Männerverachtung und Antisemitismus als kultureller Code

Auf die Nähe mancher feministischer Texte zu faschistischem Gedankengut ist schon öfter hingewiesen worden. Lucas Schoppe hat vor zweieinhalb Jahren Valerie Solanas‘ »SCUM Manifesto« als faschistischen Text analysiert, sowohl Jungle World als auch konkret haben noch am Ende des letzten Jahrhunderts eine in Leni Riefenstahl verliebte Alice Schwarzer zerpflückt, der Austausch der Vokabel »Männer« gegen »Schwarze« oder »Juden« ist als Lackmustest für Sexismus in Texten und Reden inzwischen wohletabliert, und Mary Dalys Massenvernichtungsphantasie an Männern hat sogar die ideologische Säuberung der deutschsprachigen Wikipedia durch feministische Kader überlebt. Dass der zeitgenössische Feminismus also einige extremistische Auswüchse hervorgebracht hat, ist unbestritten, und auf die Bereitschaft von Feministinnen, mit derlei Radikalismus zumindest zu kokettieren, hat der erwähnte Blogpost von Lucas Schoppe hingewiesen.

Diese Diskussion eines »Femifaschismus« ist nun dadurch gekennzeichnet, dass sie den Analogieschluss zum Antisemitismus auf dessen massenmörderische letzte Phase während der nationalsozialistischen Herrschaft bezieht. Das impliziert: wenn (feministische) Männerverachtung und Antisemitismus in sinnvoller Weise vegleichbar sein sollen, dann muss ein Bezug über Massenvernichtungsphantasien hergestellt und müssen diese im Feminismus nachgewiesen werden. Obwohl das nicht unmöglich ist, liegt die Latte damit ziemlich hoch. Ich möchte – ausgehend von einem Text der Historikerin Shulamit Volkov, Antisemitismus als kultureller Code – einen solchen Vergleich nicht auf die nationalsozialistische, sondern die wilhelminische Phase des deutschen Antisemitismus beziehen, weil die Analogien zwischen diesem und ideologisch motivierter Männerverachtung meines Erachtens hierbei sehr viel deutlicher zu Tage treten.

(1) Antisemitismus als kultureller Code

Der Antisemitismus des wilhelminischen Kaiserreiches war integraler Bestandteil einer reaktionären, autoritären und antimodernen Kultur insbesondere der Eliten und des Mittelstandes. Er fuktionierte und wirkte nicht losgelöst von anderen weltanschaulichen Elementen dieser Kultur, sondern im Verbund mit ihnen. Die moderne, nicht länger religiös begründete Verachtung der Juden funktionierte, weil sie auf modernitätsfeindliche Einstellungen und romantische Sehnsüchte nach einer vemeintlich besseren vorindustriellen Vergangenheit bezogen werden konnte, indem sie die negativen Seiten der Modernität symbolisierte. Der jüdische Kaufmann repräsentierte den modernen Kapitalisten, der jüdische Intellektuelle den modernen Rationalisten, der Vorwurf einer spezifisch »jüdischen Geilheit« die sexuelle Emanzipation.

»Um die Jahrhundertwende zeigte ein Teil der deutschen Gesellschaft ein kulturelles Muster, das dem Syndrom der autoritären Persönlichkeit analog war; es wirkte in ähnlicher Weise auf der Ebene der Rationalität und auf der Ebene der impliziten Werte und Normen, des Lebens- und Denkstils, der normalen Ambitionen und Emotionen. Das Bündel von Ideen, Gefühlen und öffentlichen Verhaltensmustern, das für dieses Syndrom typisch ist, läßt sich nicht unter dem Titel ›Ideologie‹ subsumieren, wie dieser Begriff gemeinhin verstanden wird. (…) Die einmalige deutsche Kultur, die sich in den neunziger Jahren herausbildete, kam in der ›deutschen Ideologie‹ zum Ausdruck; in einer radikal antimodernen Mentalität, die von Liberalismus, Kapitalismus und Sozialismus nichts wissen wollte; in dem sehnsüchtigen Verlangen nach einer längst entschwundenen Welt. Zu ihr gehörte eine Reihe politischer Auffassungen, darunter die Ablehnung der Demokratie und der Ruf nach Wiederherstellung einer völkischen Gemeinschaft in Harmonie und Gerechtigkeit. Sie verband sich mit extremem Nationalismus, kolonialen und imperialen Bestrebungen, Begeisterung für den Krieg und mit dem Eintreten für einen vorindustriellen Sittenkodex, der mehr als nur eine Spur Heuchelei zeigte. In der einen oder anderen Weise ging diese Ideologie stets mit dem Antisemitismus Hand in Hand.« (Volkov 2000: 19 f.)

Diese »Paketlösung« war die Form, in der der Antisemitismus seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts sinnvoll erschien: »So konnte sich der Antisemitismus in studentischen Verbindungen ebenso ausbreiten wie in Lehrer-, Richter- oder Beamtenverbänden. Unmerklich drang er in die Reihen des protestantischen und in geringerem Umfang auch des katholischen Klerus in Deutschland ein. Im Laufe der neunziger Jahre faßte der Antisemitismus in den kleinsten Bürgervereinen, Heimatvereinen und zahllosen sonstigen kulturellen Vereinigungen auf lokaler Ebene Fuß. Der Antisemitismus grassierte. Er war in Berufsverbänden ebenso anzutreffen wie in vielen politischen pressure groups. Lokale Behörden waren von ihm infiziert, und überregionale Regierungen vermieden nur mit Mühe das offene Eingeständnis ihres Antisemitismus und mußten zunehmend die Stimmung im Lande berücksichtigen.« (Volkov 2000: 16)

Volkov weist auf die pragmatische Funktion antisemitischer Bekenntnisse hin: »Das Bekenntnis zum Antisemitismus wurde zu einem Signum kultureller Identität, der Zugehörigkeit zu einem spezifischen kulturellen Lager. Man drückte dadurch die Übernahme eines bestimmten Systems von Ideen und die Präferenz für spezifische soziale, politische und moralische Normen aus.« Dieser Antisemitismus ist also noch nicht wie derjenige der Nazis buchstäblich gemeint, er sieht »den Juden« noch nicht in rassenbiologischer Unmittelbarkeit als physisch zu vernichtenden »Volksschädling«, sondern hat das Bewußtsein vom Verweischarakter des »Jüdischen« auf ein umfassenderes System von Überzeugungen noch nicht verloren. Insofern stellte er einen kulturellen Code dar. Innerhalb der antisemitischen Literatur jener Zeit, die durch Verfasser wie Heinrich Claß, Wilhelm Marr, Otto Glagau und Heinrich von Treitschke geprägt wurde, wird die Bedeutung der »Judenfrage« aber durchaus weiter konkretisiert.

(2) »Die soziale Frage ist die Judenfrage«

Der Begriff des »Antisemitismus« wurde mit öffentlicher Breitenwirkung erstmals von Wilhelm Marr geprägt. Er distanziert sich zugleich von emotionalem Judenhaß und fasst das Judentum auf einer abstrakteren Ebene als Ziel auf, ohne es direkt zu benennen. »›Judentum‹ war … für Marr in der Tat mehr als nur eine kollektive Bezeichnung für die Juden. Es war eine Abstraktion aus allem, was er verabscheute: das Gegenteil einer anderen, genauso vieldeutigen Abstraktion, des ›Deutschtums‹. Trotzdem war der Begriff ›Judentum‹ immer noch zu spezifisch. Er hatte einen zu unmittelbaren Bezug zu lebenden Juden und war daher für Marrs Zwecke ungeeignet. Der Begriff ›Semitismus‹ enthielt den ausreichenden, wiewohl indirekten Hinweis auf Marrs eigentliches Ziel. (…) Ein neuer Begriff war notwendig, um den symbolischen Prozeß auszudrücken, der judenfeindliche Einstellungen zur Analogie für eine ganze Serie anderer Auffassungen machte.« (Volkov 2000: 27 f.)

