Ich wurde abgetrieben!

Es folgt ein Gastartikel von Emannzer. Vielen Dank!

Ein ziemlich persönlicher Beitrag, der viel in der ich-Form geschrieben sein wird. Einer, der mancher egozentrisch anmuten könnte und dennoch mal das beschreibt, was jeden Tag in diesem Land passiert.

Genetik bedeuted, dass zwei Menschen sich sexuell vereinigen und etwas Neues daraus entsteht. Diese Vererbungslehre bedeutet aber aber ebenfalls, dass aus dem natürlichen Prozess von „Mutation und Selektion“ etwas evolutionionäres entsteht. Quasi eine Art ‚Unsterblichkeit‘ auf begrenzte Zeit, denn mit jeder Generation halbiert sich potenziernd die Wahrscheinlichkeit, in seinen Enkelskindern weiter zu leben.

Aber das soll hier nicht das Thema sein und es geht auch nicht um irgendwelche Diskussionen oder abgehobenen Beiträge zum Thema „Sozialisation“ oder ähnlichem.

Es geht schlicht und einfach um einfach um das hier:

Abtreibung

Die etwas dramatisch wirkende Überschrift oben, mag polarisierend klingen – so man denn den einleitenden Text nicht verstanden hat. Aber er ist es nicht im Kontext der Fortpflanzung – und ich stellte im Laufe meines Lebens fest, dass es ausgeblendete Grauzonen in der Gesellschaft gibt, die bis heute kaum einer Betrachtung wert waren, denn „ihr Bauch gehört ihr“. Ist dem wirklich so, oder reden wir von einer Gruppe Narzisstinnen, die sich nabelzentriert nur um sich selbst dreht und dabei vergisst, dass es immer zwei Seiten gibt.

Der Auslöser zu diesem Thema war ein Beitrag von Graublau hier und es ging um das Thema „Sexuelle Selbstverantortung und Fortpflanzung“, sinngemäß. Daraus entspann sich eine Diskussion, welche u.a. im Thema Abtreibung mündete. Und diese hatte, bei bestimmten Menschen, immer den gleichen Grundtenor: Die Mutter trägt das Risiko, der Vater hatte seinen Spaß und sollte diesbezüglich auch nichts zu melden haben.

Dies ist nun stark ‚abstrahiert‘, stellt aber dar, wo ein Vater-in-spe steht – und wo sich eine Mutter-in-spe zu wähnen scheint: „Eine links, eine rechts und einen fallen lassen“ (es geht ums Stricken)

Irgendwann platzte mir der Kragen und ich brachte mich um eine Nacht, in einer hitzigen Diskussion, welche u.a. so (und nicht direkt) kommentiert wurde:

Beim Thema Abtreibung gibt es überhaupt keinen maskulistischen Konsens und keine Forderungen, sondern lediglich Vorschläge wie dass Väter ihren Widerspruch zumindest offiziell festhalten können und im Fall einer Traumatisierung aufgrund ihrer Machtlosigkeit, bei der Tötung ihres Nachwuchses kein Einspruchsrecht zu haben, bessere therapeutische Hilfe erhalten sollten.

Was passiert in diesen und zahllosen anderen Fällen? Feministinnen führen sich in einer unfassbaren Weise auf und steigern sich in die schrillste Empörung hinein, weil Männer ihren diversen Behauptungen und Wünschen überhaupt noch zu widersprechen wagen, statt bei all diesen Fragen ausschließlich radikalfeministische Maßstäbe gelten zu lassen. Diese „Empörung“ erinnert regelmäßig an die Tobsuchtsanfälle von Vierjährigen“

Bevor ich dieses Zitat auf Genderama las, hat mich diese unglaublich ‚emanzipierte‘ Diskussion; nebst einer Argumentation auf selbstfixierter Ebene derartig ‚getriggert‘ und ‚gespoilert‘, dass ich in nachtschlafender Zeit das Folgende schrieb:

Die Frau, die ich mal liebte wurde schwanger – und hat abgetrieben. Es war sicherlich nicht einfach für sie – aber ebenso sicher fehlte jede persönliche und gesellschaftliche Empathie dafür, wie sich der Partner dabei fühlt und was er gerne gewünscht hätte.

