die zudem ständig sich als die ›Besten‹ erweisen müssen …, und zwar dadurch, daß sie ›den immerwährenden Ruhm den sterblichen Dingen vorziehen‹, sind mehr als bloße Lebewesen; die Vielen, zufrieden mit dem was die Natur ihnen gewährt, leben und sterben wie Tiere.« (Arendt 2002, S. 30) »(D)ie Polis, also der öffentliche Raum selbst, war der Ort des heftigsten und unerbittlichsten Wettstreits, in dem ein jeder sich dauernd vor allen anderen auszeichnen mußte, durch Hervorragendes in Tat, Wort und Leistung zu beweisen hatte, daß er als ein ›Bester‹ lebte.« (a.a.O. S. 53)

Donovan selbst formuliert das – mutmaßlich ohne Heraklit oder Arendt zu kennen – sehr ähnlich:

»Strength, gameness, and competition for status are all present in animals, but it is the conscious drive to master our world that differentiates men from beasts.« (S. 49)

Die Skala der Fertigkeiten ist freilich in dem Maße mehrdimensional, in dem es zu einer Arbeitsteilung auch der als ehrenhaft geltenden Tätigkeiten kommt. Erinnern wir uns daran, dass die kunstferigen Schmiede der indoeuropäischen Sage oftmals behindert sind: Mime ist ein Zwerg, Hephaistos hinkt, Wieland werden die Sehnen der Kniekehlen durchtrennt, während der Makel des rigvedischen Tvashtri in seiner sexuellen Gier besteht, also moralischer Natur ist. Die Anerkennung dieser mythischen »mängelbehafteten« Männer beruht auf ihrer Kunstfertigkeit und der Bedeutung ihres »Gewerbes« für die Kriegergemeinschaft.

»Mastery can also be a compensatory virtue, in the sense that a weaker or less courageous man can earn the esteem of his peers by providing something else of great value (…) It is mastery more often than brute strength that allows the elite to rule.« (S. 49)

Honor

Der Begriff der Ehre ist ein soziologischer Grundbegriff, der besonders bei Max Weber und Pierre Bourdieu eine große Rolle spielt. Donovan versucht auch hier, eine anthropologische Kernbedeutung herauszupräparieren. In diesem Kern ist Ehre mit dem Begriff der »Unantastbarkeit« verbunden, also letztlich der Fähigkeit, aus eigener Kraft die eigene körperliche und psychische Integrität zu wahren:

»Reflexive honor is the primitive desire to hit back when hit to show that you will stand up for yourself.« (S. 52)

Das Gleichsheitsideal ist nur eine dünne Schicht über der Tendenz zur Hierarchiebildung:

»American men profess the creed of equality, but if you put a bunch of American men in a room or give them a job to do, they work out their Lord of the Flies hierarchies in the same way that men always have. The religion of equality gives way to the reality of meritocracy«. (S. 54)

»The thought of a system where females had an equal say has been unthinkable to all but a few before our time. Men have always ruled, and men have always determined what behaviors were honored and what behaviors were considered dishonorable.« (S. 55)

»Honor relies on face-to-face connections and the possibility of shame or dishonor in the eyes of other men.« (S. 56)

Das ist eine außerordnetlich wichtige Definition, weil sie mit einer weiteren soziologischen Basisunterscheidung zu tun hat: der Unterscheidung zwischen »Gemeinschaft« und »Gesellschaft«. Seit Ferdinand Tönnies diese Unterscheidung in dem gleichnamigen Buch von 1887 gezogen hat (vgl. Tönnies 1979), stellt sie in unterschiedlichen Variationen eines der, wenn nicht das soziologische Grundproblem dar: das Problem des Übergangs von einer kleinen, lokalen, auf direkter Kommunikation zwischen Anwesenden beruhenden »Gemeinschaft« zu einer großen, komplexen, auf indirekter und vermittelter Kommunikation beruhenden »Gesellschaft«. Für Donovan stellt sich dieses Problem als Problem der Übergangs von einer auf direkter Kommunikation beruhenden männlichen Gang und der ihr entsprechenden Sippe, deren Erwartung an Männer darin besteht, in einer anthropologisch klar umrissenen Weise gut darin zu sein, ein Mann zu sein, zu einer Zivilisation, in der es in einer zeitlich und kulturell variablen Weise nur noch darauf ankommt, ein guter Mann zu sein. Wir kommen unten darauf zurück. Nehmen wir zunächst wieder seine Definition des Ehrbegriffs zur Kenntnis:

DEF: »Honor is a man’s reputation for strength, courage and mastery within the context of a honor group comprised primarily of other men. Stated as a masculine virtue: Honor is a concern for one’s reputation for strength, courage and mastery within the context of a honor group comprised primarily of other men.« (S. 57)

Lichtmesz (Donovan 2016b) übersetzt »concern« hier als »Bemühen«, ich möchte es lieber als Sorge übersetzen. Ein Mann sorgt sich um seine Reputation, sie ist vergänglich, nicht selbstverständlich, sie muss, mit dem Wort des Begründers der modernen Karate, wie eine Kampfkunst stets erneuert werden: »Karate ist wie kochendes Wasser: Ohne Hitze fällt es in einen lauwarmen Zustand zurück.« (Funakoshi 2007, S. 65) Sorge bezeichnet zugleich die rezeptive Seite der wachsamen Wahrnehmung des Mangels und die aktive Seite der dem Mangel abhelfenden Tätigkeit. Das gilt nicht nur für den Wert der »Meisterschaft«, es gilt auch für den Wert der Ehre selbst, der gewissermaßen den reflexiven Zustand der beständigen Selbstüberprüfung des Mannes an den Werten darstellt, nach denen er andere bewertet und nach denen er selbst bewertet wird. Dabei sind die Männlichkeitswerte relational: sie implizieren stets ein Besser oder Schlechter und enthalten stets den Ansporn, nach dem Besseren zu streben. Auf diese Weise wird die inhärente Instabilität der männlichen Ehre zu einer Energiequelle und in einem gewissen Sinne zu jenem Kraftwerk, das die menschliche Kultur in beständiger Unruhe hält – im produktiven wie im destruktiven Sinn.

Dieser dynamische Charakter lässt das Männlichkeitsideal im Sinne einer regulativen Idee wirken, als eine Idee, die nirgends vollkommen verwirklicht sein muss und nirgends vollkommen verwirklicht sein kann und genau darum eine beständiges Gravitationsfeld entwickelt:

»Because masculinity and honor are by nature hierarchical, all men are in some way deficient in masculinity compared to a higher status man. (…) Masculinity in the perfect ideal is aspirational, not attainable. The point is to be better, stronger, more courageous, more masterful – to achieve greater honor.« (S. 58)

