Warum ich diese beiden Stellen in Anne Wizoreks Buch perfide finde

An meinem regulären Tag hatte ich keinen Artikel veröffentlicht, sondern nur ein Fundstück zur Filmkritik, das aber offensichtlich nicht besonders interessant war. Deswegen folgt nun ein längerer Text.

Ende September ist Anne Wizoreks Buch „Weil ein Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute“ erschienen. Es hat in den ersten Tagen bereits jede Menge Rezensionen gegeben (bei Amazon tobte eine wahre Schlacht). Ich hatte damals keine Zeit, um es so schnell zu lesen. Geschafft habe ich es überhaupt nur, weil ich nach den ersten paar Dutzend Seiten meinen ursprünglichen Plan über Bord warf, jede diskutierenswerte Stelle zu vermerken und Notizen zu machen. Da es bereits viele Texte über das Buch insgesamt.gibt, möchte ich stattdessen in einer losen Serie immer wieder einzelne Aspekte oder Stellen herausgreifen und besprechen.

Das hat den Vorteil, dass ich einzelne Teile genauer betrachten kann. Stoff dafür bietet das Buch genug. Außerdem sind die einzelnen Kapitel so unterschiedlich, dass man das auch machen kann, ohne eine längere Argumentation aus den Augen zu verlieren.

Warum dieses Buch?

Natürlich gibt es auch Argumente gegen ein solches Vorgehen. Mir fallen sofort ein: 1. Anne Wizorek ist doch nur eine einzelne Frau, die ist überhaupt nicht repräsentativ für Feministinnen allgemein! 2. Das Buch ist gar nicht so wichtig, daran kann man doch nicht den Feminismus an sich festmachen! 3. Eine zu intensive Beschäftigung misst sowohl der Autorin als auch ihrem Buch mehr Bedeutung zu, als sie tatsächlich haben.

Dazu sei gesagt: Anne Wizorek hat den Grimme-Preis für den Aufschrei bekommen. Der Titel des Buches spielt auch auf diese Aktion an. Sie ist eine Person, die mediale Aufmerksamkeit bekommt. Sie spielt also für das, was in Deutschland derzeit unter dem Stichwort Feminismus passiert, eine große Rolle. An ihr lassen sich nicht, das sei ausdrücklich gesagt, alle Feministinnen messen oder „die typische/durchschnittliche“ Feministin festmachen.

Ich bin mehrfach dieses Jahr angeblafft worden mit dem Hinweis, ich solle doch mal lieber ein feministisches Buch lesen. Dem bin ich hiermit nachgekommen. Ab jetzt kann ich zumindest insofern mitreden. Ich halte es ohnehin für eine gute Vorgehensweise, die Bücher eines vermeintlichen oder tatsächlichen ideologischen Gegners zu lesen.

Und zuletzt kann aus dem Internet alles wieder verschwinden. Was in einem Buch steht, das bleibt. Es ist dann schwerer öffentlich zugänglich für alle, aber es kann bei Diskussionen wieder hervorgeholt werden von denen, die es haben.

Ich hatte in meinem Artikel über Hollaback bereits einmal das Buch erwähnt. Im folgenden möchte ich jedoch auf die beiden schlimmsten Stellen des gesamten Buches eingehen. Sie sind mir beim Lesen sofort unangenehm aufgefallen und sind für mich das Schlechteste, was dieses Buch zu bieten hat.

Der Fall Elliot Rodger

„Als am 23. Mai 2014 bekannt wurde, dass ein junger Mann namens Elliot Rodger in Isla Vista, Kalifornien, sechs Menschen getötet und 13 weitere in einem Amoklauf verletzt hatte, bekam ich dies wieder mal zuerst über Twitter mit. Es kursierte bereits ein Blogpost, der die Tat mit der Männerrechtsbewegung und Pick-up-Artist-Szene in Verbindung brachte.“

(Anne Wizorek, S. 303; im Original steht die URL des Artikels bei den Quellangaben, auf die jeweils via Zahl verwiesen wird)

Für mich ist das ein Paradebeispiel für „mit der Wahrheit lügen“. Es stimmt, dass im erwähnten Artikel behauptet wird, Elliot Rodger habe mit der Männerrechtsbewegung und Pickup zu tun. Was aber nicht genannt wird: Es gibt überhaupt keinen Beleg dafür – weder in dem Artikel selbst, noch in einer späteren Quelle. Das liegt daran, dass die Behauptungen nicht stimmen. Mit Männerrechten hatte Elliot Rodger überhaupt nichts am Hut. Angeblich soll er Geld für eine Pickup-Schulung ausgegeben haben, die aber bei ihm nicht funktionierte, so dass er später Zeit in Anti-Pickup-Foren verbrachte.

Nun könnte das einfach ein peinlicher Recherchefehler sein. Diese Behauptungen machten die Runde, um Belege kümmerte sich da niemand mehr. Wenn es so viele Leute schreiben, wie kann das denn falsch sein? Wie kann die Berichterstattung an so vielen Stellen versagen und ungeprüft solche Falschmeldungen übernehmen? Es waren doch Quellen, denen die Autorin eventuell sonst auch immer vertraute.