Dieser symbolische Prozess wurde von Otto Glagau konkreter gefasst, indem er den Begriff des Antisemitismus auf ein Schlüsselproblem der Epoche, die sogenannte »soziale Frage« bezog, also auf die vielfältigen gesellschaftlichen Folgeprobleme eines Übergangs zur industriekapitalistischen Gesellschaft wie zum Beispiel der Aufstieg einer »entfremdeten« Industriearbeiterschaft und der Niedergang des alten Handwerks. Glagau identifizierte die Juden mit dem »Manchestertum«, also der radikalsten und in ihren negativen Konsequenzen folgenreichsten Ausprägung des Marktliberalismus im 19. Jahrhundert. Insbesondere die Schuld für den Börsenkrach von 1873 lastete Glagau den Juden an. Seine Schriften sprachen diejenigen an, die von den Versprechungen des Liberalismus wie dem Krisenmanagement der Reichsregierung gleichermaßen enttäuscht waren, ohne sich deshalb dem Sozialismus zuwenden zu wollen. In diese interpretative Leerstelle zwischen den liberalen und sozialistischen Ideologisystemen stieß Glagaus Formel: »Die soziale Frage ist die Judenfrage«. Sie war zugleich hinreichend ungenau und hinreichend falsch, um eine gefühlte anstelle einer analytischen Ursachenforschung für die von seinen Adressaten erlebten Probleme anbieten zu können.

»Glagau hatte eine Analogie benutzt; er hat eine Metapher geschaffen. Wie in der Dichtung kann sich auch in der Sprache der Politik die ›falsche Metapher‹ als die wirksamste erweisen. (…) Für viele von Glagaus Zeitgenossen war seine Metapher offenkundig eine verfehlte Übertreibung – ›Demagogie‹, wie man damals sagte. Aber für Teile des Mittelstandes und für andere, die nach einem Begriffsrahmen zum Verständnis unerwünschter Transformationen suchten, bot sie den lange gesuchten Schlüssel. (…) Glagaus Parole war ›falsch‹, aber sie war einfach, elegant und ungemein suggestiv. Sie war aus dem Zeug, mit dem man Propaganda machte, und sie tat ihre Wirkung. (…) Mittlerweile wurde die Richtigkeit dieses Schlagworts dank seiner unermüdlichen Wiederholung von vielen Menschen nicht mehr angezweifelt. Heftige Angriffe gegen Kapitalismus und Sozialismus sowie die Forderung nach sozialen Reformen unter ständischen Gesichtspunkten waren unfehlbar mit Antisemitismus verknüpft. In den Augen vieler Menschen verdrängte das Schlagwort die Wirklichkeit. Die Verknüpfung wurde als etwas Selbstverständliches hingenommen. Sie wurde Bestandteil der herrschenden Kultur.« (Volkov 2000: S. 29 ff.)

Einen weiteren Schritt der Verdichtung der Judenfrage zum vermeintlichen Schlüsselproblem der wilhelminischen Gesellschaft hat schließlich Heinrich von Treitschke getan. Erst Treitschke machte den Antisemitismus für das deutsche Bürgertum und die deutschen Universitäten salonfähig, und auch bei ihm ist der Antisemitismus integraler Bestandteil einer Ideologie des Deutschtums, dessen negative Folie er darstellt. Das deutsche Volk benötigte kein und ihm entsprach kein debattierendes Parlament, sondern die Eintracht von Krone und Volk, statt demokratischer Prozeduren bedurfte es eines wachsenden »Volksbewußtseins«. Das Gegenbild seines Modells stellte dementsprechend der »Kosmopolitismus« dar, der sich vortrefflich als jüdisch konnotieren ließ. »Die Juden, so Treitschke, bildeten eine Gefahr für das ›neue deutsche Leben, richtig erkannt‹. Sie waren das Gegenteil alles Deutschen, und schon ihre Präsenz war eine Gefahr für die deutsche Kultur. Die Juden standen für ›Lug und Trug‹ und für Materialismus, im Gegensatz zur ›Arbeitsfreudigkeit unseres Volkes‹. Die gesamte geistige Gemeinschaft in Deutschland, erklärte er, sei zu dem unausweichlichen Schluß gelangt: ›Die Juden sind unser Unglück.‹ (…) Die Judenfrage war nicht ein Problem neben anderen, sondern der Kern allen Übels. Mit einem Federstrich wurde ein Einzelproblem zum Inbegriff aller anderen gemacht. Die Juden wurden mit jedem negativen Aspekt des deutschen Lebens gleichgesetzt, obwohl sie nachweislich nur ein bestimmtes Problem bzw. ein bloßes Symptom weit ernsthafterer Übel darstellten.« (Volkov 2000: 32)

Volkovs These kann auch erklären, warum eine große Zahl von Deutschen schließlich dem nationalsozialistischen Antisemitismus zu foglen geneigt waren: weil sie die spezifische Radikalisierung, die ihm eigen war, nicht oder nicht rechtzeitig erkannten: der Antisemitismus der Nazis »bezeichnete nun nicht mehr das Einverständnis mit der alten nationalistischen, konservativen, anti-emanzipatorischen Weltanschauung des Vorkriegs-Deutschlands, sondern verband sich mit der Politik der Gewalt, des Terrors und der Vernichtung. (…) Für sie war ›Antisemitismus‹ ein Schlachtruf mit unmittelbaren Implikationen für das Handeln sowie ein Programm der Einschüchterung und Vernichtung. Für Millionen Deutsche aber und für die Mehrheit der deutschen Juden blieb ›Antisemitismus‹ ein kultureller Code.« (Volkov 2000: 35 f.)

(3) »Die ökologische Frage ist die Männerfrage«

Worin sehe ich nun die wesentliche Analogie zur heute grassierenden Männerverachtung? Die Zwischenüberschrift bringt meine These auf den Punkt: während die generelle Disposition zur Männerverachtung, wie Kucklick gezeigt hat, bereits in der modernen Gesellschaft als solcher angelegt ist und in der von Foucault analysierten »Disziplinargesellschaft« eine spezifische Anwendung auf männliche Insassen von Erziehungs-, Korrektions- und Strafanstalten findet, deren männliche Natur der Gesellschaft unterworfen werden muss, so wird sie im öffentlichen Diskurs in dem Augenblick selbständig wirksam, in dem sich eine Reihe von anerkannten gesellschaftlichen Schlüsselproblemen, insbesondere das Problem eines tragfähigen Weltfriedens und die Abwendung ökologischer Katastrophen, als »männliche Probleme« kodieren lassen. Hierzu trägt entscheidend bei, dass eine Reihe von feministischen Theorien in Teilen der Öffentlichkeit immer noch den Ruf gültiger Analysen genießen, anstatt als die vulgärsoziologischen und küchenpsychologischen Kurzschlüsse benannt zu werden, die sie sind. Während drastische Varianten dieser Theorien, wie sie insbesondere von der sogenannten »Matriarchatsforschung« vertreten werden, auch innerhalb des Feminismus weitgehend diskreditiert sind, sind moderatere Versionen derselben Vorurteilsstruktur auch über den Feminismus hinaus ebenso weithin salonfähig. Ich möchte diese Art der Welterklärung an ein paar Beispielen kurz und schlaglichtartig illustrieren.