Dass die männliche Ehrenmoral zugleich »hierarchical« und »aspirational« ist, bedeutet auch, dass ihr hierarchischer Aspekt gegen ein anderes Prinzip ausbalanciert wird. Die hierarchische Männlichkeit hat die paradoxe Eigenschaft, mit einer Männlichkeit »unter Gleichen« vereinbar zu sein: der Grund ist, dass der Ehrenkodex, der eine Hierarchisierung gestattet, zugleich für alle Mitglieder der Gruppe gleichermaßen gilt. Die männliche Ehrenmoral ist das Gesetz, vor dem alle Angehörigen derselben Gruppe gleich sind, indem sie es allen gestattet, nach demselben Ideal der Männlichkeit zu streben. »Besser« oder »schlechter« sind Männer im Vergleich zu anderen Männern nur im Hinblick auf einen für alle gleichermaßen geltenden Maßstab. Nur das Ideal der Männlichkeit steht höher als jeder individuelle Mann. Die Qualitäten der Männlichkeit sind damit nicht nur vergleichbar, sondern auch testbar – gegebenenfalls im Zweikampf. Die männliche Ehrenmoral impliziert, dass der Erste stets nur ein »Erster unter Gleichen« ist, denn er ist gegen einen Besseren jederzeit austauschbar. Die Idee des absoluten Königtums, einer absoluten Hierarchie ist daher aus Konzepten der Männlichkeit nicht ableitbar. Kein Mann ist mit solchem Abstand besser darin, ein Mann zu sein als andere Männer, als dass er die ganze Skala sprengen könnte. Eine Hierarchie unter Männern ist auf diese Weise paradoxerweise zugleich die Wurzel der Demokratie: weil sie eine Hierarchie auf Widerruf ist.

Eine absolute politische Rangordnung entsteht demgegenüber nicht auf der Grundlage individuell zurechenbarer und im Wettstreit empirisch überprüfbarer Männlichkeitswerte, sondern auf der Zuweisung einer besonderen Nähe zur Sphäre des Göttlichen zu einer Lineage, zu einem Verwandtschaftsverband, der auch Frauen einbezieht. Sie beruht auf Vorteilen oder Machtpositionen, die ein bestimmter Verwandtschaftsverband in struktureller Hinsicht innerhalb einer bevölkerungsdichten, sesshaften und über wirtschaftliche Subsistenz deutlich hinausentwickelten, »Surplus« verfügbar machenden Gemeinschaft innehat. Um einen Anführer vollständig aus der messbaren und »testbaren« Skala männlicher Kompetenzen herauszuheben, bedarf es der Zuschreibung eines besonderen göttlichen Charisma, einer Qualität auf einer gänzlich eigenständigen Skala der »Gottesnähe«. Gottesnähe und Frömmigkeit sind eine Skala, auf der das Prinzip des »being good at being a man« erstmals durch das Prinzip des »being a good man« abgelöst wird. Gesellschaften mit hoher Bevölkerungsdichte sind darauf angewiesen, die ehrgetriebene Konkurrenzdynamik zwischen Männern wenigstens ein Stück weit stillzulegen, zu domestizieren. Der fromme Mann unterwirft sich und seine Männlichkeit einem höheren Prinzip. Wir müssen uns dazu nicht ins Zeitalter der sogenannten Hochreligionen begeben, die in der Zeit ab 500 v. Chr. zu entstehen beginnen: bereits der Staat des Alten Ägypten beruht auf diesem Prinzip, und hat es zu einer frühen Perfektion entwickelt. Es ist das früheste in den Quellen belegte Beispiel einer auf der »Gottesnähe« einer ganzen Gesellschaft beruhenden Gesellschaftsordnung. (vgl. Assmann 1984)

Da die Maßstäbe der männlichen Ehrenmoral nicht beliebig sind, kann es aber auch Männer geben, die ihnen in eklatanter Weise nicht gerecht werden, und es kann Männer geben, die sich ihr ausdrücklich – »flamboyant«, wie Donovan sagt – verweigern. Das Gegenteil von Ehre ist Unehrenhaftigkeit, »dishonor«, aber sie kann in einer »defizienten« und einer »flamboyanten« Variante auftreten (Lichtmesz übernimmt »flamboyant« unübersetzt ins Deutsche).

DEF: »Deficient masculinity is simply a lack of strength, courage or mastery.« (S. 58)

Defizitäre Männlichkeit stellt noch keinen Bruch mit dem Ideal dar und ist daher zwar unerwünscht, aber noch nicht skandalös. Sie ist innerhalb gewisser Grenzen tolerierbar und kompensierbar, solange sie ihren Mangel nicht zum Prinzip erhebt. Anders verhält es sich bei Verweiblichung oder »Weibischkeit«. Eine klassische Anklage auf »Weibischkeit« sind die im Jahre 33 v. Chr. von Octavian gegen Marcus Antonius erhobenen Vorwürfe

»Er war so sehr Sklave seiner Leidenschaft und Trunksucht, dass er nicht einen Gedanken an seine Verbündeten oder seine Feinde verschwendete. Zwar stimmt es, dass er sich ernsthaft seinen Pflichten widmete, solange er ein Untergebener gewesen war und nach den höchsten Preisen gestrebt hatte, aber jetzt, wo er an der Macht war, achtete er nicht mehr auf diese Dinge, sondern schloss sich Kleopatra und ganz allgemein den Ägyptern an, in einem Leben in luxuriöser Leichtigkeit, bis er völlig demoralisiert war.« (Cassius Dio, zit. n. Stuttard/Moorhead 2012, S. 98)

Dass diese Vorwürfe auf politischer Propaganda beruhten anstatt auf der Realität, tat ihrer Wirksamkeit keinen Abbruch.

»What we often call effeminacy is a theatrical rejection of the masculine hierarchy and manly virtues. Maculinity is religious, and flamboyantly dishonorable men are blasphemers. Flamboyantly dishonor is an insult to the core values of the male group. (…) Flamboyant dishonor is an openly expressed lack of concern for one’s reputation for strength, courage and mastery within the context of an honor group comprised primarily of other men.« (…) Flamboyant dishonor is a little bit like walking into that room full of men who are trying to get better at jiu-jitsu and insisting that they stop what they are doing and pay attention to your fantastic new tap-dancing routine.« (S. 60 f.)

Donovan nennt uns aber auch ein reales, zeitgnössisches Beispiel für sein Verständnis von »flamboyanter Unehrenhaftigkeit« – den amerikanischen Soziologen mit einem Schwerpunkt in den »Men’s Studies« Michael Kimmel:

»Kimmel, for instance, is heterosexual but flamboyantly dishonorable. His wrists are limp, his gestures are airy, his demeanor is precious, and he has devoted his entire career to the open rejection of the manly virtues and a persistent devaluing of male honor codes. I do not need to insult him. None of these qualities are negative according to his own views, and I am certain he is proud of his life’s work. He is a perfect example of a heterosexual male who flagrantly rejects the gang virtues of strength, courage, mastery, and honor.« (S. 62)

Flamboyant unehrenhafte Männer werden aus der Gang ausgestoßen, da sie ihre Fähigkeit beeinträchtigen, Stärke und Einigkeit zu demonstrieren.

»By expelling effeminate males from the gang or by shaming them and pushing them to the fringes of a particular group, the group projects strength and unity.« (S. 62 f.)

