The Physical Approach

Den folgenden Text hatte ich gelegentlich bereits hier verlinkt. Er fasst einige meiner persönlichen Erfahrungen als Frau in einem von Männern dominierten Beruf zusammen.

Ich habe – das ist schon ein paar Wochen her – eine Mail bekommen, ob ich mich als „MINT Role Model“ bewerben will.
Nein, will ich nicht.

IMHO ist es keine gute Idee, Mädchen unbedingt in MINT-Berufe zu drängen. Die wenigsten haben das Zeug dazu (BTW, auch die wenigsten Jungen).
Die Wenigen, die das schaffen können, werden das wohl auch ohne zusätzliche Ermunterung tun.

Und man sollte schon wissen, worauf man sich einlässt. Die meisten MINT-Berufe (von Biologie mal abgesehen, das ist aber auch keine exakte Wissenschaft) sind reine Männerdomänen. Da braucht man als Frau schon einiges an Durchsetzungsvermögen, um da mitzuhalten.

Und natürlich sollte man Männer – trotz all ihrer unbestreitbaren Macken – mögen. Insbesondere ist es sehr hilfreich, wenn man auch ihren – öfters zotigen – Humor teilen kann, ohne sich gleich persönlich angegriffen oder belästigt zu fühlen.
Wer eine Androphobie hat, oder wem es mulmig wird bei dem Gedanken, mit zig Männern alleine in einem Raum zu sein, und ggf. auch noch selbst zu referieren, sollte es bleiben lassen. Oder wem die Vorstellung nicht behagt, mit einem Mann alleine in einem finsteren Raum unter Rotlicht zu sein (Dunkelkammer zur Entwicklung von Röntgenfilmen).

Ein Teil der Frauen in Männerberufen hält es für notwendig, sich auch optisch den Männern anzugleichen, sprich Hosenanzug und kurze Haare. Aber ich meine, es reicht wirklich, in einem Männerberuf zu arbeiten. Ich für meinen Teil möchte nicht so aussehen und mich auch nicht so verhalten.

Wenn ich mich an mein Studium erinnere, war die Abbruchquote unter den Frauen deutlich größer, als unter den Männern. Aber die paar, die die ersten zwei Semester durchgehalten haben, haben’s dann auch bis zum Schluss geschafft.
Bei guten Prüfungsnoten muss man mit gewissen Unterstellungen seitens der männlichen Kommilitonen (insbesondere von denen mit schlechteren Noten) rechnen, denn die Professoren sind ja alle Männer.

Obwohl ich mich zu Studienzeiten noch unauffällig gekleidet habe und auch meinen typischen Charme noch nicht entwickelt hatte, ist es vorgekommen, dass ich angestarrt wurde, als hätten die Leute noch nie eine Frau gesehen, naja zumindest nicht in diesen geheiligten Hallen. Mit solch einem Exotenstatus muss man leben können. (Naja, nach und nach konnte ich dem auch positive Aspekte abgewinnen.)

Es ist nicht üblich, sich zu schminken, was wieder einmal ein Indiz dafür ist, dass Frauen sich nicht für Männer (meiner Erfahrung nach mögen die meisten Männer – zumindest die Männer, mit denen ich zusammen war – geschminkte Frauen auch gar nicht so), sondern gegen andere Frauen schminken. Selbst A.M. schminkt sich erst, seit sie diesen hohen Posten hat. Ich schminke mich nur zu besonderen Anlässen, und auch dann nur ganz dezent.

Hin und wieder passiert es, dass man mit „Herr“ oder „Sir“ adressiert wird. Wen das zu sehr stört, wird in einem MINT-Beruf nicht glücklich.
Und der Unterschied zwischen Genus und Sexus sollte einem sowieso selbstverständlich sein.

Ach ja, und manche Leute sind wirklich geschockt, wenn man als Frau bekennt, einen technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf auszuüben.

Solche Jobs sind nichts für Emanzen und Feminstinnen, die sich ständig benachteiligt oder diskriminert fühlen (wollen), sondern für pragmatische Realisten, die sich – ohne lang herumzudiskutieren – mit den Gegebenheiten arrangieren.