Kurznachrichten vom 18.01.2016

1: Nachdem die Kampagne der Netzfeministinnen #ausnahmslos nicht so wirklich eingeschlagen hat, versuchte Anke Domscheit-Berg am Samstag gleich die nächste Nebelkerze zu zünden: #unerwünscht. Unter diesem Beitrag sollen Frauen Erfahrungen mit Exhibitionisten twittern.

Das hat jetzt zwar mit der aktuellen Diskussion über Köln noch viel weniger zu tun, denn Exhibitionismus kam da noch nicht in den Polizeiberichten vor, aber ein weiterer Ablenkungsversuch kann ja nicht schaden. Auch hier wird wieder mehr getrollt, als dass es tatsächlich Erlebnisberichte gibt. Die Blogs emmanzer und Stefanolix haben bereits kommentiert.

2: Die WELT brachte am Wochenende einige Beiträge rund um die Themen Köln, Flüchtlinge und wie die Feministinnen damit umgehen. Reinhard Mohr findet es „Erstaunlich, wie Feministen die Realität ausblenden„.

Dass man gegen Rassismus, Sexismus und Diskriminierung ist, versteht sich von selbst – die Inkarnation jenes guten Gewissens, das nur ein schlechtes Gewissen sein kann. Sein Leitmotiv: Der Westen ist an allem schuld. Also „wir“. Wer sonst. So ist es nur logisch, dass das Bewusstsein dieses biedermeierlichen Weltbilds keine äußeren Feinde kennt. Das Böse hockt ja im eigenen Land. […]

Dass das Böse – Rassismus, Sexismus und pure Gewalt – auch von jenen ausgehen kann, die man eben noch mit dem Ruf „Refugees welcome!“ freudig empfangen hat, war nicht vorgesehen. Es hat nicht nur das Weltbild der „Willkommenskultur“ erschüttert. […]

Die gesamte Flüchtlingsdebatte hatte unter dem Zeichen einer buchstäblich grenzenlosen Moral stattgefunden, bei der jeder Zweifel in den Bereich des Amoralischen und Verwerflichen verwiesen wurde. Die Flüchtlinge wurden zur Projektionsfläche einer lutherisch-protestantischen und sehr deutschen Selbstprüfung, die keinen Raum ließ für Zwischentöne. Angela Merkels „Wir schaffen das“ wurde zum Mantra dieser Moral, zur vermeintlich alternativlosen Durchhalteparole.

Einer der m.E. besten Beiträge überhaupt zu dem Thema schrieb der Schriftsteller Peter Schneider, ein 68er-Urgestein, der mir schon immer durch gut durchdachte und gemäßigte Positionen aufgefallen ist.

Nicht erst seit dem Sommer letzten Jahres hatte sich eine Kultur des Wahrnehmens und des Sprechens hinter vorgehaltener Hand herausgebildet – und sie geht weiter. Unliebsame Tatsachen werden verdreht und einem rassistischen Weltbild zugeordnet, bevor sie erkannt und benannt sind. […]

Es sind selten die Tatsachen, die die von allen Seiten an die Hand genommenen Bürger in die Arme rechter Populisten treiben – es verhält sich umgekehrt: Wenn die Bürger Grund zu der Annahme haben, dass ihre Wahrnehmungen und Sorgen nur noch von rechten Populisten benannt werden, erst dann ist der Zulauf zu diesen Populisten garantiert. […]

Während die einen ihren „Nie wieder“-Lehren folgen, verschanzen sich die Brandstifter und Neonazis hinter der Leugnung der Nazi-Verbrechen. Beiden Seiten ist gemeinsam, dass sie auf die Vergangenheit fixiert sind und die Bewältigung der Gegenwart blockieren. […]

Nach den Kriegsflüchtlingen werden die Klimaflüchtlinge kommen; Afrikas Bevölkerung wird sich in wenigen Jahrzehnten verdoppeln. Die Deutschen müssen jetzt die Regeln und die Grenzen einer Flüchtlingspolitik festlegen und erfinden, die die unausweichliche Convivenza mit Millionen von Flüchtlingen zu einer Bereicherung machen.

