Mythos: Jede dritte Frau in der EU von Gewalt betroffen

Dies ist ein Gastartikel von „Denselbst

Ich hatte als Fundstück zum Mythos Gender Pay Gap die „Unstatistik des Monats“ des Rheinisch-Westfälischen Institus für Wirtschaftsforschung erwähnt. Mit Statistikkenntnissen kann man tatsächlich eine Menge Unsinn als solchen erkennen, weswegen es sich meiner Meinung nach sehr lohnt, sie zu haben. Vor allem ist solches Wissen weltanschaulich neutral; es kann von jedem vernünftig eingesetzt werden.

In der genannten Serie sind noch weitere lesenswerte Beiträge erschienen, etwa im März diesen Jahres „Gewalt gegen Frauen in Zahlen“ (PDF). Dabei geht um die Meldung „Jede dritte Frau in Europa von Gewalt betroffen“, die die Runde machte. In dieser Blogblase gab es schon eine Menge Kritik. Die Statistiker weisen noch auf einige weitere Punkte hin: So etwa wurden die Daten unterschiedlich erhoben, was sie bereits nicht vergleichbar macht. (Wenn ich Leute telefonisch befrage, bekomme ich andere Antworten, als wenn sie mir gegenübersitzen.) Zusammenrechnen ist dann natürlich ebenfalls unseriös. Das ist nicht der einzige Kritikpunkt, der genannt wird, aber der für mich bereits offensichtlichste.

Wie der Zufall es so will, reichte jemand vor einigen Tagen noch einen Artikel zum selben Thema ein. Es folgt ein Gastartikel, der unter dem Pseudonym Denkselbst! eingereicht worden ist.

„Jede dritte Frau in Europa ist Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt“

Im März 2014 veröffentlichte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte eine Studie über Gewalt gegenüber Frauen, die in der Schlagzeile mündete: „Jede dritte Frau in Europa ist Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt“. Willfährig wurde diese Schlagzeile von sämtlichen Medien übernommen und dominierte für ein paar Tage die Informationslandschaft. Eine differenzierte Betrachtungsweise oder gar eine tiefere Beschäftigung mit der Studie fanden nicht statt. So schnell wie die Pressemitteilung der EU-Agentur sich in Schlagzeilen niederschlug, konnte das auch gar nicht passiert sein. Es ärgerte mich schon damals. Der Journalismus ergötzte sich an einer Sensationsmeldung („nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“) und kam seinen Aufgaben des Hinterfragens und des differenzierten Betrachtens nicht nach. Wie in so vielen Dingen heutzutage.

Jetzt, wo ich diesen Artikel schreibe, ist Mitte Dezember 2014 und den Zuschauern von ARD und ZDF wurde die Schlagzeile innerhalb von vier Tagen erneut zweimal um die Ohren gehauen. Am 11. Dezember im „Heute Journal“, als eine Feministin sie zum Thema der Frauenquote in Aufsichtsräten nannte. Mit dem Nachsatz, dass daher „noch Einiges im Argen läge“ (was nun Gewalt gegen Frauen mit der besagten Frauenquote zu tun hat, wurde nicht gesagt – Hauptsache, es wurde mal wieder erwähnt). Ein zweites Mal fand der Satz am 14. Dezember Eingang in „Titel, Thesen, Tempramente“ der ARD. Dort ging es im Thema tatsächlich um Gewalt gegen Frauen.

Diese Schlagzeile bzw. Aussage wird uns wohl noch länger begleiten, so dass ich mich veranlasst sehe, doch ein paar Punkte dazu zu schreiben. Was in diesen 33% enthalten ist und was man zur Beurteilung dieser Zahl berücksichtigen sollte. Dazu habe ich mir die Studie selbst und auch einen Report zur Studie vorgenommen, der ebenfalls von der EU-Agentur veröffentlicht wurde.