Und dieses auch auf eigenes finanzielles Risiko, ohne Regressansprüche, durchzuziehen bereit wäre. Der Name des Kindes hätte (so ein Junge) Julian gelautet – auch wenn er jurististisch nur ein Es bis dato war. Nun liegt der fiktive “er” auf dem Komposthaufen ungelebter Geschichte.

Tja, das ist lange her, seit es mir passiert ist (bzw. ich erleben musste). Hier also nun die Geschichte hinter der Geschichte und ich hoffe, die lange Einleitung hat, bis jetzt, noch niemanden zum Einschlafen gebracht.

Es ist eine kleine Geschichte der Zeit, unter der Männer heutzutage sozialisiert werden, aufwachsen müssem und mit deren Nebenwirkungen sie halt zu leben haben – bzw. zu leben lernen müssen, in diesem Zeitalter einer ‚Selbstbestimmung‘. Es ist die Geschichte eines Vaters in spe, welcher mitabgetrieben wurde und das Selbstbestimmungsrecht über sein Erbgut verlor:

Mein Name war Julian

Niemand kennt mich, niemand nimmt Notiz von mir und niemand nimmt mich wahr – denn ich existiere nicht und werde es auch niemals tun.

Denn ich war ein „Zellklumpen“, juristisch ein Ding und neuronal noch nicht ausgebildet. Und ich war zur falschen Zeit wohl falschen Ort.

Es war ein schöner Vorsommertag, als ich mit meiner Freundin Konstanze in einem Park spazieren ging. Händchenhaltend und verliebt gingen wir also spazieren und anschließend ins näheste Café. Ein traumhafter Tag also.

Während wir Kaffeer tranken, uns übereinander freuten, den späten Frühling genossen, da kam es dann plötzlich:

„Ich bin schwanger“

Und mein Herz machte (tatsächlich) einen Aussetzer vor Freude, und froher Erwartung, sodass ich anfangs gar nicht den ernsthaften Ausdruck in ihrem Gesicht bemerkte. Erst viele Sekunden später bemerkte ich diesen auch.

Und mir wurde kalt und klamm ums Herz, denn ich ahnte, was wohl anschließend folgen wird. Meine diesbezügliche Intutition wurde auch nicht ‚enttäuscht‘:

„Ich werde abtreiben“

In ihem Gesicht las ich die gleiche Verzweiflung, welche mich im selben Moment überkam und ich fragte nach dem Grund. Die Antwort hatte nichts uns zu tun, sondern mit ihrem (fehlgeschlagenem) Unternehmertum dahinter (was aber auch nicht weiter zum Thema beiträgt i.Ü.)

Mich übermannten Gefühle einer völligen Verzweifelung, der bizarren Vorstellung es ihr auszureden und der stillen Hoffnung, das es dennoch nicht soweit kommen wird, wie prophezeit.

Und da diese Frau mich liebte, wie ich sie eben auch, war es eben auch für sie wohl nicht einfach, da eher der introvertierte Typ auf exaltierte Art. Um ehrlich zu bleiben, sie hat wohl auch mit sich gerungen.

Und was waren meine Optionen?

Nun, sie waren klitzeklein. Sozialisiert, wie man als Mann heutzutage zu sein hat, ergab ich mich meinem Schicksal, das eines ungeborenen Kindes zu ebengleichen werden sollt. Ich sagte:

„Ja – ich freue mich auf unser Kind“ und gleichzeitig „Ja, ich respektiere deine Entscheidung“ (was ich auch tat – und ‚was anderes hätte ich auch tun können, in diesem Land).

Um nicht missverstanden zu werden: Sie kämpfte mit sich selbst und wusste sogar das Sternzeichen , welches sie recherchiet hat. Sie machte es sich also auch nicht einfach. So rungen wir mitenander und wurden uns nicht einig.

Die Realität ist grausam

Das sind nicht meine Worte, sondern die von der Frau, welche ich mal liebte. Sie nannte diese im Zusammenhang mit der vorgeschriebenen Ultraschall-Untersuchung und meinte, dass es weh tut, einen Herzschlag sehen zu können; den man noch niemals gesehen hat.

Ich biss damals die Zähne aufeinander und fragte dennoch, warum wir diesen Puls nicht am Leben halten können. Es gab niemals eine Antwort darauf.

