#freethenipple und feministische Doppelstandards

Das Ding hier kommt auf uns zu. Ein Film über Frauen, die es total empauernd und befreiend finden, ihre Nippel in aller Öffentlichkeit zu zeigen. Junge Mädchen, die mit blankem Oberkörper durch die Straßen rennen, und das „equality movement against female oppression and censorship“ nennen. Aber seht selbst:

Ganz so neu ist das ganze ja nicht, spätestens seit der Hippie-Bewegung und Woodstock kommt das immer mal wieder und nicht zuletzt „argumentieren“ die Femen ja auch so.

Darauf gestoßen bin ich über den Feuerbringer, der das ganze schon mal gebührend kommentiert hat. Allerdings möchte ich da noch ein paar Aspekte anfügen. Der Feuerbringer weist zurecht darauf hin, dass das Hollaback-Video, dessen Inhalt ich jetzt in unserer Szene nicht nochmal erklären muss, noch nicht mal richtig um die Ecke ist, und jetzt das. Ich zitiere ihn mal:

Der ungewollten Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts möchte man nun also entgegensteuern, indem man Frauen auffordert, ohne Oberteil durch die Straßen zu laufen.

Das kommentiert bei ihm eine gewisse Alexia mit:

Ich habe eine Weile mit dem Versuch verbracht, zu verstehen, was die Belästigung von Frauen in Fußgängerzonen mit dem Recht auf das Auftreten ohne Oberteil in der Öffentlichkeit zu tun haben soll.

Echt jetzt? Offensichtlich hat die Gute noch nie was von „Wie man in den Wald hineinruft…“ gehört. Je offenherziger Frau sich zeigt, desto lauter ruft sie in den Wald, sprich desto eher provoziert sie damit entsprechende Reaktionen von Männern. Das sollte doch wirklich jeder klar sein. Das hat nichts mit „victim blaming“ oder patriarchaler Unterdrückung zu tun. Die Grenze ist für mich erreicht, wo es um ungewünschte Berührungen geht. Damit wir uns nicht falsch verstehen, im Zweifelsfall bin ich immer eher für Freiheit als für Prüderie. Von mir aus sollen das die Frauen gerne machen. Aber man kann sich nun wirklich nicht hinstellen, das Entblößen von Brüsten als total empauernd feiern und sich dann anschließend über lüsterne Blicke oder anzügliche Bemerkungen empören. Aber am End sind natürlich wieder die triebgesteuerten Männer die Bösewichte.

Wenn der Feminismus nicht langsam komplett seine Glaubwürdigkeit verlieren will, dann sollte er sich aber mal ein wenig mehr auf eine Linie einigen. Während halbnackte Mädels in der Werbung, im Pirelli-Kalender oder auf dem Hemd eine Astrophysikers natürlich tooootal sexistisch sind, und das geradezu einer Aufforderung für Männer zum Benutzen und Vergewaltigen von Frauen gleichkommt, ist es das natürlich nicht, wenn sich die Frauen selbst entblößen. Dann ist das natürlich überhaupt keine Aufforderung zu nichts, sondern im Gegenteil super empauert selbstbestimmtes Handeln. Dass die Damen auf dem besagten Pirelli-Kalender oder auch in Pornos oder in den Puffs der Welt das vielleicht auch völlig selbstbestimmt machen, das lassen Feministen natürlich wieder nicht gelten. Im Grunde hat Birgit Kelle mit ihrem epischen Beitrag „Dann mach doch die Bluse zu!“ vor zwei Jahren schon alles dazu gesagt.

Wenn Männer blank ziehen

Auf der anderen Seite gibt es natürlich immer wieder Beschwerden von Feministinnen über entblößte Oberkörper von Männern. Denen würde man das am liebsten verbieten. Jedenfalls ist ein entblößter Männerkörper ja sooo patriarchal und sexistisch. Letztes Jahr erst gab es große Wallung bei dem Konzert der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ im  ArbeiterInnen-Jugend-Zentrum Bielefeld, das schon nach dem zweiten Song abgebrochen wurde, weil der Schlagzeuger der Band sich erdreistet hatte, sein T-Shirt auszuziehen. Weil das nach den Regeln des Zentrums als sog. Trigger für Opfer sexueller Gewalt und damit als sexistischer Akt gilt. Außerdem ist das Blankziehen des Oberkörpers ja ein männliches Privileg, auf das Männer doch bitteschön verzichten sollten. Hätte irgendein Mann auf diesem Event als Lösungsvorschlag gebracht, die Frauen könnten doch gleichziehen und auch ihre Nippel befreien, er wäre nach der abschwellenden Schnappatmung der anwesenden Feministinnen von denselben geteert und gefedert worden. Leo Fischer (auch Chefredakteur der Titanic) hat in der Konkret zu dem Vorfall den m.E. besten Kommentar verfasst. Er nimmt diesen aber nur als Aufhänger, um die ganze Privilegientheorie schön auseinander zu nehmen. Sehr lesenswert! Zitat:

