Natur, Kultur und Geschlecht. Eine anthropologische Skizze.

Vorbemerkungen: Dieser Blogpost hat den Charakter eines Fachartikels oder »technical papers« und ist daher möglicherweise nicht immer leicht zu lesen. Auch wenn ich mich bemüht habe, Fachjargon zu vermeiden, habe ich im Zweifelsfall der Ausdrucksabsicht Vorrang vor der Einfachheit gegeben.

Einzelne, ggf.längere Zitate haben nicht die Funktion, eine Beleglast zu tragen (das kann nur in Auseinandersetzung mit der referenzierten Literatur geschehen), sondern sollen die Pointe bestimmter Gedankengänge illustrieren – insbesondere dann, wenn ihre Paraphrase auf ein wörtliches Zitat hinausliefe.

Ein erheblicher Anteil des hier betriebenen Begründungsaufwands entfällt auf die Positionierung zur Soziobiologie, wobei ich grundsätzlich der Absicht folge, deren Positionen, soweit sinnvoll, in eine »integrative« Perspektive einzubeziehen.

(1) Wenn wir daran gehen, aus der wissenschaftlichen Literatur eine naturalistische Grundlegung der menschlichen Kultur zu kompilieren, bietet es sich an, bei der neuronalen Plastizität des menschlichen Gehirns zu beginnen. Die Frage nach Freiheit und Determinismus des menschlichen Verhaltens findet hier das Kernstück ihrer Beantwortung. Das menschliche Gehirn und sein funktioneller Aufbau ist das entscheidende Resultat der Hominisierung, der zum anatomisch modernen Menschen führenden Evolution. Gehirnforscher wie Singer (Singer 2002: 44, 2003: 97 f.) und Roth (Roth 2003: 81) und Soziobiologen wie Wuketits (Wuketits 1997: 166) und wohl auch Wilson (Wilson 2014: 291) sowie Paläoanthropologen wie Mithen (Mithen 1998: 171 ff.) sind sich darin einig, dass sich unabhängig von fortlaufenden genetischen Anpassungen des Homo Sapiens der strukturelle Aufbau und die funktionelle Ausstattung des menschlichen Gehirns seit dem Zeitraum von 80.000 bis spätestens 30.000 Jahren vuZ nicht mehr verändert hat, einem biologischen Lehrbuch zufolge sogar seit »weit über 100.000 Jahren« nicht mehr (Thompson 2001: 444). Laut Hermann Parzinger »besteht inzwischen in der Forschung weitgehende Einigkeit, dass sich der Homo sapiens des Jungpaläolithikums ab 40.000 vor heute in seinen kulturellen Fähigkeiten nicht mehr grundlegend vom heutigen Menschen unterschied.« (Parzinger 2014: 62) Höhlenmenschen und Justizbeamte haben die gleiche Kapazität für Kultur (Wuketits), Kinder der jüngeren Altsteinzeit könnten in modernen Kulturen zu Wissenschaftlern oder Geigenvirtuosen heranwachsen (Singer) und »Einstein hat die Relativitätstheorie mit einem Steinzeit-Hirn ersonnen.« (Welsch 2012: 729)

(2.1) Genetisch determiniert sind der anatomische Aufbau einzelner Neurone sowie das Größenwachstum des Gehirns, nicht aber die Muster neuronaler Aktivität. Erstens ist die Anzahl der menschlichen Gene um mehrere Größenordnungen unzureichend für die immense Größe des neuronalen Zustandsraums, der von ihnen kodiert werden müsste. (Schurz 2011: 198) Zweitens reagieren neuronale Aktivitäten auf andere neuronale Aktivitäten – obwohl sich das einzelne Neuron deterministisch verhält, sind die Muster ihres Zusammenwirkens indeterministisch, da sie von lokalen Parametern wie der Anzahl hemmender und erregender Synapsen und der Ort ihres Ansetzens auf der Länge eines Neurons bestimmt werden (Roth 2003: 123) und der aus dieser Variabilität hervorgehende potentielle Zustandsraum »hyperastronomisch« groß ist. (Doidge 2007: 294) Die neuronale Aktivität stellt daher einen in sich geschlossenen, selbstreferentiellen und zirkulären Prozess dar, dessen Zustände weder durch irgendeine Art von genetischer Programmierung noch auch durch direkte Einwirkungen von Umweltreizen erzeugt werden. (Maturana 2000: 82 ff.) »Obwohl … jedes Neuron zu jedem Zeitpunkt deterministisch mit einer definiten Übertragungsfunktion arbeitet und ein definites Aktivitätsmuster in seinem Effektorbereich erzeugt, können sich die Übertragungsfunktionen und die Muster der Effektoraktivität in vielen Neuronen von einem Augenblick zum anderen verändern. (…) Kein Neuron kann eine festgelegte funktionale Rolle in der Produktion von Verhalten spielen, wenn es seine Mitwirkung fortlaufend verändern muß. Aus dem gleichen Grund kann auch eine festgelegte Anhäufung von Zellen nicht als eine funktionale Einheit des Nervensystems betrachtet werden. Nur Verhalten selber kann als funktionale Einheit des Nervensystems aufgefaßt werden.« (Maturana 2000: 39 f.) Für Doidge stellt die Plastizität des menschlichen Gehirns einen »nicht-darwinschen Weg zur Veränderung biologischer Strukturen« dar. (Doidge 2007: 294-296) Das Aktivitätsmuster des neuronalen Prozesses wird von Umweltreizen moduliert, nicht aber erzeugt, Umweltreize werden also in ein bestehendes Aktivitätsmuster eingepasst und können nur innerhalb eines präexistenten Zustandsraums verarbeitet werden, denn ein bestimmter Anteil der neuronalen Aktivität hat ausschließlich interne Referenzen und ist daher selbsterzeugend oder autopoietisch. (Maturana 2000: 106 ff.) Dies impliziert auch, dass das Nervensystem des Gehirns mit seinen eigenen internen Zuständen so interagieren kann, als ob diese Zustände unabhängige Gegenstände wären. (Maturana 2000: 49) Somit kann es auf der Grundlage von Erinnerungen an frühere Erfahrungen gedankliche, modellhafte Simulationen von Umweltverhalten und Eigenverhalten durchführen.