Und weil ein ‚Unglück‘ wohl selten allein kommt, kam am Tag vor dem Abort eine Dokumentation über das werdende Leben.

Niemals werde ich vergessen, wie ich in diesem Moment Rotz und Wasser heulte und die Ex mit starren Augen (ohne erkennbare Gefühlsregung auf den Monitor starrte). Vielleicht begriff ich in diesem Moment:

Realität ist kein Ponyhof.

Wie auch immer, am nächsten Tag stand die Abtreibung an. Und Ex kämpfte damit, auch wenn ich solche Fragen wie „sollen wir das wirklich tun“ schon etwas schräg empfinde, im Kontext der Optionen.

Es hat sehr weh getan!

Einige Stunden später war es vorbei. Schluss, Aus, Feierabend! ES war weg und ich fix und fertig. Das war schlimm, noch schlimmer empfand ich allerdings dieses hier:

  • „Es war mein Problem – nicht deins!“

Soweit also das persönlichste, was ich bereit bin im WWW von mir preis zu geben und ich denke, jeder Blog, Kommentar oder Thread hat so seine eigene Geschichte. Mutatiom und Selektion halt. Auch zu Zeiten einer Christi Geburt aka Weihnacht.

Advertisements

28 Kommentare zu „Ich wurde abgetrieben!“

  1. Danke, für den unprätentiösen Beitrag. Ich fand schon vor vier Jahrzehnten, als die Kampagne der Schwarzer „Mein Bauch gehört mir!“ im Stern losgetreten wurde, den Slogan unmoralisch. Es geht hier stets um ein werdendes Kind, um eine werdende Mutter und einen werdenden Vater. Es sind drei Beteiligte. Und es geht um das Leben eines von ihnen und um keine Besitzverfügung.
    Es gibt über 100.000 registrierte Abtreibung pro Jahr in Deutschland.

  2. Hallo,

    Diese Erfahrung musste ich leider auch einmal machen.
    Damals, 25 Jahre her, konnte ich sie nicht umstimmen. Zur Klinik habe ich sie begleitet, und dort auf sie gewartet. Das waren die bittersten und dunkelsten Stunden in meinem Leben, die ich bis heute nicht vergessen kann.
    Da stirbt dein Kind, und Du kannst nichts dagegen tun.

    Es ist gut, dass Du darüber schreibst.

  3. Das waren die bittersten und dunkelsten Stunden in meinem Leben, die ich bis heute nicht vergessen kann.

    Ich kann dich gut verstehen: Ein scheiß Gefühlt – dein Kind in spe stirbt . und du musst ‚Veto-los‘ zusehen und unterstützen.

    1. Und wenn du nicht die Mutter darin unterstützt, wie sie dein Kind gegen deinen Willen umbringt, dann bist du ein egoistisches, gefühlloses Schwein, das es nicht ertragen kann, ausnahmsweise mal nicht im Mittelpunkt zu stehen – denn schließlich steht da eine Frau dafür gerade, daß du vorher deinen Spaß hattest …. *kotztüte zur Hand leg*

      Aber gut, daß wir Frauen haben, die uns in allen moralischen und menschlichen Angelegenheiten überlegen sind und uns ins Licht führen …. seien wor dankbar .. *volle kotztüte wegleg*

    2. Warum vetolos? Das verstehe ich nicht. Kann Mann sich nicht klar hinter die Frau und das Kind stellen, das auch das eigene ist und deutlich signalisieren: Ich stehe hinter euch. Ich will dieses Kind. Wenn du es austrägst, werde ich mich darum kümmern und es unterstützen. In was für eine problematische Situation (Ausbildung, Wohnung, Finanzen…) UNS das Kind auch bringen mag, wir werden eine Lösung finden.

      1. Hast du den Beitrag gelesen? Wenn ja, dann wurde dieser wohl scheinbar falsch verstanden!

        „In was für eine problematische Situation (Ausbildung, Wohnung, Finanzen…) UNS das Kind auch bringen mag, wir werden eine Lösung finden.“

        Das habe ich ziemlich sicher getan …
        Und es wurde nicht gehört. Fragen?

        „Warum vetolos?“

        Trag das Kind aus, „errollbundlefeuerstein“. Gehe nicht über Hochzeit. Halte 9 Monate durch. Und dann gib es mir. Tschaka – das schaffst du …

        Verzeih‘ meinen Sarkasmus.