Privileg ist ein Wort, von dem auch geduldigen Lesern linker Blogs und Pamphlete mittlerweile speiübel werden dürfte, so omnipräsent ist es; wie Glutamat wird es über fade Textprodukte gestreut, die aus eigener Kraft kaum nach Kritik schmecken. Es entstammt jenem Heimwerkerbedarf für Theorie, der überall dort aufmacht, wo kritische Wissenschaft erfolgreich aus den Universitäten getilgt wurde und ihre Reste in studentischen Lektürezirkeln und offenen Seminaren studiert werden wie kuriose Fossilien. Ähnlich wie bei den Szenevokabeln »Übergriff«, »triggern« und »Kackscheiße« ersetzt dabei die Wut, die den Begriffen injiziert wird, die Theorie, die ihnen nicht mehr zur Verfügung steht. Dabei darf der Terminus Privileg ruhig als wissenschaftlicher Geisterzug verstanden werden – denn weit kommt man damit nicht, und die Orte, die man damit erreicht, will man gar nicht sehen.

Kommen wir zum Schluß, wir lernen also: Es gibt Menschen (i.a. Frauen), die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt haben, und sich durch den Anblick eines entblößten (männlichen) Körpers getriggert fühlen. Männer dürfen sich aber durch den Anblick eines entblößten (weiblichen) Körpers ganz und gar nicht getriggert fühlen, weder im Sinne einer Aufforderung noch im Sinne eines Sich-Belästigt-Fühlens.

Frauen sollen nach dem Willen von Feministen ihre Shirts ausziehen dürfen, Männer nicht mehr. Was daran jetzt antisexistisch sein soll, erschließt sich mir jetzt nicht wirklich.

Und weils grad so gut passt: Auch in Hommage an Matt Taylor schlage ich für allzu überzogene feministische Forderungen künftig folgenden Hashtag vor: #idontgiveashirt

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24 Kommentare zu „#freethenipple und feministische Doppelstandards“

  1. „Die biologische Funktion ist zunächst das Stillen von Säuglingen mit Muttermilch. Da jedoch die meisten weiblichen Primaten im Verhältnis zu den jeweiligen männlichen Artgenossen wesentlich weniger ausgeprägte Brüste haben als Frauen, wird angenommen, dass die weiblichen Brüste zusätzlich ein speziell menschlicher Sexualdimorphismus sind und ihre Anziehungskraft auf potentielle Partner eine zweite wesentliche Funktion ausmacht. Die Brüste – vor allem die Brustwarzen – gehören zu den erogenen Zonen.“

    „Die Brüste menschlicher Frauen sind wesentlich größer als die verwandter weiblicher Primaten und stellen ein besonderes Attraktivum dar. Der britische Zoologe Desmond Morris stellte daher die These auf, dass die humanen Brüste eine Nachbildung der ähnlich aussehenden weiblichen Hinterbacken darstellen, die bei einigen Affenarten ein sexuelles Signal sind. Morris betrachtet diese Nachbildung als Anpassung an den aufrechten Gang, durch den die Unterseite der Vormenschen zur wichtigeren Vorderseite des Menschen wurde.[8]

    Die Zoologen Avishag und Amotz Zahavi entwickelten aus dieser Erkenntnis die Handicap-Theorie, die besagt, dass durch die unnützen Körperteile (oder Verhaltensweisen) möglichen Fortpflanzungspartnern demonstriert wird, wie gesund und robust der eigene Organismus ist, da er die zusätzliche Last zu tragen vermag. Ein typisches Merkmal solch sexuell selektierter Merkmale ist eine erhebliche Variation in der Bevölkerung. Da die menschlichen Brüste durch die Einlagerung höchst unterschiedlicher Mengen Fettgewebes bei verschiedenen Frauen deutlich unterschiedliche Größen haben können, ist eine Evolution der Brüste als Fitness-Signal für Partner sehr wahrscheinlich und legt den Schluss nahe, dass die Hauptfunktion beim Menschen tatsächlich in Richtung der Attraktion von Männern verlagert ist. Der hohe Gehalt an unter nicht-industriellen Bedingungen sehr energieaufwändigem Fettgewebe und die Belastung der Wirbelsäule durch große Brüste unterstützt diese Theorie zur Entwicklung dieses Körperteils.“

    http://de.wikipedia.org/wiki/Weibliche_Brust

    Aber man kann das auch einfach ignorieren… Also Männer, schämt euch!!!

