„Menschenrecht“ auf Abtreibung

Das Europäische Parlament hat sich in einer Entschließung für ein „Menschenrecht“ auf Abtreibung ausgesprochen.

Für den sogenannten Tarabella-Bericht – benannt nach dem belgischen Sozialisten Marc Tarabella (Anthisnes bei Lüttich) – stimmten am 10. März 441 Abgeordnete; 205 votierten dagegen und 52 enthielten sich der Stimme. Darin fordert das Parlament unter anderem das Recht der Frauen auf sexuelle und reproduktive Gesundheit, einschließlich Abtreibung und Empfängnisverhütung.

Das berichten Prof. Dr. Günter Buchholz, idea und kath.net. Nun will ich weder Prof. Buchholz mit klerikal-konservativen Kreisen in einen Topf werfen, noch mich vom Standpunkt her mit irgendwelchen Lebensschützern gemein machen. Ich war schon immer für ein Recht auf Abtreibung, schon alleine, weil ein Verbot – wie auch bei Prostitution oder Drogenkonsum – noch nie etwas gebracht hat, sondern die Menschen (in dem Fall Frauen), die sich zu diesen Handlungen gezwungen sahen, immer nur in die Illegalität und damit üble Verhältnisse getrieben hat. Es scheint – wie auch bei Prostitution oder Drogenkonsum – ein derart vitales Interesse der Menschen zu geben, sich über moralische Setzungen oder gesetzliche Regelungen hinwegzusetzen, weil entweder der Gewinn zu verlockend oder aber der Verlust oder die Einschränkung durch gesetzeskonformes Handeln zu bedrohlich zu sein scheint.

Man mag das moralisch betrachten wie man will (niemand findet Abtreibungen wirklich schön), aber in die Zeit der Engelmacher, die unter miesen, unhygienischen Bedigungen illegale Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt haben, will wohl auch kaum jemand zurück, außer vielleicht ein paar weltfremden Klerikalen. Mir persönlich ist der Begriff Schwangerschaftsabbruch der liebste, weil er am neutralsten den Sachverhalt beschreibt. Der gerne benutzte Begriff Schwangerschaftsunterbrechung ist mir dann doch zu euphemistisch, schließlich drückt da niemand auf eine Pause-Taste. Als ob die Schwangerschaft später weitergeführt werden könnte…

Etikettenschwindel

Ich will aber auf etwas anderes hinaus. Ich kritisiere die Entschließung nicht als solche in ihrer grundsätzlichen Zielsetzung, sondern in ihrer Bezeichnung. Deshalb auch die Anführungszeichen in der Überschrift. Denn das oberste Prinzip jedes Menschenrechts ist die Universalität, d.h. dass Menschenrechte überall für alle Menschen gültig sind. Die Entschließung des EU-Parlaments gesteht, wie der Text der Entschließung laut obigem Zitat offensichtlich lautet, aber nicht allen Menschen ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch zu, sondern nur Frauen. Das klingt auf den ersten Blick selbstverständlich und gleichzeitig merkwürdig, wenn ich dies kritisieren will, schließlich können ja auch nur Frauen schwanger werden. Dennoch: Männer bekommen dieses Recht nicht, speziell also nicht die potentiellen Vätern, heute auch gern abwertend „Erzeuger“ genannt. Dabei haben diese doch durchaus einen entscheidenden Anteil an der Schwangerschaft. Mitreden, ob das Kind nun ausgetragen wird oder nicht, dürfen sie zwar, entscheiden über Wohl und Wehe des Kindes darf aber alleine die Frau. So ist die Rechtlage. Insofern ist die Bezeichnung „Menschenrecht“ ein blühender Etikettenschwindel. Es ist ein Frauenrecht, kein Menschenrecht.

Sehen wir uns den Sachverhalt genauer an. Da wird ein Kind gezeugt. Von einem Mann und einer Frau, zumindest dürfte das auch heute noch der Regelfall sein, auch wenn die Reproduktionsmedizin rasende Fortschritte macht. Beide können sich nun überlegen, ob sie das Kind auch tatsächlich haben möchten. Relevant sind allerdings nur die Überlegungen der Frau. Sie entscheidet im Zweifelsfall alleine. Wenn sich die Interessen widerstreiten, schaut der Mann in die Röhre. Will er das Kind, sie aber nicht, kann er kaum etwas gegen den Abbruch unternehmen. Das Kind ist am Ende trotzdem tot. Für einige Männer war dies schon ein traumatisches Erlebnis. Im anderen Fall, wenn sie das Kind will, er aber nicht, ist er aber trotzdem zu Unterhalt verpflichtet, und wenn er Pech hat, bekommt er noch nicht mal ein Sorgerecht im Gegenzug. Frauen haben hierzulande das Recht, bis zu 12 Wochen nach der Geburt das werdende Kind einseitig abzulehnen, Männer haben dieses Recht nicht. Diese Situation ist für Männer alles andere als fair.