  4. Ich verstehe dich voll und ganz. Bei mir sind es nun 30 Jahre her, beim Pizza-Essen, als die Frau, die ich liebte sagte „ich bin schwanger, und ich sie voller Freude anschaute. Wir waren beide ueber 30.
    Fast im gleichen Moment sagte sie „ich lass es abtreiben“. Ich habe sie fassungslos angeschaut.
    Ja, meinte sie, ich hab namlich einen anderen Freund.
    Der Doppelschlag in mein Gesicht geht mir heute noch nach. Ich habs nie vergessen koennen.
    Dieser Andere, mit dem wollte sie nach Australien, das heisst, er wollte, um dort als Artist aufzutreten. Und sie wollte er „mitnehmen“.

    Ich habe 3 Tage um das werdende Kind gekaempft, einen Anwalt gefragt, sogar einen Pastor eingeschaltet, der meinte auch „es ist keine Situation so schlecht, als man nicht doch was gutes draus machen kann“.
    Sinnlos.
    Schon bei der Zeugung, haltet mich bitte nicht fuer einen Spinner, wusste ich, das wird ein Kind. Ich hab es gespuert und gewusst.
    Drei Tage gekaempft, voellig Sinnlos. Ich hatte mir so sehr ein Kind gewuenscht, ich kommme aus einer kinderreichen Familie.
    Am Ende musste ich geschlagen einsehen, dass ich als Mann nicht das allergeringste Recht besitze, dass die Gewalt ganz auf Seiten der Frau ist und ich nur abnicken darf. Ein Zuchtbulle wird besser versorgt.

    „Wir habens gemeinsam bekommen, wir beenden es gemeinsam“ sagte ich am Ende.
    Ich brachte sie in die Abtreitungsklinik (ich weiss nicht mehr wo) und habe gewartet. Etwas spaeter kam sie raus, erschoepft, ich habe sie zu ihr nach Hause gefahren ihr eine Suppe gekocht. Dann habe ich den neuen Typen angerufen, er soll kommen und sich gefaelligst um seine Nicht-Schwangere Neue kuemmern.

    Ich habe die Frau ab diesem Tag nie wieder gesehen, ich haette es auch nicht gekonnt. Ich weiss aber von einem Kollegen, dass sie nie nach Australien kam und sich alles zerschlagen hatte.

    30 Jahre ist es her. Und es steckt noch immer in mir.

    1. „Schon bei der Zeugung, haltet mich bitte nicht fuer einen Spinner, wusste ich, das wird ein Kind.“

      Nein, halte ich dich nicht. Denn ich kenne dieses Gefühl, hansgeorte.

      1. So ist es. Arne Hoffmann hat dazu auch etwas geschrieben:

        „Zum Abschluss ihrer Studie weist Coyle ausdrücklich darauf hin, dass die seelische Belastung von Männern nach einer Abtreibung von der wissenschaftlichen Literatur bislang ausgeklammert und auch in der gesellschaftlichen Diskussion durchgehend ignoriert wurde. Die Debatte über die Legitimität von Abtreibungen wurde bislang immer zwischen den beiden Polen Freiheit der Mutter und Lebensrecht des Kindes gesehen. Die Rechte des Vaters kommen de facto bis heute nicht vor.“

        http://genderama.blogspot.de/2014/12/ich-wurde-abgetrieben.html

  5. Danke für diesen Beitrag.

    Ich habe sarkastische Kommentare im Hinterkopf; aber die scheinen hinter diesem Beitrag auf ganz eigene Weise völlig deplatziert.
    Manchmal gibts nichts mehr dazu zu sagen.

  6. Mich würde die Meinung eines pick up Artisten hierzu interessieren. Würde ein Mann mit diesem Selbstverständnis sich ebenfalls als mitverantwortlich und mitbetroffen betrachten? Wenn nein, warum nicht? Liegt ein ungeplantes Kind etwa durch eine Verhütungspanne ZWEIER betroffener Menschen in beider Verantwortung oder nicht? Wie sind die juristischen Bedingungen rund um das Geschehen? Ist der Vater nur zur Verantwortung zu ziehen, wenn das Kind ausgetragen wird oder muss er auch eine Abtreibung mittragen / zahlen?