      1. Elmar: Gib mal bitte ein tl;dr.

        Zum Wikipedia-Ding:
        „Der britische Zoologe Desmond Morris stellte daher die These auf, dass die humanen Brüste eine Nachbildung der ähnlich aussehenden weiblichen Hinterbacken darstellen, die bei einigen Affenarten ein sexuelles Signal sind.“

        Diese These finde ich affig ^^
        Die Ähnlichkeiten sind ausgesprochen marginal. Auch verkennt das, dass es wohl schwer sein dürfte, der Vorder- oder Rückseite eine Priorität zuzusprechen. An welchen Kriterien will man das festmachen? Es verkennt auch das Aussehen der Rückseite bei einem Gang auf allen vier Extremitäten (hat irgendwie keine Ähnlichkeit mit Brüsten).

        Hier tobt sich schlicht der common sense im Gewande der Wissenschaft aus.

        Muss man das überhaupt durch konstruierte Thesen erhärten? Genügt es nicht, dass Männer Brüste einfach als attraktiv und erotisch empfinden? Daran ist doch nichts zu beweisen.

        Die Beweislast tragen diejenigen, die behaupten, dass wir Männer Brüste lediglich konstruieren als „Weiblich“ und nur deshalb darauf stehen.

      2. LoMi – tl;dr :

        i) Männer schauen nicht auf Brüste nackter Frauen, sondern auf die Harmonie der durch Brüste/Taillie/Hüfte/Schultern gebildeten geometrischen Verhältnisse. Frauen schauen ganz genauso darauf, betrachten aber viel häufger das Geschlechtsteil nackter Frauen als Männer, um sich zu vergleichen.

        ii) Muttermilch spielt eine bedeutende Rolle als hochgradig variabler Bioreaktor bei der Ernährung von Babies, als Bakterienkiller bei babies, bei der Erziehung des Immunsystems von Babies und produzieren ansonsten unverdauliche Oligosaccharide, die zur Ernährung besonderer Bakterium dienen, die über Generationen von Müttern zu babies weitergegeben werden. Humane Muttermilch unterscheidet sich stark von der Milch anderer Primaten z.B. in dem hohen Glucose-Anteil, der zur Ernährung des bei Babies überproportional großen Gehirns gebraucht werden.

        iii) Die Form der menschlichen Brüste erlaubt den Augenkontakt der babies zu den Müttern beim Stillen, was die soziale Interaktion zwischen Mutter und baby von Anfang an fördert.

        iv) Brüste sind kein „Po vor der Brust“ und Brüste sind auch nicht für die Sexualität der Männer da, seine Sexualisierung wurde vor allem von der Schönheitsindustrie in den 60igern vorangetrieben mit Hilfe des Mythos, daß kleine Brüste zu mangelndem Selbstbewußtsein von Frauen führen. Die Brust als erogene Zone spielt stattdessen eine Rolle für die emotionale Bindung der Partner beim Sex.

        iv) Evolutionär haben sich Brüste aus Duftdrüsen entwickelt, die bei der Kommunikation der Primaten eine Rolle spielt. Sie sind keine Folge sexueller Präferenz.

        Aus biologischer Sicht liegt die Sexualisierung der Brüste genauso nahe wie die jeder anderen erogenen Zone der Frau, die nicht die Scham ist – nämlich gar nicht. Die sexuelle Attraktivität der Brüste ist eine Folge ihrer kulturellen Inkorporierung in den verschämten und damit verhüllten Bereich. Zu frühes Abstillen von männlichen Babies scheint ebenfalls korrelliert zu sein mit einer Vorliebe von Männern für große Brüste.

        Letzteres ist insofern interessant, weil die feministische Tendenz, Frauen möglichst schnell wieder in die Karrierearbeit zu schieben, damit sie mindestens so mächtig sind wie Männer, die Vorliebe der Männer zu großen Brüsten und damit die als Objektivierung der Frau bezeichneten sozialen Phänomene verstärken dürfte.

      3. „iv) Brüste sind kein “Po vor der Brust” und Brüste sind auch nicht für die Sexualität der Männer da, seine Sexualisierung wurde vor allem von der Schönheitsindustrie in den 60igern vorangetrieben mit Hilfe des Mythos, daß kleine Brüste zu mangelndem Selbstbewußtsein von Frauen führen. Die Brust als erogene Zone spielt stattdessen eine Rolle für die emotionale Bindung der Partner beim Sex.“

        Andere Tiere, insbesondere andere Primaten, schaffen es zu stillen, ohne tatsächliche Brüste zu haben. Auch ein Saugender Schimpanse kann Augenkontakt halten.

