Fakten der WHO

Gestern erschien der Artikel von Gerhard zum Thema Männer, die flüchten.

Ich wollte dazu einen Kommentar schreiben, der dann aber schnell Artikellänge angenommen hat – daher also als eigener Artikel.

Gerhard zitiert mehrfach ein Zeit-Interview mit der Soziologin Sabine Hark. Dort steht unter anderem:

„[..] dass viele Frauen kaum Zugang zu Nahrung, Bildung und Gesundheitsversorgung haben und Gewalt ausgesetzt sind. Das trifft natürlich auch auf Männer zu. Nur sind es proportional viel mehr Frauen. Laut dem World Food Programme der UN sind mehr als 60 Prozent der Hungernden weltweit Frauen, Mädchen gehen seltener zur Schule als Jungen.“

Nachdem ich inzwischen gelernt habe, solchen Listen der UN zu misstrauen und sie kritischer zu hinterfragen, sehe ich mir mal die verlinkte Seite des World Food Programme an.
Wie werden dort Aussagen zusammengebastelt?

Dass Mädchen seltener in die Schule gehen hat wohl wirklich etwas mit dem Frauenbild der jeweiligen Länder zu tun und wird zurecht kritisiert.
Woran es liegen mag, dass eine Zahl zustande kommt wie die, dass 60 % der hungernden weiblich sind?

Ob es damit zu tun hat, dass Hunger in Kriegsgebieten besonders verbreitet ist, und dort regelmäßig die Männer als erste verheizt werden?
Dass die komplementären Männer der Familie deshalb nicht hungern, weil sie tot sind?
Oder damit, dass Frauen hungern, weil der Haupternährer tot ist?

Frauen sind bekanntlich die Hauptopfer von Kriegen, weil sie ihre Väter, ihre Männer und Kinder verlieren, nicht?

Die verlinkte Seite enthält 10 bemerkenswerte Aussagen, die zeigen, wie Frauen in allem besonders betroffen ™ sind:

1. In Entwicklungsländern arbeiten 79% der berufstätigen Frauen in der Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion. Weltweit liegt der Frauenanteil in der Landwirtschaft bei 43%.

Aha. In Entwicklungsländern ist der Anteil von Industrie eben geringer, da arbeiten mehr in der Landwirtschaft. Wie sehen die entsprechenden Zahlen für Männer aus? Interessiert wieder keine Sau?

2. Die Erträge von Bäuerinnen sind 20 bis 30% niedriger als von Männern. Der Grund ist, dass Frauen weniger Zugang zu verbessertem Saatgut, Düngemitteln und Werkzeug haben.

Trotz Frauenförderprogrammen bei der Entwicklungshilfe? Erscheint mir unglaubwürdig.
Ich würde sagen, dass das qualitativ beste Saatgut, das man dort bekommen kann, von Hilfsorganisationen stammt – und die haben doch regelmäßig Frauenförderung im Programm. Das geht eher vermehrt an Frauen, schätze ich.
Der Gedanke, dass Frauen als Bauern aufgrund ihrer physischen Konstitution weniger effektiv sein könnten ist natürlich völlig politisch unkorrekt.

3. Wenn Frauen in Entwicklungsländern wenigstens dieselben Mittel für die Landwirtschaft erhalten wie Männer, kann die Zahl der Hungernden weltweit um 100 bis 150 Millionen Menschen sinken.

Da fände ich mal interessant, was das für eine Rechnung ist.
Erstmal sind das natürlich keine Fakten, sondern Annahmen.
Ist damit gemeint, dass man die Mittel für Ladwirtschaft anders umverteilt, so dass Frauen mehr, Männer weniger Mittel erhalten?
Da würde ich die ermittelten Zahlen aber sehr in Zweifel ziehen. Insbes. wenn ich Punkt 2 so interpretiere, dass Frauen eben aufgrund körperlicher Leistungsfähigkeit weniger Erträge erzielen.
Wenn gemeint ist, dass man die Mittel für Frauen einfach aufstockt, bis sie genauso hoch sind wie für Männer, dann ist das eine Binsenweisheit: Wenn man mehr Mittel zur Verfügung stellt, können sie mehr Erträge erreichen.
Offen bleibt, ob die Erträge nicht genauso oder gar noch mehr steigen könnten, wenn man die selben mehraufwendungen unabhängig vom Geschlecht aufbringen würde.

4. Studien in vielen Ländern zeigen, dass Frauen 85-90% der Zeit beisteuern, die in einem Haushalt nötig ist, um die Mahlzeiten zuzubereiten.

Böses Patriarchat. Hausarbeit, vor allem kochen, ist natürlich die schrecklichste denkbare Arbeit überhaupt.
Was machen eigentlich die Männer in der selben Zeit? Hocken vermutlich einfach faul rum, während sich die Feldarbeit von alleine macht.

5. Weltweit gehen weniger Mädchen zur Schule als Jungen. Besonders ausgeprägt ist der Unterschied beispielsweise im Jemen. Dort gehen weit mehr als doppelt so viele Mädchen nicht zur Schule wie Jungen. Noch alarmierender ist diese Entwicklung in Indien, wo viermal weniger Mädchen eine Schule besuchen als Jungen.