Eine aus der »Matriarchatsforschung« hervorgehende »radikale« Idee besteht darin, ein die Jahrtausende übergreifendes »patriarchales Projekt« zu bestimmen, das sich in der Moderne seinem Ziel nähert: »Dieses Projekt des Patriarchats besteht in nichts Geringerem als dem Versuch, der – insbesondere seit der Moderne gerade auch technologischen – Ersetzung der frauen- und naturgeschaffenen Welt durch eine männliche ›Schöpfung‹, die besser, edler, höher, ewig und vor allem in Zukunft gänzlich unabhängig sein soll von Frauen und Naturbedingungen überhaupt.« (Werlhof 2010: 9) Das Ziel der feministischen Kritik an diesem »Projekt«, die nichts weniger beansprucht, als »eine allgemeine Erkenntnistheorie zu werden, die alle bisherigen Erkenntnistheorien hinter sich lassen könnte, weil diese allesamt das Patriarchat voraussetzen« (S. 9), besteht wiederum darin, andere kritische Theorien zu ersetzen, »da sie die heute das Leben selbst bedrohenden Zusammenhänge zwischen kapitalistischer Waren-Produktion, neuer weltweiter Hungersnot, globaler Verelendung, neuen technologischen Entwicklungen, Natur-Zerstörung, neuen ideologischen ›Fundamentalismen‹, neuer Frauenfeindlichkeit, neuen totalitären Tendenzen und neuen Kriegen nicht erklären kann.« (S. 10) Das Bedürfnis, eine universelle Erklärung zeitgenössischer Probleme an eine simple Formel zu knüpfen, springt uns hier geradewegs ins Gesicht. Werlhof hält freilich alle anderen Formen feministischer Kritik außer ihrer eigenen für ungenügend, da diese weiterhin dem universellen Verblendungszusammenhang des Patriarchats verfallen bleiben. Insofern bleibt die von ihr vertretene Richtung auch innerhalb des Feminismus in einem sektiererischen Abseits.

Eine näher an den Begriffen einer kritischen Gesellschaftstheorie operierende These wird von Maria Mies formuliert: »Was hat die Frauenfrage mit der Ökologiefrage zu tun? (…) Was Natur, Frauen und ›Dritte Welt‹ verbindet, ist die Tatsache, dass diese Bereiche der Wirklichkeit seit der Renaissance die wichtigsten Kolonien des Weissen Mannes sind. Auf ihrer gewaltsamen Unterwerfung und Ausbeutung beruht sein Menschenbild, seine Zivilisation, sein Begriff von Wissenschaft und Technik und Fortschritt, sein Modell von immerwährendem ökonomischem Wachstum, sein Begriff von Freiheit und Emanzipation, seine Gesellschaft und sein Staat. Diese drei Kolonien wurden zur ›Natur‹ erklärt, dass heisst zu Quellen möglichst kostenloser, ausbeutbarer Ressourcen (Rohstoffe, Arbeitskräfte, Leben).« (Mies 1996: 277)

Auch hier finden wir die Reduktion einer vielschichtigen historischen Entwicklung auf eine Grundstruktur »patriarchaler Herrschaft«. Während die Entwicklungsgeschichte des westlichen Imperialismus, also Aspekte seiner politischen und ökonomischen Geschichte seit der frühen Neuzeit sich vielleicht noch unter dem Begriff der Kolonialisierung als rotem Faden zusammenfassen lässt, überzieht Mies ihre These dadurch, dass sie die gesamte moderne Gesellschaft, nämlich Menschenbild, Wissenschaft, Technik, sogar die Begriffe von Freiheit und Emanzipation daraus herleiten will. Die grundlegende Denkfigur einer männlichen und patriarchalen Naturzerstörung als Quelle der modernen Gesellschaft und ihrer aktuellen Probleme ist aber von Werlhofs Idee nicht grundsätzlich verschieden.

Eine wiederum andere Variante, die sich weniger auf die ökologische als auf die Weltfriedensproblematik bezieht, ist der psychoanalytisch geprägte Ansatz von Margarete Mitscherlich, den Lucas Schoppe hier bereits ausführlicher untersucht hat. Auch ihre im Vergleich zu Mies und Werlhof differenziertere Kritik bleibt in ihrem Resümee letztlich in einer Psychologisierung gesellschaftlicher Zusammenhänge stecken: »An der Frau liegt es, männlichem Imponier- und Selbstdarstellungsgehabe, diese Wurzel vieler Gewaltakte und kriegerischer Auseinandersetzungen, die zur Aufrechterhaltung solcher Mentalität notwendige Bewunderung zu versagen. (…) An der Frau liegt es aber auch, die von den Männern ›gepachteten‹ Positionen zu erringen, um ihre ›friedfertigere‹, vernünftigere und objektbezogenere Einstellung zu vielen Fragen der Lebensgestaltung stärker zur Geltung zu bringen.« (Mitscherlich 1987: 183)

Schließlich finden wir dieselbe Vorurteilsstruktur auch bei einer nicht aus theoretischen Kontexten stammenden Autorin, nämlich in Karen Duves Essay »Warum die Sache schiefgeht«: »Die Kulturleistungen, die wir den dominanten Alpha-Männern zu verdanken haben, … sind nichts im Vergleich zu dem, was alles hätte sein können, wenn wir nicht Jahrhundert für Jahrhundert von den aggressivsten, egoistischsten, raffgierigsten und dabei nicht einmal besonders intelligenten Charakteren geleitet worden wären. Die, die immer wieder verhindert oder zunichtegemacht haben, was intelligentere oder sozialere Artgenossen uns hätten bieten können.« (Duve 2014: 121 f.) Auch ihrem »Rant« liegt eine Mischung von misandrischen und biologistischen Stereotypen zugrunde, dessen Simplizität sich umgekehrt proportional zur beanspruchten Reichweite ihres Erklärungsversuchs verhält, und er beeindruckt vor allem durch die Chuzpe, mit dem sie ihre drastischen Vorwürfe ohne jede Spur an systematischer Analyse an ihr Publikum zu bringen versucht.

Diese Beispiele stellen selbstverständlich keine vollständige Kritik der betreffenden Ansätze dar – ich beanspruche aber dennoch, dass es sich um für die betreffenden Verfasserinnen typische und repräsentative Aussagen handelt, die hier als Illustration dienen sollen. Allen diesen Ansätzen ist meines Erachtens gemeinsam, dass sie eine schiefe, unzureichende, psychologisch reduktionistische und damit nicht kritische, sondern selbst mythenbildende Form der Analyse gesellschaftlicher Probleme darstellen, die sich primär dafür eignen, Schuldzuweisungen zu symbolisieren. Sie liefern einer politischen Agitation damit Scheinlösungen gesellschaftlicher Probleme, die im Kern darauf beruhen, nicht Kausalzusammenhänge zu analysieren, sondern Schuldige zu identifizieren, und auf diese Weise politische Ersatzhandlungen zu legitimieren. Auf diese Weise sind die misandrischen Formen des zeitgenössischen Feminismus einer historisch genau angebbaren Form von Antisemitismus strukturell wesensverwandt. Dass wir hier den deutschen Antisemitismus als Beispiel gewählt haben, steht dem nicht entgegen, dass die genannte feministische Vorurteilsstruktur sich heute über die ganze westliche Welt erstreckt.

Die naheliegende Frage, ob und inwieweit wir mit einer dem historischen Beispiel analogen weiteren Radikalisierung dieser Vorurteilsstruktur rechnen müssen, möchte ich einem weiteren Blogpost vorbehalten.

Edit: Typo, Literatur

Literatur:

  • Duve, Karen (2014), Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen. Berlin: Galiani
  • Mies, Maria (1996), Patriarchat und Kapital. Frauen in der internationalen Arbeitssteilung. Zürich: Rotpunktverlag
  • Mitscherlich, Margarete (1987), Die friedfertige Frau. Eine psychoanalytische Untersuchung zur Aggression der Geschlechter. Frankfurt a. M.: Fischer
  • Volkov, Shulamit (2000), Antisemitismus als kultureller Code. Zehn Essays. München: C. H. Beck
  • Werlhof, Claudia von (2010), West-End. Das Scheitern der Moderne als »kapitalistisches Patriarchat« und die Logik der Alternativen. Köln: PapyRossa
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23 Kommentare zu „Männerverachtung und Antisemitismus als kultureller Code“

  1. Du stellst eine interessante Analogie zwischen dem misandrischen zeitgenössischen Feminismus und dem Konservatismus der Wilhelminischen Zeit her.