Doch eines vorweg: Ich bestreite nicht im Mindesten, dass es Gewalt gegen Frauen gibt und bezweifle auch nicht, dass die Taten, die dort in der Studie zusammengetragen wurden, dem entsprechen, was die interviewten Frauen zum Ausdruck gebracht haben.

Die Studie wurde 2010 in Auftrag gegeben, die Interviews mit 42.000 Frauen in 28 EU-Ländern überwiegend im ersten Halbjahr 2012 durchgeführt. Pro Land um die 1.500 Frauen, lediglich in Luxemburg waren es 900. Befragt wurden Frauen zwischen 18 und 74 Jahren.
Der ersten Punkt, den ich bezüglich der „33%“ anbringen möchte, gilt der Vermischung von qualitativ unterschiedlichsten Taten. Diese reichen von „Schubsen und Stoßen“ und gehen bis zur vollzogenen Vergewaltigung. Die Studie gibt etwas differenzierter an, dass 31% aller befragten Frauen seit ihrem 15. Lebensjahr eine der nicht-sexuellen Gewaltformen erlebt haben, die die Studie in Kategorien vorgab, und 11% sexuelle Gewalt. Von der mathematischen Logik her müssen dann 2% der Frauen ausschließlich sexuelle Gewalt erlebt haben (31+2=33), 9% sowohl sexuelle als auch nicht-sexuelle Gewalt (11-2=9) und 22% ausschließlich nicht-sexuelle Gewalt (31-9=22).
Die Kategorien nicht-sexuellen Gewaltakte sind:

  • Schubsen und Stoßen
  • Mit der flachen Hand geschlagen
  • Mit einem harten Gegenstand beworfen
  • Gepackt oder in den Haaren gezogen
  • Mit der Faust oder einem harten Gegenstand geschlagen
  • Verbrennungen zugefügt
  • Versucht, zu ersticken oder strangulieren
  • Mit Messer verletzt oder mit Schusswaffen beschossen
  • Den Kopf gegen etwas geschlagen.

Bei sexueller Gewalt:

  • Versuchte Vergewaltigung / versuchter erzwungener Oralverkehr
  • Vollzogene Vergewaltigung / vollzogener erzwungener Oralverkehr
  • Andere erzwungene sexuelle Handlungen
  • Zustimmung zu sexuellen Handlungen, aus Angst vor Repressalien bei Verweigerung

Den Erstellern ist wohl selbst aufgefallen, dass es ein eklatanter Unterschied ist, ob „Geschubst / Gestoßen“ wird oder eine andere schwerwiegendere Gewalt vorliegt. Infolgedessen wird angegeben, dass es noch 25% Frauen ab ihrem 15. Lebensjahr waren, die nicht-sexuelle Gewalt erfahren haben, jedoch ohne die Kategorie „Schubsen und Stoßen“ zu berücksichtigen. Leider kann man nun nicht so einfach errechnen, wie die Gesamt-Schlagzeile hätte lauten müssen, ließe man diese Bagatellen weg, aufgrund der möglichen Mehrfachnennungen bzw. Überschneidungen zwischen erfahrener nicht-sexueller und sexueller Gewalt (Frauen könnten „nur“ geschubst worden sein, andererseits zu einem anderen Zeitpunkt zu sexuellen Handlungen gezwungen worden sein).

Nicht nur bei den Bagatellen kann man den Kontext der Gewaltakte, die in den „33%“ stecken, nicht erkennen. Insbesondere (aber nicht nur) bei den leichteren Gewaltformen kann man durchaus auch rein weibliche Gefechte vermuten (z.B. auf dem Schulhof oder vor einer Disko), denn dass bei nicht-sexueller Gewalt die Täterschaft zu 26% weiblich, zu 7% gemischt und zu 67% männlich ist, kann man an der Schlagzeile nicht ablesen. Auch nicht, dass es sich beim Täter nicht zwangsläufig um den aktuellen oder einen früheren Partner handelt. Bezüglich nicht-sexueller Gewalttaten gaben die Befragten an, sie hätten zu 7% Gewalt vom aktuellen Partner erfahren, zu 24% von einem früheren Partner und zu 20% von anderen Personen (zusammenrechnen darf man wegen möglicher Mehrfachnennungen nicht, zusammen sind es die besagten 31% nicht-sexuelle Gewalt).