Das wäre schlimm genug. Blogartikel kann man schnell korrigieren, Bücher erst in der nächsten Auflage. Anne Wizorek müsste sich hier vorwerfen lassen, ihre Quellen nicht genügend geprüft zu haben.

Ich glaube jedoch nicht, dass das ein Versehen war, sondern gehe davon aus, dass das in voller Absicht geschehen ist. Die Stelle im Buch ist genau so geschrieben, dass man sie nicht als „an sich falsch“ kritisieren kann. Wäre Anne Wizorek tatsächlich davon überzeugt gewesen, dass die Quelle stimmte, dann hätte sie etwas schreiben können in der Form „er war ein Männerrechtler und betrieb Pickup“, also kurz und knapp und deutlich. Das hätte man leicht anfechten können. So messerscharf an dem zu bleiben, was man schreiben kann, aber alles wegzulassen, was die Behauptungen als ungerechtfertigt entlarvte (und das ist im Prinzip jede Quelle, die diese genauer untersucht hat) – das erscheint mir zu sauber ausgeführt, um das Ergebnis eines Zufalls zu sein.

Falls Anne Wizorek jedoch wusste, dass beide Behauptungen nicht stimmten (oder bisher nicht belegt worden sind), dann wäre es nur redlich gewesen, das klarzustellen – oder sie überhaupt nicht erst zu erwähnen. Und hier beginnt die Täuschung der Leser, die nicht mehr über den Fall wissen: Natürlich geht man implizit davon aus, dass kein Autor Vorwürfe erwähnt, an denen nichts dran ist, insbesondere dann, wenn keine Abwägung über ihre Glaubwürdigkeit erfolgt und keine weitere Information. Selbst in eine Frage verpackt, die scheinbar erst einmal gar nichts behauptet (fiktives Beispiel: „War Anne Wizorek beteiligt am Beschädigen einer Apotheke?“) und genauer besehen mit Sicherheit mit „nein“ beantwortet werden kann, wirkt das: Denn wenn es völlig aus der Luft gegriffen wäre, würde doch redlicherweise niemand die Frage stellen… das ist ein beliebtes Prinzip des Boulevard-Journalismus, mit nichts in der Hand etwas schreiben zu können und dabei ganz nebenbei den Ruf von Personen zu beschädigen.

Und genau davon gehe ich auch in diesem Fall aus: Anne Wizorek kann ganz nebenbei die Männerrechtsbewegung und Pickup-Verfechter in schlechtes Licht rücken, indem sie sie mit einem mehrfachen Mörder in Verbindung bringt – und das, ohne das direkt zu behaupten und damit angreifbar zu sein! Das finde ich perfide.

Wenn man schon im Mai/Juni in dieser Blogblase mitgelesen hat, dann weiß man, dass an den Vorwürfen nichts dran ist. Außerdem ist dieser Trick, wie erwähnt, durchaus aus der Presse bekannt. Der zweite Fall ist hingegen noch schlimmer.

Der Fach Jörg Kachelmann

„Als ich vor ein paar Jahren einer Bekannten riet, dass sie den sexuellen Übergriff anzeigen sollte, von dem sie mir gerade erzählt hatte, deutete sie nur auf den Fernseher, der im Hintergrund lief und die neuesten Bilder vom Kachelmann-Prozess zeigte. „Damit mir dann auch niemand glaubt? Nein danke.“ Ich hatte keine Antwort für sie – und habe sie bis heute nicht.“

(Anne Wizorek, S. 112)

Dröseln wir das erst einmal sauber auf. Jörg Kachelmann ist von dem Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden. Dabei kamen dasselbe Prinzip zur Anwendung wie überall sonst: Der Angeklagte gilt als unschuldig, solange seine Schuld nicht hinreichend bewiesen ist. Die Unschuldsvermutung gehört zum Fundament des Rechtsstaates. Es spielt dabei keine Rolle, ob jemand beliebt oder ein Außenseiter ist, ein anständiger Bürger oder ein Charakterschwein.

Natürlich steht es jedem frei, zu glauben, was er will. In der Öffentlichkeit bestimmte Dinge über andere Personen zu behaupten, kann jedoch je nach Rechtslage negative Konsequenzen nach sich ziehen. Jörg Kachelmann hat eine ganze Reihe Unterlassungsklagen gegen diejenigen gewonnen, die das vergessen hatten oder einfach mal austesten wollten.

Was lesen wir in diesem kurzen Abschnitt? Da ist eine Frau offenbar Opfer eines Verbrechens geworden, scheut jedoch vor einer Anzeige zurück, weil sie davon ausgeht, dass in einem prominenten Fall die Klägerin ebenfalls Opfer eines Verbrechens wurde und ihr niemand glaubt. Anne Wizorek fällt dazu angeblich nichts ein.