(2.2) Konstruktivismus: Für die »Biologen der Erkenntnis« Piaget und Maturana steht der menschliche Verhaltensspielraum durch seine Bindung an einen Organismus per se unter constraints: Für Piaget gilt, »daß … kognitive() Schemata keinen absoluten Anfang haben und sich durch zunehmende Äquilibrations- und Selbstregulationsprozesse entwickeln …, so daß die Erkenntnis letzten Endes von der biologischen Organisation als ganzer abhängt.« (Piaget 1992: 14) Glasersfeld bezeichnet den »Zwang«, dass neue Begriffe sich in ein bestehendes begriffliches Netzwerk einfügen müssen, als »Viabilität«. Der Begriff enthält eine Paradoxie: »Die Viabilität von Begriffen … wird nicht an ihrem praktischen Wert gemessen, sondern an dem Grad ihrer widerspruchs- und reibungslosen Einpassung in das größtmögliche begriffliche Netzwerk«, wodurch aus der Perspektive des Organismus »Viabilität in der Erfahrungswelt anstelle der Korrespondenz mit einer ontologischen Realität« zu einem Hauptkriterium erfolgreichen Erkennens wird. (Glasersfeld 1997: 122) Dieselbe Konsequenz zieht Maturana: »Die anatomische und funktionale Organisation des Nervensystems sichert die Synthese von Verhalten, nicht eine Repräsentation von Welt.« (Maturana 2000: 44) »Die Relevanz des durch jene Aktivitätszustände erzeugten Verhaltens für die Erhaltung des lebenden Systems ist jedoch geschichtsabhängig und kann sowohl durch die Stammesgeschichte der Art als auch durch vorausgegangene Erfahrungen des Organismus bedingt sein.« (Maturana 2000: 47)

(3.1) Eine wesentliche Fähigkeit des menschlichen Gehirns, die sich zumindest bei den Menschenaffen, aber in Ansätzen vielleicht auch bei anderen Primaten findet (Gerhard Roth hält es für »plausibel anzunehmen, daß nicht nur wir Menschen, sondern auch Affen, Hunde, Katzen usw. denken können, daß sie Geist und Bewußtsein besitzen.« (Roth 1996: 76)), besteht daher in seiner Modellierungskapazität. Damit ist gemeint, dass zwischen einem Verhaltensreiz und einer Verhaltensreaktion ein System innerer Zustände liegt, welches Aspekte der Außenwelt, aber auch die eigene Handlungsplanung intern repräsentiert. (Roth 1996: 27 ff.) Der Inhalt der subjektiven Erfahrung ist somit zum einen der Inhalt eines Modells der Welt. (Metzinger 2004: 210) Darüber hinaus ist aber auch »Intentionalität«, d.h. die eigene perspektivische Gerichtetheit auf Gegenstände der Welt, Inhalt der subjektiven Erfahrung (Metzinger 2004: 411 ff.), wodurch schließlich nicht nur ein Weltmodell, sondern auch ein bewusstes Selbstmodell gebildet wird. (Metzinger 2004: 427)

(3.2) Diese Modellierungskapazität erlaubt es den Individuen, nicht nur in einer stabilen Umwelt mit bestimmten Eigenschaften über erfolgreiche Verhaltensweisen zu verfügen, sondern diese Umwelten lassen sich auf individuelle, gegenüber den allgemeinen Eigenschaften der ökologischen Nische variable Situationen herunterbrechen, in denen das Individuum eine flexible Selbststeuerung seines Verhaltens nutzen kann. Anstatt ausschließlich auf fixe, »festverdrahtete« Reiz-Reaktions-Muster angewiesen zu sein, kann es seine konkrete Umwelt zu einem bestimmten Zeitpunkt, in einer individuellen Konstellation, intern neuronal repräsentieren und auf diese Weise Verhaltensalternativen simulieren, bevor eine gewählte Verhaltensweise zur Ausführung gelangt. Solche Verhaltensweisen sind nicht »programmiert«, sondern erlernt, d.h. sie werden in einem Gehirn, dessen Struktur und Funktionsweise genetisch festgelegt ist, unabhängig von genetischen Programmen in nach der Geburt stattfindenden Prozessen verschaltet. Darin liegt seine Plastizität und die Bedeutung von Lernprozessen, von denen einige nicht optional sind, sondern stattfinden müssen, damit das Individuum bestimmte Mindestanforderungen seiner Spezies erfüllt, wie Forschungen zur frühkindlichen sensorischen Deprivation nicht nur für Menschen, sondern auch für Affen zeigen. (Kandel 2008: 43 ff.) Mit der neuronalen Plastizität des Gehirns einher geht entsprechend die Verhaltensplastizität des jeweiligen Organismus.