    1. @errollbundelfeuerstein
      die Abtreibung wird de facto immer von der Krankenkasse übernommen. Und wenn mal nicht, wen interessiert es? Die paar Euro fünfzig für eine ambulante Operation machen niemanden arm.
      Aber warum willst du das wissen? Ist es nicht viel wichtiger, dass DEIN Kind getötet wird, bevor sein Leben richtig beginnt und du nichts, überhaupt nichts, machen kannst? Dass du vollkommen hilflos zusehen musst, wie die Frau, die du geliebt hast, EUER Kind töten lässt?
      Denk mal darüber nach.
      Gruß.

      1. Ich halte diese Rechtslage für falsch. Wenn Schwangerschaft keine Krankheit ist, eine solche hervorruft oder das physische Leben der Mutter gefährdet und wenn das Kind nicht durch eine Vergewaltigung entstand, dann sollten die Kosten für eine Abtreibung, so sich dafür entschieden wird, gleichermaßen von beiden Partnern getragen werden. Es leuchtet nicht ein, warum eine KRANKENkasse dafür geradestehen sollte.

      2. Mir ist einfach wichtig, dass in das Bewusstsein von Frauen UND Männern sickert, dass immer zwei Personen verantwortlich sind für das Leben oder nicht-Leben eines Kindes. Im Moment scheint das ja so zu sein, dass die Verantwortung für das eigene Handeln abgewälzt wird auf Dritte – dafür sind Krankenkassen nicht da. Ah ja, Ironie: Krankenkassen zahlen zwar Abtreibungen, nicht aber die Pille oder Kondome? Wie schräg ist das denn?

      3. Die Kosten und die Verantwortung sind durchaus zweierlei.
        Auch wenn die KK die Kosten übernimmt – die Verantwortung tragen die, die entscheiden.
        Ein Paar KANN diese Entscheidung gemeinsam treffen. Aber es liegt am guten Willen der Frau, ob sie den Mann an der Entscheidung beteiligt oder nicht. Ob sie ihre Entscheidung mit abhängig macht von dem, was der Partner sagt. Diese Möglichkeit hat die Frau. Der Mann hat sie nicht.

        Wenn sie sich gegen das Kind entscheidet, hat der Mann keinerlei interventionsmöglichkeit, um das Leben seines Kindes gegen den Willen der Frau zu bewahren.

        Wenn die Frau sich allerdings für das Kind entscheidet, hat der Mann ebenfalls keinerlei Möglichkeit, eventuellen späteren Unterhaltsansprüchen zu entkommen – auch wenn er das Kind nicht wollte und vielleicht darauf vertraut hatte, dass sie die Pille nimmt.

        Dem Mann kann also beliebig die Entscheidungsverantwortung vorenthalten werden, die Folgeverantwortung für eventuelle Kosten aber beliebig aufgedrückt werden.

        Ehrlich, die Kosten für Abtreibung sind das geringste Problem dabei. Auch und grade, was „Verantwortung“ betrifft.

  7. Hallo Emannzer, hallo hansgeorgte,
    ich möchte euch beiden mein tiefempfundenes Mitgefühl ausdrücken … und meinen Dank und meine Hochachtung für euren Mut.
    Frohe Weihnachten wünscht euch
    Robert K.

    1. Danke dir Robert, von Herzen. Es war kein Mut, sondern kostete die Überwindung, einfach darüber zu sprechen (voll die Schuld von „Graublau“). Ich bin froh, dazu überredet worden zu sein – denn es musste endlich mal raus.

      Auch dir persönlich eine Frohe Weihnacht und viele liebe Menschen um dich herum.

  8. Seit ich erwachsen bin, also seit über zwanzig Jahren, will ich keine biologischen Nachkommen haben. Man hat mir zwar oft erzählt, dass auch ich im Laufe meines Lebens seine Meinung ändern würde, aber das stimmt nicht. In wesentlichen Punkten bin und bleibe ich unverändert. Für meine Entscheidung gibt es drei Gründe. Der erste ist, dass ich zwar als biologisches Wesen den Drang zur Fortpflanzung habe, ich mich aber davon emanzipiert habe. Der zweite ist, dass es auf der Welt schon sehr viele Menschen gibt, und ich nicht will, dass es noch mehr werden. Der dritte ist, dass meine Mutter ein von Selbstmitleid und Hass getriebener Mensch ist, und ich diese Eigenschaft nicht vererben will.
    Biologische Elternschaft bedeutet mir nichts. Es ist interessant, seine biologischen Eltern zu kennen, weil man dadurch sein eigenes Verhalten besser einschätzen kann, und deshalb finde ich es gut, dass ein Kind seine biologischen Eltern kennt. Ich bin allerdings meinen Eltern nicht dafür dankbar, dass sie mich in die Welt gesetzt haben. Es ist mir schlichtweg egal, denn ich weiß, warum es geschah. Hätten sie es nicht getan, wäre es mir noch nicht einmal egal.