Der wiederholte, auch von Angela Merkel zu hörende Hinweis: „Das sind wir unserer Vergangenheit schuldig“ hilft nicht weiter. Niemandem, auch den Flüchtlingen nicht, ist damit gedient, wenn die formidable Demokratie der Deutschen durch eine rasch wachsende Rechtsbewegung in den Ruin getrieben wird.

Und schließlich gibt es da einen recht ernüchternden bis hin zu erschütternden Bericht einer Hamburgerin, die in einer Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge arbeitet.

Ich habe begonnen, mich anders anzuziehen. Ich bin eigentlich jemand, der gern auch mal etwas engere Sachen trägt – aber jetzt nicht mehr. Ich ziehe ausschließlich weit geschnittene Hosen und hochgeschlossene Oberteile an. Schminke benutze ich sowieso immer schon sehr wenig, höchstens mal einen Abdeck-Stift. Und nicht nur äußerlich habe ich mich verändert, um mich etwas vor dieser Belästigung zu schützen. Ich verhalte mich auch anders. So vermeide ich es zum Beispiel, auf unserem Gelände an diejenigen Orte zu gehen, an denen sich die alleinstehenden Männer oft aufhalten. Und wenn ich es doch mal muss, dann versuche ich, sehr schnell da durchzukommen und lächele dabei niemanden an, damit man das nicht falsch verstehen kann.

3: Der Frankfurter Asta hat über einen nebenberuflichen Pick-Upper der Firma Casanova Coaching, der ebenfalls an der Frankfurter Uni studiert, in negativer Form berichtet und dabei seinen vollen Namen genannt und ihn in einem Foto abgebildet (in Justizjargon „identifizierend“ berichtet). Dieser hat sich gerichtlich gewehrt und in zweiter Instanz eine einstweilige Verfügung gegen den Asta erwirkt. Der Asta will sich nun gegen die „Zensur“ wehren.

Der Asta-Vorsitzende Valentin Fuchs (Grüne Hochschulgruppe) kritisierte das Urteil und kündigte an, dass der Asta die einstweilige Verfügung und die damit verbundene Zensur nicht akzeptieren werde. Er pocht auf das studentische Presserecht und beharrt darauf, dass der Asta die Interessen der Studierenden öffentlichkeitswirksam vertreten dürfe. Dazu gehöre ihrem Selbstverständnis nach, auch feministische Positionen zu vertreten.

„Gerade nach den Vorfällen in Köln kann ich die Entscheidung des Gerichts nicht nachvollziehen“, sagte Fuchs der Frankfurter Rundschau. Der Asta bemängelt, dass bei der Entscheidungsfindung im Gerichtsaal formale Fragen im Vordergrund standen. Dass es sich bei den Annäherungstechniken der Pick-Up-Artists um „gewalttätige Übergriffe“ handele, sei jedoch kein Thema bei der juristischen Auseinandersetzung gewesen, kritisieren die Studierendenvertreter.

Wie hohe Wellen sexistische Aufreißer-Seminare in den Medien, aber auch in der Gesellschaft schlagen, zeigte sich in Frankfurt bereits Ende 2014.[…]

Im aktuellen Rechtsstreit stellt Medienanwalt Lucas Brost von der Kölner Kanzlei Höcker auf FR-Anfrage die Persönlichkeitsrechte seines Mandanten in den Vordergrund und klagt den Asta an, seine Befugnisse zu überschreiten: „Anstatt die Regeln einer fairen Berichterstattung zu berücksichtigen, stellt der AStA einen Studenten in seiner Zeitung derart an den Pranger, dass er in der Folge bedroht wird. Zur Rechtfertigung beruft er sich auf Grundrechte, ohne zu erkennen, dass er dies als staatliche Stelle nicht darf.“[…]

Das Gericht stellt fest, dass es keinen Zusammenhang zwischen den Übergriffen auf dem Campus und den Aktivitäten des in der Asta-Zeitung namentlich genannten Casanova-Coach gibt. Daher müsse es der Kläger nicht hinnehmen, dass er durch die Berichterstattung „nachhaltig der Kritik ausgesetzt wird“. Zudem verletzte der Artikel das Recht am eigenen Bild, der Betroffene sei darauf für sein soziales Umfeld unschwer zu erkennen.