(4) Eine weitere wesentliche Fähigkeit des menschlichen Gehirns, die aber bei Menschenaffen nicht oder nur sehr stark eingeschränkt vorliegt, besteht in der »Theory of Mind«: darin, dass es die Perspektiven anderer Individuen in seine Modellsimulationen einbeziehen kann, impliziert also die »Fähigkeit, Vorstellungen von Bewusstseinszuständen Dritter haben zu können«. (Voland 2013: 220) Hierzu sind auch Schimpansen im Grundsatz fähig: sie wissen, das andere Individuen (eigene Artgenossen, aber auch Menschen) Dinge sehen, Dinge wissen und in Bezug auf Dinge Folgerungen anstellen. (Tomasello 2014: 21) Diese Kompetenzen sind bei ihnen jedoch auf den Bereich kompetitiven Verhaltens eingeschränkt: sie nutzen dieses Wissen, um Artgenossen zu übervorteilen und bauen daher keine kooperativen Beziehungen auf. Stattdessen ist ihr Zusammenleben durch Dominanzhierarchien geregelt. (Tomasello 2014: 34 f.) Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass ihre »Theory of Mind« sozial rekursiv ist: ein Schimpanse, der ein praktisches Problem zu lösen hat, denkt darüber nach, was ich denke. Ein anderer Mensch dagegen denkt darüber nach, was ich denke, dass er denkt, und was ich denke, dass er denkt, dass ich denke. (Tomasello 2014: 38) Diese soziale Rekursivität der Theory of Mind bildet die Grundlage der Möglichkeit, menschliches Handeln mit den Mitteln der Spieltheorie zu modellieren – menschliche Entscheidungen sind interdependent, diese Interdependenz ist allen Beteiligten bekannt, und allen Beteiligten ist bekannt, dass sie allen Beteiligten bekannt ist (Holler/Illing 2006: 1, Axelrod 1984) Diese Rekursivität konstituiert als »doppelte Kontingenz« einen soziologischen Grundbegriff. (Luhmann 1984: 148-190) Die soziale Rekursivität ist auch gleichbedeutend mit einem Selbstbewusstsein und einem Bewusstsein von anderen, mir ähnlichen bzw. kategorial gleichen Bewusstseinen.

(4.1) Die »Theory of Mind« in der spezifischen Form des Menschen, d.h. in der spezifischen Form kooperativen Verhaltens, ist nicht auf höhere kognitive Funktionen und die Sprache eingeschränkt, sondern zeigt sich bereits bei Kleinkindern im vorsprachlichen Alter. Sie ist nicht erlernt, sondern angeboren und damit ein Resultat der Evolution zum homo sapiens. (Tomasello 2012: 19 ff.) Sie ist daher kein rein kognitives Phänomen, sondern umfasst die Entwicklung der menschlichen sozialen Bindungsfähigkeit insgesamt. Dieses geht auf die menschliche Version einer »Zunahme des Elterninvestments« (Voland 2013: 163) aufgrund »einer verlängerten Tragzeit und einer gesteigerten Unfertigkeit des Menschen bei der Geburt sowie einer langen Kindheitsphase« (Dux 1994: 188) zurück und entstammt vermutlich dem erforderlich gewordenen intensivierten Fürsorgeverhalten innerhalb der Mutter-Kind-Dyade (Dux 1994: 181 ff.), das in physiologischer und emotionaler Hinsicht durch hormonelle Steuerung abgesichert ist. (Roth 2003: 121, 371)

(4.2) Für Maturana drückt sich der sozial rekursive Charakter der menschlichen Kognition auf der Ebene des Gehirns als Entstehung konsensueller Bereiche durch strukturelle Koppelung aus. (Maturana 2000: 121 ff.) Ein konsensueller Bereich ist ein Bereich der internen Repräsentation von Objekten, in dem zwei oder mehr menschliche Organismen die internen Repräsentationen des jeweils anderen wechselseitig zu einem Kriterium der Beurteilung der eigenen Repräsentationen machen. (Maturana 2000: 124 f.) Dies geschieht im Medium der Sprache durch »Interaktionen in semantischen Begriffen«. (Maturana 2000: 197). Die rekursive, sprachlich koordinierte Modellierung des Denkens anderer Menschen bezeichnet er als konsensuellen Bereich zweiter Ordnung, also als einen Konsens darüber, dass ein konsensueller Bereich vorliegt. (Maturana 2000: 125) Maturanas eigentümlicher Sprachgebrauch wird davon bestimmt, dass er Kognition und Sprachhandeln als Aktivitäten biologischer Organismen verstanden haben will, für die jegliche kognitive oder sprachliche Operationen eine Fortsetzung und Erweiterung biologischer Prozesse darstellen. Dennoch handelt es sich um eine eigene, selbständige Ordnung der biologischen Prozesse eines Organismus, insofern sie vom »Grad der strukturellen Plastizität seines Nervensystems« abhängen. (Maturana 2000: 124)

(5) Wir entwickeln die Bedeutung von Sprache und Symbolisierung im Folgenden als Variante der Theorie des »sozialen Gehirns« (Social Brain Hypothesis). Ursprünglich entstammt diese Theorie der Beobachtung des Verhaltens von Schimpansen unter Bedingungen eines intensiven Kontakts mit Menschen, wie sie beispielsweise bei Verhaltensexperimenten, also unter Laborbedingungen vorliegen. Unter diesen Umständen vollbringen die Versuchstiere erstaunliche kognitive und kommunikative Leistungen, die sie in freier Wildbahn niemals zeigen. Die Social Brain Hypothesis folgert daraus, »Intelligenz sei die adaptive Antwort nicht auf ökologische Herausforderungen …, sondern auf soziale Herausforderungen. Intelligenz sei primär sozialen Ursprungs.« (Voland 2013: 219) In der Kulturanthropologie finden wir eine Anwendung dieser Idee auf den Menschen bereits Anfang der 60er Jahre bei Clifford Geertz: »(T)he human brain is thoroughly dependent upon cultural resources for its very operation; and those resources are, consequently, not adjuncts to, but constituents of, mental activity. (…) The human nervous system relies, inescapably, on the accessibility of public symbolic structures to build up its own autonomous, ongoing pattern of activity. This, in turn, implies that human thinking is primarily an overt act conducted in terms of the objective materials of the common culture, and only secondarily a private matter.« (Geertz 1973: 76 ff.)