Natürlich, da beißt die Maus keinen Faden ab, sind die rein von männlicher Seite verübten Gewalttaten mit 2/3 immer noch deutlich in der Mehrheit, aber die Schlagzeile lässt die Gesellschaft nur allzu leicht im Glauben eines Bildes vom prügelnden Mann. Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass bezüglich der 11% der Frauen, die sexuelle Gewaltakte erlebt haben, es sich zu 97% um männliche Täter handelte.

Fazit aus dem Vorgenannten: Mit dem Schlagsatz wird ein sehr grobes Bild gemalt, wichtige, zur Einordnung notwendige Informationen fallen bei lediglicher Nennung des „Gesamtergebnisses“ unter den Tisch.
Schwerwiegender ist jedoch der nachfolgende Punkt. Die Studie kennt zwei extreme Zeithorizonte bezüglich der stattgefundenen Taten: Innerhalb von 12 Monaten vor der Befragung oder einfach nur ab dem 15. Lebensjahr der jeweilig Befragten bis zum Befragungszeitpunkt.

Für die Schlagzeile „33%“ wurde letzterer Zeithorizont herangezogen. Dazu mal ein paar Informationen über die Alterszusammensetzung der befragten 42.000 Frauen:

26% waren im Jahr 2012 zwischen 60 und 74 Jahren alt
Knapp jeweils 20% zwischen 50-59 und 40-49
18% zwischen 30-39
16% zwischen 18-29.
(Die Daten stehen auf Seite 29 des zusätzlichen Reports zur Studie).

Zur Erinnerung: Gefragt wurden die Frauen, was sich in ihrem Leben ab dem 15. Lebensjahr ereignet hat. Ich definiere dies als Zeitraum nach dem vollzogenen 14. Geburtstag, denn dann beginnt das 15. Lebensjahr. Für die älteste Teilnehmergruppe bedeutet dies, dass es um einen Zeitraum beginnend zwischen 1952 und 1966 bis zum Jahr 2012 handelt(!). Mithin um fünf bis sechs Jahrzehnte, in denen die Zeit nicht stehen geblieben ist. Bei den jüngeren Semestern kann man Schritt für Schritt jeweils ein Jahrzehnt Zeitspanne abziehen, dennoch wird in weit in die Vergangenheit geschaut.

Man kann anhand der Studie nicht wissen, ob eine bestimmte Tat, die einer Frau angetan wurde, 1965 passiert ist, 1978 oder 2009. Aber man darf die Frage stellen, was es noch mit unserer heutigen Gesellschaft zu tun, wenn es um weit zurückliegende Dinge geht. Denn Gesellschaften verändern sich aufgrund der Personen in den Gesellschaften.

Insbesondere haben wir mehrere Jahrzehnte Frauenbewegung hinter uns, in denen die Gesellschaft für die Benachteiligung von Frauen sensibilisiert wurde, was es für Gewalttäter deutlich schwerer gemacht haben sollte, ihre Taten vor sich und der Gesellschaft zu rechtfertigen.

Oder anders ausgedrückt: Bei der Studie handelt es sich um eine Verbrechensstatistik. Welcher Statistiker würde heute fragen, ob jemand seit seinem Erwachsenenalter einen Wohnungseinbruch oder einen Betrugsfall zu verzeichnen hatte? Wohl niemand, außer dem, der eine Entwicklung über die Jahrzehnte darstellen will. Seltsamerweise wurde mit der vorliegenden Studie ein immenser Aufwand betrieben, aber dies gleich damit zu verbinden, zu ermitteln, wie sich das Gewaltpotential in den letzten Jahrzehnten entwickelte, unterblieb (oder wurde zumindest nicht veröffentlicht).

