Warum ich kein Hindernis dafür sehe, andere Leute anständig zu behandeln

Das Blogstöckchen #Was wäre wenn („ich das andere Geschlecht hätte“) zog weite Kreise. Das freut mich sehr, denn letzten Endes bekomme ich dadurch mal ganz andere Perspektiven zu lesen – auch solche, die mir völlig fremd sind und aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Natürlich bedeutet das auch, dass ich Sachen lese, denen ich am liebsten sofort heftig widersprechen möchte. Bislang habe ich mich jedoch zurückhalten können und es hat stets das Hirn gewonnen, welches mir sagte: Das ist erst einmal ein Gedankenexperiment. Ist doch klar, dass da jeder seine Sichtweise reinbringt, die nicht objektiv ist (und sogar bei Sachaussagen widerlegbar sein kann). Viel spannender als „recht zu haben“ ist doch erst einmal, überhaupt etwas anderes zu lesen.

Aus diesem Grund habe ich auch auf jeden mir bekannten Artikel zum Blogstöckchen verwiesen nicht nach „interessanten“, „lesenswerten“ oder gar „guten“ Antworten gefiltert. Wenn man damit anfängt, ist das meistens der Anfang vom Ende. Soll sich stattdessen jeder Leser selbst sein Urteil bilden.

Mit Kommentaren habe ich mich weitgehend zurückgehalten. In der Zwischenbilanz der ursprünglichen Initiatoren hatte ich allerdings kommentiert; der Kommentar wurde jedoch bis jetzt nicht freigeschaltet. Dann veröffentliche ich ihn einfach hier.

Christian und Matze wollen nicht unter Generalverdacht stehen, bloß weil sie Männer sind. Sie möchten nicht gleichgesetzt werden mit den Männern, die tatsächlich gefährlich, die gewalttätig sind gegenüber Frauen und Kindern, und damit den Ruf und das Ansehen aller Männer negativ beeinflussen. Sie wünschen sich, als Individuen, unvoreingenommen anerkannt zu werden, so, wie sie sich selbst sehen.

Ich denke, da ist nichts gegen einzuwenden, egal, wer hinter Christian und Matze steckt. Wer hat es schon verdient, unter Generalverdacht gestellt zu werden?

Problem: Diesem berechtigten, persönlichen Wunsch steht eine ganze Industrie entgegen, die tagtäglich ein Männerbild verbreitet, das nicht gerade vertrauenserweckend ist.

Und warum ist das so ein Riesenhindernis? Wenn in der Unterhaltungsindustrie Araber tendeziell vor allem als Terroristen gezeigt werden, kann doch niemand antiarabische Vorurteile damit rechtfertigen, dass er das aus der Popkultur hat. Oder wer würde sich für ein Frauenbild von vorgestern damit verteidigen können, dass er einfach nur so viele alte Filme guckt und alte Bücher liest? Ich finde die Bewertung medialer Wirkung überschätzt. Die Verantwortung liegt bei jedem einzelnen und wer eine halbwegs ordentliche Erziehung genossen hat, läßt sich auch nicht gehirnwaschen.

Nicht nur die Unterhaltungsindustrie mit ihren Krimi-Thrillern, Action-Filmen, Ego-Shootern, Gangsta-Rappern, auch die Nachrichten, Spielwarenabteilungen und nicht zuletzt die Werbung verbreiten das Bild vom echten Kerl, der sich nimmt, was ihm zusteht, der keine Kompromisse eingeht, rücksichtslos ist sich selbst und anderen gegenüber, dabei immer im Reinen mit sich: Selbstzweifel und Schwächen haben hier keinen Platz. (…) Unsere Kinder lernen so schon sehr früh, was den richtigen Mann ausmacht, wie er sich verhält, so im Allgemeinen…

Da haben wir eine komplett andere Wahrnehmung. Ich stimme eher Lucas Schoppe zu, wenn er schreibt:

Von der damals skandalösen Selbst-Inszenierung als männliches Sex-Objekt bei Elvis Presley, dem Versicherungsvertreter-Look Buddy Hollys oder der Mischung aus Virilität und Nervosität bei James Dean, der Boygroup-Struktur der Beatles, die den Typus des Intellektuellen, den des hübschen Romantikers, den des stillen Sensiblen und den des Komikers, aber eben nicht den des beständig starken Mannes besetzten, der bewussten Androgynität David Bowies, Mick Jaggers, Michael Jacksons oder von Prince, der von Boy George ganz zu schweigen, der Gebrochenheit der tragischen Figuren wie Jimi Hendrix oder Kurt Cobain bis zu gegenwärtigen Schauspielern wie Ryan Gosling, der beständig zwischen hartem Kerl und Loser changiert, oder dem auch von den Autorinnen erwähnten James Gandolfini, der Wucht und Verunsicherung in sich vereint (die Liste ist willkürlich und ließe sich beliebig fortsetzen):
Männliche Pop-Idole sind in aller Regel eben keine unerschütterlichen Herrscher, sondern zwiespältige, facettenreiche, starke, aber eben auch verletzbare Figuren. Dies sind sie schon traditionell, seit Jahrzehnten

Das war das Ende des Kommentars. Ehrlich gesagt habe ich inzwischen den Eindruck, dass ich bei Widerspruch 10-20% dümmer kommentiere als wenn ich ihn in einem Artikel verarbeite. Spricht umso mehr fürs selbst bloggen.