(5.1) Die menschliche Sprache und ihre Produktion von Symbolen ist insofern mit der menschlichen Kognition verknüpft, als sie den Strom des Bewusstseins strukturiert, fixiert und objektiviert. Bereits Wilhelm von Humboldt konstatiert, dass das menschliche Denken zur Bildung seiner Einheiten der Vorstellung einer Bindung an sinnliche Bezeichnungen bedarf, die es in den sprachlichen Lautzeichen findet. (Humboldt 1995: 3 f.) Georg Simmel stellt in seiner »Soziologie« fest, dass keine unserer sprachlichen Äußerungen den tatsächlichen Verlauf unseres inneren Vorstellungslebens abbildhaft wiedergibt, sondern es handelt sich stets um eine »teleologisch gelenkte, aussparende und wieder zusammensetzende Umformung der inneren Wirklichkeit.« (Simmel 1992: 388) Denselben Gedanken entwickelt Ernst Cassirer im ersten, der Sprache gewidmeten Band seiner »Philosophie der symbolischen Formen«: »Das Zeichen bildet gleichsam für das Bewußtsein das erste Stadium und den ersten Beleg der Objektivität, weil durch dasselbe zuerst dem stetigen Wandel der Bewußtseinsinhalte Halt geboten, weil in ihm ein Bleibendes bestimmt und herausgehoben wird. (…) Durch das Zeichen, das mit einem Inhalt verknüpft wird, gewinnt dieser in sich selbst einen neuen Bestand und eine neue Dauer. Denn dem Zeichen kommt, im Gegensatz zu dem realen Wechsel der Einzelinhalte des Bewußtseins, eine bestimmte ideelle Bedeutung zu, die als solche beharrt.« (Cassirer 1994: I, 22) Es ist damit auch die sprachliche Äußerung, die dem Denken seinen Inhalt erst zu Bewusstsein bringt: »we don’t know what we think until we see what we say.« (Geertz 1973: 77) Sprache, Denken, Reflexion und Bewusstsein gehören daher untrennbar zusammen. Für Maturana folgt daraus, »daß das Selbst-Bewußtsein ein soziales Phänomen ist, weil die Sprache als Bereich der konsensuellen Koordinationen von Handlungen ein soziales Phänomen ist, und daß das Selbst-Bewußtsein daher nicht im Bereich der anatomischen Phänomene der Körperlichkeit der lebenden Systeme entsteht, die es erzeugen. Im Gegenteil, das Selbst-Bewußtsein liegt außerhalb des Körperlichen und gehört zum Bereich der Interaktionen als eine Art und Weise der Koexistenz.« (Maturana 2000: 205) Eine ähnliche Konsequenz zieht auch Lev Vygotskij: »Wir glauben …, dass das sprachliche Denken keine natürliche, sondern eine gesellschaftlich-historische Form des Verhaltens ist, die sich deshalb durch eine ganze Reihe spezifischer Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten, die in den natürlichen Formen des Denkens und Sprechens nicht aufzufinden sind, von Grund auf unterscheidet. (…) Damit überschreitet das Problem von Denken und Sprechen aber die methodologischen Grenzen der Naturwissenschaft und verwandelt sich in das zentrale Problem der historischen Psychologie des Menschen, d.h. der Sozialpsychologie.« (Vygotskij 2002: 170 f.)

(5.2) Die vorstehend beschriebene »konstruktivistische« Funktion der Sprache enthält zugleich eine komplementäre nicht-konstruktivistische Implikation, die leicht übersehen werden kann: Sprache ist mit dem Bewusstseinsstrom, indem sie ihn strukturiert, fixiert und objektiviert, gleichwohl und eben dadurch nicht identisch. Sie konstituiert zwar dessen reflexives Vermögen, und sei es als inneren Dialog, ihre Prägungskraft findet aber eine Grenze an dem Umstand, dass der »autopoietische« Prozess des Organismus auch vorsprachliche Ebenen der internen Verhaltensregulation aufweist. Sprachliche Strukturierung des Bewusstseins kann also die im engeren Sinne biologischen Anteile an der Ontogenese des Organismus möglicherweise überlagern, aber nicht auslöschen. Diese Aussage stellt eine nicht-sprachrelativistische Positionierung in Bezug auf das Verhältnis von Sprechen und Handeln dar: bereits dem vorsprachlichen Handeln wohnt Sinn und Intentionalität inne, und Sprechen kann, wie insbesondere die Sprechakttheorie zeigt, als eine besondere Form des Handelns gesehen werden (Austin 1980, Searle 1983). Die Strukturen des Handelns sind daher in Bezug auf die Strukturen der Sprache grundlegend. Diese Positionierung hat wiederum Konsequenzen insbesondere hinsichtlich der Einschätzung geschlechtsspezifischer Einflüsse auf das individuelle Verhalten. Generell leitet sich hieraus die Aufgabe ab, das Modell einer »vertikalen« Integration von unterschiedlichen Ebenen der Verhaltenssteuerung zu entwerfen. Dies erfolgt in Abschnitt 8.