Stattdessen wurde nur untersucht, wie es um Gewalt in den letzten 12 Monaten bestellt war. Dort waren es 7% bei den nicht-sexuellen Gewalttaten und 2% bei sexueller Gewalt, bzw. 8% beides zusammengezählt. Damit diese Zahlen nicht so „mickrig“ aussehen, wurden auffälligerweise die absoluten Zahlen beigestellt: 13 bzw. 3,7 Mio. Frauen (S. 17 der Studie).

Hätte man eine Studie machen wollen, die die gegenwärtigen Verhältnisse darstellt, hätte man meines Erachtens Taten erfassen sollen, die in den letzten 10-15 Jahren passiert sind. Das wäre gegenwartsnah gewesen. Das Ergebnis hätte dann irgendwo zwischen 8% und 33% gelegen.

Letzter wesentlicher Kritikpunkt. Eine vollständige Interpretation des Ergebnisses wäre nur möglich, wenn nicht nur einseitig nach Gewalterfahrungen der Frauen, sondern auch der der Männer gefragt worden wäre. Jede Gewalt, die einem widerfährt, ist schlimm, da spielt das eigene Geschlecht keine Rolle. Es fehlt die für Studien wichtige Referenz, an dem sich diese Studie würde messen können. Es ist nicht begreiflich, warum seitens der EU, die ja angeblich so viel von Gleichbehandlung hält, nicht parallel eine entsprechende Abfrage für Männer durchgeführt hat. Sind denn nur das Anprangern und die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen wichtig? Gewalt an und zwischen Männern „sollen die Jungs unter sich ausmachen, das ist deren Bier“?

Die Studie beschränkte sich mitnichten nur auf körperliche/sexuelle Gewalt. Auch psychische Gewalt und z.B. (Cyber-)Stalking gegenüber Frauen wurde untersucht. Es wäre doch interessant gewesen, wie die Verhältnisse in diesem Bereich für Männer ausgesehen hätten, in einem Bereich, wo es nicht auf Muskelkraft ankommt.

Unerwähnt gelassen habe ich die tendenziöse Formulierungsweise, die in der Studie wiederholt vorkommt. Oder auch unbekümmert gemutmaßt wird. So wird auf Seite 16 wegen der Unterschiede zwischen den einzelnen EU-Staaten angenommen, dass es an den kulturellen Unterschieden läge, ob eine Frau über Gewalt berichten würde und gefolgert, dass auch in den Interviews nicht alles gesagt worden sein könnte. Man sollte die Studienmacher darauf hinweisen, dass sie damit die Ergebnisse ihrer eigenen Studie in Zweifel ziehen. Denn was „kulturell bedingt“ in einem Land in die eine Richtung geht, kann in einem freizügigen Land auch in die andere Richtung gehen. Aber das ist natürlich reine Spekulation. Merke: Wenn „zu wenig“ Gewalt in einem Land herrscht, dann hat man sich nicht getraut, in vertrauter Atmosphäre des Interviews darüber zu sprechen. Gibt es mehr Gewalt, dann liegt es daran, dass die freiheitlichen Umstände des Landes dazu ermuntern, darüber zu sprechen.

Als Resümee bleibt mir ein: „Traue keiner Studie, deren Ergebnisse du nicht selbst interpretiert hast“ (frei nach Winston Churchill).

P.S. (von Graublau): Das Zitat stammt übrigens nicht von Winston Churchill, sondern wurde ihm von Joseph Goebbels in den Mund gelegt. Ein gutes Beispiel dafür, dass man auch Zitate hinterfragen sollte.

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9 Kommentare zu „Mythos: Jede dritte Frau in der EU von Gewalt betroffen“

  1. Einfach mal den Freundes-und Bekanntenkreis checken,da merkt man sofort wie absurd die vorgebrachte Behauptung ist.Die Ideologie,die dahintersteht ist unübersehbar-wie sehr gut in der sachlich-kritischen Betrachtung zum Ausdruck kommt.

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