Warum ich keine Verschwörung gegen Frauen in DAX-Vorständen wittere

Bisherige Artikel zum Thema Statistik:

Im Februar wies Genderama auf einen Artikel hin, der die geringere Verweildauer von Frauen in DAX-Vorständen thematisierte. Bezeichnenderweise wurden diese Frauen bereits in der Überschrift als „gescheitert“ bezeichnet – und man hatte auch gleich eine Verschwörungstheorie parat: Wurden sie etwa in eine Falle gelockt? Ich habe mal die Regel gehört, dass wenn eine Zeitungsüberschrift aus einer Ja/Nein-Frage besteht, die Antwort „nein“ richtig ist.

Thomas Sattelberger, ehemaliger Personalvorstand bei der Telekom, unterstützt jedoch diese These und wird mit den Worten wiedergegeben, „Frauen würden gezielt in die Falle gelockt“. Ein Catch-22 von dem Kaliber, wie ich es zuvor von Anne Wizorek kannte: Steigen Frauen nicht in höchste Positionen auf, ist das das Werk einer Männerverschwörung; tun sie es jedoch, ist es hingegen ein hinterhältiger Trick der Männerverschwörung. Alles und das Gegenteil davon zeigt, wie fies man zu Frauen ist. Der Erfolg ist nur eine Falle, damit Frauen keinen Erfolg haben!

Bereits einige Monate vorher, im November 2014, waren die Frauen, die aus den DAX-Vorständen scheiden, Thema der Unstatistik des Monats des Rheinisch-Westfälischen Institus für Wirtschaftsforschung. Diese Serie habe ich bereits einmal erwähnt – es lohnt sich, da am Ball zu bleiben.

Sie erwähnt einen Artikel vom August, in dem eben jener Thomas Sattelberger dieselbe These von der Verschwörung vorträgt. Als Zahlenbasis dienen dabei 8 von 17 Frauen und eine durchschnittliche Verweildauer von 3 Jahren (im Vergleich zu 8 bei Männern).

In dem Unstatistik-Artikel wird gleich das wichtigste Argument genannt: Eine so geringe Anzahl von Fällen läßt keine statistisch signifikante Analyse zu. Beweisen läßt sich damit also gar nichts.

Aber es folgt angenehmerweise sogar eine ganz schlüssige Erklärung: Zum einen sind die Frauen häufiger Quereinsteiger, zum anderen besetzen sie oft das Personalressort. Beides ist mit häufigeren Wechseln verbunden. Unter Berücksichtigung dieser Umstände ergebe sich auch kein Unterschied zwischen den 24 Frauen und 209 Männern, die seit 2007 in den Vorstand eines DAX-Unternehmens berufen worden seien.

Diese kurze, klar verständliche Erklärung war also bereits Ende 2014 verfügbar. Trotzdem wird Anfang diesen Jahres weiter die Mär von der Verschwörung gegen die Frauen verbreitet.

Jetzt mal ganz anders gefragt: Was hat Thomas Sattelberger davon, immer wieder mit derselben (falschen, aber offensichtlich populären) Behauptung in der Zeitung zu stehen? Hat er etwas zu verkaufen, das er damit bewerben möchte? Oh, der neuere Artikel erwähnt es gleich: Es geht um sein Buch „Ich halte nicht die Klappe. Mein Leben als Überzeugungstäter in der Chefetage„. Das soll wohl mutig klingen, könnte aber ebensogut auf einen Menschen hinweisen, der ideologisch motiviert vorgeht.

Beachtlich finde ich dabei zweierlei: Zum einen, dass das Ausscheiden der Frauen aus den DAX-Vorständen als „Scheitern“ angesehen wird, obwohl es laut Statistik nichts Ungewöhnliches ist. Zum anderen, dass offenbar keiner der Frauen zugetraut wird, sich auf dieser Stufe der Karriere durchzusetzen – im Zweifelsfall auch gegen Skeptiker oder erschwerte Bedingungen (Umstände übrigens, die Männern so weit oben vollkommen unbekannt sein müssen; da scheint es irgendwann ohne Aufwand von alleine zu laufen). Frauen werden also von denjenigen als unfähige Versager angesehen, die vorgeben, ihnen helfen zu wollen.

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4 Antworten zu Warum ich keine Verschwörung gegen Frauen in DAX-Vorständen wittere

  1. Martin Domig schreibt:

    Frauen werden also von denjenigen als unfähige Versager angesehen, die vorgeben, ihnen helfen zu wollen.

    Zufällig habe ich gerade das da gesehen, passt wie die Faust aufs Auge:

    Hinter beiden Aussagen steckt ein Chauvinismus, der zum einen Frauen einen eigenständigen Erfolg nicht zutraut und zum anderen (unter Androhung des Misogynie-Vorwurfes) verlangt, dass man sie nur mit Samthandschuhen anfasst und sich jede Kritik verbittet.

    Also im Grunde soll man Frauen behandeln wie kleine Kinder und gleichzeitig ernst nehmen wie jeden anderen Erwachsenen. Das kann nicht funktionieren.

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