Das ist ein legitimer Punkt, den man ändern muss. Auch Frauen sollten den selben Zugang zu Bildung haben, das ist natürlich richtig.

Und ich kann mich nicht zurückhalten, aber: Was bedeutet „viermal weniger“? Das ist eine dümmliche Aussage. Vermutlich meinen sie, dass nur ein viertel so viel Mädchen zur Schule gehen wie Jungen, dann gehen tatsächlich viermal mehr Jungen zur Schule.

Ansonsten wäre eine korrekte Aussage:

Wenn von 100% Jungen 98% zur Schule gehen, dann gehen 2% nicht zur Schule.

Wenn viermal mehr Mädchen nicht zur Schule gehen wie Jungen, dann wären das 8%. Damit würden dann 92% der Mädchen zur Schule gehen.

Als Untergrenze für die Schulgänger ergibt sich dann: Wenn 75% der Jungen zur Schule gehen, dann gehen 25% der Jungen nicht zur Schule. Wenn viermal mehr Mädchen nicht zur Schule gehen, sind das 100%, und damit geht dann kein einziges Mädchen zur Schule.

Liebe UN, lernt mal Aussagenlogik.

6. Während einer Krise oder Naturkatastrophe sind Frauen die ersten, die zugunsten ihrer Familien auf Essen verzichten.

Das ist vermutlich so, weil allen beteiligten klar ist, dass die Kraft und die Leitung des Mannes akut benötigt wird, und allen schneller geholfen ist, wenn die Männer die entsprechende Leistung auch bringen können.

7. Unterernährte Mütter bekommen oftmals unterernährte Kinder, deren Wahrscheinlichkeit vor dem fünften Lebensjahr zu sterben um zwanzig Prozent erhöht ist.

So eine Überraschung aber auch.
Hungernde Männer haben vermutlich auch häufiger hungernde Frauen und somit für die Kinder ebenfalls ein höheres Risiko.
Insbes. sind sie weniger leistungsfähig, was sich auf ihre Fähigkeit auswirken kann, die Familie zu ernähren.

8. Ungefähr die Hälfte aller Schwangeren in Entwicklungsländern leidet an Blutarmut. Eisenmangel führt dazu, dass jedes Jahr etwa 110.000 Mütter während der Geburt sterben.

Das ist ein legitimer Punkt.
Hängt wohl auch mit der Hygiene zusammen – das wiederum mit Bildung. Viele Frauen tragen keine Binden oder Tampons. Schlechte Hygiene bei der Menstruation führt vermutlich auch zu mehr Blutverlust und damit Blutarmut und Eisenmangel.

Wer dagegen übrigens tatsächlich etwas tut und dafür Unterstützung verdient, ist ein Mann. Ein indischer.

9. Wenn sich das Einkommen einer Familie erhöht und die Frau für die finanziellen Mittel verantwortlich ist, wirkt sich dies oft unmittelbar positiv auf die Ernährung, Gesundheit und Bildung ihrer Kinder aus.

Und wenn der Mann dafür verantwortlich ist nicht?
Da sind wir bei der Behauptung, dass die Männer einfach da Geld versaufen.
Das gibt es sicherlich, aber ob das so im großen Stil der Fall ist, bei Frauen aber nicht?
Ob da Frauen wirklich viel verantwortlicher handeln?

10. Bildung ist der Schlüssel. Eine Studie zeigt, dass die Frauen mit einem Schulabschluss gesündere Familien haben. Ihre Kinder sind meist besser genährt und sterben seltener an vermeidbaren Krankheiten

Na klar stimmt das.
Hätte man untersucht, wie sich Schulabschluss von Männern auswirkt, käme allerdings das selbe heraus.
Bildung ist eben der Schlüssel. Natürlich ist es dabei wichtig, dass Frauen besseren Zugang zu Bildung haben als bislang.

Viele der Punkte vermitteln eine Vorstellung einer Konkurrenzsituation zwischen Männern und Frauen. Warum ?

Es ist eher selten so, dass ein Mann oder eine für sich alleine bzw. für sich und seine Kinder Landwirtschaft betreibt.

Die Regel, gerade in Entwicklungsländern, sind Familienverbünde. Die Situation von Männern und Frauen kann man dabei meist nur sehr schlecht trennen, und in der Familie kämpfen nicht Männer gegen Frauen ums überleben, sondern die Familie gemeinsam als ganzes.

In diesem Punkt fällt mir das besonders auf:

2. Die Erträge von Bäuerinnen sind 20 bis 30% niedriger als von Männern. Der Grund ist, dass Frauen weniger Zugang zu verbessertem Saatgut, Düngemitteln und Werkzeug haben.

Vor dem Hintergrund, dass wir meist von Familienverbünden sprechen, erscheint das absurd. Wie kann man den Ertrag der Bäuerin überhaupt getrennt von dem des Bauers ermitteln?

Die Situation, dass eine Bäuerin alleine für die Landwirtschaft verantwortlich ist, wird in der Regel eine sein, bei der der Mann aus irgendwelchen Gründen nicht mehr zur Verfügung steht. Nur in einem solchen Fall lässt sich eine entsprechende Zahl überhaupt ermitteln.

