Fundstück: Mobbing als Hürde für Beziehungserfahrung

Matthias verwies beim Selbermach-Samstag vor ein paar Monaten auf den Artikel „Mobbing„. Nun finde ich das Anliegens des Blogs „Der lange Weg zum ersten Mal“ absolut ehrenhaft: Sogenannten „Absoluten Beginnern“ soll mit allerlei Tipps geholfen werden, ihren Status als Menschen ohne Beziehungserfahrung zu beenden.

Dem unbenommen erlaube ich mir ein wenig Kritik: Zunächst einmal bezüglich Mobbingerfahrung als Prognose für ein späteres Leben als AB. Hier scheint mir die bedingte Wahrscheinlichkeit verwechselt worden zu sein. Auch wenn viele Absolute Beginner früher gemobbt wurden, so folgt daraus nicht, dass man durch Mobbing mit hoher Wahrscheinlichkeit zum AB wird. Hier werden also zwei negative Dinge viel stärker (nämlich in beide Richtungen) miteinander verknüpft, als es real der Fall sein muss.

Den Rest schrieb ich seinerzeit als Kommentar bei Alles Evolution, krame ihn aber nun noch einmal hervor:

Die grundsätzliche These, dass Mobbing die Chance stark erhöht, AB zu sein, finde ich einleuchtend. Aus dem Gedächtnis heraus (Arne Hoffmann?): Absolute Beginner haben es in einer wichtigen Phase des Lebens versäumt, die entsprechenden Erfahrungen zu machen. Natürlich wird einen Mobbing nicht (stärker) zu einem lebenslustigen, aufgeschlossenen Menschen machen, und das erschwert es, seine Freiheiten auszuleben.

Kritisch finde ich allerdings [in dem erwähnten Artikel]:

  • Mobbing wird so dargestellt, als würde es einen auf immer beherrschen und als könnte man nichts dagegen tun. Eine direkte Aufforderung zur Opferrolle.
  • Die Empfehlung, zeitlebens die Mobbinggeschichte vor einer Partnerin geheim zu halten, sehe ich als kontraproduktiv an. Ich glaube, dass das verhindert, sich über eine gewisse Schwelle hinaus emotional zu öffnen. Und eine (gute!) Partnerin ist ja nicht blöd und ihr wird auffallen, wenn man in bestimmten Situationen komisch reagiert. Ich glaube sogar, dass “anderen stets etwas vorspielen” ein sicheres Rezept für lebenslanges Unglücklichsein ist.

Besser ist:
Mobbing nicht als “das ist in der Schule passiert und hat heute nichts mehr mit mir zu tun” abtun, wenn man im heutigen Leben den Eindruck hat, in bestimmten Situationen “blockiert” zu sein oder starke Gefühlswallungen hat, die einem zunächst unerklärlich sind. Ich würde mir dann professionelle Hilfe holen. Ein Psychologe kann viel ausrichten, weil man mit ihm den Kram besprechen und sortieren kann.

Das eigene Leben darauf zu überprüfen, wo man durch Mobbingerfahrung gebunden wird. Traut man sich nicht, auffällige Kleidung zu tragen oder eine bestimmte Frisur zu haben? Würde man gerne etwas lernen oder einem Hobby nachgehen, das nicht “dem üblichen, allgemein anerkanntem” entspricht? Hat man seine Träume / Lebensziele versteckt, weil man glaubt, dass sie anderen lächerlich erscheinen? All das wiegt doppelt schwer: Zum einen wird man dadurch direkt unglücklich, zum anderen ist man weniger interessant, als man sein könnte.

Die Prägung durch das Mobbing zu einem Vorteil ummünzen: Wenn man sensibel für solche Dinge ist, dann kann man das auch für sich in die Waagschale werfen: Ein Mann wirkt dann mitfühlend, emotional zugänglich, hat ein Auge für die Schwachen usw. So etwas kann man nicht “direkt ausspielen” oder “sofort sagen”, aber kann zu Situationen kommen, wo man das zeigen kann und wo das einem hoch angerechnet wird. Voraussetzung ist eine gewisse Souränität und eigene Stärke – die werden also das vorrangige Ziel vorher sein.