(5.3.1) Wie entsteht im Medium der Sprache und sozial rekursiver Kommunikation Gesellschaft? Im ersten Schritt der menschlichen »Theory of Mind« entsteht geteilte Intentionalität: Menschen verstehen einander gegenseitig und vertrauen einander auf dieser Grundlage gegenseitig, verlässliche Kooperationspartner zu sein, sie bewerten einander aber auch gegenseitig danach, ob und inwieweit sie über diese kooperativen Fähigkeiten verfügen, bzw. danach, inwieweit sie ihre individuellen Kompetenzen zum Wohl der Gruppe einsetzen. (Tomasello 2014: 82) Ich äußere eine Behauptung über die Welt, bei der ich weiß, dass meine Mitmenschen mich danach beurteilen, ob diese Behauptung zutrifft, und ich tätige eine Aussage über meine Absichten, bei der ich weiß, dass meine Mitmenschen mich danach beurteilen, ob ich dieser Absichtserklärung nachkommen werde. Indem ich eine Aussage mache, treffe ich zugleich eine öffentliche Festlegung über die Wahrheit dieser Aussage. Mein Gegenüber beurteilt mich anhand der Qualität meiner Festlegungen, ich weiß, dass mein Gegenüber mich anhand der Qualität meiner Festlegungen beurteilt, und mein Gegenüber weiß, dass ich weiß, dass er mich anhand der Qualität meiner Festlegungen beurteilt.

(5.3.2) In einem zweiten Schritt wird dieses Verhalten einer gegenseitigen, an die Perspektive der zweiten Person gebundenen Bewertung generalisiert: Bewertung tritt nun in dem unspezifischen, generischen Modus einer transpersonalen Perspektive des »Man« auf. Dieser Schritt von der zweitpersonalen zur transpersonalen Perspektivität begründet eine Geltung von Verhaltenserwartungen aus beliebiger, kollektiver und damit »objektiver« Betrachtungsweise (Tomasello 2014: 87 ff.), und stellt damit zugleich die »Erfindung« der Kultur dar: Kultur ist gleichbedeutend mit der Erfindung einer auf konventionelle Normen gegründeten, allgemeingültigen »Objektivität«. »Objektiv« ist das, was aus jeder beliebigen Perspektive gilt, und auf diese Weise werden soziale Konventionen zu einer externen Realität verdinglicht. Fortan ist »Kultur« auch ein Ausweis von Gruppenzugehörigkeit: wer die Welt sieht und die Dinge tut »wie wir«, ist ein verlässliches Mitglied »von uns«. Aus der einen Seite entsteht daraus ein sozialer Konformitätsdruck, auf der anderen Seite die Fähigkeit, kulturelle Gegenstände gleichsam »ex nihilo« zu erschaffen: indem das, was allgemein anerkannt ist, als »Realität« gilt, können Akte der allgemeinen Anerkennung auch Realität herstellen.

(5.3.3) Daraus geht, mit dem Begriff von John Searle, eine selbständige »Ontologie sozialer Tatsachen« hervor. (Searle 2011) Sie beruht darauf, dass die Entstehung einer transpersonalen, »objektiven« Perspektive die soziale Welt in ein Universum »deontischer Kräfte«, Kräften des Sollens und der Pflicht, verwandelt. Wir verpflichten uns darauf, kollektiv geltende Perspektiven als Realität zu behandeln, und können darum umgekehrt mit der Festlegung auf kollektiv geltende Perspektiven kulturelle Realität erschaffen. »Deontische Kräfte sind Kräfte, die allein deshalb existieren, weil sie anerkannt sind und in ihrer Existenz akzeptiert werden. (…) Daß etwas der Fall ist, führen wir herbei, indem wir es als etwas repräsentieren, was der Fall ist. (…) Wir haben die Fähigkeit, eine Realität zu schaffen, indem wir sie als etwas Existierendes repräsentieren.« (Searle 2012: 151 f.) Searle baut auf diesen Grundgedanken sein Konzept der Status-Funktionen auf: »Eine Status-Funktion definiere ich als eine Funktion, die von einem Gegenstand (Gegenständen), einer Person (Personen) oder einer anderen Entität (Entitäten) erfüllt wird und die nur aufgrund der Tatsache erfüllt werden kann, daß die Gemeinschaft, in der sie erfüllt wird, dem betreffenden Gegenstand, der betreffenden Person oder der betreffenden Entität einen bestimmten Status zuschreibt, und daß die Funktion vermöge der kollektiven Akzeptierung oder Anerkennung des Gegenstands, der Person oder der Entität als Träger dieses Status erfüllt wird.« (Searle 2012: 160 f.) Die allgemeinste Form einer solchen Statusfunktion lautet: »X gilt in K als Y« (Searle 2012: 163), und kann beispielsweise ausgefüllt werden als »›Großer Griesgram‹ (X) gilt im Kontext der Entscheidungsfindung auf Gruppenebene (K) als Häuptling (Y).« Searle sieht in dieser Statusfunktion die Grundlage der Existenz aller »institutionellen Tatsachen« (Searle 1983: 78 ff.), also jener, die ausschließlich im Modus einer geltenden Regel existieren, aber dadurch gleichwohl das menschliche Verhalten steuern: »Alle gesellschaftlichen Institutionen des Menschen werden durch eine einzige logisch-sprachliche Operation, die stets von neuem zum Einsatz gebracht werden kann, ins Leben gerufen und in Existenz gehalten.« (Searle 2012: 108)