Das Perfide an dieser Schilderung ist: Anne Wizorek kann ganz nebenbei die Ansicht vertreten, Jörg Kachelmann sei in Wirklichkeit schuldig gewesen. Sie stellt diese Behauptung ja nicht selbst auf, sondern erzählt sie aus dem Mund einer Freundin.

Dass sie diese Ansicht vertritt, läßt sich recht leicht mit ein wenig Logik belegen. Gehen wir einmal vom Gegenteil aus: Da wird ein Unschuldiger in einem rechtstaatlichen Verfahren freigesprochen, eine Bekannte glaubt jedoch, die Klägerin sei tatsächlich sein Opfer gewesen und traut sich deswegen nicht, ein ihr widerfahrenes Verbrechen anzuzeigen. Dazu soll man dann nichts zu sagen wissen. Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Deswegen muss unter der Annahme, dass Anne Wizorek grundsätzlich etwas Sinnvolles schrieb, davon ausgegangen werden, dass sie Jörg Kachelmann für schuldig hält. Dann bekommt der zitierte Absatz einen Sinn – auf fatale Weise, wie ich noch zeigen werde.

Doch zunächst zurück zum Szenario, bei dem man von der Unschuld des Freigesprochenen überzeugt ist. Was wäre das erste, was man der Freundin sagen könnte? Etwa „das ist etwas ganz anderes, der Mann ist unschuldig“ oder „das zeigt doch nur, dass Recht und Gesetz funktionieren, das sollte Dich eher ermutigen“. Auf keinen Fall würde man sie im Glauben lassen, sie habe keine Chance mit einer Anzeige, wenn sie sich auf einen Fall beruft, bei dem man der Überzeugung ist, er sei richtig entschieden worden und anders gelagert.

Gehen wir nun einen Schritt weiter. Nehmen wir (fiktiv!) an, Jörg Kachelmann sei tatsächlich schuldig. Was hätte man dann der Freundin sagen können? „Es wird immer Fehlentscheidungen geben, aber das darf Dich nicht entmutigen“ oder „Das ist doch ein ganz anderer Fall, lass uns mal lieber überlegen, was für Beweise und welche Zeugen es für das gibt, was Dir geschehen ist“.

Egal, was man also über den Fall Kachelmann glaubt – es gibt so oder so etwas, das man einem Menschen sagen kann, der laut eigener Aussage einen Übergriff erlebt, diesen noch nicht angezeigt hat und seine Zweifel mit dem Fall Kachelmann begründet. Anne Wizorek stellt das jedoch als gigantisches Problem dar. Sie, die Aufschrei-Mitinitiatorin, Feminismus-Aktivistin, Talkshowteilnehmerin und Buchautorin, ist von Sprachlosigkeit betroffen. Obwohl selbst ich mit zwei Minuten Nachdenken auf einige vernünftige Vorschläge komme, findet sie bis heute nicht die passenden Worte.

Dass ein Angeklagter in einem Vergewaltigungsprozess freigesprochen wird, wirkt also so lähmend auf Opfer von sexuellen Übergriffen und Leuten, die den Opfern helfen wollen, dass bereits die Anzeige dieser Verbrechen verhindert wird. (Ich bin hier ganz nebenbei davon ausgegangen, dass die Freundin die Wahrheit sagt. Sonst würde es noch komplizierter.) Die Unschuldsvermutung sorgt also nicht nur dafür, dass „im Zweifelsfalle für den Angeklagten“ gilt, sondern nebenbei auch, dass die Ahndung offensichtlicher, womöglich leicht beweisbarer Verbrechen nicht geschieht.

Es muss sich also entschieden werden zwischen „ein paar Unschuldige über die Klinge springen lassen“ und „Massen von Opfern im Stich lassen“. Mit derselben Logik hat man auch schon Folter und außerrechtliche Gefängnisse im Kampf gegen den Terrorismus gerechtfertigt. Da der Rechtsstaat dem Rechtsstaat im Wege steht, müssen wir auf den Rechtsstaat verzichten, weil wir sonst keinen Rechtsstaat mehr haben.

Das ist keine Einzelmeinung, sondern war insbesondere im Fahrwasser des Kachelmann-Prozesses häufig zu hören. Das sei angemerkt, damit es nicht so wirkt, als stehe Anne Wizorek mit ihrer Haltung im luftleeren Raum. Über die Hintertür zu behaupten, Jörg Kachelmann sei schuldig und so zu tun, als stehe der Rechtsstaat der Verfolgung sexueller Übergriffe im Weg, das ist doppelt perfide.

Fazit

Es sind, wie eingangs erwähnt, die beiden schlimmsten Stellen in Anne Wizoreks Buch; der Rest sieht glücklicherweise anders aus. Schade, dass sie im Einsatz für ein (ihr) hehres Ziel auf solche Mittel zurückgreift.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal ein Lied, das auf dem Amoklauf einer Schülerin basiert. Wenn wir Geschlechterrollen ausbrechen wollen, kann es ja nur sinnvoll sein, sich auch diese Fälle in Erinnerung zu rufen.

The Boomtown Rats: I Don’t Like Mondays