    Für mich ist Verantwortung und Treue extrem wichtig. Wenn ich durch mein Handeln oder durch mein Versprechen für etwas Verantwortung trage, dann ist mir das wichtiger als meine körperliche Unversehrtheit oder mein Leben.
    Meine Horrorvorstellung war, dass ich mit einer Frau ein Kind mache, und ich nicht verhindern kann, dass die Frau das Kind tötet. Daher bin ich sterilisiert.

    Warum ich so ticke wie ich ticke, hat viele Gründe. Ein gewichtger Grund ist meine Kindheit und Jugend unter Einfluss radikaler Christen, die Erziehung durch meine Eltern und meine biologische Abstammung von meinem Vater.

    Und dann passierte mir das, was ich unbedingt verhindern wollte.

    Eine Frau, die ich schon einige Monate gut kannte, sprach mich an, bat mich um eine sexuelle Partnerschaft. Drei Tage später war ich bei ihr zu Hause. Wir gingen in ihrer Nachbarschaft essen, dabei wollte sie auf der Straße meine Hand halten. Ich lehnte das ab, weil das eine Sache zwischen ihr und mir ist, und andere Leute nichts angeht.
    Abends sagte sie mir, dass sie außer der Reihe ihre Tage bekommen hätte, dass das wohl eine Störung wegen der Dreimonatsspritze sei. Sie wolle im blutigen Zustand keinen Geschlechtsverkehr, fände das eklig, und ich möge mich bitte um eine Woche gedulden. Als ich ihr sagte, dass ich diese Nacht gerne mit ihr im Bett verbringen wolle, auch wenn der Geschlechtsverkehr leider ausfällt, war sie sehr verwundert. Dass es solche Männer gibt, wusste sie wohl nicht. In der Nacht erzählte ich ihr, dass ich keine Kinder haben will und keine Kinder haben werde. Am nächsten Morgen verabredeten wir uns auf fünf Tage später bei mir zu Hause.

    Drei Tage später rief sie mich an. Sie bat mich um ein Treffen in einem Cafe, weder bei mir noch bei ihr zu Hause. Ich war recht ungehalten, sagte ihr, dass ich mir sehr verarscht vorkäme, stimmte dem Treffen zu, und deutete ihr an, dass das wohl unser letztes Treffen sein würde.
    Bei dem Treffen sagte sie mir, dass es um meine Aussage, dass ich keine Kinder haben wolle und haben werde, ginge. Sie befürchte, dass ich sie, wenn sie schwanger würde, alleine lassen würde, dass sie als Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter erlebt habe, wie das sei, und dass sie das nicht erleben wolle. Ich sagte ihr dann, dass ich sterilisiert sei, das aber noch nicht am ersten gemeinsamen Treffen ihr sagen wollte. Da wurde sie sehr nachdenklich und traurig. Sie sagte mir, dass sie gerne ein Kind von mir haben wolle, noch nicht jetzt, aber in ein paar Jahren. Ich zählte ihr die oben genannten drei Gründe auf, sagte ihr, dass sie sich, wenn sie Kinder haben wolle, einen anderen Mann suchen müsse.
    Dann fragte sie mich, was denn sei, wenn sie, obwohl es sehr unwahrscheinlich sei, trotzdem von mir schwanger würde. Ich sagte ihr, dass ich in diesem Fall das Kind haben wolle. Dann fragte sie mich, was denn sei, wenn sie von einem anderen schwanger würde, zum Beispiel durch eine Vergewaltigung. Jetzt wurde mir klar, was los ist. Das war genau das, wovon ich seit vielen Jahren ahnte, dass das passieren würde. Ich sagte ihr, dass ich auch in diesem Fall bereit sei, die Verantwortung für das Kind zu übernehmen, dass ich aber in Sachen biologische Vaterschaft insbesondere das Kind nicht belügen würde. Dass ich, wenn der biologische Vater in Erscheinung treten würde, mir ein eigenes Bild von ihm machen würde, und ihm notfalls gegen den Willen der Mutter Kontakt mit seinem Kind ermöglichen würde, habe ich ihr nicht gesagt. Das Treffen endete, und es blieb bei der Verabredung am nächsten Tag bei mir zu Hause.