Sprich, es ist extrem wichtig, Mobbing zu thematisieren, aber bitte nicht im Sinne von “das ist mein Schicksal” und “ich kann nichts machen”.

Erzählmirnix kommentierte dazu:
„Amen. Ich muss jetzt einfach nur kurz sagen, wie gut ich diesen Beitrag finde.“

Das ging runter wie Öl.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da liegt es auf der Hand, die Absoluten Beginner zu nehmen. Passende Lieder haben sie genug, aber ich finde die Liedzeile „Glück brutto und Frust petto“ am passendsten.

Absolute Beginner: Liebes Lied

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4 Antworten zu Fundstück: Mobbing als Hürde für Beziehungserfahrung

  1. Pingback: Warum ich weder Männer noch das Patriarchat für Slutshaming verantwortlich mache | Geschlechterallerlei

  2. Dirk DLW schreibt:

    Ich stimme dir zu, dass nicht jeder, der gemobbt wird, mit hoher Wahrscheinlichkeit AB wird. Viele Mobbing-Opfer schaffen es rechtzeitig, aus dem Teufelskreis aus Mobbing und immer geringer werdendem Selbstwertgefühl auszubrechen. (Z.B. weil sie etwas resilienter sind, weil sie Freunde, Eltern oder Lehrer haben die sie dabei unterstüzten, etc.) Wenn man aber umgekehrt von der Gruppe der ABs ausgeht, findet man bei den meisten (aber nicht allen) Mobbing-Erlebnisse in der Schulzeit. Und wenn man es mit anderen möglichen Ursachen für Beziehungslosigkeit vergleicht, ist es eine der häufigsten. Ich finde es nicht ganz abwegig, hier eine Kausalität zu vermuten.

    Ich weiß nicht, wie du zu der Einschätzung kommst, ich meinte, man könne nichts dagegen tun. Ein zentrales Anliegen meines Blogs ist es, Wege aufzuzeigen, es trotz aller Widrigkeiten zu schaffen und eben nicht in der Opferrolle zu verharren. Dies heißt aber nicht, dass ich die die Existenz jeglicher Widrigkeiten leugnen muss.

    Ich bin weiterhin der Meinung, dass man Mobbing-Erfahrungen nach Möglichkeit nicht mit der Partnerin diskutieren sollte. Sexuelle Beziehungen sind dazu da, um gemeinsam Spaß zu haben. Für Problem-Gespräche eignen sich gute Freunde oder Therapeuten besser.

    • Graublau schreibt:

      Vielen Dank erst einmal für den Kommentar! 🙂 Wir hatten bisher ja nicht miteinander zu tun und ich hatte vor, noch mindestens einen weiteren Artikel von Dir zu besprechen.

      Zu Deinem ersten Absatz: Genau! Eben das ist die bedingte Wahrscheinlichkeit, die oft verwechselt wird: Wenn in einer Gruppe mit Merkmal A oft Merkmal B vorkommt, wird oft geschlossen, dass auch das umgekehrte gilt. Stimmt aber nicht.

      „Frauen haben einen siebten Sinn zum Aussortieren von Mobbing-Opfern. Sie erkennen sie an dem traurigen Element in den Augen, das nicht mehr weg geht, nicht mal beim Lachen.“

      Etwas, das nicht mehr weggeht, klingt für mich schon sehr nach „man kann nichts dagegen tun“. Quasi ein Stigma, das einen ein Leben lang begleitet.

      Zu Deinem letzten Absatz: Gut, wenn es nur um sexuelle Erfahrung geht und um nichts darüber hinaus, dann hat das Thema nichts dabei zu suchen. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass auf Dauer viele Menschen eine langfristige Beziehung anstreben. Und da finde ich solches Verheimlichen kontraproduktiv.

      • Dirk DLW schreibt:

        Ich habe den Satz mit „nicht mehr weggeht“ jetzt herausgenommen. Das war tatsächlich etwas irreführend und kontraproduktiv.

        Danke für dein Feedback!

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