Warum ich nicht glaube, dass gute Argumente in einer emotionalisierten Debatte gewinnen

gerks wies in zwei Kommentaren zur Verschärfung des Sexualstrafrechtes auf zwei Folgevorhaben hin:

1. Stalking-Gesetz: Maas setzt Verschärfung zum besseren Opferschutz durch (Vorsicht, Link geht zum Focus!)

gerks dazu:

Ein ganz klein wenig Zeit ist hier noch klarzumachen, dass damit z:B entsorgte Väter endgültig gezwungen werden können, nicht mehr ihre Kinder sehen zu dürfen ohne das man ihnen direkt den Kontakt zu den Kindern verbietet.

2. Petition 66653: Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung – Ratifizierung des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt vom 09.07.2016

aus der Petition selbst:

„Das Recht des getrennt lebenden Elternteils auf Umgang – der als Hintertür für die weitere Ausübung von Gewalt genutzt werden kann – darf also nicht mehr über dem Schutz von Frauen und Kindern stehen!“

gerks selbst beklagt sich, dass sich nach solchen Gesetzesverschärfungen viele Blogger empören würden, anstatt sinnvollerweise vorher ihre Stimme zu erheben.

Das sehe ich tatsächlich ein wenig anders. Wie ich schon direkt auf den Kommentar antwortend schrieb:

Hier in der Blogblase wurde seit Jahren genau darauf hingewiesen, mit den bekannten Argumenten – nur interessiert es eben keinen. Mit „denkt denn niemand an die armen Frauen“ kann man gefährliche Gesetze eben durchsetzen. Kritiker werden einfach gebrandmarkt als „Vergewaltigungsbefürworter“ oder „Täterschützer“.

Soviel zum Sexualstrafrecht. Genauso verhält es sich mit der Väterentsorgung – das Problem wird immer wieder in deutlicher Sprache und intelligenten Texten thematisiert. Als einfaches Beispiel diene ein Blogeintrag von Lucas Schoppe vom 26. September 2014: „Wozu ist Männerhass eigentlich gut? (Teil 1: Auslöschung der Rabenväter)

„Väter-Recht abschaffen, Kindererziehung steuerfinanzieren!“

fordert Antje Schrupp in einem Text, den Kai im Frontberichterstatter-Blog als „gefühlskalt“ beschreibt und zu dem er fragt: „Wie kann ein Mensch glauben, nur weil es der Vater ist, kann man ihn aus dem Leben der Kinder einfach entfernen, nur weil die Mutter es möchte?“

Klarer geht’s nicht. Es liegt also nicht daran, dass es niemand ausspricht, sondern eher, dass es niemand hören will – oder dass die Botschaft in den Massenmedien kaum vorkommt, weil sie nicht en vogue ist.

Das Rezept, mit dem die neuen Gesetze auf den Weg gebracht werden, ist einfach, funktioniert aber immer wieder:

  1. Man behauptet, es gäbe eine Schutzlücke, aufgrund derer Kriminelle nicht verfolgt, Verbrechen nicht bestraft werden. Dass es dieser Begriff zu einem Eintrag im Neusprech-Blog gebracht hat und dort inzwischen auch als eigenes Stichwort verwendet wird, spricht Bände. Es stellt auch niemand die Frage, warum bei einem gravierenden Mangel bisher kein Politiker eingegriffen hat, obwohl er sich doch als Retter von Frauen und Kindern inszenieren könnte.
  2. Damit sind wir beim nächsten Stichwort: Frauen und Kinder als Opfer besonders hervorheben! Ob es auch Männer trifft oder Frauen unter den Tätern sind, interessiert hier nicht die Bohne. Die Empathie ist klar verteilt!
  3. Falls jetzt jemand abstrakt, mit möglichen zukünftigen Szenarien, wie das Gesetz missbraucht werden oder was sonst schiefgehen könnte, dagegen argumentiert, also genau so, wie man es redlicherweise machen sollte, wenn es um das Recht geht, präsentiert man ein paar Opfer (oder deren Angehörige). Das schaltet jeden Verstand aus. Jetzt muss der Gegner des Gesetzes gegen Emotionen, gegen konkrete Menschen und ihre Leidensgeschichte argumentieren – das geht natürlich nicht. Das war schon bei den berüchtigten Internetsperren so. Merke: Auch mit wahren Bildern kann man manipulieren!
  4. Spätestens jetzt sind alle Gegenstimmen zum Verstummen gebracht, denn wer sich öffentlich gegen das Gesetz äußert, stellt sich in den Augen der anderen eine moralische Bankrotterklärung aus. Nur völlig verkommene Unmenschen faseln etwas von irgendwelchen Risiken, während hier und heute echte Täter entkommen! Und wer hier überhaupt noch auseinanderklamüsern will, wer „echter Täter“ und wer „unschuldig Beschuldigter“ ist, der bremst das Recht aus, das es doch so schon schwer genug hat, auf die Beine zu kommen, und stellt sich offensichtlich dagegen, dass es hier Fortschritt gibt, ja schützt am Ende die Bösen.