Nun kann keiner von Frauen verlangen, einen Abbruch gegen ihren Willen durchzuführen. Das wäre unmenschlich. Ich will auch nicht verleugnen, dass es immer wieder vorkommt, dass die werdenden Väter die schwangeren Frauen zum Abbruch drängen, z.B. indem sie drohen, die Frauen ansonsten verlassen zu wollen. Ich habe das selbst im Bekanntenkreis mehrmals erlebt. Allerdings gibt es für Männer angesichts der Aussicht von jahrzehntelangen Alimentenzahlungen kaum eine andere Möglichkeit, aus der Geschichte raus zu kommen, wenn sie das Kind nicht wollen. Und Frauen könnten ja durchaus auch in der Lage sein, sich zu wehren und das Kind trotzdem zu bekommen.

Gesellschaftlicher Wandel

Die Horrorgeschichten von damals vor 100 Jahren, in einigen bäuerlichen Gegenden noch vor 50 Jahren, als unverheiratete Frauen mit Kind Aussätzige der Gesellschaft waren, die alleine mit ihrem Kind klar kommen mussten ohne jede Unterstützung des Vaters, sind zum Glück längst vorbei. Das Image hat sich allerdings komplett gedreht. Heute heißt das nicht mehr „gefallene Mädchen“, sondern „Alleinerziehende“, und diese sind die Heldinnen unserer Gesellschaft. Statt Verachtung schlägt ihnen Bedauern, Mitgefühl und Unterstützungsbereitschaft entgegen, und der Grund, warum sie ohne Mann ein Kind (oder mehrere) aufzieht, wird wie selbstverständlich im wahrscheinlich schäbigen (oder schlimmer noch: gewalttätigen) Verhalten dieses Mannes vermutet. Und selbstverständlich stehen ihnen Unterhaltszahlungen, und wenn diese ausfallen, Wohltaten des Sozialstaats zu. Ich will das gar nicht verurteilen, es ist ja gut und richtig, dass sich die Situation gebessert hat. Ich meine nur, das Narrativ von der in bitterste Armut fallenden Frau, wenn sie alleine ein Kind aufziehen muss, stimmt so nun schon längst nicht mehr.

Ganz im Gegenteil: Wenn man sich anschaut, wie leicht Unterhaltszahlungen durchzusetzen sind, welche vielfältigen staatlichen Hilfen für Alleinerziehende inzwischen vorhanden sind, wenn man immer wieder Geschichten hört, wie selbst Frauenärzte gebärwilligen Frauen mit eher reservierten Männern raten, doch mal die Pille zu „vergessen“, um dem gemeinsamen Kinderglück schneller nachzuhelfen, kann man nur den Schluss ziehen, dass es heute eher die Männer sind, die geschwängert werden.

Lösungsvorschlag

Wofür plädiere ich nun? Welche Regelung würde ich für gerecht halten? Zunächst plädiere ich für die sogenannte juristische Abtreibung. Männer sollten wie Frauen das Recht bekommen, auch nach der Empfängnis das Kind einseitig abzulehnen. D.h. Männern sollte das Recht eingeräumt werden, in einer gewissen Frist nach Feststellung der Schwangerschaft auf sämtliche Pflichten, aber auch Rechte auf das Kind zu verzichten. Einen Monat erachte ich als ausreichend, damit auch die Frau noch genügend Zeit hat, sich zu überlegen, ob sie das Kind unter diesen Umständen trotzdem haben möchte. Das würde natürlich auch eine Pflicht der Mutter beinhalten, den werdenden Vater rechtzeitig zu informieren, andernfalls müsste sie eben auf späteren Unterhalt verzichten.

Gleichzeitig sollten auch Frauen ein Recht haben, auf ein Kind komplett zu verzichten, wenn sie es nicht haben wollen, es aber trotzdem austragen zu können, wenn der Vater sich das Kind wünscht und bereit ist, es alleine groß zu ziehen. Und selbstverständlich sollten beide das Recht haben, sich später umentscheiden zu dürfen, wenn sie dann doch für das Kind da sein wollen. Dann allerdings wäre die Zustimmung des anderen Partners vonnöten, der das Kind bisher alleine aufgezogen hat. Auf diese Weise könnten vielleicht auch einige Abtreibungen verhindert werden.

Kompliziert wird die Situation, wenn es mehrere potenzielle Väter gibt bzw. das Kind ein Kuckuckskind sein könnte. Dann wäre die Mutter wohl verpflichtet, jeden der potenziellen Väter zu fragen. Die genauen Implikationen mag ich in diesem Artikel aber nicht mehr durchdenken, sonst wird er zu lang…