Video zeigt erschreckenden Mangel an öffentlichem Eingreifen bei sexueller Belästigung

Lieber Leser, sie müssen jetzt ganz stark sein, die folgenden Videos sind tatsächlich starker Tobak. Betrachten sie diesen Hinweis daher als Triggerwarnung.

Das Video, um das es als erstes geht finde sich in einem Artikel auf der Yahoo news Website.

Szene

Man sieht darin eine durchaus sexy gekleidete Frau, die von einem Typ dafür ziemlich blöd angemacht wird. Nun ist es nicht so, dass sie darauf in irgend einer Weise defensiv reagieren würde und er ihr dennoch weiter nachstellt. Vielmehr leistet sie selbst eine ganze Menge zur Eskalation der Lage. Sie geht auf den Mann zu, beschwert sich, was ja auch alles ihr Recht ist, wenn sie blöd angemacht wird.

Angesichts des Umstands, dass sie sich da wehrhaft zeigt, sind die Zuschauer durchaus zurückhaltend mit ihrer Einmischung. Warum sollten sie auch.
Die Stimmung ist aber dennoch sichtlich gegen den Mann gerichtet.  Sie hat die Stimmung auf ihrer Seite. Von fehlendem Bewusstsein der Zuschauer kann insofern keine Rede sein.
Schließlich geht die Frau auf den Mann zu und schubst ihn, 1:17.

Der Mann weicht zurück, sagt: „Whats wrong with you? That’s Assault, by the way.“ Womit er recht hat. Sie hat hier die Auseinandersetzung auf die körperliche Ebene eskaliert, nicht er. Das sollte in einer umgekehrten Situation mal ein Mann wagen, dann wäre Schluss mit Lustig. Er macht sich zwar mit seinen Aussagen an sich lächerlich, aber wenn die Rollen vertauscht wären, dann wäre sie mindestens ebenso lächerlich.

Da schmeißen zwei zuschauende Frauen etwas nach ihm aus einer Fastfood-Packung. Nichts dergleichen richtet sich gegen die Frau.  Er fragt wer das war und steigt in eine Auseinandersetzung mit den beiden, die ihm Kontra geben. Ab 1:48 wird er von einem Mann angesprochen, der ihm ebenfalls wiederspricht.

Ab ca. 2.00 mischt sich eine Frau in die Auseinandersetzung ein. Sie hat eine grüne Flasche in der Hand.

Bei 2:20 schlägt sie ihm die Flasche mit voller Wucht ins Gesicht, es spritzt, offenbar geht die Flasche zu Bruch, der Mann geht zu Boden und bleibt liegen. Auf Bildern einige Sekunden später sieht man grüne Glasscherben liegen.Schlag

Die Frau brüllt den reglos am Boden liegenden an:
„Who the fuck do you think you are?“
Eine andere Stimme sagt: „He deserved that“.
Die Frau mit der Flasche beugt sich über ihn: „You’re Scum“. Und sie spuckt ihn an.

Niemand denkt auch nur daran, dem reglos am Boden liegenden beizustehen oder erste Hilfe anzubieten.

Zusammengefasst: ein Mann macht eine Frau blöd an wegen ihrer Kleidung. Sie gibt ihm Kontra, geht ihn schließlich körperlich an, schubst ihn. Mehrere andere Leute mischen sich ein und geben ebenfalls allesamt und einheitlich Kontra. Schließlich wird der Mann von einer Frau mit einer Glasflasche niedergeschlagen und noch bewusstlos auf dem Boden liegend bespuckt.

Das ist eine völlig unproportionale Gewalteskalation gegen diesen Mann, der sich zwar wie ein Idiot benimmt, aber deshalb noch lange nicht verdient, krankenhausreif geprügelt zu werden.

Was hat die Verantwortlichen Redakteure geritten, dieses Video eskalierter Gewalt gegen einen sexuell übergriffigen verbalen Schlagabtausch als Beispiel für „mangelndes Eingreifen der Öffentlichkeit bei einem sexuellen Übergriff“ zu verkaufen? Sie schreiben:

„A social experiment has exposed an appalling lack of public intervention when a male actor unleashes a barrage of verbal abuse onto another female actor in London’s Piccadilly Circus.“

„Ein Videoexperiment am Londoner Piccadilly Circus zeigt einen erschreckendenMangel an öffentlicher intervention, bei dem ein männlicher Schauspieler ein Trommelfeuer an verbaler Belästigung über einer weiblichen Schauspielerin ausschüttet“.

Was hätte denn ihrer Meinung nach passieren müssen, um als „angemessene“ Reaktion zu gelten? Hätten sie den Mann totschlagen sollen?

Möglicherweise wollen sie andeuten, dass ihnen die Reaktion des Publikums zu langsam kam. Aber das Video dauert ja nicht Minutenlang. Der erste verbale widerstand von den Zuschauern kommt bereits nach eineinhalb Minuten, der Schlag mit der Flasche nach nicht einmal zwei Minuten. Das ist eine ziemlich schnelle ziemlich heftige Eskalation.

Nun sagte ich schon, lieber Leser, dass sie ganz stark sein müssen. Das Video ist nicht einfach ein Experiment, sondern ein Prank. Auf der Videopräsenz der Gruppe Trollstation findet sich nicht nur das Video in voller Länge, sondern weitere Videos, aus denen auch klar hervorgeht, dass auch die Frau mit der Flasche  zu den Prankstern dazugehört.

Nichts davon findet sich aber als Hinweis auf der Yahoo-Seite. Dennoch wird es als besagtes Beispiel instrumentalisiert.