        Eine Entstehung aufgrund sexueller Selektion passt da viel eher zu dem was wir vorfinden.
        Dazu auch:

        https://allesevolution.wordpress.com/2011/08/02/grosse-bruste-und-schmale-taille-schonheitsideale-fur-frauen-und-fruchtbarkeit/

        Breasts also make good fitness indicators because they come in symmetric pairs. I mentioned earlier that many bodily ornaments in many species advertise an aspect of fitness called developmental stability When body traits grow in pairs, perfectly symmetric development of the pair indicates high fitness. The paired traits tend to grow large to make their symmetry more obvious during mate choice. Evolutionary psychologists John Manning and Randy Thornhill have shown that women with more symmetric breasts tend to be more fertile. It is possible that bipedalism made breasts a useful potential cue of developmental stability for male mate choice. Once men started paying attention to the symmetry of breast development, high-fitness women could better display the symmetry by evolving large breasts. The larger the breasts, the easier it is to notice asymmetries. Perhaps single mastectomies are so distressing to women because breast symmetry has been such an important fitness cue during human evolution. Large human breasts may have evolved to advertise fitness through their symmetry, not just youth through their pertness.

        Finally, breasts are pretty good indicators of fat reserves. In the Pleistocene, starving was more of a problem than overeating. It was harder to have good fat reserves than to be extremely thin, because women had to use their own energy and intelligence to gather food from their environment. It would be possible to spread one’s fat evenly over the whole body surface, like a porpoise, but that would make it hard for men to compare females, and it would give females too much insulation under the scorching African sun. Females who concentrated their fatdisplays in breast and buttocks could attract male interest without overheating. Also, by not depositing too much fat on the abdomen (as males tend to), females could avoid appearing pregnant already—a sure sign of not being fertile at the moment, which might inhibit male sexual attention. Breasts appear to have evolved as highly condition-dependent indicators of a woman’s nutritional state. Most women who have tried dieting know that breast size is the first thing to shrink when food intake is restricted. The role of breasts as fitness indicators may help to explain why there is so much variation in breast size among women. If large breasts were critical for breast-feeding, which is one of the single most important stages in mammalian reproduction, all women would have large breasts. But as we have seen, fitness indicators do not tend to converge on a single size in a population. They maintain their variation indefinitely, due to the effects of genetic mutation and variation in condition. It has sometimes been argued that men’s preferences for larger-than-average breasts must be an artifact of modern culture, because, if it were ancient, all women would have already have evolved large breasts. This argument is wrong if breasts evolved as fitness indicators. Bra manufacturers offer a range from A-cups to D-cups because evolution amplifies the variation in each fitness indicator rather than using it up.

      1. errollbundelfeuerstein, (Darf ich fragen…?)

        in meiner Jugend habe ich eine Weile Anstecknadeln von Autoherstellern gesammelt. (Das war damals ein beliebtes Hobby. Macht das eigentlich heute noch jemand?)

        Nadeln von Opel oder VW, selbst von BMW oder Mercedes, bekam man ganz einfach: Man ging auf der IAA zum jeweiligen Stand, fragte und kriegte eine.
        Jaguar zum Beispiel war eine andere Sache. Da brauchte man einen Vater im Businessanzug, der einen Termin für eine Probefahrt ausmachte. Wenn man Glück hatte, sagte der Kundenberater dann am Schluß verschwörerisch zu einem: „Ich gebe Dir jetzt was, aber zeig das nicht draußen, sonst kommen die rein und lynchen mich.“

        B20

      2. errollbundelfeuerstein, (Nein, ehrlich: Was bedeutet dieser Nick?)

        finde ich auch: Knappheit erzeugt (die Illusion von) Wert — muß dann aber auch verteidigt werden.
        Wenn man dann noch dazunimmt, daß die Menge der „Ware“, die die einzelne Frau zu „verkaufen“ hat, üblicherweise recht begrenzt ist, macht eine subtilere Form der Werbung schon Sinn. Vor allem, wenn man den „Käufer“ so dazu bekommt, schon für die Werbung zu „bezahlen“.

        Ach, die Analogie wird mir gerade zu ekelig…

        B20

  2. Hier fällt mir immer nur ein Wort ein: Female Hypoagency. Man verweigert sich der Verantwortung für das, was man mit körperlichen Reizen auslöst bei Männern.