Letzten Endes dreht es sich darum: Warum sollen einseitige Bilder aus den Medien ein Problem sein, wenn Leute grundsätzliche Rechte für sich einfordern? Dagegen spräche doch nur, dass man es entweder nicht kann, weil man quasi durch die Medien ferngesteuert ist, oder es nicht will, weil man der Meinung ist, die Beseitigung des schlechten Bildes aus den Medien müsse zuerst geschehen und erst wenn dies zu 100% geschehen ist, könne man sich der ursprünglichen Forderung widmen.

Nichts auf der Welt kann verhindern, dass ich als aufgeklärter Bürger Leute anständig behandele und damit meinen Teil dazu beitrage, dass die Welt ein Stück besser wird. Dies gilt auch dann, wenn diese Leute zu einer Personengruppe gehören, die mir im allgemeinen suspekt oder unsympathisch ist. Eben das macht zu einem Teil die gesittete Auseinandersetzung aus.

Auf die Spitze getrieben: Selbst einem rechtskräftig verurteilten 200-fachen Mörder muss ich den 201. Mord, wegen dessen er auf der Anklagebank sitzt, penibel nachweisen. Er hat das Recht auf einen fairen Prozess und darf nicht bereits im Vorfeld für diesen Mord (im wahrsten Sinne des Wortes) verurteilt werden. In den Genuss des zivilen Umgangs kommen damit auch Leute, die selbst überhaupt keinen zivilen Umgang erkennen lassen.

Zu der These der allmächtigen Medienbilder (oder wahlweise dem Patriarchat) habe ich immer die Frage der Initialbefreiung: Wenn ihre Macht so groß ist, dass sie uns in unserem Männer- und Frauenbild effektiv steuern, wie konnte es dann überhaupt jemals jemandem gelingen, daraus auszubrechen?

Wende ich zum Schluss einmal meine eigenen Rezepte an… ich gehe von den besten Absichten der Blogbetreiber aus und hoffe, dass ich das angesprochene „Problem“ einfach nur fürchterlich falsch verstanden habe.

Ich selbst bin kein besonders edler oder guter Mensch. Daran ändern auch hochtrabende Worte nichts. Gleichzeitig denke ich, dass es sich lohnt, nach etwas besserem zu streben, selbst wenn ich dabei immer wieder Fehler mache.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Gegen das Schwarzweißdenken hatte Michael Jackson einen großen Hit. Um das aber nicht ganz so pathetisch klingen zu lassen, bringe ich lieber die Badesalz-Version.

Badesalz: Black or White

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9 Kommentare zu „Warum ich kein Hindernis dafür sehe, andere Leute anständig zu behandeln“

  1. Tja, leider ist es aber so, dass die Verallgemeinerung wesentlich zum Feminismus gehört. Der Feminismus trennt in allen Belangen zwischen männlich und weiblich (auch in der Sprache gibt es nur noch die männliche und die weibliche Form, auch wenn es in Wirklichkeit viel komplexer ist) – diese Trennung bringt automatisch eine Verallgemeinerung mit sich. Der Weg von unten nach oben ist zu beweisen, der von oben nach unten nicht. Also: wenn ich einen Gewalttäter habe, dann muss ich Gründe dafür angeben, weshalb ich darauf schließen kann, dass alle Männer Gewalttäter sind. Es ist sonst nur ein Einzelfall, der nichts beweist. Wenn ich aber umgekehrt vorgehe – d.h. umgekehrt denke – und bereits davon ausgehe, dass alle Männer Gewalttäter sind, dann ist der Einzelfall ein Beweis. Das wiederum liegt daran, dass der Feminismus (und die Gleichstellungspolitik, die daraus hervorgegangen ist) stets gruppenbezogen vorgeht. Da gilt die Gruppe mehr als das Individuum. Tim Hunt hat ja nicht etwa einer Frau etwas angetan und sie beleidigt, sondern der (nicht existenten) Gruppe „der“ Frauen insgesamt. Wenn man gruppenbezogen denkt, ist es auch egal, wie groß eine Gruppe ist. Um also eine Anständigkeit zu erreichen – was tun? Da genügt es nicht, die Medien kritisch zu sehen (denn die Medien bilden das Problem ab), es genügt vor allem nicht, Appelle an Unbekannt zu richten. Vielmehr muss man den Kern des Feminismus erkennen, benennen und diskreditieren. Und die Gleichstellungspolitik bekämpfen.

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