Der Artikel trägt das Datum vom 29.10.2015. Am 11.11. 2015 erscheint ein weiterer Artikel über ein „social experiment“ der Trollstation mit dem selben Ziel, öffentliche Aufmerksamkeit auf das Problem von Belästigungen zu lenken. Der Mann und die Frau aus diesem neuen Experiment sind die selben.

Diesmal enthält die Beschreibung von Trollstation selbst auf Youtube den möglicherweise ernsthaft gemeinten Anspruch:

10% of passengers experience unwanted sexual behaviour on public transport in London but only 1 in 10 will report it. This film is part of the ‘Report it to stop it’ campaign which aims to increase reporting of unwanted sexual behaviour on public transport.

Der Mann bedrängt die Frau, die diesmal nur defensiv von ihm abrückt und seine Annäherung verbal zurückweist. Doch diesmal entgleitet die Situation den Prankstern tatsächlich, denn wieder dauert es nur wenige Sekunden, bis mehrere Männer sich auf den Weg machen, den Mann zur Rede stellen und körperlich von der Frau wegdrängen.

An der Stelle reagiert die Frau und bricht ihre Rolle, sagt, dass es sich nur um ein „social experiment“ handle, bevor der Mann ernsthaft Ärger bekommt.

Wieder ist das Originalvideo deutlich länger.

Interessanterweise sagt die Frau am Ende des Videos: „We are trying to raise awareness on sexual assault on trains because a lot of times people see it happening and noone sais anything.“

„We really apreciate that you are actualy doing something about it because a lot of people do not. It happens to me a lot of times and people are not saying anything.“

Bei Durchsicht ihrer Videos frage ich mich, ob ihr da das Pranken in Fleisch und Blut übergegangen ist, denn diese Videos belegen regelmäßig das Gegenteil: Die Situation, sich als belästigte damsel in distress zu geben, ist da Dauerthema in immer neuen Variationen – und die Erfahrung in den Videos ist genauso regelmäßig, dass da ganz schnell ein Auflauf von Leuten bereitsteht, um ihr beizustehen. Aber sie weiß wohl auch, was in dieser Situation ein geprankter hören will, um eine beinahe brenzlige Situation elegant zu entschärfen. Denn bei aller offensichtlicher Spiellust der Beteiligten entstehen brenzlige Situationen regelmäßig für die beteiligten Männer.Lady

Mein Fazit: Gerade diese Frau hat es voll drauf, mit ihrem Publikum zu spielen. Gekonnt, charmant und spielerisch. Dabei weiß ich nur nicht so recht, ob ich denken soll, dass Yahoo-news den Prankstern auf den Leim gegangen ist – oder ob ich finde, dass sie den Prank in abenteuerlicher Weise instrumentalisieren und missbrauchen für ihre misandrische Grundbotschaft.

 

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8 Kommentare zu „Video zeigt erschreckenden Mangel an öffentlichem Eingreifen bei sexueller Belästigung“

  1. Der Gegenteil scheint der Fall zu sein – ausgerechnet bei Belästigungen sexueller Natur ist die Gesellschaft am Meisten dazu geneigt, einzugreifen. Die Rhetorik von Rape Culture kommt nicht an, weil sie Gehalt hat, sondern vielmehr, da sie zu unseren Vorurteilen und unseren Geschlechterrollen passt. Somit scheint sie eher konservativer Natur zu sein.

    Falls es eine Rape Culture gibt, dann eher die Tatsache, dass nicht-traditionelle Opfer wenig Unterstützung genießen – vor Allem männliche Opfer weiblicher Gewalt, aber auch andere Kategorien. Auf konservativer und feministischer Seite wird immer noch oft behauptet, dass von Frauen verübte Vergewaltigung per Definition nicht möglich sein.

  2. „10% of passengers experience unwanted sexual behaviour on public transport in London but only 1 in 10 will report it.“

    Ich frage mich, warum ich unangemessenes sexuellens Verhalten irgendwem melden sollte. Ich bin doch nicht bei der Stasi.

    1. Was sollte das auch bringen?

      „Hallo Polizei, ein Typ hat mich eben gefragt, ob ich mit ihm schlafen will.“ „Alles klar, wir werden sofort eine Ringffahndung auslösen, wir haben ja unsere Anti-Sexist-Spezialeinheit. Wie sah der Herr aus?“

      Anhand solcher Beispiele sieht man übrigens wie sicher Frauen bei uns leben, wenn schon das Nichtmeldung von Belästigungen (!) problematisiert wird. Es gibt einfach keinen 100 Prozentigen Schutz.

      1. Anti-Sexist-Spezialeinheiten sind ja das, was sich Feministen wünschen.An amerikanischen Hochschulen ist man ja bereits soweit.

      2. Feministen sind selbst die vorgeblichen anti-sexist-Spezialeinheit. Sie wollen jetzt halt auch anständig dafür bezahlt werden.

      3. Also natürlich sollten wir solche Ereignisse melden. Doch in den meisten Fällen lohnt sich der Aufwand einfach nicht.
        Was mich eher überrascht, ist dass es nur 10% der Frauen sind. Bei übervollen Verkehrsmitteln bietet sich täglich die Gelegenheit, leichte Übergriffe zu machen. Ich hätte gedacht, mindestens die Hälfte der Frauen hätte so was erlebt. Vielleicht sollten wir uns freuen, dass trotz der vielfachen Gelegenheit so was eigentlich relativ selten passiert.

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