    Es kann natürlich sein, dass diese free-Nippel-Nummer etwas sehr amerikanisches ist. Man denke an „Nipplegate“ und den Skandal, den ein unfreiwillig freigelegter Nippel einer Sängerin ausgelöst hat. Das ist schon eine fragwürdige Prüderie und hier kann ich mir vorstellen, dass dies solche Protestformen auslöst.

    1. @LoMi – off topic:

      Als ich gestern auf AllesEvolution die Erklärungen von Margret las, kam mir folgende Idee: hypoagency ist eigentlich eine Verhaltenstendenz von Frauen, kein Merkmal des Feminismus. Es könnte aber eines dadurch werden, daß nicht nur weibliche Initiative abgelehnt wird, sondern auch das, was Juristen Ingerenz nennen, die Haftung für vorangegangenes Tun: Denn Margret z.B. erklärte das Verhalten einer Feministin als Reaktion auf einen persönlichen Angriff, behandelte den Fall aber so, als sei der Angriff unprovoziert – was aber nicht der Fall war. Ich weiß nicht, ob hypoagency schon mal systematisch analysiert worden ist, aber wenn beide Fälle dieselbe Wurzel haben, dann gerät hypoagency in Konflkt mit unseren Gerechtigkeitsintuitionen.

      Mit Feminismus könnte die Ablehnung jeder Autokorrelation im weiblichen Verhalten nun deshalb was zu tun haben, weil die Haftung der Männer für das Patriarchat ebenso unabhängig vom individuellen Beitrag zu dessen Erzeugung ist, wie der Beitrag der Frauen zu dessen Erzeugung: Strukturen – sollten sie existieren – wirken generell gegen oder für einen Geschlechtsteilträger.

      Kurz: Wenn Ingerenz/Autokorrelation im Verhalten was mit Gerechtigkeit zu tun hat, dann könnten nur bestimmte Frauen, sondern auch der Feminismus ein Gerechtigkeitsproblem haben.

      Hm … kann man das verstehen? Vielleicht ist es auch Blödsinn …. :-/

      1. Ach, Margret kam auch nocht? Gut, dass ich mich später da rausgehalten habe…

        „Kurz: Wenn Ingerenz/Autokorrelation im Verhalten was mit Gerechtigkeit zu tun hat, dann könnten nur bestimmte Frauen, sondern auch der Feminismus ein Gerechtigkeitsproblem haben.“

        Der Feminismus ist nur gerecht vor dem Hintergrund der Patriarchatsthese. Allein die Annahme übermächtiger und umfassender Herrschaft rechtfertigt alles das, was Feministen tun und Männern an-tun. Ohne diese These hat die feministische Moral keinen Boden mehr.

        Ein weiteres Gerechtigkeitsproblem entspringt dem Menschenbild des Feminismus. Genau dieses Menschenbild führt zur hypoagency. Im allumfassenden Patriarchat gibt es keine individuell handelnden Menschen. Frauen sind allesamt bis tief in ihre Psyche hinein strukturiert durch das System und damit unterdrückt. Alles was sie tun und sogar denken, ist Ausdruck der Herrschaft. Diese Frauen können folglich keine Eigenverantwortung haben, denn sie sind ja gewissermaßen programmiert durchs Patriarchat.

        Bei Männern ebenso: sie sind zwar handlungsmächtig, weil Herrscher, aber sie agieren als vollkommene Automaten im Dienste der Aufrechterhaltung der Männerherrschaft.

        Beiden Geschlechtern wird keinerlei Fähigkeit einer kreativen Auslegung und Nutzung gesellschaftlicher Strukturen zugestanden. Deshalb zählen auch individuelle Handlungserklärungen auch nicht: Bei Frauen nicht, weil sie ja doch nur vollziehen, was ihnen die Männer eingeimpft haben. Sie können also nicht wirklich Spaß am Sex mit Männern haben. Bei Männern nicht, weil diese gar nicht bemerken, dass die von ihnen als harmlos eingestuften Handlungen („hallo“ auf der Straße) massive Unterdrückungshandlungen sind.

        Insofern gibt es im Feminismus überhaupt keine Abwägung, die ein Tun individualisiert und das die dahinterliegenden Absichten miteinbezieht in das Urteil.

        Man fragt sich nur, wie es den Feministinnen gelungen sein soll, sich quasi zu einem göttlichen Beobachterstandpunkt außerhalb des Systems aufzuschwingen.

        Vorschlag: Wir weisen nach, dass selbst Feministinnen nur die patriarchale Sozialisation vollziehen und der Feminismus letztlich ein Machtinstrument des Patriarchats ist, so klug konstruiert, dass die Feministinnen es gar nicht merken ^^

      2. LoMi

        „Der Feminismus ist nur gerecht vor dem Hintergrund der Patriarchatsthese.“
        Meine Idee bestreitet genau das.