(5.4) Der Erwerb der menschlichen Sprache und der menschlichen kognitiven Fähigkeiten ist ein zeitlich langwieriger, rekursiver Lernprozess, in dem sprachliche und kognitive Strukturen sukzessive aufgebaut werden. Diese Vorgänge sind sehr intensiv im Rahmen der von Jean Piaget begründeten kognitiven Entwicklungspsychologie untersucht und beschrieben worden. Piaget ist dafür bekannt, ein empirisch fundiertes Stadienschema des »Erwachens der Intelligenz beim Kinde« vorgelegt zu haben, das in wesentlichen Hinsichten auch heute noch gültig ist. (Berk 2011: 22 f.) Da uns hier nicht die Details seines Stufenschemas, sondern seine Auffassung des Verhältnisses von »Biologie und Erkenntnis« interessieren, müssen wir uns zunächst ein längeres Zitat von ihm zumuten:

»Im Falle der logisch-mathematischen Erfahrung … werden die Erkenntnisse nicht aus den Gegenständen selbst gewonnen, sondern aus den mit ihnen vollzogenen Akten: durch den Akt des Ordnens werden die Gegenstände in eine Reihe gebracht; der Akt des Zusammenfassens macht aus ihnen eine Summe, eine logische oder numerische Ganzheit; der Akt des In-Beziehung-Setzens kann sie numerisch (aber nicht notwendig hinsichtlich ihrer Formen und Farben) gleichwertig machen; und so fort. (…) Aus biologischer Sicht kommen die Akte des Zusammenfassens oder Einschachtelns, des Ordnens usw. keineswegs durch Lernen zustande, da die Beziehungen der Einschachtelung, der Ordnung oder der Korrespondenz an allen Koordinationen des Verhaltens, des Nervensystems, der physiologischen Funktionen und der lebenden Organisation im Allgemeinen schon als Vorbedingungen, nicht erst als Ergebnisse wirksam werden. (…) Trotzdem sind es zwei verschiedene Dinge, ob das Subjekt eine im Gegenstand liegende Regelmäßigkeit, die bloß festgestellt zu werden braucht, von außen registriert, oder ob es diese Regelmäßigkeit aktiv durch eine Operation erzeugt, die wohl das Objekt stark imitieren kann, aber der gegebenen Regelmäßigkeit den Charakter einer endogenen Notwendigkeit und Intelligibilität verleiht, den sie aus sich selbst nicht hatte. (…) Gelten die Gesetze der Logik dagegen universell, … dann müßten sie angeboren sein und sich von frühester Kindheit an manifestieren. Davon kann indes keine Rede sein; ihre Notwendigkeit ist vielmehr das Ergebnis einer allmählichen Konstruktion. (…) Die Notwendigkeit der logisch-mathematischen Strukturen beweist somit keineswegs deren Erblichkeit; sie resultiert vielmehr aus deren progressiver Äquilibration durch Selbstregulierung. (…) Die interne Äquilibration solcher Strukturen genügt, um ihre Allgemeinheit und vor allem ihre unbegrenzt bewegliche Ausweitung zu erklären.« (Piaget 1992, S. 317 ff.)

Dieses Zitat enthält in komprimierter Form wesentliche Argumente dafür, warum und in welchem Sinne Piaget die menschliche Erkenntnis als biologischen Vorgang betrachtet, aber auch dafür, warum er trotz dieser biologischen Betrachtungsweise zu Recht als »Konstruktivist« gilt.

Erstens: logisch-mathematische Erfahrung ist darin »konstruktiv«, dass sie auf einer rekursiven Integration von an Gegenständen vollzogenen Operationen besteht, die zunächst manuell und an konkreten Gegenständen, später dann mental und an abstrakten Gegenständen vorgenommen werden. Die mentalen Konzepte der zeitlichen und räumlichen Objektkonstanz, Zahlbildung, Mengenbildung, Ordnung und Hierarchisierung setzen zunächst aktive, manuelle Operationen des Kleinkinds voraus, werden aber in fortgeschrittenem Alter selbst zum Ausgangsmaterial für komplexere Operationen, die dann als rein mentale Vorgänge ablaufen. Piaget analogisiert die Idee eines rekursiven Aufbaus immer formalerer Operationen einem ähnlichen Vorgang in der Mathematik, indem er auf Gödels Unvollständigkeitssatz verweist:

»(S)o hat Gödel schon 1930 mit seinen bekannten Theoremen demonstriert, daß ein ansonsten für die Erfüllung seiner Bedürfnisse genügend reiches System (z.B. die elementare Arithmetik) nicht in der Lage ist, seine Widerspruchsfreiheit nur mit seinen eigenen oder schwächeren Mitteln zu beweisen. Dieser Beweis verlangt, über die Grenzen des Systems hinauszugehen und das System selbst in ein ›stärkeres‹ zu integrieren … . Mit anderen Worten, eine Struktur kann sich nicht durch schlichte Ausweitung der gegebenen Operationen und durch Kombination der bekannten Elemente ausschließlich auf ihrer eigenen Stufe entwickeln: der Fortschritt besteht in der Konstruktion einer umfassenderen, die vorangehende mit umgreifenden Struktur, die allerdings zugleich neue Operationen einführt.« (Piaget 1992, S. 326)