Wir lernen also:

  1. Es gibt ein spezielles studentisches Presserecht, das offensichtlich erlaubt, Personen an den Pranger zu stellen, auch wenn sie nicht Personen der Zeitgeschichte sind
  2. Feministische Positionen sind im Interesse von Studierenden
  3. Annäherungsversuche von Pick-Up-Artists sind „gewalttätige Übergriffe“
  4. Niemand darf Männern das Flirten lehren, denn das ist nach Ansicht der FR-Journalistin sexistisch.

4: Alice Schwarzer und Anne Wizorek, zwei Galionsfiguren des deutschen Feminismus, führen im Spiegel ein Streitgespräch, das leider in voller Länge wohl nur in der Printausgabe zu lesen ist. Nachdem die beiden Feministinnen in der Flüchtlingsfrage und demzufolge in der Bewertung der Vorgänge der Kölner Silvesternacht und anderen Städten ganz unterschiedlicher Meinung sind, würde ich das schon mal lesen wollen. Muss ich wohl nach etlichen Monaten wieder mal einen Spiegel kaufen…

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6 Kommentare zu „Kurznachrichten vom 18.01.2016“

  1. Die Kurznachrichten finde ich sehr gut, eine Bereicherung aus meiner Sicht.
    ich rege dennoch eine kleine Veränderung an:
    Überschriften rein nach datum werden sehr unübersichtlich und es ist für die Suchmaschinen und für Leser zur Orientierung auch gut, wenn man wichtige Keywords in den Überschriften hat.
    Vielleicht magst du die Überschriften in das Format:

    Stichwort, Stichwort, Stichwort (Kurznachrichten vom Datum)
    Oder
    Stichwort, Stichwort, Stichwort (KN vom Datum)

    ändern?

    Ich rege auch an, Schlagwörter zu setzen, dann findet man die Themen auch über die Stichwortwolke

    Soll keine Kritik sein, nur eine Anregung.

    1. Ich finde die Anregung gut, schon alleine, um selber wiederzufinden, an welchem Tag welches Thema drin war. Ich habe allerdings eine Abneigung gegen allzu lange Überschriften. Vielleicht könnte man auch „Kurznachrichten vom …“ komplett raus aus der Überschrift nehmen und stattdessen als Unterüberschrift reinziehen, und nur die Schlagworte in der Hauptüberschrift. Die Zuordnung hat man ja immer noch über die Kategorie.

      Ich denk noch ein wenig drüber nach und bin für weitere Ideen offen.

      Im übrigen, bevor ich den Artikel für den Tag erstelle, sehe ich immer erst nach, ob einer von den anderen ihn schon erstellt hat. Wer sich beteiligen will, sollte das auch tun, sprich unter Alle Artikel auf „Jeder“ schalten und in den Entwürfen und geplanten Artikeln nachschauen. Das braucht mit der Umstellung der Überschrift allerdings ein bisschen mehr Aufmerksamkeit.

    2. Dem kann ich mich anschließen. Ich habe jetzt alle Kurznachrichten einheitlich ausschließlich in die gleichnamige Kategorie gepackt (vorher waren sie auch oder z.T. nur unter „Allgemein“) und mit Schlagworten versehen. Das geht glücklicherweise schneller, als ich dachte. Dadurch zeigt sich, dass „Übergriffe in Köln“ eines der wichtigsten Schlagwörter geworden ist, auch „#ausnahmslos“ spielt eine Rolle und „Anne Wizorek“ und „rape culture“ rutschten ebenfalls weiter nach oben.

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