Solche Fälle sind z.B.:

  • Der Mann ist geflüchtet – fällt in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise natürlich sofort ein. Der Mann flüchtet dabei meist schon mal voraus, um seine Familie später nachzuholen. Ich nehme aber an, dass diese Situation für hungernde Frauen nur eine geringe Rolle spielt.
  • Der Mann hat die Frau verlassen. Sowas kommt vor. Allerdings ist in Entwicklungsländern der Familienverband meist erheblich stärker und Scheidungen oder Trennungen sehr viel seltener als bei uns.
  • Der Mann ist gestorben. Ermordet, im Krieg gefallen.

Ich glaube, der letzte Punkt spielt in Krisengebieten eine enorme Rolle dabei, warum Frauen einen Mann verlieren.

Insbesondere dieser Fall, wenn der Mann stirbt, ist für die Familie eine große Katastrophe. Der ursprünglich für die landwirtschaftliche Arbeit Hauptverantwortliche ist plötzlich nicht mehr da, die Frau muss übernehmen – mit der vollen Verantwortung.

Dass eine Frau bzw. eine Familie in einer solchen Situation “ weniger Zugang zu verbessertem Saatgut, Düngemitteln und Werkzeug “ hat, kann verschiedene Gründe haben. Die Situation zuvor war möglicherweise, dass das Dorf zwar innerhalb einer Krisenregion lag, aber noch friedlich lebte. Nachdem das Dorf überfallen worden ist, ist auch die Infrastruktur teilweise zerstört.

Üblicherweise werden bei solchen Überfällen überproportional viele Männer getötet. Die Situation danach mit verschlechterter Infrastruktur trifft also überproportional mehr Frauen. In dieser Situation gibt es dann auch weniger Zugang zu Saatgut, Düngemitteln und Werkzeug.

Ein anderer Punkt ist, dass die Frau zuvor nicht mit der Beschaffung von Saatgut, Düngemitteln  und Werkzeug befasst war. Sie kennt sich also weniger aus und hat dadurch „weniger Zugang“.

Die Frau muss nun Aufgaben übernehmen, die zuvor ihr Mann geleistet hat ihr patriarchaler Unterdrücker ihr vorenthalten hat, während es zuvor eine arbeitsteilige Spezialisierung gab.  Wir erinnern uns an die 90% der Zeit, die Frauen bei der Zubereitung der Mahlzeiten beisteuern.

Natürlich wirkt sich auch eine fehlende Arbeitsteilung auf die Effizienz der landwirtschaftlichen Arbeit aus.

Die Frontstellung oder Konkurrenzsituation, die in den Punkten zumindest indirekt beschworen wird, erscheint mir als ausgesprochenes Konstrukt. Allein die schlechteren Bildungschancen von Mädchen und Frauen sind eine echte Benachteiligung von Frauen. Auch das sollte aber nicht als Konkurrenz verstanden werden, sondern eine bessere Bildung beider Geschlechter kann auch nur eine win-win Situation für beide sein.

Insgesamt läuft meine Betrachtung darauf hinaus, wie recht doch Hillary Clinton wieder einmal hat:

Frauen sind die Hauptopfer von Krieg und Katastrophen, genau weil sie dabei ihre Väter, ihre Männer und Söhne verlieren.

Dafür zu sorgen, dass Frauen nicht mehr die Hauptopfer von Kriegen sind, heißt daher, dafür zu sorgen, dass sie nicht ihre Väter, Männer und Söhne verlieren, denn sie sind in vielem auf sie angewiesen.

Wenn die UN da also was für die Frauen tun will:

Liebe UN, wenn euch die Männer ansonsten auch sch***egal sind, tut etwas dafür, dass die Frauen nicht ihre Väter, Männer und Söhne verlieren. Wenigstens den Frauen zu liebe.

Damit helft ihr den Frauen am meisten. Sie sind davon nämlich besonders betroffen ™.

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1 Kommentar zu „Fakten der WHO“

  1. „Wie sehen die entsprechenden Zahlen für Männer aus?“

    http://www.factfish.com/de/statistik/beschäftigte%2C%20landwirtschaft%2C%20männlich

    Dort gibt es auch eine Übersicht über den Anteil der weiblichen Bevölkerung und der scheint generell höher zu sein.

    Nun aber zu glauben das jeder Mann der in der Landwirtschaft arbeitet, die geernteten Lebensmittel nur an die männliche Bevölkerung verteilt, ist schon ziemlich abgefahren.

    „Viele der Punkte vermitteln eine Vorstellung einer Konkurrenzsituation zwischen Männern und Frauen.“

    Den Eindruck habe ich auch. Ein Geschlechterkampf in den Augen der WHO und sie stehen auf der Seite der Frauen und wollen nur ihnen helfen.

    „Dort gehen weit mehr als doppelt so viele Mädchen nicht zur Schule wie Jungen.“

    In den USA sind mittlerweile 60% der Uni-Gänger Frauen, also fast doppelt so viele, Tendenz steigend. But WHO cares?

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