An dieser Stelle haben wir Donovans Umriss der fundamentalen Männlichkeitswerte abgeschritten. Mindestens soweit wir diese Werte auf primitive und vorhochkulturelle Gesellschaften beziehen, sind sie auch anthropologisch plausibel. Donovans in meinen Augen bemerkenswerte Treffsicherheit bei ihrer Beschreibung scheint mir daher zu rühren, dass er in seinem persönlichen Leben sehr viel Wert darauf legt, solche Werte zu verwirklichen. Nicht nur nimmt er den Wert der Entwicklung von körperlicher Stärke sehr ernst – er sucht auch den Anschluss an Gemeinschaften, die diese primordialen Männlichkeitswerte als Gruppe pflegen. Er gehört seit einigen Jahren einer nordisch-neuheidnischen Vereinigung an, den »Wolves of Vinland«. Lässt man die politischen Aspekte der in solchen Gruppen gepflegten Weltanschauungen – vorerst – beiseite, dann wirken solche Gruppen wie eine sich selbst besonders ernst nehmende Mischung aus experimenteller Archäologie und frühmittelalterlichem Reenactment. Sie versuchen, die Werte und Sozialformen ursprünglicher männlicher »Gangs« – Jagd- und Kriegsgruppen – im eigenen Leben nachzustellen. Das ist im Grundsatz darum möglich, weil wir anthropologisch gesehen immer noch dieselben Männer sind wie vor fünfzehnhundert, dreitausend und zehntausend Jahren. Der Selbstversuch ist daher ein legitimes Mittel, archaische Lebensformen in der Praxis zu explorieren. Inwieweit solche neuheidnischen Rituale im Einzelnen historisch akkurat sind, müssen wir hier nicht diskutieren. Gruppen wie die »Wolves of Vinland« haben keinen historischen Dokumentationsanspruch, sondern zielen auf eine Wiedererschaffung von Lebensweisen eines bestimmten Typs für die moderne Zeit.

Wir können das vorerst auf sich beruhen lassen, zumal wir die politisch-weltanschaulichen Probleme dieses maskulinen Neopaganismus schwerpunktmäßig im dritten Teil dieser Serie erörtern werden. Vorerst wollen wir der Argumentation von »The Way of Men« weiter folgen, und diese zielt von nun an immer stärker auf eine Gegenüberstellung der bis hierhin dargelegten fundamentalen Männlichkeitswerte mit der modernen Zivilisation ab. Der Gang der Zivilisation ist im historischen Längsschnitt dadurch gekennzeichnet, dass er die auf der primitiven Gemeinschaft lastenden Überlebenszwänge schrittweise erleichtert.

»In less dire times, as opportunities for men to demonstrate the tactical virtues decrease, honor broadens its scope. (…) When there is less hunting and fighting to do, men attempt to increase their value to other men by showing that they are goog people or good citizens – good members of the tribe. They try to show that they are good men. Earning and keeping a reputation as a good man overlaps conceptually with honor (…) Being a good man is related to honor, but it is not the root of honor.« (S. 64)

Zivilisation ist gewissermaßen ein Trick, um Männer dazu zu bringen, die ursprünglichen Bewertungsmaßstäbe für Männlichkeit auf ein abstrakteres, weniger unmittelbar physisches, intellektuelleres Niveau zu heben und an stellvertretende Instanzen zu übertragen. Nicht mehr der direkte Vergleich von Männern untereinander bestimmt ihre Qualitäten, sondern eine moralische Instanz, die Grundsätze der kollektiven Lebensführung aus einer davon unabhängigen, üblicherweise religiösen Quelle herleitet. Gut darin zu sein, ein Mann zu sein und ein guter Mann zu sein ist nicht mehr dasselbe, und beides kann in einen Konflikt miteinander geraten. Das ist der Sündenfall der Zivilisation aus der Perspektive der männlichen Gang.

On Being a Good Man

Donovan verteidigt sich zunächst gegen den Einwand, seine Bestimmung taktischer Tugenden sei unzivilisiert und habe keinen Platz für moralische Tugenden:

»Reducing masculinity to a handful of tactical virtues may seem crude, thuggish and uncivilized. What about moral virtue? (…) Men want to believe that they are right, and that their enemies are wrong. To separate us from them, men find moral fault in their enemies and create codes of conduct to distinguish themselves as good men.« (S. 69)

Er verweist auf die große Beliebtheit von Schurken in Filmen und Computerspielen:

»Despite the moral posturing, men are attracted to these characters precisely because they are manly. Bad guys tend to operate in brutal, indelicate, and unmoderated boys‘ clubs, and they seem to be particularly concerned with the business of being a man. Gangsters are status conscious, aggressive, tactically-oriented, ballsy, brother-bonded men’s men. (…) They are not good men, but they are good at being men.« (S. 70 f.)

An einer späteren Stelle im Buch (die ich hier ausnahmsweise vorziehe) verweist er auf einen Grundwiderspruch in den Handlungssträngen der Star Trek-Serie:

»It has always been striking to me that even in our most popular visions of the future, we have been unable to eliminate conflict. Take Star Trek, for instance. On the surface, Star Trek is a modernist, feminist, egalitarian dream. Men and women and people of all races work side-by-side in a one-world meritocracy that seeks peace across the universe. But our fantasy isn’t the peace, it’s the conflict. Without some conflict between us and them, there is no plot. On Star Trek, they’re always fighting someone.« (S. 119)

Auch die moderne Zivilisation überwindet die alten, evolutionär geprägte Grundmuster der Wahrnehmung und des Verhaltens nicht. Auch die imaginierte Frontier des Weltraums ist ein archaischer Perimeter, der »uns« von »denen« trennt. Der Unterschied zu früheren Zeiten ist, dass die ursprünglichen, elementaren Bedrohungsszenarien heute weitgehend verschwunden sind und nur noch als Imagination, als stellvertretende (»vicarious«) Aktivitäten eine Rolle spielen. Donovan spielt hier – ob nur faktisch oder absichtlich – auf die uns wohlbekannten Themen der »Jungenkrise« und der »Men on Strike« an:

»Over the past few decades, Americans have transitioned to a service economy and educators treated boys like naughty girls with attitude problems. Males have beome less interested in educational achievement, less engaged in political life, less concerned about careers, and more interested in forms of entertainment that feature vicarious gang drama – like video games and spectator sports.« (S. 75)

Es gibt einen grundsätzlich Konflikt zwischen der Norm des being a good man, die darauf hinausläuft, eine kastrierte Rolle in der Zivilisation einzunehmen, und der Norm des being good at being a man, die den an Überlebenskämpfen geschulten natürlichen Impulsen des Mannes entspricht:

»Being a good man has to do with ideas about morality, ethics, religion, and behaving productively within a given civilizational structure. (…) Being good at being a man is about being willing and able to fulfill the natural role of men in an survival scenario. (…) Being good at being a man isn’t a quest for moral perfection, it’s about fighting to survive.« (S. 78 f.)

Donovan charakterisiert die moderne Gesellschaft daher tendenziell negativ: nicht der Wegfall einen harten Überlebensdrucks (der sich in einem weiten Sinn als »Emanzipation« fassen ließe) ist ihr Hauptmerkmal, sondern ihr Kontrollbedarf in Bezug auf eine ursprüngliche Männlichkeit:

»Gangs of men with separate identities and interests of their own are always a threat to established interests. To protect the interests of those who run our civilized, highly regulated world, men and women are mixed to discourage gang formation. Feminists, pacifists, and members of the privileged classes recognize that brother-bonded men who are good at being men will always be a threat … . There is a call to do away with what even the United Nations has deemed ›outmoded stereotypes‹ of masculinity that are associated with violence. (…) So-called experts talk about manhood like it was last year’s fad, in part because they subscribe to convenient but discredited blank slate theories about gender«. (S. 80 f.)