        Dein lustig gemeinter Vorschlag ist vielleicht gar nicht so abwegig. Ok, inhaltlich könnte man es etwas anders machen, aber das der Feminismus das Patriarchat erst in einem subtilen Sinne durch Verhaltenänderungen erzeugt, finde ich irgendwie erhellend.

        Aber vielleicht fehlt mir auch einfach nur Wissen und Verständnis. 😉

      3. „Meine Idee bestreitet genau das.“

        Das habe ich noch nicht verstanden.

        Was ich meinte: einen moralischen Anspruch. Der Feminismus kann seine Aktivitäten nur als moralische legitimieren, wenn die Patriarchatsthese stimmt. Dann ist ein barbusiger Protest auch ein berechtigter Aufstand.

        Faktisch mag es andersherum liegen, dass der Feminismus eine grundlegende Tendenz zur hypoagency zementiert.

      4. LoMi

        „Das habe ich noch nicht verstanden.“
        Ich vermutlich auch nicht. 😉

        „Der Feminismus kann seine Aktivitäten nur als moralische legitimieren, wenn die Patriarchatsthese stimmt.“

        Ok, meine Idee hierzu: Wenn das wahr ist, dann kann das nur auf eine besondere Weise geschehen, die nichts damit zu tun hat, was Menschen durch ihr Handeln steuern oder erzeugen. Weil: Gehaftet wird von allen Männern für ein angeblich existierendes Patriarchat – ohne zu untersuchen, was die einzelnen Männer so tun oder getan haben. Folgerung: Ingerenz spielt für diese Haftung keine Rolle. Hypoagency könnte eventuell auch von Ingerenz unabhängig sein, denn eine Frau haftet nicht dafür, daß sie z.B. Männer desmaßen in psychologische Notlagen bringen, daß sie ausrasten. Das Strafrecht berücksichtigt das aber z.B..

        Das bedeutet: die Frau ist frei wegen dem Fehlen von Ingerenz/Autokorrelation und der Mann haftet genau deshalb – aber eben nicht aufgrund dessen, was er persönlich tat. Beides ist mit unseren Gerechtigkeitsintentionen unvereinbar, die Unsymmetrie ist nicht das zentrale Problem.

        Wir haben also zwei Punkte:

        i) Ohne Ingerenz (=Haftung aus vorangegangenem Tun) ist Hypoagency und Feminismus ungerecht.
        ii) Eine moralische Rechtfertigung der gegenwärtigen politischen Maßnahmen gegen Männer kann nicht umhin, eine bestimmte Moral zu implementieren. Das wird nicht erklärt, es wird nicht so begründet. aber die Haftung des Geschlechtes verlangt nach einer solchen Moral.

        Diese Moral müßte man mal rekonstruieren und auf Adäquatheit prüfen. Insbesondere würde ich diese rekonstruierten Prinzipien gerne mal auf andere Felder der Gesellschaftspolitik anwenden.

        Mal sehen, was passiert. 🙂

      5. Elmar

        „Das bedeutet: die Frau ist frei wegen dem Fehlen von Ingerenz/Autokorrelation und der Mann haftet genau deshalb – aber eben nicht aufgrund dessen, was er persönlich tat. Beides ist mit unseren Gerechtigkeitsintentionen unvereinbar, die Unsymmetrie ist nicht das zentrale Problem.“

        Das sieht zunächst so aus und könnte hinhauen.

        Ich habe aber einen Einwand, eher einen kleinen: Falls der Feminismus soziologisch argumentiert, behauptet er, dass Männer durch ihr Handeln das Patriarchat immer wieder reproduzieren. Es ist dann Ergebnis von Aktivitäten. Nur sind diese Aktivitäten nicht bewusst als Reproduktionshandeln geplant. Vielmehr handeln Männer auch aus gutem Willen (sagen „hallo“ oder „god bless you“), aber die Wirkung ihres Handelns ist patriarchatserhaltend.

        Freilich, der Feminismus scheint keine Tatschwere unterscheiden zu können: Ein Shirt mit Bildern von Bikinifrauen ist quasi ein Akt der „Inbesitznahme von Frauen“ (wie eine Feministin letztens bei Schoppe schrieb).

        Gut. Aber sonst könnte es so sein, dass es so etwas wie Ingerenz nicht gibt.

