Fundstück: Michael Blume und der „Nicht-gut-genug-Aktivismus“

Michael Blume leitete ein Projekt des Landes Baden-Württemberg, um 1.000 Frauen und Kinder, ehemalige Gefangene des IS, aus dem Nordirak nach Deutschland zu holen, und war dafür mehrmals vor Ort. Für wissenswerte Details verweise ich auf folgendes Interview:

Als Religionswissenschaftler ein Projekt in Kurdistan-Irak leiten? REMID-Interview mit Dr. Michael Blume

Zwei Zitate daraus:

Für mich wird der Irak auch immer das Bild eines 13jährigen Mädchens sein, die mir auf dem Smartphone Bilder von der Hinrichtung ihres Vaters und Bruders zeigte und sie nicht löschen wollte, waren es doch die letzten Erinnerungen…

[Wir wurden] zuletzt auch in die vom IS eroberte, dann von US-Flugzeugen bombardierte und vor Kurzem zurückeroberte Stadt eingeladen. Die Zerstörungen waren unbeschreiblich, außer den Soldaten und zwei Katzen sahen wir nichts Lebendiges mehr.

Neben dem vollständig lesenswerten Interview empfehle ich den folgenden Fernsehbericht, in dem man weitere Details erfährt:

Forum am Freitag – Rettung für vom IS gefangene jesidische Frauen

Dort ebenfalls enthalten:

Heide Serra, Amica e.V., kritisiert das Projekt mit dem Einwand, es werde nur einer kleinen Gruppe geholfen, nur um auf Nachfrage direkt darauf selbst einzuwenden, dass man ja irgendwie auswählen müsse. Die Auswahlkriterien seien aber nicht klar und – festhalten! – bei den nicht Ausgewählten gäbe es soziale Unruhe und Enttäuschung. Dann kommt die Frage, was denn die Alternative wäre, welche sie vorschlagen würde. Das sei schwierig…

Nun kommt von ihr die Forderung, die Hilfe müsse vor Ort erfolgen. Auf den Einwand, die Hilfe müsse aber vor allem schnell erfolgen und Leute dort auszubilden koste Zeit, entgegnet sie, es könne keine schnelle Hilfe geben, die Projektes ihres Verein seien langfristig angelegt, es gehe um Nachhaltigkeit und Einfluss auf die Gesetzgebung…

Ich empfehle ausdrücklich, sich das Interview im Original anzusehen (8:43-10:34), um alle Aussagen vollständig mitzubekommen. Die nicht einmal zwei Minuten lohnen sich.

Das ist nebenbei ein hervorragendes Beispiel dafür, wie die Mainstreammedien ein annehmbares Niveau allein schon dadurch erreichen können, dass sie überhaupt einmal kritisch zurückfragen. Die Fragen selbst sind dabei ja nicht ablehnend-vernichtend, sondern beziehen sich auf das direkt zuvor Gesagte, ja folgen geradezu daraus. Eine niedrige Messlatte, gewiss, aber auch die muss erst einmal übersprungen werden.

Was wir hier als „Kritik“ sehen an einem offensichtlich sinnvollen Projekt, das mit persönlichen Risiken für die Beteiligten einhergeht, ist „Nicht-gut-genug-Aktivismus“ ist Reinform. Der zeichnet sich dadurch aus, dass…

man zwar nichts macht, aber sich dadurch als moralisch höherwertig erweist, dass man auch mit Teilerfolgen, die in die richtige Richtung gehen, bloß nicht zufrieden ist (…)
Der Nicht-gut-genug-Aktivismus ist ein sicheres Rezept, um auch morgen noch unglücklich zu sein. Einige wollen das anscheinend.

Wollte ich eine Anti-PR-Kampagne für Heide Serra oder Amica e.V. machen, ich könnt’s nicht besser inszenieren! Großes Lob hingegen an Michael Blume, der zu diesem persönlichen Einsatz nicht verpflichtet gewesen wäre und seinen Aufruf zum interkulturellen und internationalen Dialog auf beeindruckende Weise in die Tat umsetzte.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? „Es gibt für alles eine Zeit … eine Zeit für Frieden, ich schwöre, dass es nicht zu spät ist.“ Der Text, der hier gesungen wird, stammt größtenteils aus der Bibel (Prediger 3).

The Byrds: Turn! Turn! Turn!

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1 Kommentar zu „Fundstück: Michael Blume und der „Nicht-gut-genug-Aktivismus““

  1. Es ist eogentlich die alte marxistische Argumentation gegen Reformisten: Diese würden den Kapitalismus nur stärken und seine Lebensdauer verlängern. Anstatt endlich die große Revolution herbei zu führen, nach der dann das Paradies beginnt.

    So konnte man selber immer revolutionärer Agitator sein und Forderungen stellen, ohne je konkret etwas zu verändern.

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