Die Frage, ob der Wegfall eines harten Überlebensdrucks einen Fortschritt oder eine Form von Emanzipation darstellt, stellt sich für Donovan allenfalls nebenbei, aber nicht systematisch. Wir wissen aus »Androphilia« bereits, dass ihm der Emanzipationsgedanke nicht grundsätzlich fremd ist, denn die historische Leistung einer Emanzipation der Homosexuellen erkennt er dort ausdrücklich an. Je weiter der Argumentionsgang von »The Way of Men« voranschreited, desto deutlicher erkennen wir den eigentlichen Zielpunkt seiner Kritik:

»To protect and serve their own interests, the wealthy and privileged have used feminists and pacifists to promote a masculinity that has nothing to do with being good at being a man, and everything to do with being what they consider a ›good man‹. Their version of a good man is isolated from his peers, emotional, effectively impotent, easy to manage, and tactically inept.« (S. 82)

Halten wir einen Teil dieses Satzes noch einmal gesondert fest: »the wealthy and privileged have used feminists and pacifists«. Hier wird zum ersten Mal erkennbar, dass eine zentrale von Donovan benannte Konfliktlinie primär überhaupt nichts mit dem Geschlechterverhältnis zu tun hat. Meiner Meinung nach findet hier eine entscheidende Weichenstellung statt – eine von der Art, nach der ich in meiner Ankündigung dieser dreiteiligen Serie zu suchen erklärt habe. Ohne dass Donovan dies explizit benennt, und wie ich glaube auch ohne dass er sich darüber analytisch im Klaren ist, wird seine Abhandlung der Geschlechterthematik von einem anderen Thema überlagert, dass ich um der Einfachheit und der Pointierung willen als das Thema der Klassenkämpfe bezeichnen möchte. Dieses Thema wird unfreiwillig dadurch verschleiert, dass Donovans Argumentation strikt aus einer männlichen Perspektive erfolgt. Das ist nicht grundsätzlich falsch, aber sein Gesamtbild greift dadurch, wie wir auch weiterhin sehen werden, um eine unerlässliche analytische Differenzierung zu kurz.

»Primitive«, also im eigentlichen Sinne ursprüngliche Männlichkeit ist für Donovan kein Defizit, kein Mangel an Zivilisiertheit und Moral, sondern eine Quelle des Widerstands gegen die Vereinnahmung durch fremde Interessen:

DEF: »A man who is more concerned with being a good man than being good at being a man makes a very well-behaved slave.« (S. 82)

Bereits an dieser Stelle wird aber auch erkennbar, in welche Richtung der von Donovan anvisierte Ausweg aus dem zivilisatorischen Dilemma liegt: in einem offenbar zyklischen Weltbild, das den schließlichen Fall der Zivilisation beinhaltet:

»Civilized masculinity requires male gang dramas to become increasingly controlled, vicarious, and metaphorical. Human societies start with the gang, and then grow into nations with sports and a climate of political, artistic, and ideological competition. Eventually – as we see today – average men end up with economic competition and a handful of masturbatory outlets for their caged manhood. When a civilization fails, gangs of young men are there to scavenge its ruins, mark new perimeters, and restart the world.« (S. 82)

Dazu passt auch, dass Donovan die moderne Zivilisation mit dem Aufstieg und Fall des Römischen Reichs analogisiert:

»Rome was founded by a gang, and it behaved like a gang. (…) Then it openly arrogated itself the title of Empire … . Rome slowly collapsed from the inside as it became a giant, pointless, corrupt economic machine. The Roman machine, like the American economic machine, could no longer embody the virile ethos of the small bands of rebellious men responsible for its creation. (…) The story of Rome is the story of men and civilization.« (S. 92)

Hier wird meines Erachtens ersichtlich, dass Donovan sich mit seiner oben genannten Weichenstellung in eine Situation manövriert, in der eine vorwärtsgerichtete, konstruktive Reform der Zivilisation keine Option und Perspektive darstellen kann. Die Zivilisation und ihr Gegenbild, das er sich in seinem nächsten Buch ausdrücklich als »Barbarei« zu eigen machen wird, stellen bei ihm eine alternativlose Dichotomie dar. Meines Erachtens ist es jedoch sehr wohl möglich, hier in eine andere Richtung abzuzweigen: wir können Donovans Berufung auf die (männliche) Natur, auf eine ursprüngliche Männlichkeit, im Sinne einer Berufung auf das Naturrecht auffassen: die menschliche Natur ist das Korrektiv fehlgeleiteter oder fehlkonstruierter Institutionen. (Genauerhin ist dies eine Berufung auf die naturrechtlich begründete Vertragstheorie, denn Naturrecht per se bezeichnet nur den Typus eines Arguments, das die Existenz sozialer Institutionen zu Aussagen über die Natur des Menschen in Beziehung setzt, ohne inhaltliche Festlegungen zu treffen; auch die theologische Begründung der weltlichen Herrschaft aus dem menschlichen Sündenstand ist eine Form des Naturrechts.) Die Pointe, um die es mir hier geht, lautet, dass die politische Berufung auf einen Naturzustand den Zweck hat, zu faktisch bestehenden Institutionen ein Korrektiv zu formulieren und ihre Reform zu fordern, nicht aber, in einen Naturzustand zurückzukehren.

»Zivilisation« ist einerseits kumulativ, andererseits nicht linear, sondern auf stete Revisionen und Neuansätze angewiesen. Für diese Revisionen müssen wir nicht den Kollaps der Zivilisation beschwören, es genügt, auf ihr Potential zur Willkür hinzuweisen. »Männlichkeit« in diesem Sinne müsste als eine Reserve, als ein Vorbehalt gegen fehlgeleitete Zivilisation und zugleich eine Quelle ihrer Neukonstruktion beschrieben werden. Nicht die Abschaffung der Zivilisation, sondern ihre Revidierbarkeit und Rekonstruktion aufgrund demokratisch legitimierter Rechtssetzung wäre dann die naheliegende Konsequenz. Donovan scheint diesen Gedanken jedoch zu verfehlen. Nicht die Idee der Erneuerung, sondern die Idee der Abwicklung scheint sein Denken zu bestimmen, das heißt: die Erneuerung nach einem Zusammenbruch. Das impliziert aber die Aufgabe der kumulierten zivilisierten Errungenschaften und damit den Zwang, die Geschichte als Geschichte dieser Kumulation zu wiederholen.

Donovan beschreibt den (männlichen) Naturzustand und die Zivilisation, mithin anthropologische Fundierung und geschichtlichen Ablauf als Dichotomie. Im zyklischen Modell ist das Verlassen des Urzustandes bereits der Sündenfall, der den schließlichen katastrophalen Rückfall in den Ausgangszustand notwendig impliziert. Eine andere Möglichkeit besteht darin, »Anthropologie« und »Geschichte« als zwei Achsen eines Koordinatensystems aufzufassen – die horizontale X-Achse als die historische Zeit, und die vertikale Y-Achse als die Skala des verwirklichten anthropologischen Potentials. Dieses Potential können wir – beispielsweise – in zwei Dimensionen messen: als kumuliertes technisches Wissen, das unsere Unabhängigkeit von der Natur und die Entfaltung unserer Produktivkräfte begründet, und als Niveaus der moralischen Entwicklung im Sinne der Entwicklungspsychologie, also den Entwicklungsgang des Menschen als homo faber und als animal symbolicum. In diesem Modell gibt es einen »Wagenhebereffekt«, der dafür sorgt, das auch bei temporären Rückschlägen des Zivilisationsprozesses keine zyklische Rückkehr an die Nullkoordinaten des Systems, sondern das Verlassen eines bloß lokalen Optimums erfolgt, und entsprechend eine lokale Korrektur, aber kein Gesamtverlust.