    Eine Woche später waren wieder bei ihr zu Hause. Inzwischen hatte ich einen Termin beim Urologen, Zeugungsfähigkeit überprüfen lassen. Die Sterilisation war da schon vier Jahre her. Bei diesem Treffen haben wir noch Kondome benutzt, aber eins kaputt geschubbert. Sie lud mich auf ein Familientreffen bei ihrer Mutter ein. Zwei Tage später hatte ich das Ergebnis vom Urologen. Keine Spermien drin. Ich rief sie an, und teilte ihr das Ergebnis mit. Sie druckste etwas herum. Mir war eh klar, was los ist.
    Am nächsten Wochenende waren wir auf dem Familientreffen. Die zwei Nächte verlief mit wenig Schlaf und ohne Gummi. Auf der Rückfahrt sagte sie mir betrübt, dass da etwas sei, das vermutlich unsere Beziehung zerstört. Ich sagte ihr, dass mir schon klar sei, was das ist, und dass das unsere Beziehung nicht zerstören würde. Dann sagte sie mir, dass sie vermutlich schwanger sei, und in zwei Tagen am Nachmittag einen Arzttermin diesbezüglich hätte.
    Am Abend jenen Tages versuchte ich sie anzurufen, aber sie ging nicht ans Telefon. Am nächsten Mittag rief mich die Schwangere an. Sie bat mich, zu ihr nach Hause zu kommen. Dort erzählte sie mir, dass der Arzttermin ergeben hätte, dass sie schwanger sei. Sie nannte mir auch einen planmäßigen Geburtstermin. Fünf Wochen zu früh. Ich sagte ihr, dass alles in Ordnung sei. Sie wollte es dann noch einmal deutlich von mir hören, und fragte mich, ob ich zu ihr und dem Kind stehe. Ich antwortete mit „Ja. Ich stehe zu dir und unserem Kind.“. Dann sagte ich ihr, dass ich sie liebe. Ich hatte mir schon als ich das erste mal bei ihr war verbeten, dass sie mir etwas von Liebe erzähe, und ihr gesagt, dass ich das, wenn überhaupt, erst tun werde, wenn es so weit sei. Jetzt war es so weit. Die Situation erforderte es. Im folgenden Gespräch sagte sie mir, dass nur ich der biologische Vater sein könne. Ich ging nicht darauf ein. Dann sagte sie mir, dass ich insbesondere gegenüber ihrer Mutter nicht sagen solle, dass ich meine biologische Vaterschaft bezweifle.

    Am nächsten Tag schrieb ich ihr ein Email, mit dem Inhalt, dass ich sofort nach der Geburt ein Abstammungsgutachten haben wolle, aber die juristische Vaterschaft anerkennen werde, dass ich meine Geschwister und einige Freunde, die wissen, dass ich sterilisiert bin, nicht belügen könne, andere, wenn ich es für richtig halte, nicht belügen werde, und unser Kind erst recht nicht belügen werde. Ich bekam keine Antwort. Sie ging auch nicht ans Telefon. Am Freitag abend, als ich zueiner Konferenz fuhr, schickte ich ihr dann ein SMS mit dem Inhalt, dass ich in der Nacht zum Montag wieder zurückkommen werde. Am Samstag, während der Konferenz, kam dann die Antwort per SMS. Sie wolle das Kind abtreiben, weil ich nicht glauben würde, dessen biologischer Vater zu sein. Sie ging weiterhin nicht ans Telefon. Von der Konferenz habe ich nicht viel mitbekommen.