Gegen solch eingeschliffene Mechanismen kommt man mit Bloggen der Marke „das bessere Argument wird sich schon durchsetzen“ nicht weit. Wenn, dann muss man schon einen ordentlichen Schluck aus der Populismuspulle nehmen, um dagegenzuhalten.

  1. Väter sind Männer, Männer sind Menschen und Menschen haben Rechte. Aber da es um Männer geht, interessiert deren Rechte niemanden! Also stattdessen von Anfang an nur mit der Lage der Kinder argumentieren. Gerne am Anfang vernünftig mit „Rechten von Kindern“, dann aber ordentlich auf die Tränendrüse drücken à la „die kleine Susi würde so gerne ihren Vati sehen und wissen, ob er sie noch lieb hat“. Schlau, dabei ein Mädchen zu nehmen, denn mit Jungen hat man ebenfalls weniger Mitleid.
  2. Eine erwachsene Frau ausmachen, die als Kind ihren Vater nicht sehen durfte, darunter sehr gelitten hat und das noch heute ausdrücklich erzählt. Sie sollte bereit sein, durch Talkshows zu tingeln und überhaupt Medienaufmerksamkeit zu bekommen. Am besten eine Buchautorin, denn die hat etwas zu verkaufen – ihre Geschichte! – und ist im besten Fall Medienprofi, der weiß, wie man mit Journalisten, aber auch Gegnern in der Sache umgeht.
  3. Die Gegner haben es gleich doppelt schwerer: Zum einen müssen sie gegen eine Frau die Debatte führen, was leicht in die Richtung abrutschen kann, dass es so wirkt, als ob sie die Frau angreifen oder nicht ernst nehmen. Zum anderen reden sie jetzt das Opfer und seine Leidensgeschichte klein – wie herzlos!
  4. In jedem Fall wird das Narrativ “das neue Gesetz ist das, was Frauen wollen“ gebrochen und damit der eigentliche Bann. Ab jetzt klappt es nicht mehr mit dem einfachen Weltbild, der Widerspruch zwischen bisheriger Annahme und neuer Erfahrung der Öffentlichkeit muss mindestens überbrückt werden und das hinterläßt zumindest einige unangenehme Zweifel. Und die kann man dann weiter schüren durch leicht auffindbare Texte, die gute Argumente enthalten und deren Autoren dem Anschein nach freundlich, humorvoll und geduldig gegenüber Neulingen sind, die das Thema gerade erst entdeckt haben.

Man wird damit immer nur einen Teil der Leute abfischen, aber so kann es klappen! Für die Position der erwachsenen Frau käme z.B. Jeannette Hagen („Die verletzte Tochter“) in Frage. Sie wurde am 09. Dezember 2015 erstmals von Genderama erwähnt und fand bereits damals deutliche Worten gegen die Väterentsorgung, äußerte sich ähnlich klar gegen das neue Sexualstrafrecht, kam in Berichten der Massenmedien über Sorgerechtsstreit vor, ist inzwischen Fachbeirat bei Gleichmaß e.V. und hat auch noch ein knackiges Zitat zu bieten:

Wenn der leibliche Vater aus dem Leben eines Kindes verschwindet, oder herausgedrängt wird, hinterlässt er eine Wunde, die niemand schließen kann.

Persönlicher Hintergrund, klare Meinung, Buch geschrieben, vernetzt, Frau – das liest sich wie das passende Profil einer Galionsfigur.

Allerdings, so genial neu ist die Idee, Jeannette Hagen (oder eine ähnliche Frau) in den Vordergrund zu bringen, natürlich nicht: Beim Recherchieren für diesen Artikel stieß ich via Genderama auf eine Rezension von Jeannette Hagens Buch „Die verletzte Tochter“. Deren Autor: Gerhard Kaspar alias gerks. So schließt sich der Kreis.

Bleibt festzuhalten: Gegen Emotionalisierung kommt man nicht mit Rationalität alleine an. Ich würde immer auch die emotionale Schiene bedienen, weil ich dann beides auf meiner Seite anzubieten habe.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Eigentlich ist es ein trauriger Text („goodbye, papa, it’s hard to die“), der aber so wunderbar in melancholische Popmusik umgesetzt wurde, dass man gerne hört. So macht man das!