Wir überspringen nun einen weiteren Abschnitt, in dem Donovan darlegt, wie die Zivilisation die ursprüngliche Männlichkeit durch Ersatzangebote wie simulierte, stellvertretende und intellektualisierte Männlichkeit domestiziert, damit sie für die Zivilisation keine Gefahr mehr darstellt. Nur soviel sei gesagt, dass Donovans Perspektive das Gegenteil jener feministischen Perspektive darstellt, die »traditionelle« Männlichkeit tatsächlich als »Gefahr für die Zivilisation« betrachtet, während Donovan darin eine Quelle des Widerstands gegen privilegierte Klassen sieht, ohne den Klassen- oder Schichtbegriff aber tatsächlich zu verwenden.

The Bonobo Masturbation Society

Donovans Argumente stehen nicht im luftleeren Raum, sondern nehmen mehrfach Bezug auf Autoren der »Men’s Studies«, darunter Michel Kimmel und Robert/Raewyn Connell. Ein weiteres Buch, auf das sich Donovan bezieht, ist »Demonic Males« eine Arbeit von Richard Wrangham und Dale Peterson, die in ihrer Suche nach den Ursprüngen der menschlichen, also männlichen Aggressivität einen Vergleich zwischen den Sozietäten der Schimpansen (pan troglodytes) und der Bonobos (pan paniscus) beziehen – er kontert die positive Einschätzung der Bonobo-Sozialität durch die Autoren mit einer sarkastischen Beschreibung unserer modernen, zeitgenössischen Gesellschaft als einer »Bonobo-Masturbationsgesellschaft«.

Schimpansen und Bonobos weisen stark unterschiedliche und typologisch gegensätzliche Sozialformen auf: Schimpansen gehen auf die Jagd (auf kleinere Affenarten wie den Roten Stummelaffen),kämpfen untereinander um knappe Ressourcen und den Zugang zu Weibchen, führen »Kriege« gegen andere Schimpansengruppen und absorbieren deren Weibchen in die eigene Gruppe, üben statusbedingte Gewalt gegen eigene Weibchen aus und kämpfen innerhalb der Gruppe der Männchen um Status und den Rang des Anführers. Bonobo-Männchen kämpfen nicht um Ressourcen und nicht um sexuellen Zugang zu Weibchen, wissen nicht, wer ihre Kinder sind (das gesamte »parentale Investment« wird von den Weibchen getragen), aggressive Männchen werden von den Weibchen in Schach gehalten, und Weibchen können untereinander dauerhafte Beziehungen inklusive homosexueller Praktiken eingehen: »hoka hoka«. Bonobos leben also gleichsam in einer friedlichen, matriarchalen Idealgesellschaft, während Schimpansen ein repressives und aggressives Patriarchat zu verkörpern scheinen. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Arten scheint das Nahrungsangebot zu sein:

»Bonobos eat many of the same foods that chimpanzees like, and they will eat meat when they find it. However, bonobos don’t share their territory with gorillas, so they are able to eat the kinds of portable herbs that gorillas eat. Wrangham and Peterson believe that this is one of the key differences between chomps and bonobos. Bonobos have a staple food source that is easy to find. They don’t have to compete for resources even when many foods are out of season, so they can more or less relax all yera long in a peace of plenty.« (S. 113 f.)

Bonobos sind sozusagen eine Affen-Überflussgesellschaft und darin unserer modernen Gesellschaft ähnlich. Donovan zieht aber nicht nur dieses Vergleichsmerkmal heran, sondern konstatiert:

»Chimps follow The Way of Men. Bonobos follow The Way of Women.« (S. 112)

Zugleich ist die moderne Gesellschaft ihm zufolge eine Gesellschaft, die mit dem Aufschwung des Feminismus den »Way of Women« als dominantes kulturelles Modell durchgesetzt hat. Donovan kann aber die Spannung zwischen beiden Modellen nicht auflösen: er bezweifelt einerseits, dass ein dauerhafter, weltweiter Frieden in der Realität des modernen Menschen wahrscheinlich ist, und er weist zum anderen darauf hin, dass Männer bei fehlenden Möglichkeiten, sich in existenziellen Grenzsituationen zu prüfen und zu beweisen, eben auf stellvertretende und virtuelle Ersatzsituationen ausweichen. Auf der anderen Seite ist auch nicht erkennbar, dass er die Menschheit tatsächlich ausdrücklich in ein Zeitalter der Kriege zurückwünscht, wie es das Zwanzigste Jahrhundert sozusagen »gerade eben erst« noch gewesen ist. Er belässt es dabei, ein tiefes Unbehagen von Männern zu konstatieren:

»Is it any wonder that some men ask themselves, in lucid moments between masturbating to various forms of vicarious sex and violence, what Betty Friedan wrote that educated housewives were asking themselves in the fifties: ›Is this all?‹ We were born into a peace of plenty, a pleasure-economy, a bonobo masturbation society.« (S. 122)

Sodann schlägt Donovans Argumentation aber eine interessante Richtung ein. Anstelle sich weiter mit dem Thema von Krieg und Frieden zu befassen, wechselt er zum Thema der Erwerbsarbeit:

»(I)n the real world the most meaningful battles will be ›fought‹ between elite bureaucrats and experts and wealthy managers who believe they know what is best, while the rest of us shuffle off to boring, risk-free jobs to do idiot work and stare at the clock, waiting to go home and furiously indulge ourselves in whatever form of vicarious or virtual primitive experience gets us off.« (S. 122 f.)

Sein Thema ist die Entwertung der traditionell typisch männlichen Arbeit, also solcher Arbeit, die den männlichen Körper mit seinen spezifischen Eigenschaften fordert. Bei dieser Gelegenheit deutet er auch an, dass auch sein eigenes Erwerbsleben mindestens gelgentlich auf körperlich fordernder, gering qualifizierter Arbeit besteht:

»It’s hard to find a job doing the kind of back-breaking work our ancestors did. I know, because I’m the kind of person who thinks a temp job digging ditches sounds like fun. I’ve actually looked.« (S. 119)

Und dann setzt Donovan zu einem sarkastischen »Rant« an:

»In the future that globalists and feminists have imagined for themselves, only a few people will actually do anything worth doing. A few people will be scientists, charged with uncovering the mysteries of the universe. A few people will be engineers who dream and design and solve problems. A few people will inhabit a privileged managerial class of financiers and bureaucrats, and they will make all of the decisions that matter for everyone else. (…) Anyone on the left hand side of the bell curve, anyone who makes the wrong choices at the wrong time, anyone who doesn’t jump through the hoops or play the game, anyone who hasn’t been ›properly socialized‹, and anyone who turns down the wrong options for the right reasons will end up doing those drone jobs.« (S. 123 f.)

