Fundstück: Besprechung von Nina Degeles „Gender/Queer Studies“

In der Debatte um die (Un-)Wissenschaftlichkeit der Gender Studies wurden auch enführende Bücher erwähnt, weil sie von Leszek als Maßstab für die Beurteilung einer Disziplin herangezogen wurden. Unter anderem kam dabei „Gender/Queer Studies“ von Nina Degele vor. Leszek hat inzwischen angekündigt, dieses Buch ein weiteres Mal zu lesen, um die Diskussion zu vertiefen.

Passenderweise habe ich eine Besprechung durch „cis scum“ (aufkreisch) gefunden, ursprünglich ein Kommentar bei Alles Evolution unter dem Artikel „Warum es wichtig ist, mal ein Buch der anderen Seite zu lesen“. Ab hier der Original-Wortlaut des Kommentars:

Das letzte Buch das ich gelesen habe – von Bücher zu speziellen Fachthemen aus feministischer Perspektive abgesehen – war „Gender/Queer Studies“ von Nina Degele. Ich habe es mir gekauft, weil es als Einführungswerk für Studenten der “Gender Studies” beworben wird.

Zunächst muss ich die Autorin loben. Auf nur 150 Seiten stellt sie eine Systematik vor, die es Studenten ermöglichen soll, verschiedene Ansätze und Autoren aus der „Frauenforschung“ (und angrenzender oder sich daraus entwickelnder Bereiche) der letzten Jahrzehnte historisch und methodisch einzuordnen. Sie unterscheidet zwischen drei Strömungen: „strukturorientierte Gesellschaftskritik“, „interaktionistischer Rekonstruktivismus“ und „diskurstheoretischer Dekonstruktivismus“. Sie ordnet verschiedenen Autoren (Butler, etc.) den jeweiligen Strömungen zu, jedoch nicht ohne zu betonen, dass die Einteilung teilweise künstlich, alles andere als eindeutig ist. Mir fehlt das nötige Hintergrundwissen, um beurteilen zu können, ob die so kategorisierten Autoren mit einer solchen Systematik einverstanden wären oder nicht. Auf mich persönlich macht es einen sehr hilfreichen Eindruck. Die Unterteilung und weitere Verfeinerungen davon, die sie in den Unterkapiteln gibt, scheinen wirklich hilfreich zu sein, um die Meinungsvielfalt im feministischen Spektrum zu verstehen.

Meine Vorurteile über das Fach hat sie allerdings nur bestätigt. Hervorgegangen sind diese Fachbereiche (gender studies/queer studies) letztlich aus bestimmen politischen oder moralischen Bewegungen. Sie haben sich dann wild Ansätze aus der Philosophie, Literaturwissenschaft und anderen Fachbereichen zusammengeklaut, um diesen moralischen und politischen Forderungen den Anschein einer wissenschaftlichen Basis zu geben. Die Auswahl finde ich aus zwei Gründen merkwürdig.

Erstens haben die Ansätze in den entsprechenden Fachwissenschaften häufig einen eher fragwürdigen Ruf. Man kann zum Beispiel ohne Probleme Professor für Philosophie werden, ohne sich jemals auch nur oberflächlich mit Derrida (oder auch Butler) beschäftigt zu haben. Und die, die sich damit beschäftigt haben, behandeln ihn vielfach als abschreckendes Beispiel. Aber innerhalb der „gender studies“ genießen solche Autoren dann Kultstatus.

Zweitens ist der Hintergrund der Autoren merkwürdig. Wenn sie über Männlichkeit und Weiblichkeit reflektieren wollen, warum greifen sie nicht auf die normalen Methoden der empirischen Wissenschaften zurück, sondern instrumentalisieren so viele fachfremde Autoren wie Philosophen und Literaturwissenschaftler?

Was innerhalb der „gender studies“ unter Interdisziplinarität verstanden wird, ist sehr verstörend. Es diskutieren hier nicht ausgebildete Soziologen, Ökonomen, Philosophen, Literaturwissenschaftler, Theologen und Naturwissenschaftler aus ihrer jeweils eigenen Perspektive, deren Grundlage und Systematik sie beherrschen, über ein Thema. Stattdessen bedienen sich „Gender studies“-Studenten ausgewählter, umstrittener, fachfremder Methoden, deren Grundlagen und Systematik sie nicht verstehen können, da sie nicht Teil ihres curriculum sind. Was soll das? Warum studieren sie nicht erst mal ein Fach richtig und systematisch und wenden dann die dort erlernten Methode auf das Gebiet ‚gender‘ an?

Immerhin gesteht Degele ein, dass die aufgegriffenen Ansätze sich auch noch gegenseitig widersprechen und ein wirres Nebeneinander besteht. Sie will aber Wege aufzeigen, wie man diese Ansätze als sich gegenseitig ergänzende Methoden der „gender/queer studies“ begreifen kann. Ein Ansinnen, dessen Motivation sie zwar skizziert – inhaltlich überzeugend finde ich das aber nicht. Es ist schon sehr entlarvend, dass sie in einem Einführungswerk für Studenten eine sehr eigene Perspektive bewirbt. Es verdeutlicht, wie wenig man es mit einer “Normalwissenschaft” zu tun hat. Im Vordergrund stehen moralische oder politische Anliegen und dann basteln sie sich eine Theorie drumherum, wie es gerade passt. (Da finde ich dann Autoren wie Riki Wilchins ehrlicher. In ihrer Einführung zur „Gender Theory“ gesteht sie gleich im Vorwort ein, was für sie daran so toll ist: „praktische Lebenshilfe“, ein „Werkzeugkasten“, der es ihr „ermöglicht, die Welt in den Griff zu bekommen“. Dagegen ist natürlich nichts zu sagen.)