        „i) Ohne Ingerenz (=Haftung aus vorangegangenem Tun) ist Hypoagency und Feminismus ungerecht.
        ii) Eine moralische Rechtfertigung der gegenwärtigen politischen Maßnahmen gegen Männer kann nicht umhin, eine bestimmte Moral zu implementieren. Das wird nicht erklärt, es wird nicht so begründet. aber die Haftung des Geschlechtes verlangt nach einer solchen Moral.“

        Die Schuldzuweisungen sind ungerecht, vor dem Hintergrund eines bestimmten Menschenbildes freilich. Ich glaube, diese Form der Gerechtigkeit, die etwa in Ingerenz verankert ist, fußt auf der Annahme prinzipieller Fähigkeit bewussten Handelns.

        Gute Frage nun, was Du mit Moral meinst: ist es die öffentliche, die der Legitimierung der politischen Maßnahmen dient? Oder ist es die, die sich herausbildet im Umgang mit diesen Maßnahmen?

      6. @LoMi

        „Falls der Feminismus soziologisch argumentiert, behauptet er, dass Männer durch ihr Handeln das Patriarchat immer wieder reproduzieren.“

        Dann würden Männer haften wegen ihres vorangegangenen Tuns. Doch der Nachweise der Reproduktion wird noch nicht durch den Existenzbeweis des Patriarchats erbracht. Die Umkehrung gilt schon – was der Grund dafür ist, daß der Schluß auf die beste Erklärung kein zugelassenes Verfahren für den Reproduktionsnachweis ist.

        „aber die Wirkung ihres Handelns ist patriarchatserhaltend.“

        Ok, dann ist das genau eine besondere Moral: Behauptet wird, daß es moralisch gut oder gesollt ist, daß Männer auf die Folgen ihres Handeln haften, die sie nicht voraussehen. Das ist eine Art deontologische Ethik, die man begründen muß.

        „Ich glaube, diese Form der Gerechtigkeit, die etwa in Ingerenz verankert ist, fußt auf der Annahme prinzipieller Fähigkeit bewussten Handelns.“

        Das ist eine Möglichkeit. Aber Ingerenz kann auch durch eine besondere soziale Position begründet werden, die wir mit Garantien für andere ausstatten z.B. Eltern gegenüber ihren babies. Eltern haften immer, wir verlangen von ihnen eine Garantie, bestimmte schädliche Einflüsse von ihren Kindern fern zu halten. Nur sind Männer nicht die Garanten für Frauen … oder doch? 😉

        „ist es die öffentliche, die der Legitimierung der politischen Maßnahmen dient? Oder ist es die, die sich herausbildet im Umgang mit diesen Maßnahmen?“

        Erstere. Wie sich die Moralvorstellung der Menschen infolge rechtpolitischer Konsequenzen entwickeln, wollte ich nicht betrachten.

      7. Elmar

        „Ok, dann ist das genau eine besondere Moral: Behauptet wird, daß es moralisch gut oder gesollt ist, daß Männer auf die Folgen ihres Handeln haften, die sie nicht voraussehen. Das ist eine Art deontologische Ethik, die man begründen muß.“

        In diesem Zusammenhang gibt es zwei Dinge:
        – Männer haften, weil sie nur so daran gehindert werden können, weiter patriarchatsstabilisierend zu handeln. Ihnen müssen also Möglichkeiten genommen werden. Auch wenn sie ohne böse Absicht gehandelt haben. Aber wenn sie handelten, wirkten sich ihre Handlungen ja negativ auf Frauen aus. Dieser Zusammenhang muss unterbrochen werden, Ansatzpunkt: Handlungsspielräume von Männern. Diese müssen eingeschränkt werden zum Wohle der Frauen.

        – Ethisch versucht es der Feminismus damit, dass das männliche Handeln zuweilen ganz unintendierte und unbemerkte hässliche Nebenfolgen hat, nämlich die Unterdrückung von Frauen. „Wir sind Dir persönlich nicht böse, Du konntest es ja nicht wissen!“ Aber dieser Systemzusammenhang muss aufgebrochen werden. Die schlimmen Folgen des Männerhandelns für Frauen rechtfertigen einen Eingriff, denn der Eingriff ist angeblich weniger tief als der, der unbewusst durch Männerhandeln geschieht. Zugleich wird das Einverständnis des zumindest gutwilligen Mannes vorausgesetzt und quasi nachträglich eingeholt: „Wenn Du die Zusammenhänge erkennst, wirst Du schon verstehen, warum Du jetzt ein Opfer bringen musst!“

        „“ist es die öffentliche, die der Legitimierung der politischen Maßnahmen dient? Oder ist es die, die sich herausbildet im Umgang mit diesen Maßnahmen?”