Zweitens: die elementaren manuellen Operationen selbst sind nicht erlernt, sondern werden vom Organismus bereits mitgebracht, aber die Erfahrung der Regelmäßigkeit und Notwendigkeit entsteht durch die Selbstbeobachtung der eigenen erfolgreichen Handlungen – sie ist also nicht als Inhalt des Denkens vorgegeben, sondern vom fortgesetzten und sich erweiternden praktischen Vollzug der Handlungen abhängig und wird aus ihnen sukzessive aufgebaut. Ohne den tatsächlichen Gebrauch kognitiver Operationen findet ein Aufbau der Intelligenz nicht oder nur sehr eingeschränkt statt. Es gibt keine interne Kraft des Organismus, die sie unabhängig von ihrem Gebrauch in der Handlungsumwelt entstehen lassen würde. Dennoch ist Kognition der Spezialfall des adaptiven (bei Piaget: akkommodativen und assimilativen) Verhaltens menschlicher Organismen.

Drittens: der Begriff einer »progressiven Äquilibrierung durch Selbstregulierung« verweist darauf, dass der Organismus einen Zustand des Gleichgewichts, der Äquilibrierung, anstrebt, in dem seine kognitiven Instrumente eine zureichende Beherrschung der gegebenen Handlungsumwelt gestatten, die keine Weiterentwicklung mehr erfordert. Damit ist die Begrenzung der kognitiven Entwicklung nicht an innere Schranken gebunden, sondern an den Charakter und Umfang des kognitiv zu verarbeitenden Materials bzw. der kognitiv zu beherrschenden Lebensumwelt. Die kognitive Entwicklung bleibt simpel in einfachen Lebensumgebungen, und sie entfaltet ihr volles Potential erst in komplexen Umwelten, in denen höhere Abstraktionsleistungen gefordert und gefördert werden. Eine solche Bindung der miteinander korrelierten Sprach- und Kognitionsentwicklung an soziale und historische Umstände wird auch von Maturana gesehen: »Die von einer Sprache im Laufe ihrer Geschichte erreichte Vielfalt hängt daher notwendigerweise sowohl von der potentiellen Verhaltensvielfalt der Organismen ab, welche an dem konsensuellen Bereich mitwirken, als auch von der historischen Verwirklichung solcher Verhaltensweisen und Unterscheidungen.« (Maturana 2000: 127)

(5.5) Insoweit der Stand der individuellen kognitiven Entwicklung mit dem Stand der kulturellen Entwicklung der jeweiligen Gruppe korreliert ist, lässt sich daraus die allgemeinere Formulierung ableiten, dass die Entfaltung der menschlichen Intelligenz an die Entfaltung des Zivilisationsprozesses insgesamt gekoppelt ist. An dieser Stelle soll der Gedanke nur vorläufig illustriert werden, da wir im Augenblick die »ontogenetische« Frage kognitiver Kompetenzen individueller Organismen betrachten, während die »phylogenetische« Frage des Verhältnisses von biologischer und kultureller Evolution erst später verhandelt wird. »Dem Individuum gelingen seine Erfindungen oder intellektuellen Konstruktionen nur in dem Maße, in dem es selbst ein Ort kollektiver Interaktionen ist, deren Niveau und Wert natürlich von der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit abhängen.« (Piaget 1992, S. 378)

Die in (5.1) angedeutete These, dass der Entwicklungsstand individueller kognitiver Kompetenzen nicht nur vom individuellen Lernvermögen, sondern vom kollektiven Entwicklungsstand der sozialen Umwelt abhängt, ist in weltweit kulturvergleichenden Studien breit untersucht und gut belegt worden und wurde erstmals durch die Untersuchungen von Alexander Lurija bekannt, den ich hier nach Christopher Hallpike (Hallpike 1990) zitiere. Im Folgenden gebe ich ein Beispiel wieder, das nicht nur für die individuelle interviewte Person repräsentativ ist, sondern für das kulturelle Milieu insgesamt, dem der Interviewte entstammt. Lurija »fand bei Untersuchungen unter ungebildeten bäuerlichen Usbeken in Zentralasien, daß diese sich weigerten, logische Probleme rein hypothetisch … zu behandeln. Luria legte das folgende Beispiel einer deduktiven Schlußfolgerung einem 37 Jahre alten ungebildeten Kaschgaren aus einem abgelegenen Dorf vor (…):

Frage: Im hohen Norden, wo es Schnee hat, sind die Bären weiß. Nowaja Semlja ist im hohen Norden, und es hat dort immer Schnee. Welche Farben haben dort die Bären?

Antwort: Es hat dort verschiedene Arten von Bären.

F.: [Der Syllogismus wird wiederholt.]

A.: Ich weiß es nicht; ich habe nie einen schwarzen Bären gesehen, ich habe nie andere gesehen. Jeder Ort hat seine eigenen Tiere; wenn es weiße sind, dann sind alle weiß, wenn es gelbe sind, sind sie gelb.

F.: Welche Arten von Bären gibt es aber in Nowaja Semlja?

A.: Wir reden immer nur von dem, was wir sehen; wir reden nicht von dem, was wir nicht gesehen haben.

F.: Was bedeuten aber meine Worte? [Der Syllogismus wird wiederholt.]

A.: Nun, es ist so: Unser Zar ist nicht wie eurer, und eurer ist nicht wie unserer. Ihre Worte können nur von jemandem beantwortet werden, der dort war, und wenn eine Person nicht dort war, kann sie nur von Ihren Worten aus nichts sagen.