    Am Montag morgen ging ich dann zu einem anderen Urologen, um mir meine Zeugungsunfähigkeit aus einem anderen Labor bestätigen zu lassen. Dann ging ich zu ihrer Freundin. Die hatte offenbar schon mit ihr gesprochen. Ich legte ihr die beiden Schreiben von den Urologen vor. Sie war bestürtzt. Sie fragte mich, ob die Schwangere das wisse. Als ich das bejahte, ging sie von einem großen Zufall aus, riet mir Lotto zu spielen. Ich bat sie, ein Treffen mit der Schwangeren zu arrangieren. Sie tat es. Am Abend besuchte ich die Schwangere zum letzten mal in ihrer Wohnung.
    Sie sagte mir, dass ich, wenn ich nicht glaube würde, dass ich der biologische Vater dieses Kindes sei, das Kind nicht lieben können würde. Sie sagte mir weiterhin, dass sie nicht wie ihre Mutter alleinerziehende Mutter sein wolle. Ich sagte ihr, dass mir seit über drei Wochen klar sei, was Sache ist, ich meine Entscheidung bewusst getroffen hätte, und zu dieser Entscheidung stehen würde.
    Die Schwangere bot mir an, dass ich das, was ich ihr beim letzten Treffen gesagt hatte, vergessen solle, dass sie „das Gewächs wegmachen lassen“ würde, und wir unsere Beziehung weiterführen. Ich war für etwa eine Minute sprachlos. Ich antwortete, dass ich, wenn sie unser Kind töten würde, sie nie wieder sehen wolle.
    Dann hatten wir noch einmal miteinander Sex.

    In der Woche war ich arbeitsunfähig. Die Schwangere reagierte auf keinen meiner Kommunikationsversuche.
    Ich erreichte aber ihre Mutter, die ich ja von dem Familientreffen her kannte. Zuerst war sie ganz entrüstet, was ich denn wohl ihrer Tochter vorwürfe, dass da wohl etwas mit meiner Sterilisation nicht stimme. Als ich ihr dann von den beiden Laborergebnissen erzählte, sagte sie mir, dass sie sich da raus halten wolle, dass wir beide das unter uns ausmachen sollen.

    Ich war bei meiner Schwester zu Besuch. Sie sagte mir, dass ich gegenüber der Schwangeren so hätte tun sollen, als würde ich selbst an meine biologische Vaterschaft glauben, um das Ganze so lang zu ziehen, dass die Frist für die Abtreibung verstreicht. Ich glaube allerdings, dass die Schwangere mich dann für bekloppt gehalten hätte, und deswegen die Beziehung zu mir beendet hätte.
    Dann schlug mir meine Schwester vor, dass ich der Schwangeren, wenn sie ihr Kind nicht haben wolle, anbieten solle, das Kind nach der Geburt mir zu überlassen und zu verschwinden. Meine Schwester würde dann mit mir, diesem Kind, meinem Schwager und deren drei Kindern eine Wohngemeinschaft bilden. Mir war klar, dass die Schwangere dieses Angebot nicht annehmen wird. Aber es war nötig, es ihr zu machen. So schreib ich ihr dann noch einen Liebesbrief.

    Ich habe nie wieder von dieser Frau etwas gehört, und ich habe sie nie wieder gesehen.

  9. @errollbundelfeuerstein
    > Ironie: Krankenkassen zahlen zwar Abtreibungen, nicht aber die Pille oder Kondome?
    > Wie schräg ist das denn?

    Mir hat die Krankenkasse die Sterilisation bezahlt. Aber die Ärzte hätten mich am liebsten für unzurechnungsfähig erklärt, weil ich unter 30 Jahre alt und kinderlos sterilisiert werden wollte. Die habe ich auch gefragt, ob sie lieber Abtreibungen durchführen als Sterilisationen. Der Urologe, bei dem ich zuerst aufgelaufen bin, hat mir sogar vorgeworfen, asozial zu sein, weil ich nicht an unsere Rente denken würde. Dem habe ich gesagt, dass er mir einfach nur den Wisch, den ich brauche, geben solle, und froh sein solle, dass er durch mich jetzt Geld kriegt.

    Später habe ich dann eine Frau mit geistiger Behinderung getroffen. Die hatte schon drei Abtreibungen hinter sich. Sie würde gerne sterilisiert werden, aber es ist, wegen ihrer Behinderung, ihr nicht möglich, der Sterilisation zuzustimmen.
    Welch großartiges Ergebnis im Namen des Menschenrechts!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s