In den letzten 100 Seiten des Buches stehen dann nicht mehr die Methoden und abstrakte Diskurse im Vordergrund. Andere Autoren, nicht Degele selbst, diskutieren, wieso verschiedene “Frauenforscher” zu konkreten Einzelthemen (Pornographie, Sexarbeit, usw.) zu so unterschiedlichen Einschätzungen kamen. Anhand der im ersten Teil vorgestellten Systematik und Historie sollen die Studenten nachvollziehen, wie es dazu kaum. Reichlich verstörend finde ich, wie sehr einzelne Autoren dabei ihre eigene, meist moralisch motivierte, Sichtweise betonen und dem Studenten nahelegen. Es sollte doch primär darum gehen, für die Studenten die Methodik hinter den jeweiligen Argumenten verständlich zu machen – und nicht schon mittels pejorativen Wortwahl und unsachlicher Darstellungen der Gegenposition für die eigene Sichtweise zu werben. Von Autoren, die politischen Aktivismus und Wissenschaft schon aus Prinzip nicht auseinanderhalten wollen, kann man wohl auch keine Fairness im Umgang mit Fachkollegen erwarten.

Nachtrag: „man in the middle“ erwähnte als Antwort auf den Kommentarunter anderem seine Liste über einführende Lehrbücher in die Gender Studies. Er verwendete sie ebenfalls kürzlich in seiner Begründung dafür, warum die Gender Studies unwissenschaftlich sind.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? „Don’t judge a book by its cover“ – „Beurteile ein Buch nicht nach seinem Titelbild“ – das ist doch ein gutes Motto für eine Diskussion um Bücher.

ABC: The Look of Love

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2 Antworten zu Fundstück: Besprechung von Nina Degeles „Gender/Queer Studies“

  1. elmardiederichs schreibt:

    Solche Kommentare zu sammeln und als posts zu archivieren, wird sich mal als sehr nützlich erweisen.

  2. cero schreibt:

    Ich denke, bei der ganzen Diskussion um Gender Studies sollte man berücksichtigen, dass sie als wissenschaftliche Disziplin noch sehr jung und damit gewissermaßen in einer Findungsphase sind. Und ich denke dazu leistet dieses Buch einen guten Beitrag.

    Insbesondere finde ich es erfreulich, dass zwar verschiedene Ansätze vorgestellt, aber auch kritisch bewertet werden und keinem der Ansätze eine objektive Wahrheit zugesprochen wird (im Gegensatz zu dem Umgang mit diesen Hypothesen unter Feministen).

    Zu den aufgeworfenen Fragen:

    „Erstens haben die Ansätze in den entsprechenden Fachwissenschaften häufig einen eher fragwürdigen Ruf. Man kann zum Beispiel ohne Probleme Professor für Philosophie werden, ohne sich jemals auch nur oberflächlich mit Derrida (oder auch Butler) beschäftigt zu haben. Und die, die sich damit beschäftigt haben, behandeln ihn vielfach als abschreckendes Beispiel. Aber innerhalb der „gender studies“ genießen solche Autoren dann Kultstatus.“

    Zum Ersten: Dass man Professor werden kann ohne sich mit einem speziellen Themengebiet befasst zu haben hat man (zwangsläufig) auch in allen anderen Fachrichtungen. Das Argument finde ich etwas merkwürdig. Zum Zweiten: Woraus wird hier geschlossen, dass die Autoren „Kultstatus“ in den Gender Studies haben? Aus dem Buch von Degele wird das für mich nicht ersichtlich.

    „Zweitens ist der Hintergrund der Autoren merkwürdig. Wenn sie über Männlichkeit und Weiblichkeit reflektieren wollen, warum greifen sie nicht auf die normalen Methoden der empirischen Wissenschaften zurück, sondern instrumentalisieren so viele fachfremde Autoren wie Philosophen und Literaturwissenschaftler?“

    Tun sie doch. Das eine schließt ja das andere nicht aus. Philosophen werden konsultiert, um erstmal die richtigen Fragen zu stellen. Diese werden dann (mehr und mehr) durchaus empirisch angegangen.

    „Stattdessen bedienen sich „Gender studies“-Studenten ausgewählter, umstrittener, fachfremder Methoden, deren Grundlagen und Systematik sie nicht verstehen können, da sie nicht Teil ihres curriculum sind. Was soll das? Warum studieren sie nicht erst mal ein Fach richtig und systematisch und wenden dann die dort erlernten Methode auf das Gebiet ‚gender‘ an?“

    Im Allgemeinen ist das durchaus richtig. Im Speziellen besteht eben das Problem, dass in einem Studiengang nur begrenzt Zeit ist. Als Ingenieur kann (und muss) man schließlich auch Ergebnisse aus der Physik und Mathematik bis zu einem gewissen Grad anwenden ohne sie richtig zu verstehen. Von Professoren im z.B. Maschinenbau würde ich dagegen schon erwarten, dass sie die Methoden aus anderen Disziplinen, die für den eigenen Fachbereich wichtig sind, verstehen. Dafür, dass das nicht der Fall ist, fehlen mir die Belege.

    „Im Vordergrund stehen moralische oder politische Anliegen und dann basteln sie sich eine Theorie drumherum, wie es gerade passt.“

    Woraus wird das geschlussfolgert?

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