Oh, Du glückliches Süditalien

Gestern wurde vom Bayerischen Rundfunk folgender merkwürdige Tweet verbreitet:

Demnach müssten also nicht nur in Süditalien Gleichstellung und „Geschlechtergerechtigkeit“ am weitesten fortgeschritten sein, sondern, wenn man sich die Karte genauer anschaut, gilt das auch für alle anderen Regionen, die bis dato immer als die ärmeren in Europa galten. Und es mit ziemlicher Sicherheit immer noch sind. Dass diese nun in Sachen Gleichstellung ausgerechnet die Vorreiter sein sollen, ist nun wirklich schwer zu glauben.

Leider wird hier die Quelle, sprich zugrundeliegende Studie, nicht genannt. Ein kurzer Rechercheversuch meinerseits, an diese Studie heran zu kommen, brachte vorerst kein Ergebnis. Also bleibt mir vorerst nur die Möglichkeit, ein wenig zu spekulieren, wie so ein Ergebnis zustande kommt. Die Lösung scheint mir allerdings klar auf der Hand zu liegen.

Zunächst einmal stellt sich die Frage, welche Einkommen hier miteinander verglichen werden. Hat man hier den absoluten Gender Pay Gap, der in Deutschland bei ca. 22 % liegt, genommen, also einfach alle Einkommen von Männern und Frauen aufaddiert und dann die prozentuale Differenz errechnet? Oder hat man sich hier auf vergleichbare Jobs konzentriert, d.h. den bereinigten Pay Gap verwendet, der laut Statistischem Bundesamt 8% beträgt? Wohlgemerkt höchstens 8%, da auch hier schwer zu kalkulierende Faktoren noch nicht berücksichtigt werden.

Ich kann mir schwer vorstellen, dass wirklich für alle Regionen Europas, also auch für die hintersten Provinzen Rumäniens oder Sizilien, ein bereinigter Pay Gap existiert. Wenn dieser aber nicht für alle Regionen verfügbar ist, bleibt einem nichts anderes übrig, als den natürlich viel einfacher zu berechnenden absoluten Unterschied zu verwenden, um überhaupt eine Vergleichbarkeit europaweit zustande zu bringen. Ich kann das nur vermuten, aber ich gehe jede Wette ein, dass tatsächlich der absolute Pay Gap verwendet wurde.

Damit aber hat sich die Frage nach der Fairness schon erledigt. Denn nur wenn man die Unterschiede in vergleichbaren Jobs ansieht, kann man beurteilen, ob wirklich Unfairness vorliegt. Einfach nur alle Einkommen aufaddieren und dann behaupten, es sei unfair, wenn die Friseuse, Zahnarzthelferin oder Altenpflegerin weniger in der Tasche hat als der Elektroingenieur oder der Softwareentwickler, hat mit Seriosität nichts zu tun.

Hochtechnologiejobs machen den Unterschied

Denn wie kommen denn nun diese stärkeren Einkommensunterschiede in den wirtschaftlich starken Regionen zustande? Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Da wo es keine meist von Männern besetzte Hochtechnologiejobs gibt, kann sich auch nicht so ein großer Einkommensvorsprung herausentwickeln. Und: Diese Jobs steigern nicht nur den allgemeinen Wohlstand, sondern kommen damit auch den Frauen zugute, sei es direkt als Partnerinnen dieser High Potentials, sei es indirekt, weil damit mehr Geld zum Ausgeben für Dienstleistungsberufe vorhanden ist, die meist von Frauen ergriffen werden.

Wenn sich BR24 nun nicht zu der Formulierung „werden am unfairsten bezahlt“ verstiegen hätte, sondern einfach „werden geringer bezahlt“ geschrieben hätte, könnte man kaum einen Vorwurf machen. Denn das wäre eine neutrale Beschreibung. „Unfair“ ist dagegen eine klare Wertung. Offensichtlich findet es der BR-Redakteur unfair, wenn Frauen aus eigenen Stücken schlechter bezahlte Jobs auswählen, weil diese ihnen von der Aufgabe her mehr zusagen oder die Ansprüche geringer sind, und diese Frauen dann in diesen Jobs tatsächlich schlechter bezahlt werden als z.B. in den MINT-Berufen. Oder anders gesagt: Wenn Frauen als Kollektiv nicht (mindestens) 50% des allgemeinen Einkommens verdienen, ganz egal, welche geringer oder höher qualifizierten Jobs sie aus individuellen Entscheidungen heraus ergreifen, dann ist das „unfair“.

Ganz im Gegenteil wäre es in meinen Augen unfair, einen Beruf mit höchsten Ansprüchen, für den man lange studiert haben muss, den man sich nach Marktgesichtspunkten, sprich Bedarf ausgesucht hat und nicht nur nach persönlicher Neigung, genauso (schlecht) zu bezahlen wie einen Beruf mit einer kürzeren Ausbildung, geringeren Ansprüchen und am Marktbedürfnis vorbei gewählt.

Insofern werte ich diesen Tweet des BR als ein hübsches Stück Propaganda oder auch ein Beispiel für „Lügen mit Statistik“.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aranxo veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Oh, Du glückliches Süditalien

  1. maddes8cht schreibt:

    Das Argument mit den Hochtechnologiejobs ist sicher interessant, aber ich sehe noch ein anderes, das hier nicht erwähnt wird, und das meistens beim „Gender-Paradoxon“ erwähnt wird:

    In reicheren Ländern können Frauen es sich „leisten“, einen Job nicht nach dem optimalen Einkommen auszususchen, sondern nach individuellen vorlieben.

    Dies gilt offenkundig vor allem für qualifiziertere Positionen:
    Eine niedrig qualifizierte Putzfrau hat diese Entscheidungsmöglichkeit ebensowenig wie ein niedrig qualifizierter Müllmann.

    Eine begabte, intelligente und aufstrebende Frau, die aus ihrem Leben etwas machen möchte, wird in einem armen Land aber eher eine Berufswahl nach Markttechnischen anforderungen ausrichten als eine Frau ineinem reichen Land wie Deutschland – hier kann sie sich vel eher leisten, ein Orchideenfach nach eigener Neigung zu wählen.
    Denn „aus dem Leben etwas machen“ enthält hier viel stärker die Komponente der „Selbstverwirklichung“.

  2. Pingback: Oh Du glückliches Ostdeutschland | Geschlechterallerlei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s