»In the future that globalists and feminists have imagined, for most of us there will only be more clerkdom and masturbation. There will only be more apologizing, more submission, more asking for permission to be men. There will only be more examinations, more certifications, mandatory prerequisites, screening processes, background checks, personality tests, and politicized diagnoses. (…) There will probably be more Byzantine sexual harassment laws and corporate policies and more ways for women and protected identity groups to accuse you of misconduct. There will be more micro-managed living, pettier regulations, heavier fines, and harsher penalties. (…) If you’re a good boy and you follow the rules, if you learn how to speak passively and inoffensively, if you can convince some other poor sleepwalking sap that you are possessed with an almost unhealthy desire to provide outstanding customer service or increase operational efficiency through the improvement of internal processes and effective organizational communication, if you can say stupid shit like that without laughing, if your record checks out and your pee smells right – you can get yourself a J-O-B.« (S. 125 f.)

Das ist die Voraussetzung, um als vollwertiger Bürger zu gelten, und diese Voraussetzung ermöglicht sodann eine genau spezifizierte Handlungsfreiheit:

»If you’re a good boy, if you’re well groomed and have a J-O-B and you learn to say the right things, maybe you can convince a girl to let you give her a baby and help her pay for it. If that’s not your thing, you can spend yout money getting drunk or busy yourself trying to hump whatever piece of ass strikes your fancy. Sex, after all, is social in the bonobo masturbation society.« (S. 127)

Die Überflussgesellschaft ist zugleich eine »Spaßgesellschaft«.

»There’s nothing wrong with any of these things. All of them are ›fun‹. What is ›fun‹, if not masturbating your primal brain a little? I like having ›fun‹. There’s no harm in a little ›fun‹ which is why it is called ›fun‹ – and not something deadly serious, like ›survival‹ or ›war‹. If that is all, if your life is all about chasing ›fun‹, is that enough? Is this level of civilization – is all of this peace and plenty – worth the cost? (…) We know what The Way of Men has been. Is the way of the bonobo the only way that is left?« (S. 128)

Man könnte Donovan hier verkürzend lesen und behaupten, er trauere bloß einer historisch überlebten, obsoleten, unzivilisierten Form von Männlichkeit hinterher – der Schimpansen-Analogie der Männlichkeit, weil er zu jenen »angry white men« gehöre, denen ihre »männliche Privilegien« verloren gegangen seien und die unfähig seien, ihr inneres Schimpansentum entsprechend dem modernen, feministischen, zukunftsträchtigen Leitbild des Mannes zu reformieren – nämlich der Bonobo-Analogie der Männlichkeit, und die lieber in einen Krieg ziehen würden, weil sie sich in einem friedlichen Leben nicht zurechtfinden. Wer eine solche Kritik Donovans schriebe, dürfte sich einige Hoffnungen darauf machen, sie bei der Heinrich-Böll- oder Gerda-Weiler- oder Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlichen zu können.

Bei genauerem Hinsehen enthält Donovans sarkastische Aufzählung jedoch eine Kritik der Arbeitsgesellschaft des 21. Jahrhunderts – eine sehr subjektive Kritik, die eine »dichte Beschreibung«, aber keine kritischen analytischen Begriffe präsentiert. Diese Arbeitsgesellschaft wird ideologisch beherrscht von »globalists and feminists«, deren universalistische Werte die Basis für eine Reglementierung des Verhaltens abgeben, welche weniger auf den Staatsbürger als vielmehr auf die Wirtschaftssubjekte abzielt. Donovan schildert die Folgen jener Paradoxie, mit der Wirtschaftssubjekte (Arbeitnehmer), deren Natur angeblich der homo oeconomicus sein soll, durch ein dichtes Netz staatlicher und privatrechtlicher Reglementierungen dazu gebracht werden sollen, die Merkmale eben dieses homo oeconomicus als Norm zu erfüllen – eine zirkelschlüssig begründete Norm, die sich als Natur deklariert, um das, was sie als gegeben voraussetzt, erst aktiv herzustellen. Donovan illustriert damit sozusagen die Foucaultsche These von der Realität der bürgerlichen Gesellschaft als einer neoliberalen Gouvernementalität, in der das Wesen des Menschen um den »J-O-B« kreist und in der es an den Kriterien eines »Total Quality Managements« gemessen wird. Der Soziologe Ulrich Bröckling spricht in diesem Zusammenhang von einer »totalen Mobilmachung« des Arbeiters für die Markt-Fitness seiner selbst und seines Unternehmens (Bröckling 2000):

»›Arbeiterautonomie‹, noch in den sechziger und siebziger Jahren eine klassenkämpferische Parole, … ist zum Rationalisierungsinstrument mutiert – freilich nicht ohne die geforderte Selbstbestimmung auf die Verinnerlichung jener Marktmechanismen zu verengen, deren Herrschaft der Kampf um Autonomie einmal brechen sollte. (…) Die proklamierte Freiheit und Verantwortung markieren denn auch keineswegs das Ende der Disziplin des Betriebs. TQM etabliert vielmehr eine Regierungstechnologie, die … den Markterfolg zum kategorischen Imperativ erhebt. In dem Maße, in dem es gelingt, dieses ›moralische Gesetz‹ in jedem Einzelnen zu verankern, werden die traditionellen Mechanismen des Überwachens und Strafens entbehrlich.« (Bröckling 2000, S. 142 f.)

Und:

»In dem Maße, in dem der Einzelne sich als unverwechselbare ›Marke Ich‹ … kreiert, hebt er sich von der Masse ab und vermag die Konkurrenten auszustechen – freilich nur, wenn das persönliche Label zugleich Qualität verbürgt und den Anforderungen der externen Kunden genügt, gleich, ob es sich dabei um potenzielle Arbeitgeber oder um Beziehungspartner handelt. Das totgesagte Subjekt der abendländischen Philosophie, es lebt fort – als Trademark. (…) Die Parallelisierung von Individuum und Unternehmen, wie sie die Selbstmanagementliteratur durchzieht, zielt auf einen Synergieeffekt: Wenn Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit dadurch zu verbessern versuchen, dass sie jeden Mitarbeiter zum Subunternehmer erklären, steigert der Einzelne seine Verwertungschancen am besten dadurch, dass er sich die Verhaltensdispositionen aneignet, die es zur Führung des individuellen Arbeitskraftunternehmens braucht.« (Bröckling 2000, S. 157 ff.)

Das, wogegen Donovan sich sarkastisch wendet, ist das völlig in der Norm des unternehmerischen Selbst aufgehende und damit den Industriestandards des Selbst- und Qualitätsmanagement unterworfene Individuum. Die externen Kontrollmechanismen, auf die Donovan anspielt – »pettier regulations, heavier fines, and harsher penalties« – treffen diejenigen, die sich einem Leben gemäß der Norm des totalintegrierten Wirtschaftssubjekts verweigern, oder die nicht in der Lage sind, diese Norm zu erfüllen. Denn die Aussage Bröcklings: »In dem Maße, in dem es gelingt, dieses ›moralische Gesetz‹ in jedem Einzelnen zu verankern, werden die traditionellen Mechanismen des Überwachens und Strafens entbehrlich« impliziert auch das Gegenteil: diejenigen, die die Befolgung dieses »moralischen Gesetzes« verweigern oder ihm nicht entsprechen können, bleiben den Schikanen und Repressalien der neuen gouvernmentalen Ordnung ausgesetzt.