    Das formale Kriterium für diese Analogie ist nach deiner Darstellung der Dreischritt:

    1. die allgemeine Positionierung (Codierung) einer Gruppe als Stellvertreter für einen negativen (gesellschaftliche) Tatbestand
    2. danach die Konkretisierung dieser Codierung, indem die Stellvertretergruppe mit konkreten Missständen korreliert wird
    3. danach die Forderung nach der konkreten Eliminierung der Gruppe, um die konkreten Missstände zu eliminieren. Dabei glaubt sich die Mehrzahl der Anhänger des Wilhelminischen backslash und des misandrischen Feminismus noch in der Entwicklungsstufe 1., während sie schon in der Entwicklungsstufe 3 angekommen ist.

    Damit das Aufzeigen dieser Analogie ihre Wirkung entfalten kann, darf die Analogie nicht nur oberflächlich sein. Daher müssen auch die Unterschiede zwischen den Phänomenen hervorgehoben werden, um sicherzustellen, dass sie zu irrelevant sind, um eine Abschwächung des Analogiearguments zu bewirken.

    Es gibt zwei wichtige Unterschiede.

    1. der Feminismus wünscht sich nicht, wie der Wilhelminische backlash, einen vergangen Zustand zurück. Für den Feminismus gibt es keine historische Situation, auf die er sich positiv beziehen kann. Insofern ist er eine permanente Revolution.
    2. der Wilhelminische backlash konnte sich bis zu Ideologie der Ausrottung steigern, weil theoretisch der eigene Bestand dadurch nicht gefährdet wurde. Der theoretische Gipfel des misandrischen Feminismus geht aber nur bis 10% Restmänner, die Dworkin (?) fordert. Er erkennt die dienende Funktion und damit die beschränkte Nützlichkeit von Männern an.

    Für mich ergibt sich daraus, dass der Feminismus, einen permanenten Wandel nach 1. fordert, ohne Aussicht, jemals zur Ruhe zu kommen. Daher glaubt er nicht an ein Paradies ohne Männer. Das einzige, was der Feminismus versuchen könnte, ist die Delegitimierung männlich konnotierter Attribute, soweit sie nicht vom Feminismus sanktioniert wurden. Also: Männlicher Mut und Stärke ja, aber nur, um Frauen zu dienen. Intelligenz und Einfallsreichtum ja, aber nur, wenn sie vom Feminismus zum Sprechen aufgefordert wurden. Und so weiter. Männer, die diesen Nutzen nicht bringen, würden nicht exekutiert, sondern gesellschaftlich geächtet und von der Reproduktion ausgeschlossen. Möglicherweise würde dies aber auch zusätzlich durch Geburtenkontrolle flankiert.

    Abschließend würde ich also sagen, dass die Analogiebildung argumentative Kraft besitzt, auch wenn sich die konservative Deutsche Ideologie und der misandrische Feminismus strukturell unterscheiden.

    1. @quellwerk:

      »3. danach die Forderung nach der konkreten Eliminierung der Gruppe, um die konkreten Missstände zu eliminieren. Dabei glaubt sich die Mehrzahl der Anhänger des Wilhelminischen backslash und des misandrischen Feminismus noch in der Entwicklungsstufe 1., während sie schon in der Entwicklungsstufe 3 angekommen ist.«

      Diese Forderung »nach der konkreten Eliminierung der Gruppe« gehört noch nicht zum wilhelminischen Antisemitismus, sondern entwickelt sich erst nach dem Ersten Weltkrieg in der NSDAP. Aber in Bezug auf das Dritte Reich ist das Volkovs These.

      Die Frage nach der Übertragbarkeit von Stufe 3 auf den Feminismus habe ich aber (vorerst) ausdrücklich ausgeklammert, weil dazu, wie Du ganz zu Recht anmerkst, auch die Nichtvergleichbarkeiten berücksichtigt werden müssen, inklusive derer, die sich bereits auf Stufe 2 beziehen. (Generell hätte der Blogpost noch einiges mehr an Ausarbeitung vertragen können, aber ich wollte ihn noch am 20. veröffentlichen.)

      Die Unterschiede sehe ich auch so. Der Nationalsozialismus deklariert eine Hierarchie von Rassen, die sich in einem Verdrängungswettbewerb befinden, der Radikalfeminismus »nur« eine weibliche Suprematie, deren Konsequenzen in der Regel als inklusives Heilsversprechen und nur in wenigen Ausnahmefällen als exklusiv und eliminatorisch gedacht werden. Darüber hinaus interessiert mich der eliminatorische Gedanke von Daly und anderen (ich meine, Dworkin war nicht darunter) vor allem im Verbund mit den moderaten Positionen, ein Zusammenhang, den ebenfalls Lucas näher untersucht hat.

      Ähnlich wie Du würde ich statt eliminatorischer Programme eher eine Art von »sanftem Faschismus« erwarten, der auf ökonomischer Ausbeutung beruht, darin also dem stalinistischen System ähnlicher wäre als dem nationalsozialistischen.

      1. „Der Nationalsozialismus deklariert eine Hierarchie von Rassen, die sich in einem Verdrängungswettbewerb befinden, der Radikalfeminismus »nur« eine weibliche Suprematie“

        Dem Feminismus zur Seite getreten ist aber längst ein neuer Rasssimus, die „critical race theory“, die der Feminismus in grossen Teilen sich zu eigen gemacht hat („Intersektionalismus“), so dass zB Afrikanern und Moslems eine rassische Vorzugsstellung gewährt wird. Das verbreitet sich auch in D derzeit und ist in der englischsprachigen Welt schon ein bestimmender Faktor, ohne den man die neuen „Rassenunruhen“ und Vorfälle auf den Colleges, gar nicht verstehen kann.
        Diesem neuen Rassismus wird sogar die weibliche Suprematie untergeordnet, wie man besonders in Bezug auf den Islam sehen kann.

        Auch im „wilhelminischen Deutschland“, bzw in der Zeit des Nationalismus gab es durchaus Antisemtismus, der zur Segregation oder gar Vernichtung aufrief, ich meine Fries wäre so ein Fall.

      2. @djadmoros

        Wieder ein sehr schöner Artikel von dir! 🙂

        Aber in mr:

        „moderatere Versionen derselben Vorurteilsstruktur auch über den Feminismus hinaus ebenso weithin salonfähig“

        Genau *das* in meinen Augen.
        Das schöne am Feminismus aus der Sicht einer (beliebigen) Herrschaftsideologie ist die (Re-) Etablierung einer Mechanismus, einer *Struktur von Vorurteilen*, die als *legitim* erscheint. Juden hassen ist wenig salonfähig, den weißen Mann zu hassen ist es.
        Das *Vorurteil* ist *gleichermaßen* gebunden an biologisch invarianten Merkmalen.
        Der „Code“ ist gebunden an die materielle Existenz von Männern.

        Es *überlebt* das *Vorurteil* – eine *evolutionär stabile Strategie* der simplifizierenden Schuldzuweisung. D.h. welches Vorurteil *in dieser Struktur überlebt* ist völlig austauschbar. Sie haben das Vorurteil am Leben gehalten und eine biologistisch fundierte Elite-Theorie. Applaus!

        Die Legitimation der für die eigenen Vorurteile beziehen Feministinnen wiederum aus einer Geschichte der Unterdrückung, *die sie selber geschrieben haben*.
        Nicht zu unterschätzen. Früher nannten wir das *Revisionismus*.
        Bevor es dazu kam, dass eben ein *Narrativ* das andere ablöste.