Terry Jacks: Seasons in the Sun

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6 Antworten zu Warum ich nicht glaube, dass gute Argumente in einer emotionalisierten Debatte gewinnen

  1. Jeannette Hagen schreibt:

    Ich würde ja gern antworten, aber Ihr Eintrag ist anonym. Das ist, als würde ich mit jemandem sprechen, der Niqab trägt. Wobei ich in dem Fall davon ausgehen könnte, dass es eine Frau ist. Hier weiß ich nicht einmal das. Eine Anmerkung sei mir erlaubt: Man sollte sich, bevor man öffentlich mutmaßt, mit Fakten beschäftigen. Mich als Gallionsfigur zu bezeichnen, ist zwar sehr schmeichelhaft, geht aber an der Realität vollkommen vorbei. Trotzdem danke und wenn es irgendwann wirklich mal darum geht, Argumente auszutauschen, statt nur Meinungen zu sagen, bin ich gern dabei.

    • Graublau schreibt:

      Sehr geehrte Frau Hagen,

      zuerst einmal vielen Dank für die Reaktion, die ich gar nicht erwartet hätte.

      Es gibt einen Grund, warum ich pseudonym blogge.

      Davon unbesehen: Es war falsch, Sie hier als möglichen Galionsfigur für eine populistische Aktion darzustellen – unabhängig davon, ob diese Aktion nur ein Gedankenspiel oder ganz konkret angedacht war.

      Der Text ist an mindestens einer Stelle schlecht formuliert: „Für die Position der erwachsenen Frau käme z.B. Jeannette Hagen („Die verletzte Tochter“) in Frage.“ Es muss nicht „z.B.“, sondern „jemand mit einem ähnlichen Hintergrund wie“ heißen.

      Denn es ging mir gerade nicht darum, ausdrücklich Sie vor den Karren zu spannen (noch dazu ungefragt!), sondern aufzuzeigen, dass es Personen so wie Sie gibt, die sich ablehnend gegenüber angezielten Gesetzesvorhaben „für die Frauen“ äußern und die die andere Seite der Medaille erzählen können.

      Was den Rest angeht, schlage ich vor, dass ich mich per E-Mail melde. Kommentare schreibe ich immer hektischer und das ist in so einem Fall besonders schlecht.

  2. gerks schreibt:

    Manchmal zweifle ich ja, dass mein ganzer Einsatz für gleiche Menschenrechte für alle einen wirklichen Sinn hat. Und dann sehe ich wie zwei Leute die ich sehr schätze dadurch vernetzt werden. Und schon schau ich wieder viel optimistischer in die Zukunft.

    P:S:ich sage/schreibe bewusst nie Männerrechte, weil es die sowenig gibt wie Frauenrechte, da Menschenrechte unteilbar sind. Martin L. King hat nicht umsonst sich als Bürgerrechtler bezeichnet und nicht als Blackist (deutsch: Schwarzist) da er nicht die Hautfarbe in den Vordergrund stellen wollte, sondern den Menschen. So halte ich es auch.

  3. Mark E. Smith schreibt:

    @Graublau

    Ich denke, Deine Überlegungen sind grundsätzlich richtig, ich selbst würde jedoch eine dreifach-Strategie vorschlagen:

    1. Rationale Analyse und Argumentation über den Sachverhalt (z.B. über entsorgte Väter oder die angebliche Schutzlücke etc.)

    2. Einen Metadiskurs über die Debatte ganz konkret und/oder auch ganz allgemein führen: wie funktioniert eigentlich politische Kommunikation, politische Rhetorik, Populismus? Wie z.B.:

    − Emotionalisierung
    − Moralisierung
    − Personalisierung/Verallgemeinerungen
    − Stereotypien
    − Feinbilder, Diffamierung, Marginalisierung
    − Redewendungen („Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“)
    − Kollektivsymbole („links blinken, aber rechts abbiegen“ oder „das europäische HAUS ist ein gemeinsames, aber jede FAMILIE hat ihre eigene WOHNUNG“)
    − Metaphern
    − Historische Analogien (Saddam Hussein als Hitler, Gaddaffi als Hitler etc.)
    − etc., usw., usf.

    3. Die Debatte auch populistisch führen wie:

    − Interview führen mit Betroffenen
    − Betroffenen selbst zu Wort kommen lassen
    − Einzelschicksale ganz konkret darstellen mittels Reportage oder Porträt.
    − etc.

    Etwas anderes: Würde gerne mal ab und zu einen Gastbeitrag veröffentlichen oder einen Tag übernehmen.

  4. Pingback: Fundstück: Spaß mit Männerhass – die neue Serie! | Geschlechterallerlei

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