Fundstücke 2014: Thomas Hitzlsperger

Das Jahr war erst wenige Tage alt, da gab der ehemalige Fußballprofi Thomas Hitzlsperger in einer Erklärung (PDF) und einem begleitenden Videointerview (siehe unten) bekannt, dass er homosexuell sei. Damit hatte 2014 seinen ersten Knüller.

Interview Thomas Hitzlsperger – Deutsche Fassung

Die Wortwahl war wohl sorgfältig ausgetüftelt worden, dennoch: Auf mich wirkte das alles authentisch und natürlich.

Was natürlich die nächste Frage aufwirft: Ja, wenn das alles kein so großes Ding ist, warum dann so einen Bohei darum machen?

Weil es eben, da mache ich mir nichts vor, nach wie vor keine Selbstverständlichkeit ist, dass ein männlicher Fußballer sagt: „Ich möchte mit einem Mann zusammen leben.“

Bei all der öffentlichen Zustimmung, die als Reaktion auf diese Erklärung kam, gab es auch kritische Stimmen, die darauf hinwiesen, was nach wie vor nicht erreicht worden sei: Das Coming out kam erst vier Monate nach dem Karriereende, das eines aktiven Spielers im Männerfußball steht noch aus.

Dazu sei jedoch gesagt: Die Einschläge kommen näher. Gut darauf hingewiesen hat etwa Arndt Zeigler in seinem offenen Brief (der zur Gänze lesenswert ist, bitte nicht von der Facebook-URL irritieren lassen). Thomas Hitzlsperger, das ist nicht irgendeine Randfigur, ein Gescheiterter oder Unbekannter. Thomas Hitzlsperger hat für die Nationalmannschaft gespielt, hat die Kapitänsbinde getragen, für Deutschland Tore geschossen. Er ist WM-Dritter und EM-Zweiter geworden, war Teil jener Gruppe von Spielern, die ab 2006 recht erfolgreich spielten und dabei insgesamt doch sehr sympathisch wirkten. Thomas Hitzlsperger, das ist einer aus der Mitte, einer von uns – und genau das macht seinen Schritt so bedeutsam.

Es fällt mir erst im Rückblick auf, wie selbstverständlich Frauen und Freundinnen der Spieler nach dem gewonnenen WM-Finale Teil des Blitzlichtgewitters wurden. Es gab sogar eine eigene Fotostrecke nur mit den Damen. Klar, viele von ihnen sind Fotomodelle, die sich präsentieren müssen, da kommt ihnen diese Aufmerksamkeit natürlich entgegen. Bei soviel öffentlich ausgelebter Heterosexualität muss aber umso mehr auffallen, wenn einer nicht mitmacht. Man könnte dann sozusagen residual darauf schließen, wer anscheinend homosexuell ist, aber das – aus welchen Gründen auch immer – nicht bekannt geben möchte. Um sein Privatleben privat zu halten, müsste man plötzlich zur Tarnung eine Alibi-Freundin präsentieren. Ohne dass jemand anderes bewusst Zwang ausübt, wird man am Ende durch das kollektive Verhalten doch gezwungen.

(Diesen Mechanismus kennt man übrigens auch aus anderen Zusammenhängen. Wenn bei einem Massen-DNA-Test fast alle mitmachen, kommt man in Erklärungsnot, wenn man sich verweigert. Wenn ohne Anlass die Kommunikation der Bevölkerung überwacht werden soll und als Argument angeführt wird: „Wer nichts zu verbergen hat, hat ja nichts zu befürchten.“)

Bei der Kritik am radikalen Feminismus habe ich in den letzten Monaten mehrfach den kritischen Hinweis gelesen, dass das Private zum Politischen wird. Im Fall Thomas Hitzlsperger hat das Private nach wie vor eine politische Dimension, hier lassen sich die beiden Ebenen nicht vollständig trennen. Seine Erklärung, die streng genommen nur sein Privatleben betreffen sollte, hat dafür gesorgt, dass Homosexualität in Deutschland ein Stück weit mehr Normalität geworden ist

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal mit einem Lied, das unmittelbar mit dem Thema zu tun hat.

Marcus Wiebusch: Der Tag wird kommen

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