Ich sehe in dem Umstand dass und der Art wie Donovan dieses Thema aufgreift, einen Schlüssel zum Verständnis von The Way of Men: es wäre grob falsch und verkürzend, ihn ausschließlich als einen maskulistischen Interpreten der zeitgenössischen Geschlechterverhältnisse zu lesen. Pierre Bourdieu hat schon vor dreißig Jahren auf den »Klassencharakter« der von Donovan reklamierten Art von Männlichkeitswerten hingewiesen:

»(D)ie Arbeiterklasse, über nichts als ihre Arbeitskraft verfügend, hat anderen Klassen außer dem Entzug dieser Arbeitskraft nichts entgegenzusetzen als ihre Kampfkraft, die von der körperlichen Kraft und dem physischen Mut jedes einzelnen und von der Anzahl aller abhängig ist, (…) eines der gewiss letzten Refugien der unterdrückten Klassen, die Fähigkeit, ihre eigenen Vorstellungen von idealer Persönlichkeit und von den gesellschaftlichen Beziehungen zu bilden, ist bedroht, wenn der Glaube der Angehörigen der werktätigen Klasse an die Männlichkeitswerte – eine der eigenständigsten Formen ihrer Selbstbehauptung als Klasse – in Frage gestellt ist.« (Bourdieu 1988: 600 f.)

In den Arbeitsbeziehungen des globalisierten Kapitalismus spielen solche Männlichkeitswerte wenigstens in den reichen Industrienationen keine Rolle mehr. Sie wurden zugunsten stromlinienförmiger, zu Selbstoptimierung und Spaßkonsum dressierter Inhaber von Ich-AGs abgeschafft. Der masturbierende Bonobo hat den kämpferischen Schimpansen abgelöst. Die Domestizierung und Stigmatisierung einer selbstbewussten »androphilen« Männlichkeit dient einer Stillegung gesellschaftlicher Widerstandspotentiale. Die Brandmarkung der offenen Gewalt macht den Weg frei für eine Herrschaft einer »sanften«, verdeckten Gewalt weiblichen Typs, deren Existenz im gesellschaftlichen Kontext ebenso geleugnet wird wie im familiären Zusammenhang häuslicher Gewalt – einer Gewalt der shamings und der durchgängigen Abwertung, der strukturellen Gewalt von kafkaesken Situationen des Ausgeliefertseins, in denen der Ochse selbst daran glaubt, dass er aus lauter tugendhaften und redlichen Gründen kastriert wurde und nun zur Schlachtbank geführt wird.

Auch im Rest des Buches iteriert Donovan das Thema des domestizierten Mannes in nachvollziehbaren, ansprechenden Wendungen, ohne jedoch einen überzeugenden Ausweg aus dem Dilemma formulieren zu können. Der Punkt, an dem seine Argumentation schließlich verharrt, ist die Opposition von Globalismus und identitärer Gruppe. Donovan vermag die These vom »Ende der Männer« nur in der Wertung zu spiegeln, nicht überzeugend zu beseitigen. Dieselbe Kritik, die gegen Hanna Rosin formuliert worden ist – »›The End of Men‹ – or the end of class analysis«, trifft auch Donovan, und sie trifft ihn aus demselben Grund. Nehmen wir noch ein längeres Zitat von ihm zur Kenntnis:

»Civilization comes at a cost of manliness. It comes at a cost of wildness, of risk, of strife. It comes at a cost of strength, of courage, of mastery. It comes at a cost of honor. (…) Globalist civilization requires the abandonment of the gang narrative, of us against them. It requires the abandonment of human scale identity groups for ›one world tribe‹. (…) The future being dreamed for us doesn’t require the reimaging of masculinity; it ultimately demands the end of manhood and the soft embrace of personhood that has long been the feminist prescription for this ancient crisis of masculinity.« (S. 139)

Der homo oeconomicus wird sogar ausdrücklich als Kern des Problems benannt, aber ohne die hier mögliche kritische Konsequenz zu erkennen, und mit nichts als der Idee einer Rückabwicklung der Zivilisation als Lösungsvorschlag:

»I’ve been a non-believer all of my life, but I’d drop to my knees and sing the praise of any righteous god who collapsed this Tower of Babel and scattered men across the Earth in a million virile, competing cultures, tribes, and gangs. (…) It’s tragic to think that heroic man’s great destiny is to become economic man, thet men will be reduced to craven creatures who crawl across the globe competing for money, who spend their nights dreaming up new ways to swindle each other. (…) Humanity needs to go into a Dark Age for a few hundred years and think about what it’s done.« (S. 141 f.)

Im dritten Teil werde ich die These erörtern, dass Donovans politische Standpunkte – die wir dann endlich näher kennen werden – aus eben einem solchen Akt einer intellektuellen Kapitulation herrühren: auf die Knie zu sinken und das Lob des gerechten Gottes der Identitätspolitik zu singen. In diesem Kontext werde ich auch auf die der deutschen Übersetzung von The Way of Men beigefügten Kommentare von Martin Lichtmesz und »Raskolnikow« eingehen.

Literatur

  • Arendt, Hannah (2002), Vita Active oder Vom tätigen Leben. München – Zürich: Piper
  • Assmann, Jan (1984), Ägypten. Theologie und Frömmigkeit einer frühen Hochkultur. Stuttgart: Kohlhammer
  • Bourdieu, Pierre (1988), Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
  • Bröckling, Ulrich (2000), Totale Mobilmachung. Menschenführung im Qualitäts- und Selbstmanagement. In: ders./Krasmann/Lemke 2000, S. 131-167
  • Bröckling, Ulrich; Krasmann, Susanne; Lemke, Thomas (2000)(Hrsg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Donovan, Jack (2012), The Way Of Men. Milwaukie: Dissonant Hum
  • Donovan, Jack (2016a), Becoming a Barbarian. Milwaukie: Dissonant Hum
  • Donovan, Jack (2016b), Der Weg der Männer. Mit Beiträgen von Martin Lichtmesz und »Raskolnikow«. Schnellroda: Antaios
  • Funakoshi, Gichin (2007), Karate-do. Die Kunst, ohne Waffen zu siegen. München: Piper
  • Müller, Klaus E. (1989), Die bessere und die schlechtere Hälfte. Ethnologie des Geschlechterkonflikts. Frankfurt a. M.: – New York: Campus
  • Müller, Klaus E. (2010), Die Siedlungsgemeinschaft. Grundriß der essentialistischen Ethnologie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Stuttard, David; Moorhead, Sam (2012), 31 v. Chr. Antonius, Kleopatra und der Fall Ägyptens. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft
  • Tönnies, Ferdinand (1887, 1979), Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft
  • Tsatsouline, Pavel (2015), Kettlebell-Training. Das Fitnessgeheimnis der russischen Spezialeinheiten. München: riva

(Teil 3: »Becoming a Barbarian«)

Popkultur und so. Zum Thema passend: Scheff und Schufutinski, »Baby posledneje delo«: »Weiber kommen an letzter Stelle!« – eine Anspielung auf die unbeweibten Ursprünge der Kosaken.