        Zugleich wird durch die Art der geschriebenen Geschichte deutlich, aus welcher sozialen Schicht diese Feministinnen entstammen und welche schichtspezifischen Ängste sie voran treiben:

        »Dieses Projekt des Patriarchats besteht in nichts Geringerem als dem Versuch, der – insbesondere seit der Moderne gerade auch technologischen – Ersetzung der frauen- und naturgeschaffenen Welt durch eine männliche ›Schöpfung‹, die besser, edler, höher, ewig und vor allem in Zukunft gänzlich unabhängig sein soll von Frauen und Naturbedingungen überhaupt.«

        Zunächst ist hier interessant, wie „frau“ sich *fühlt*:

        „Ersetzung der frauen- und naturgeschaffenen Welt“ – hier erfolgt eine Gleichsetzung von Frau und Natur (Ironie!) in einer Konnotation, die völlig irreal ist.
        Weder schafft „Frau“, noch schafft „Natur“ aus sich heraus irgendetwas.
        Die hier verborgene Illusion ist, es gäbe eine mystische Verbundenheit zwischen biologischer Frau und „Natur“ als abstrakte Wesenheit ohne, *selber tätig zu werden*.

        Was diesen Gedanken präzisiert ist der folgende Passus: „eine männliche ›Schöpfung‹“, dem Mann wird eine *göttlicher Akt* in der Erschaffung von naturbeherrschender Technologie zugeschrieben, d.h. auch hier wird die konkrete, männliche Tätigkeit mystifiziert. Überhaupt bin ich der Meinung, wir sollten feministische Mythen eher so lesen, wie auch griechische und generell mehr als „Opium des Volkes“ und damit meine ich natürlich eine spezifische soziale Schicht.

        Das ist die irreale Weltwahrnehmung bürgerlicher Frauen/Feministinnen.
        Die aus der Möglichkeit der materiellen Reproduktion des eigenen Daseins ausgeschlossen waren und denen es an einem grundlegenden Verständnis der modernen, Technologie-getriebenen Gesellschaft mangelt.
        D.h. Feministinnen sind dann erfolgreich, wenn sie die unbewussten Ängste von (bürgerlichen) Frauen artikulieren und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen für existenzielle Ängste.

        Zu ihren, den Ängsten bürgerlicher Frauen/Feministinnen:

        1. „Ersetzung der frauen- und naturgeschaffenen Welt durch eine männliche ›Schöpfung‹“ = Ersetzbarkeit = die Angst vor dem, was Farrell als „male disposability“ skizziert hat.
        Die Angst davor, individuell als „überflüssig“ charakterisiert zu werden.
        2. „vor allem in Zukunft gänzlich unabhängig sein soll von Frauen und Naturbedingungen überhaupt“ – auch wird Frauen/Natur in Eins gesetzt (irreal), aber erkennbar wird eine zweite Angst, nämlich die *Unabhängigkeit* von Männern gegenüber Frauen.

        „Der Nationalsozialismus deklariert eine Hierarchie von Rassen, die sich in einem Verdrängungswettbewerb befinden, der Radikalfeminismus »nur« eine weibliche Suprematie“

        Der feministische „Suprematismus“ kommt nicht von ungefähr, sondern die prinzipielle moralische Überlegenheit von Frauen *ist* die Hierarchisierung zweier, als unversöhnlich gegenüber gestellter „Rassen“ = biologischer Geschlechter.
        JEDE Antwort des „Frauen sind besser als“ (gemeint sind immer Männer) ist eine spezifische Antwort im Rahmen eines Verdrängungswettbewerbs und des „survival of the fittest“ einer *nie in Frage gestellten* Wettbewerbslogik im Rahmen des Kapitalismus.
        Hier adelt sich simpler Opportunismus als „progressiv“.

        Und das Kontrollbedürfnis gegenüber den Männern in der „Strafgesellschaft“ lässt sich zu leicht dechiffrieren:

        „Daher glaubt er nicht an ein Paradies ohne Männer. Das einzige, was der Feminismus versuchen könnte, ist die Delegitimierung männlich konnotierter Attribute, soweit sie nicht vom Feminismus sanktioniert wurden.“

        Das Paradies ohne Männer ist illusionär, so lange diese für 70% der Steuereinkünfte des Staates dienen. *Jeder Feminismus* ist also gezwungen, den Zugriff auf den *männlich erbrachten Mehrwert* zu verschleiern und zu legitimieren.
        Wer Zugriff auf die Hälfte der Ressourcen einer Gesellschaft haben will, sollte tunlichst vermeiden zu artikulieren, selbst nur 30% erbracht zu haben.

        In diesem Lichte ist *Kompensation* für erlittenes Unrecht (s. Revisionismus) eine Marschrichtung, eine andere z.B. die „care revolution“, in der Tätigkeiten der Reproduktion – so sie von Frauen (und nur von diesen – was natürlich der vorgeblich angestrebten Emanzipation in den Hintern tritt) erbracht werden einen magischen Wert erhalten.
        In meine Augen liegt M. Klein auch völlig falsch – die realen Kämpfe werden um die Geschäftsführung in staatlich kontrollierte GmbHs oder gGmbHs stattfinden und nicht in AGs. Die Basis zukünftiger Machtkämpfe sind Gesellschaften unter staatlicher Kontrolle.

        „Freundlicher Faschismus“ trifft die Rolle ziemlich gut, die der moderne Feminismus spielt. „Sozialfaschismus“ ist der alte, dennoch m.E. bewährte Ausdruck.

        Gruß, crumar

      3. @crumar
        „Illusion ist, es gäbe eine mystische Verbundenheit zwischen biologischer Frau und “Natur”“

        Das ist tatsächlich ein verbreiteter Glaube, wenn auch unbewusst. Eine der Top Rechtfertigungen für das politische Handeln.

        „“survival of the fittest” einer *nie in Frage gestellten* Wettbewerbslogik im Rahmen des Kapitalismus“

        Dann muss der Feminismus auf diese Weise bekämpft werden: durch Mittelentzug?

        „Geschäftsführung in staatlich kontrollierte GmbHs oder gGmbHs stattfinden“

        Die sind aber nicht staatlich kontrolliert und lassen sich so nicht kontrollieren, deshalb ist man auf öffentlich kontrollierte Sachen wie AG angewiesen. GmbH nimmt man ja deshalb, um nicht öfffentlich zu sein.
        Die Verbreitung findet überall statt, wo öffentliche Gelder fliessen. Insbesondere im Sozialsystem. Hier wird ja befehligt und ist hierarchisch und das liegt den Feministen schliesslich besonders.

    2. @ quellwerk Ich finde den Wilhelmismus-Vergleich sehr passend, und er allein hätte eigentlich noch einen eigenen Blogeintrag verdient. Dabei verstehe ich Dein Argument durchaus, dass der Feminismus nicht auf einen reaktionären Backlash, sondern auf eine permanente Revolution angelegt sei.

      Allerdings erreicht er die Permanenz gerade dadurch, dass er bei einer weitgehend reaktionären Anlage zugleich ein progressives Selbstverständnis hat. Auf diese Weise kann sich der Feminismus – genauer: der in den Institutionen verankerte Staatsfeminismus – selbst als ein unentbehrliches perpetuum mobile installieren: Er bringt beständig eben die Probleme hervor, als dessen einzige Lösung er sich dann präsentiert.

      Ein einschlägiges Beispiel ist sicher die endlose Rede vom „Gender Pay Gap“. Es gäbe vermutlich kein besseres Mittel gegen diesen „Gap“ als die vollständige, reale Gleichberechtigung von Müttern und Vätern, nicht nur formell, sondern auch in Jugendämtern, Gerichten oder Beratungsstellen. Es sind aber, vor allen anderen, Feministinnen, die sich dieser Gleichberechtigung mit staunenswerter Verbissenheit in den Weg stellen.

      Es ist ja tatsächlich undenkbar, dass Feministinnen in den staatlichen Institutionen irgendwann verkünden, das Patriarchat sei endlich abgeschafft, die Gleichberechtigung erreicht, und Gelder für Gleichstellungsbeauftragte, Frauenförderung und emanzipatorische Frauen- und Gender-Studies könnten anderswo verwendet werden. Wer macht schon gern seinen eigenen Arbeitsplatz überflüssig?

