Warum ich den Vorwurf der kulturellen Aneignung in zwei Fällen begrüße

Es war eine der dümmsten Meldungen des vergangenen Jahres: Ein Schüler in Kanada durfte sich zu Halloween nicht als Mariachi-Spieler verkleiden, weil sein Kostüm „sehr beleidigend“ war. Dabei war er selbst Kolumbianer und laut eigenen Angaben stammte bis auf die Gitarre alles aus seiner Heimat. Die Begründung der Schule: Kultur sei kein Kostüm.

Darauf gestoßen bin ich über folgendes Video (10:38-13:20):

Sargon of Akkad: This Week in Stupid (01/11/2015)

Der ganze Schwachsinn ereignete sich unter dem Stichwort „kulturelle Aneignung“ (cultural appropriation), genauer natürlich deren Bekämpfung. Den wo kämen wir da hin, wenn sich Leute beliebig Elemente aus anderen Kulturen raussuchen dürften, die ihnen gefallen? Das muss unbedingt verhindert werden!

Mir ist vor ein paar Tagen eine Idee gekommen, wie man diesen Blödsinn für eine bessere Debattenkultur einsetzen kann – oder sogar gegen sich selbst. Nachdem ich schon geschrieben hatte, was man tun kann gegen Lügner und Manipulatoren, hier ein deutlich weniger ernst gemeinter Vorschlag.

Wenn jemand, der ansonsten „cultural appropriation“ kritisiert, gegen eines der zehn Gebote für bessere Diskussionen verstößt, kann man entgegen: „Scheinargument / Logikfehler stammt ursprünglich von anderer Kultur. Was Du machst, ist nichts anderes als kulturelle Aneignung!“

Aber es geht noch besser: Wie wär’s damit, einen täuschend echt aussehenden Text zu verbreiten, in dem etwa so argumentiert wird?

„Die Tradition, Inhalte anderer Kulturen (also Mode, Haartracht, Schmuck, Zeichen, Musik etc.) nicht einfach so zu übernehmen, stammt ursprünglich von Afroamerikanern, welche in erster Generation aus Afrika als Sklaven verschifft wurden. Durch den täglichen Überlebenskampf erwies es sich als besonders wichtig, an den eigenen Sitten und Gebräuchen festzuhalten, um unter dem enormen Druck die eigene Identität nicht zu verlieren. Eine Anpassung (sog. „tomming“) wäre einer Aufgabe gleichgekommen.

Die ursprüngliche Motivation eines „sich stemmen gegen die Herrschaftsverhältnisse“ geriet leider in Vergessenheit, ja wurde noch schlimmer von den Herrschenden zweckentfremdet und umgedreht, um die Kultur der Rechtlosen nicht „nach oben“ durchsickern zu lassen. Wenn also heutzutage aus bester Absicht eine „kulturelle Aneignung“ kritisiert wird, stellt dies in Wirklichkeit selbst eine unreflektierte Übernahme dar, die aufs schärfste zu kritisieren ist. Gerade die größtenteils besonders priviligierten Einwohner der westlichen Industrienationen sollten stattdessen das Gegenteil praktizieren und auf beliebige Weise Elemente verschiedener Kulturen mischen.“

Gut, wahrscheinlich zu naiv gedacht. Aber als Comic bei erzählmirnix könnte ich mir die Argumentation vorstellen. (Oder jemand hat es längst verarbeitet und ich habe es verpasst / überlesen.)

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal natürlich kulturell angeeignet ein Lied, das mit Mariachi zu tun hat (stammt ursprünglich aus dem Film Desperado).

Los Lobos & Antonio Banderas: Canción del Mariachi“ („Morena de Mi Corazón“)

Advertisements

4 Kommentare zu „Warum ich den Vorwurf der kulturellen Aneignung in zwei Fällen begrüße“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s