Zur Kritik von Khaos.Kind an Pick up

Ich muss vorausschicken, dass ich Khaos.Kind  in der Vergangenheit als gemäßigte und durchaus (in gewissen Grenzen) diskussionsbereite Feministin erlebt habe. In Ihrem Blog hat nun – wie schon viele Feministinnen vor ihr – eine Kritik am System des Pick up veröffentlicht.

Sie stellt dabei erst einmal aus meiner Sicht richtigerweise fest, dass es bei Pick up gar  nicht vordergründig um Frauen geht, sondern erst einmal für den Mann um die eigene Verbesserung und den eigenen Persönlichkeitsaufbau. Daran kann ich beim besten Willen nichts Schlechtes erkennen.

Was so gut wie nie erwähnt wird, ist, dass zwei Drittel der Arbeit aus Selbstverbesserung besteht. Von der Auswahl eines Stylings, dass die eigenen Vorzüge hervorhebt bis hin zu grundlegenden Dingen wie „dusche regelmäßig, benutze Deo, mach dein Bett jeden Tag“. Sachen, die selbstverständlich sein sollten aber wohl bei einigen nicht angekommen sind.

Weiterhin stellt Khaos.Kind fest, dass Pick up zu einem gewissen Teil von einer Community lebt, in der die Nutzer sich austauschen und auch, dass Pick up tatsächlich funktionieren kann. Was ist daran jetzt also so schlimm?

Ein Punkt, der mich im Buch von Neil Strauss überrascht hat, war, dass er keinen Hehl daraus macht, wie misogyn und zerstörerisch Pick up ist.

Hui „zerstörerisch“ soll Pick up also sein. Wie kommt Khaos.Kind zu diesem Schluss?

Wer ein guter Aufreißer sein will, muss „üben“. Muss also oft raus- und ausgehen, muss viele Personen ansprechen und lernen, dass fremde Menschen nicht beißen. Muss viele Sachen ausprobieren und viele Nummern oder Küsse oder Sex „sammeln“. Wie weiter oben bereits ausgeführt, werden die einzelnen Personen zu Objekten, werden austauschbar. Frauen werden nicht als Persönlichkeiten gesehen, sondern gelistet und ins System eingefügt als „Hot Babe“, kurz HB auf einer Skala von 1-10. Diese gilt es anzusprechen und für sich zu gewinnen. Von welchem Schönheitsbild sie ausgehen, will ich gar nicht so genau wissen.

Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Feministinnen auf Pick up wie auf ein rotes Tuch reagieren, weil Pick up gerade nicht davon ausgeht, dass jede Frau ein absolut einzigartiger faszinierender Schmetterling sei, sondern sich zumindest in wesentlichen Punkten sehr gut in ein Raster einsortieren lässt. Aus feministischer Sicht wird die Frau damit aber immer gleich „zum Objekt degradiert“.

Wenn man von einem Frauen- und Beziehungsbild ausgeht, bei der es nur darum geht DIE einzig wahre für einen vorherbestimmte Liebe, die einzig wahre Frau für das gesamte Leben zu finden, mag Pick up einen etwas desillusionieren. Ja, Frauen (und Männer auch) sind insbesondere auf der ersten Stufe des Kennenlernens tatsächlich sehr gut austauschbar. Wenn eine Frau kein Interesse hat, ist es nach Pick up völlig unproblematisch möglich, sich einfach einer anderen Frau zuzuwenden. Ich finde das nicht verwerflich. Und was wäre denn die Alternative? Einer Frau die einen abgewiesen hat ein Leben lang nachtrauern und einsam und unglücklich sterben? Oder trotz einer Abweisung die Frau weiter bedrängen um sie doch noch zu überzeugen? Die Grenze zum Stalking ist hier nicht mehr weit.

Das Problem ist, dass gesellschaftlich gerne ein Bild von Paarfindung propagiert wird, dass mit der Realität nicht übereinstimmt. Männern wird hier oft vorgegaukelt, dass man nur „nett genug“ zu Frauen sein müsse, um eine Partnerin zu finden oder das „die einzig wahre Liebe“ irgendwo dort draussen wartet und nur  gefunden werden müsse. Ich kenne eine Menge netter einsamer Männer, die allein auf diese Sichtweise gestellt todunglücklich sind. Pick up befreit den Mann von vermeintlichen Mächten des Schicksals und gibt ihm das Heft des Handelns selbst in die Hand. Zerstört wird letztendlich nur ein weichgezeichnetes ohnehin unrealistisches Beziehungsbild, wie es gerne in zuckrigen amerikanischen Liebeskommödien entworfen wird. Die Realität sieht aber anders aus.

Was Khaos.Kind weiterhin stört ist natürlich, dass Pick up auf einem theoretischen Ansatz zu Geschlechterverhältnissen beruht, der sich nicht mit der Sicht der Gender“wissenschaft“ auf die Welt deckt.

„Zudem basiert Pick up auf äußerst fragwürdigen Annahmen. Etwa der These, dass Frauen seit jeher die Wahl über ihre Sexualpartner treffen (weil wenige Eizellen und die müssen sie evolutionsbiologisch gut einsetzen – ja, dieser Quatsch). Ein Hohn gegenüber gesundheitlichen Risiken (der hohen Kinder- und Müttersterblichkeit bis vor wenigen Jahrzehnten in westlichen Gefilden) und gesellschaftlichen Verhältnissen (Eltern/Vater wählen Ehepartner aus, Ideal der Jungfräulichkeit bis in die Ehe, Vergewaltigungen, gesellschaftliche Ächtung alleinstehender Frauen). Diese Annahmen werden wahlweise gemischt mit Pseudowissenschaften wie der Neurolinguistischen Programmierung (NLP) und Alltagspsychologie à la Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus.“

Man kann das natürlich gerne diskutieren, aber es stellt sich natürlich die Frage, ob der Ansatz denn so falsch sein kann, wenn er in der Praxis funktioniert. Und Praxistauglichkeit ist ja etwas, das man den Ergebnissen und gesellschaftlichen Verhaltensempfehlungen der Gender“wissenschaft“  auch nicht gerade bescheinigen kann.

Nachtrag: Wenn eine Frau Pick up erfunden hätte, um Frauen zu ihrem Wunschpartner zu verhelfen, würde man sie vermutlich als feministische Gallionsfigur feiern, die Frauen zu einer selbstbestimmten Sexualität verhilft.

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