      Dass ist aber eben der Punkt, an dem der Wilhelminismus-Vergleich sehr gut passt: Der heutige institutionengestützte Feminismus spielt beständig einen guten Staat gegen eine böse Gesellschaft aus. Auf der anderen Seite das Patriarchat, mit seinen archaischen Formen, seinen unterentwickelten Männern, seiner beständigen Gewalt- und Vergewaltigungsbereitschaft – und auf der eigenen Seite der aufgeklärte Staat mit seinen Frauenministerien, seiner emanzipatorischen Forschung, seiner Gleichstellungsgesetzgebung und den entsprechenden Beauftragten, mit seinen Förderprogrammen.

      Auf der einen Seite die institutionalisierte Macht, die für Zivilisation und wahre Humanität steht – auf der anderen Seite die gärende, irgendwie vernunftlose, immer irgendwie auch pöbelhafte Gesellschaft, die beständig gefährlich ist und die nur von einem sauber strukturierten Staat im Zaum gehalten werden kann. Back to Kaiser Wilhelm.

      Staat und Gesellschaft werden vom institutionengestützten Feminismus so radikal getrennt betrachtet, dass sich eine sehr nahe liegende Frage gar nicht mehr stellt: Wie es denn eigentlich möglich ist, dass sich in einem umfassenden Patriarchat ausgerechnet die mächtigsten Institutionen, nämlich die staatlichen, so selbstverständlich auf die Seite der doch allseits Unterdrückten stellen.

      Das wilhelminische Staatsverständnis des Feminismus ist eben darin gefährlich, dass staatliche Macht der gesellschaftlichen Legitimation enthoben wird, weil sie ja immer schon moralisch legitimiert sei, irgendwie. Denn: Wenn sich hier überhaupt jemand legitimieren muss, dann ist es natürlich die Gesellschaft gegenüber dem Staat, die erstmal begründen muss, warum sie es trotz umfangreicher staatlicher Hilfsprogramme immer noch nicht geschafft hat, ihre patriarchalen Strukturen loszuwerden….

      Mit demokratischen Grundsätzen ist dieser Neo-Wilhelminismus natürlich nicht vereinbar. Darum ist er auch – wie sein historisches Vorbild – auf beständiges Moralisieren angewiesen, weil er sich durch seinen selbsterteilten, erhaben-moralischen Auftrag legitimiert und nicht durch demokratische Willensbildungen.

    3. „Es gibt zwei wichtige Unterschiede.“

      Ich glaube, es gibt noch einen dritten wichtigen Unterschied: die Biologie.
      Trotz gegenteiliger Bemühungen feministischer Kreise verlieben sich die meisten Frauen damals wie heute in Männer. Das geht oft schief, das Private wird dann ggf. politisch und da und dort wird daraus Männerhaß, aber nicht flächendeckend. Die feministischen Elitekämpfer und ihre Männerverachtung beherrschen zwar die politische und mediale Bühne, aber sie sind nach meinem Eindruck nicht repräsentativ für die breite Masse der Frauen. Spannend wird, ob und wie sich die Diskrepranz zwischen der enormen politischen Macht des Institutionalisierten Feminismus und der eher schwindenden Unterstützung durch die Masse der Frauen auflöst.

      1. @mitm:

        »Trotz gegenteiliger Bemühungen feministischer Kreise verlieben sich die meisten Frauen damals wie heute in Männer.«

        Meinem Eindruck nach läuft es darauf hinaus, wie man die Chance einschätzt, dass der Feminismus sich erfolgreich an der Durchsetzung eines autoritär-kapitalistischen Gesellschaftsmodells beteiligt, das Lucas oben sehr treffend als »Neo-Wilhelminismus« bezeichnet hat. Was auf die Frage hinausläuft, welches Mitspracherecht gegenüber dem Feminismus dissidente Frauen in einer solchen Gesellschaft haben würden.

        Ich stelle fest, dass wir hier gerade versuchen, eine konsistente und plausible feministische Dystopie zu konstruieren. Das eigenet sich eigentlich schon für ein eigenständiges Projekt der Männnerbewegung! 🙂

  2. Der theoretische Gipfel des misandrischen Feminismus geht aber nur bis 10% Restmänner, die Dworkin (?) fordert.

    Du meinst wahrscheinlich Mary Daly:

    „Wenn Leben auf diesem Planeten überleben soll, dann muss es eine Dekontamination der Erde geben. Ich glaube, dass dies durch einen evolutionären Prozess begleitet werden wird, der zu einer drastischen Reduktion der Bevölkerung von Männern führen wird.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Daly#Ansichten_zum_Geschlechterverh.C3.A4ltnis

    Allerdings ist Dworkin keinen Millimeter besser.

  3. Die Männerfeindseligkeit heute ist ein politisch korrekter Ausdruck des Antisemitismus. Alle „Codes“ wurden übernommen und in eine neue Form gegossen.

    Die „soziale Frage“ (Glagau) von heute ist über die letzten Jahrzehnte die „Männerfrage“ geworden. Männer oder ihre „toxische Männlichkeit“ sind das Grundübel unserer Zeit. Dementsprechend textete die SPD programmatisch „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“ Die „weiblichen“ Eigenschaften Friedfertigkeit, Empathie und Konfliktlösungsvermögen sind beim Mann nicht vorhanden. Der Mann überzeiht den Globus mit Krieg, Naturzerstörung, Klimawandel, Ausbeutungsverhältnissen und überhaupt einem generell unterdrückerischen System, welches mehr als nur totalitär wirksam ist. Auch die Wissenschaften sind als reines „soziales Konstrukt“ nur dazu dienlich die „patriarchale Ordnung“ zu perpetuieren, „Wahrheit“ und „Objektivität“ ihre Mythen.

    Die feministische, zentrale Grundüberzeugung von der Existenz des „Patriarchats“ ist ganz der Idee von der „jüdischen Weltverschwörung“ nachgebildet, der zentrale Glaubensinhalt jedes modernen Antisemitismus wenigstens über den 2. WK hinaus.
    In beiden Fällen wird die „Weltherrschaft“ durch ein unfassbare und sich immerfort versteckende, heimtückische Verschwörung, die gleichzeitig allmächtig als auch fragil und zurückdrängbar erscheint, ausgeübt oder weiter versucht zu verfestigen. Die im Zuge des (rassistischen) Antisemitismus entstandenem Tropen sind grösstenteils wenigstens in modifizierter Form heute auf „den Mann“ übertragen:
    Verfremdung und Entfernung von und der menschlichen Natur: die entwurzelte, degenerierte männliche Natur mit ihrer widernatürlichen Rationalität sei im Effekt nur habgierig (Kapitalismus!), beutet alle Menschen (Kolonialismus) hinterrücks aus (vor allem Frauen) und von einer enthemmten, abartigen Sexualität (die zur allgemeinen „rape culture“ führte, da der Mann ja dauergeil und völlig rücksichtslos sei).
    Auch der religiöse Antisemitismus (oder manchmal Antijudaismus genannt) findet ebenfalls seine Entsprechung: der „Gottesmord“ (an Jesus) wird so zum Mord am „Matriarchat“ bzw der Gleichheit von damals, welche durch die Männerordung vernichtet oder verdrängt worden sei. Meist wird dieser kritische Zeitpunkt mit dem Aufkommen des Judentums in Verbindung gebracht, bisweilen auch vorher in den Staatstaaten Mesopotamiens verortet.

    Die Männerfeindseligkeit insbesondere durch den Feminismus hervorgebracht ist aber eher ein Nebenaspekt des Antisemitismus, der im Antizionismus, aka „Israel-Kritik“ weiter lebt und eine Zwillingsschwester des Feminismus ist.
    Nicht zuletzt erkennt man das schon daran, dass alle Medien, die männerfeindlich eingestellt sind geradezu proportional dazu israelfeindlich sind. Das extremste Beispiel ist vielleicht der britische Guardian, gefolgt zB vom deutschen Spiegel.