        Erstere. Wie sich die Moralvorstellung der Menschen infolge rechtpolitischer Konsequenzen entwickeln, wollte ich nicht betrachten.“

        Ich weiß gar nicht, ob der Feminismus überhaupt mit einer Moral wirbt. Also es gibt schon moralisierende Begründungen. Aber gibt es Gerechtigkeitsargumentationen und Abwägungen? Ich habe immer das Gefühl, durch die Betonung des Opferstatus und der Notwendigkeit, den Opfern zu helfen, wird diese Abwägung als Form der Argumentation meist ausgeblendet.

      8. LoMi

        „Männer haften, weil sie nur so daran gehindert werden können, weiter patriarchatsstabilisierend zu handeln.“

        Aber dieses Argument setzt natürlich voraus, daß die Abwehr des Eingriffs in die Rechtssphäre von Männern durch die Haftung hinter der Abschaffung des Patriarchats zurückstehen muß. Doch die Frage ist ja gerade, ob das moralisch richtig ist. Zweitens kann die Einwilligung von Männern nicht nachträglich eingeholt werden, denn es sind ja unbestimmt viele Männer betroffen, die keine Chance haben, mitzubestimmen.

        „Ich weiß gar nicht, ob der Feminismus überhaupt mit einer Moral wirbt.“

        Eigentlich schon – es wird ständig von Gerechtigkeit zwischen Geschlechtern gesprochen. Und da kann man natürlich auch nach den Kriterien und Bedingungen und ihrer moralischen Evaluation fragen.

        „Aber gibt es Gerechtigkeitsargumentationen und Abwägungen?“

        Ich persönlich kenne keine – die moralische Richtigkeit der Forderungen wird vorausgesetzt, nicht aber erwiesen.

        Die ganze Sache ist vor allem dann interessant, wenn die praktizierte von der behaupteten Moral abweicht.

      9. @LoMi:

        „Vorschlag: Wir weisen nach, dass selbst Feministinnen nur die patriarchale Sozialisation vollziehen und der Feminismus letztlich ein Machtinstrument des Patriarchats ist, so klug konstruiert, dass die Feministinnen es gar nicht merken ^^“

        So schwer ist das nun wirklich nicht zu beweisen. Da versuchen Millionen von Elternpaaren, auch die Väter, ihre Töchter zu selbstbewussten, starken Frauen zu erziehen und dann geraten diese Mädchen in der Pubertät und im Studium in die Fänge der Feministinnen, die ihnen einreden, dass sie das unterdrückte Geschlecht sind, dass hinter jedem Baum ein Vergewaltiger lauert, dass sie ihren Lovern nicht trauen dürfen, weil diese sie bestimmt bei nächster Gelegenheit verprügeln oder vergewaltigen werden, dass jede dritte Frau in ihrem Leben eine Gewalterfahrung durch Männer macht (wozu auch Anschubsen und Widerworte geben zählen). Mit anderen Worten, Statistiken werden maßlos übertrieben oder einseitig in Richtung einer allgegenwärtigen männlichen Bedrohung ausgelegt.

        Genau mit dieser Paranoia-Propaganda schaffen sie erst das Klima der Angst bei den jungen Frauen, das das Patriarchat so dringend als Unterdrückungsstrategie braucht, damit die jungen Frauen vor lauter Übervorsicht sich kaum noch etwas trauen. Mit anderen Worten, der Feminismus ist die fünfte Kolonne des Patriarchats.

  3. Wobei das Thema „Free the Nipple“ wohl Primär ein amerikanisches ist.
    In den USA war damals wegen dem Nippel von der Jackson Schwester beim Super Bowl sofort Schnapp-Atmung angesagt, in Europa hat es kein Schwein interessiert.
    Bei uns sieht man nackte Brüste in Filmen ab 12, in den USA wäre das nur für Erwachsene.

  4. „Kommen wir zum Schluß, wir lernen also: Es gibt Menschen (i.a. Frauen), die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt haben, und sich durch den Anblick eines entblößten (männlichen) Körpers getriggert fühlen. Männer dürfen sich aber durch den Anblick eines entblößten (weiblichen) Körpers ganz und gar nicht getriggert fühlen, weder im Sinne einer Aufforderung noch im Sinne eines Sich-Belästigt-Fühlens.

    Frauen sollen nach dem Willen von Feministen ihre Shirts ausziehen dürfen, Männer nicht mehr. Was daran jetzt antisexistisch sein soll, erschließt sich mir jetzt nicht wirklich.“

    Dem ist eigentlich kaum noch etwas hinzuzufügen. Danke für diesen guten Text.

    „Und weils grad so gut passt: Auch in Hommage an Matt Taylor schlage ich für allzu überzogene feministische Forderungen künftig folgenden Hashtag vor: #idontgiveashirt“

    Auch das. Eine gute Idee.

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