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10 Antworten zu Der Weg des Jack Donovan. Teil 2: »The Way of Men«

  1. Pingback: Der Weg des Jack Donovan. Teil 1: »Androphilia« | Geschlechterallerlei

  2. quellwerk schreibt:

    Interessant. Sowohl der Inhalt, als dein Zugang dazu. Ich bin gerade im intellektuellen Umfeld Deichmohles zu Hause und neige dazu, Phänomene wie Donovan als Widerspiel weiblicher Selektionsmacht zu interpretieren. Irgendwie erscheint mir Donovan, wie der feuchte Traum einer Feministin, die endlich wieder einen harten Schanz sehen möchte und vom feministischen männlichen Hofstaat angeödet ist..
    Vermutlich hat er aus seiner Perspektive mit dem meisten, was er schreibt, recht. Aber er braucht, wie der Feminismus, den Konflikt, den Trieb, den Gegner, den Abbau kultureller Leistungen, um sich zu entfalten, etc..
    Wahrscheinlich ist Donovon das sicherste Indiz für den Verfall einer Gesellschaft, weil er den Feminismus auf der männlichen Seite spiegelt.

    • djadmoros schreibt:

      @quellwerk:

      »Sowohl der Inhalt, als dein Zugang dazu.«

      Ich habe mir mit den ersten beiden Teilen allerdings auch eine ganze Reihe an offenen Enden aufgeladen, die ich im dritten Teil alle plausibel zusammenführen muss. Mein Gesamtbild zu Donovan steht insofern noch aus.

      »Irgendwie erscheint mir Donovan, wie der feuchte Traum einer Feministin, die endlich wieder einen harten Schanz sehen möchte und vom feministischen männlichen Hofstaat angeödet ist.«

      So einer will ich mal live begegnen! 🙂 Oder vielleicht besser nicht: ich fürchte, das ist dann eine komplett neurotische Katze, die die Hand beißt, die sie streicheln will. Die sich ihre Wünsche nicht eingestehen kann und sie als Vergewaltigung anzeigt, sobald sie erfüllt werden.

      »er braucht, wie der Feminismus, den Konflikt, den Trieb, den Gegner, den Abbau kultureller Leistungen, um sich zu entfalten, etc.«

      Ich glaube, er wäre glücklich, wenn er für harte, körperliche Arbeit gut bezahlt würde und ab und zu mal jemand mit Handgranaten nach ihm schmeißt. 🙂 Was ihn am Feminismus so ankotzt, ist dasselbe wie bei uns: die alles durchdringende ideologische Dominanz. Insofern er aber sein eigenes Kriterium für Selbstgenügsamkeit formuliert, glaube ich nicht, dass er nur ein Spiegelbild des Feminismus ist. Der Feminismus kennt keine Selbstgenügsamkeit, weil jede Beschränkung eines weiblichen Willens sofort als Effekt einer patriarchalen Verschwörung gilt.

      Den »Verfall einer Gesellschaft« spiegelt er in meinen Augen insofern, als er den Verfall von über identitäre Gemeinschaften hinausreichenden Vertrauensbeziehungen spiegelt.

    • djadmoros schreibt:

      @quellwerk:

      »Ich bin gerade im intellektuellen Umfeld Deichmohles zu Hause«

      À propos: schreibst Du zu dem mal was? Würde mich interessieren, ich schaffe es einfach nicht, alles selber zu lesen.

      Auf Deiner WordPress-Seite ist übrigens der Link zu »Nicht-Feminist« kaputt, da fehlt ein »i«! 🙂

  3. crumar schreibt:

    @djadmoros

    Ich habe gerade Zeit gefunden, auch den zweiten Teil zu lesen und bin schon gespannt auf den dritten. Deine Herangehensweise gefällt mir sehr gut!

    Gruß crumar

  4. Leszek schreibt:

    Ich bin auch gespannt auf den dritten Teil.
    Interessant finde ich die Fragen unter der die Analysen in letzter Instanz abgehandelt werden und gut gefällt mir die Darstellung zwischen sachlicher Rekonstruktion und kritischer Analyse, die bei aller notwendigen weltanschaulichen Distanz doch nicht ohne Empathie für die ursprüngliche spezifische persönliche Problemsituation des Protagonisten ist und von dieser ausgehend zu verstehen versucht, was die Probleme und Fragen sind, auf die dieser einer Antwort gesucht hat, bevor die Antworten, auf die dieser gekommen ist, dann einer Kritik unterzogen werden.

  5. mitm schreibt:

    @djadmoros: danke für diese interessante Zusammenfassung und Bewertung.

    Ich habe mich bei der Lektüre wiederholt gefragt, ob Donovan nicht in erster Linie eine psychologische Theorie über Männer aufstellt und was die Psychologen von dieser Theorie halten.

    Seine Argumentation ist natürlich in erster Linie historisch (sogar ein paar tausend Jahre zurück), anthropologisch insofern, als die Entwicklung menschlicher Gesellschaften beobachtet wird (soweit möglich) oder auch evolutionstheoretisch, nenn es, wie Du willst. Nun ist die Historie definitionsgemäß vorbei, also interessiert sie mich grundsätzlich nicht besonders, bzw. nur noch dann, wenn sie heute vorhandenes erklärt. Und da bleibt hier nur die „männliche Psyche“ übrig, wenn wir die als relativ konstant und vererbbar ansehen.

    Der Begriff Männlichkeit scheint bei Donovan vor allem ein soziologischer Begriff zu sein (das ist mir nicht ganz klar geworden), d.h. er spielt bei der Beschreibung sozialer Strukturen (Gangs) eine Rolle und die Männlichkeitsform folgt aus den sozialen Strukturen und Umweltbedingungen. Der Vergleich Schimpansen- vs. Bonobo-Kultur suggeriert, daß vor allem die äußeren Umstände die unterschiedlichen sozialen Strukturen und darin beobachteten Männlichkeitsformen zur Folge haben. Wenn man evolutionär denkt, entstehen daraus früher oder später vererbbare Präferenzen, die die Entstehung solcher sozialer Strukturen wahrscheinlich machen. Wobei man sich fragt, wie das genau funktioniert und was da genau vererbt wird. Diese geerbten Präferenzen würde ich wiederum zuvorderst der Psychologie zuordnen. Ein naheliegendes Beispiel ist die höhere Risikoaffinität von Männern (im Vergleich zu Frauen), also die Fähigkeit (um es positiv zu fassen), eine Gefahrensituation als spannenden Nervenkitzel zu empfinden (Tempo 220 auf der Autobahn, der schwarze Hang beim Ski-Fahren, Abenteuergeschichten für kleine Jungs,…)

    Bei Donovan scheinen solche Annahmen zur subjektiven männlichen Psyche nur implizit oder nur punktuell ausformuliert zu sein. Das scheint mir eine Schwäche zu sein, denn ohne solche Annahmen funktionieren seine sozialen Theorien nach meinem Eindruck nicht. Die spannende Frage ist, ob die Psychologie ein Modell von der männlichen Psyche hat, das mit den Annahmen von Donovan kompatibel ist.

    Heute, bei völlig anderen äußeren Umständen, stellen sich die Elemente einer männlichen Psyche a la Donovan vermutlich als psychische Bedürfnisse dar, die auf die eine oder andere Art befriedigt werden könnten. Das ist aber alles ziemlich spekulativ.

  6. Löwenhaupt schreibt:

    Kommt der dritte Teil noch?

  7. Pingback: Der Weg des Jack Donovan. Teil 3: »Becoming a Barbarian« | Geschlechterallerlei

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