    Sicherlich also
    „sind die misandrischen Formen des zeitgenössischen Feminismus einer historisch genau angebbaren Form von Antisemitismus strukturell wesensverwandt.“
    Weil sie ein zeitgemässer Ausdruck eines umfassenderen, neuerdings erstarkenden Antisemitismus sind.

    1. @Alex:

      »Die feministische, zentrale Grundüberzeugung von der Existenz des “Patriarchats” ist ganz der Idee von der “jüdischen Weltverschwörung” nachgebildet«

      Das kann man m. E. so pauschal nicht sagen, aber zumindest für die Ideologinnen des »Matriarchats« trifft das in vielen Hinsichten zu. Das dürfte allerdings auch der wichtigste Grund sein, warum zumindest diese Spielart des Feminismus heute kaum noch einen Fuß auf den Boden bekommt.

      In einem erweiterten Sinn entspricht Deine These es aber genau dem, was ich sagen wollte: »Männerverachtung als kultureller Code« bedient das Bedürfnis, abstrakte systemtheoretische Zusammenhänge auf anschauliche handlungs- und motivationstheoretische Zusammenhänge zu vereinfachen und damit Schuldige zu benennen – und ist damit dem wilhelminischen Antisemitismus in einem präzisen Sinne analog.

      Das Phänomen des »linken Antisemitismus«, auf das Du anspielst, sehe ich tatsächlich ähnlich: als Wahrnehmung der Möglichkeit, antijüdische Ressentiments in »politisch korrekte« Gewänder zu hüllen. Wobei ich beim Thema der »Israelfeindlichkeit« auf eine sehr trennscharfe Differenzierung Wert legen würde, weil dieser Begriff gerne als »Nazikeule« gegen Kritiker der israelischen Politik eingesetzt wird.

      1. „es gab rechte und linke Zionisten, die sich untereinander spinnefeind waren.“

        Das kümmert die Antizionisten nicht und die Antisemiten noch weniger. Ausser vielleicht, um die gegeneinander auszuspielen.

        „Wer dies unter “zionistisch” subsumiert und Kritik an dem Handeln israelischer Regierungen unter dem Label “antisemitisch” fassen möchte, der *hat eine politische Agenda* und Position bezogen. Ob er oder sie das will oder nicht.“

        Die politische Stellungnahme ist gegen die dahinter befindeliche Feindlichkeit, die reichlich existiert.

        „war die Antisemitismus-Definition *selber antisemitisch*.“

        Möglich, ich kenne den Fall nicht.

        „Und somit haben rechte Pro-Israel Gruppen tatsächlich unglaublich viel gemein mit Feministinnen.“

        Überlappen tun die aber nie, nicht dass ich wüsste. Du meinst sicherlich die religiöse Rechte, die eigentlich Christen sind.

    2. @Alex

      Darf ich dir einmal die besondere Ironie deiner Anmerkung vermitteln?!

      „Die Männerfeindseligkeit insbesondere durch den Feminismus hervorgebracht ist aber eher ein Nebenaspekt des Antisemitismus, der im Antizionismus, aka “Israel-Kritik” weiter lebt und eine Zwillingsschwester des Feminismus ist.“

      Deine Vorstellung, es gäbe „den“ Zionismus ist historisch und politisch abwegig – es gab rechte und linke Zionisten, die sich untereinander spinnefeind waren.
      Und es gibt im Knesset ein politisches Spektrum, das von links über rechts bis hin zu semi-faschistischen Parteien reicht.

      Die letzten Regierungen in Israel hatte einen durchweg rechts bis rechtsradikalen Anstrich.
      Wer dies unter „zionistisch“ subsumiert und Kritik an dem Handeln israelischer Regierungen unter dem Label „antisemitisch“ fassen möchte, der *hat eine politische Agenda* und Position bezogen. Ob er oder sie das will oder nicht.

      Diese politische Agenda kann man nachlesen in der Kontroverse um die Antisemitismus-Definition, der „working definition“ des EUGMR, die zustande kam auf Druck seitens des AJC und geschrieben wurde von Ken Stern.
      D.h. es war ein (theoretischer) Export einer US-Lobby-Organisation.
      Dagegen hätte ich gar nichts gehabt, nur war die Antisemitismus-Definition *selber antisemitisch*.

      Als sich immer mehr Antisemitismus-Forscher von dieser „working definition“ abgewendet hatten, konnte seitens der Lobby wenigstens noch ein Teilerfolg erzielt werden.
      Die „working definition“ erfuhr einen Re-Import in die USA.
      Ins state department.

      Dort wurde die „working definition“ wie folgt als eingesetzt: Als Indikator für „hate speech“.

      Und somit haben rechte Pro-Israel Gruppen tatsächlich unglaublich viel gemein mit Feministinnen.
      Keiner dieser Organisationen hat Lust auf Kritik und beide möchten gerne den Diskurs kontrollieren, indem sie legitime Kritik als „hate“ denunzieren können.

      Gruß, crumar

      1. @crumar, den post habe ich zuvor deplaziert:

        “es gab rechte und linke Zionisten, die sich untereinander spinnefeind waren.”

        Das kümmert die Antizionisten nicht und die Antisemiten noch weniger. Ausser vielleicht, um die gegeneinander auszuspielen.

        “Wer dies unter “zionistisch” subsumiert und Kritik an dem Handeln israelischer Regierungen unter dem Label “antisemitisch” fassen möchte, der *hat eine politische Agenda* und Position bezogen. Ob er oder sie das will oder nicht.”

        Die politische Stellungnahme ist gegen die dahinter befindeliche Feindlichkeit, die reichlich existiert.

        “war die Antisemitismus-Definition *selber antisemitisch*.”

        Möglich, ich kenne den Fall nicht.

        “Und somit haben rechte Pro-Israel Gruppen tatsächlich unglaublich viel gemein mit Feministinnen.”

        Überlappen tun die aber nie, nicht dass ich wüsste. Du meinst sicherlich die religiöse Rechte, die eigentlich Christen sind.

      2. @Alex

        “es gab rechte und linke Zionisten, die sich untereinander spinnefeind waren.”

        „Das kümmert die Antizionisten nicht und die Antisemiten noch weniger. Ausser vielleicht, um die gegeneinander auszuspielen.“

        Es kümmert die (rechten) Pro-Israelis ebenso wenig und das aus politischen Gründen.
        So lange sie nämlich rechte israelische Regierungspolitik als „israelisch/jüdische“ verkaufen können, ist die Kritik dieser Politik nämlich automatisch Anti-israelisch und antisemitisch.
        Es ist aber die Handlung der israelischen Regierung nicht alternativlos, sondern diese verzichtet von sich aus auf die Entwicklung von Handlungsalternativen – z.B. Frieden mit den Palästinensern und Abzug aus den besetzten Gebieten.

        „Die politische Stellungnahme ist gegen die dahinter befindeliche Feindlichkeit, die reichlich existiert.“

        Was selbstverständlich nicht an konkreten Handlungen dieser israelischen Regierung (Besatzung und Alimentierung der Siedler, Bombardierung des Gaza, Abriegelung und ökonomische Strangulierung der West-Bank, Enteignung und Drangsalierung in Ost-Jerusalem) liegt, sondern es liegt an der strukturellen Frauenfeindlichkeit des Patriarchats.
        Und an der palästinensischen rape-culture.

        Damit möchte ich zartfühlend andeuten, dass die Kultur der *Unterstellung* identisch ist.
        Die Reaktion der Gegenseite auf meine *eigenen* feindseligen Handlungen sind nicht etwa logisch aus diesen Handlungen selbst ableitbar, sondern haben niedere Motive = Antisemitismus.
        Damit – durch diese Unterstellung – haben meine feindseligen Handlungen (siehe oben) den Charakter einer „präventiven Notwehr“ (bzw. Widerstand) eines *Opfers* erlangt.
        Und mit dieser Opferrolle lebt es sich entschieden besser (auch und gerade als Täter).

        In Sachen Selbstbetrug sind israelische Regierungen Spitzenleister und waren m.E. Vorbilder in Sachen feministischer Diskursstrategie.

        Gruß, crumar

    3. „Wobei ich beim Thema der »Israelfeindlichkeit« auf eine sehr trennscharfe Differenzierung Wert legen würde“

      Israelfeindlichkeit ist nicht Israelkritik, bei letzterer kann man natürlich diffenenzieren. Das hast du wohl gemeint.

      Sicherlich ist das nach dem gleichen Muster gestrickt, es gibt auch vieles anderes Analoges an einfachen schuldzuweisenden Geschichten, die lügnerisch die Realität verzerren, um sehr zweifelhafte politische Ziele zu verfolgen.

  4. Ich würde folgende Differenzierung vorschlagen zwischen:

    a) Feminismus als Summer motivationaler Leitgedanken feministischer Theoriebildung wie Radikalfeminismus, Defferenzfeminismus, Standpunktheore, relationaler Autonomie etc.

    b) feministischer Praxis als Ansammlung feministischer Aktivitäten von theoriefernen Betroffenheitsfeministen.

    Und die von dir angeführte Literatur unterstützt diese Unterscheidung ja in ganz offensichtlicher Weise.

    Wenn man das so macht, dann kann ich ohne weiteres das Bedürfnis nachvollziehen, nicht nur den Feminismus zu charakterisieren, sondern auch die feministische Praxis (hier: als Antisemitismus-Analogon).

    Was ich an der Analogie von Antisemitismus und feministischer Praxis verwirrend finde, ist folgendes:

    Antisemitismus startet als Feindschaft gegenüber einer Religion, nicht gegenüber einer ethnischen Gruppe. Es gab also bereits ein installiertes Feindbild, daß mit anderen Pejorativen aufgeladen werden konnte, weil einzelne Personen oder ihr Verhalten dazu eine Gelegenheit gaben. Bsp.: Wenn nur Juden Geld verleihen dürfen (weil das ja ein schmutziges Geschäft ist), dann kann man Juden leicht zu Symbolen der abgelehnten kapitalistischen Moderne machen.

    Aber funktioniert die Sache auch bie Männern so? Ich kann diese Art von Zweistufigkeit für die Misandrie der feministischen Praxis nicht erkennen.

    Oder habe ich da was falsch verstanden?

    1. @Elmar:

      »Antisemitismus startet als Feindschaft gegenüber einer Religion, nicht gegenüber einer ethnischen Gruppe. Es gab also bereits ein installiertes Feindbild, daß mit anderen Pejorativen aufgeladen werden konnte«

      Das ist fast richtig. Üblicherweise wird der Antisemitismus als modernes Phänomen vom religiösen Judenhaß früherer Zeiten unterschieden. Der traditionelle Judenhaß entstand im Zuge der religiösen Schließung der spätantiken Gesellschaften, die sich idealiter als homogene Glaubensgemeinschaften vorstellten und in denen die Juden in Ermangelung eines eigenen Staatsverbands mal mehr, mal weniger toleriert als »Fremdkörper« lebten.

      Der moderne Antisemitismus ist insofern kein selbstverständlich aus der traditionellen Judenverachtung hervorgehendes Phänomen, als es im 18. und 19. Jahrhundert die Bewegung der jüdischen Emanzipation gab, die den jüdischen Sonderstatus im Rahmen moderner Zivilbürgerlichkeit aufzuheben suchte.

      Stattdessen machten Juden die Erfahrung, dass sie nunmehr über nichtreligiöse Hilfskonstruktionen stigmatisiert wurden, die schließlich auf die pseudowissenschaftliche Begründung der Rassenlehre hinauslief. Eine Reaktion hierauf war die Entstehung des Zionismus, der postulierte, dass Juden nur in einer eigenen Nation Sicherheit und Identität finden könnten.

      Während das Bild des »jüdischen Kapitalisten« an das alte Klischee vom Wucherer anschließen konnte, war das Bild vom (materialistischen, heimatlosen, ungebundenen, traditionszerstörenden) jüdischen Intellektuellen neu und spiegelte die enge Verbindung gebildeter Juden mit dem Projekt der Aufklärung wider, das ja immerhin die Normalisierung ihres gesellschaftlichen Status versprach.

      Der Einsprungpunkt für die Analogie zur Männerverachtung ist also die spezifische Modernität des Antisemitismus im Unterschied zur religiösen Judenverachtung. In beiden Fällen werden komplexe moderne gesellschaftliche Systemzusammenhänge auf handlungs- und verschwörungstheoretische Zusammenhänge verkürzt, weil diese sich anschaulicher darstellen lassen und das Bedürfnis bedienen, Schuldige zu benennen.

      Die »Zweistufigkeit« der Misandrie existiert insofern nur in abgeschwächter Form: sie hat die »Fallibilität« der männlichen Natur im Unterschied zur intrinsisch höheren moralischen Qualifikation der Frau zur Grundlage, die selbst ein modernes Phänomen ist.

      1. @djad

        „Der Einsprungpunkt für die Analogie zur Männerverachtung ist also die spezifische Modernität des Antisemitismus im Unterschied zur religiösen Judenverachtung.“

        Ok, das hab ich jetzt besser verstanden. Aber macht das die Sache nicht noch schlimmer?

        Aber – wenn ich noch mal naiv nachfragen darf – der Sinn einer Analogie besteht doch nicht darin, zu zeigen, die sich die Art der Elemente einer Struktur wiederholt, sondern darin, daß dieselben „Kräfte“ dieselbe „Struktur“ erzeugen – aber mit anderen Elemente.

        Ok – wenn das so ist, wo siehst du dann dieselben Kräfte, dieselbe Dynamik, das analog erzeugte Resultat? Das kann ich nämlich immer noch nicht sehen.

      2. @Elmar:

        »dieselben Kräfte, dieselbe Struktur, mit anderen Elementen«

        Hmm … ich versuch’s mal zu erläutern:

        Als eine wirkende Grundkraft würde ich das menschliche Bedürfnis sehen, sich abstrakte, nicht-tangible Kausalzusammenhänge anschaulich und »tangibel« zu veranschaulichen. Das ist beispielsweise auch in der magischen Religiosität mit ihrer Personifikation von Kräften zu Geistern und Gottheiten der Fall. In unserem Fall geht es um die Reduktion auf die Frage: »Wer hat schuld?«

        Sodann ist ein ähnlicher Kontext gegeben: ähnliche, spezifisch moderne, gesellschaftliche Probleme: »soziale Frage«, »ökologische Krise«, Ächtung und Abschaffung des Krieges, und hieraus resultiert ein analoger Erklärungsbedarf. Daraus ergibt sich eine analoge Dynamik: finde den Schuldigen.

        Und nun analog ein Sündenbock, ein »Schuldiger«, dessen »Bashing« noch als legitim gilt: »der Mann«, und der sich daher zur Symbolisierung der identifizierten Probleme eignet. Das ganze eingebettet in einen tatsächlich herrschenden Diskurs: Männer dissen ist heute so salonfähig wie damals Juden dissen, und große Teile unserer Eliten finden das normal und richtig so, und die Massenkultur schließt sich dem an.

        Mir scheint, dass das für die Diagnostizierung einer Analogie ausreicht. Oder verstehe ich Deine Frage falsch?

      3. @djad

        Im Grunde geht es um die Fragge, was man von einer Analogie verlangt, wenn sie etwas erklären soll – und habe ich da ein wenig „naturwissenschaftliche Schlagseite“.

        Willst du sagen, daß deine Analogie eine anthopologische Erklärung für Misandrie liefert?

        Bist du denn eigentlich mit meiner Unterscheidung von Feminismus, feministischer Theorie und feministischer Praxis einverstanden?

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