F.: Doch können Sie aus meinen Worten – im Norden, wo es immer Schnee hat, sind die Bären weiß – schließen, welche Art von Bären es in Nowaja Semlja gibt?

A.: Wenn ein Mann sechzig oder achtzig Jahre alt wäre und einen weißen Bären gesehen und darüber gesprochen hätte, könnte man ihm glauben, aber ich habe nie einen gesehen, und deshalb kann ich es nicht sagen. Das ist mein letztes Wort. Die welche sahen, können darüber sprechen und die, die nicht gesehen haben, können nichts sagen.« (Hallpike 1990: 146)

Die Interviewten stützen ihre Antworten allein auf ihre Erfahrungen mit den tatsächlichen sozialen Beziehungen und sind dadurch nicht auf ein Denken vorbereitet, das sich auf nicht persönlich oder im engen sozialen Umfeld gewonnene, also sozial beglaubigte Erfahrungen stützt, sie können Aussagen nicht vom Kontext des konkreten Gesprächs lösen, sie verstehen einen Syllogismus nicht als selbständiges System aufeinander verweisender Aussagen, sie haben kein Verständnis für die abstrakte Rolle logischer Quantoren, und sie lehnen Lösungen der Syllogismen ab, wenn deren Aussagen geltenden sozialen Normen widersprechen. (Hallpike 1990: 148 f.) Es handelt sich bei den Interviewten um Analphabeten ohne Schulbildung, deren Lernprozesse nie anders als in enger Bindung an praktische Kontexte stattgefunden haben. Eine der wichtigsten kulturellen Institutionen, die zur Entwicklung höherer kognitiver Kompetenzen erforderlich ist, ist daher die Schule als ein Ort verallgemeinerten, dekontextualisierten Lernens, in der zugleich die Schrift als dekontextualisierte Form des Ausdrucks gedanklicher Inhalte gelernt wird. Kinder aus denselben Gesellschaften, die zumindest eine elementare Schulbildung genossen und schreiben gelernt haben, sind Erwachsenen ohne entsprechende Bildung hinsichtlich ihrer kognitiven Kompetenzen klar überlegen. (Hallpike 1990: 155-161) Dieser Zusammenhang sollte nicht mit der Trivialität verwechselt werden, dass, wer nicht zur Schule geht, eben nicht lesen, schreiben und rechnen kann. Sondern er besagt, dass, wer sich nie in von praktischen Zusammenhängen losgelösten, dekontextualisierten Lernsituationen befunden hat, auch niemals ein höheres, formales Abstraktions- und Urteilsvermögen entwickeln wird.

(6) Der wesentliche Nutzen eines kognitions- und moralpsychologischen Stufenschemas besteht darin, dass es der soziologischen Theorie (a) den Anschluss an ein naturalistisches Modell der Ontogenese der menschlicher Verstandesleistungen ermöglicht, (b) ein Modell der kulturellen Evolution und des Zivilisationsprozesses als phylogenetische Interpretation des ontogenetischen Stufenschemas zu formulieren erlaubt und (c) der prinzipiellen Offenheit historischer Prozesse durch eine Unterscheidung zwischen einer durch das phylogenetische Stufenschema beschriebenen Entwicklungslogik und einer durch das ontogenetische Stufenschema beschriebenen Entwicklungsdynamik gerecht werden kann. Was immer der Zivilisationsprozess an Handlungskompetenzen und Institutionen hervorbringt, lässt sich auf das Koordinatensystem eines ontogenetisch-phylogenetischen Parallelismus abbilden, welches im Prinzip nichts enthält, das nicht in naturalistischer (oder, wenn man so will, materialistischer) Weise zu den Kompetenzen des menschlichen Gehirns in Beziehung gesetzt werden kann. Dieses Programm ist in der Soziologie erstmals von Jürgen Habermas skizziert worden: »Für die Ontogenese der Erkenntnis- und Handlungsfähigkeiten lassen sich (im Sinne der kognitivistischen Entwicklungspsychologie) Entwicklungsstufen unterscheiden. Diese Stufen verstehe ich als Lernniveaus, die die Bedingungen möglicher Lernprozesse festlegen. Da die Lernmechanismen zur Ausstattung des (sprachfähigen) menschlichen Organismus gehören, kann sich die soziale Evolution … auf individuelle Lernkapazitäten stützen. (…) Die zunächst von einzelnen Gesellschaftsmitgliedern oder marginalen Gruppen erworbenen Lernkapazitäten finden über exemplarische Lernvorgänge Eingang in das Deutungssystem der Gesellschaft. Die kollektiv geteilten Bewußtseinsstrukturen und Wissensvorräte stellen … ein kognitives Potential dar, das gesellschaftlich genutzt werden kann. (…) Gesellschaften können evolutionär lernen, indem sie die in Weltbildern enthaltenen kognitiven Potentiale für die Umorganisation von Handlungssystemen nutzen.« (Habermas 1976: 176)

(6.1) Analog zum kognitionspsychologischen Stufenschema gehört zum vorstehend skizzierten Theorieprogramm auch ein moralpsychologisches Stufenschema, das insbesondere im Werk von Lawrence Kohlberg vorliegt (Kohlberg 1996). Da dies aber am Konstruktionsprinzip einer naturalistischen Kulturtheorie nichts ändert, wird es hier nicht gesondert erläutert.

(7) Dasselbe kognitionspsychologische und kognitionsbiologische Grundschema begründet auch ein Plattform, auf der sich das gesamte Programm der verstehenden und phänomenologischen Soziologie fundieren lässt, insbesondere in der Form des klassischen Sozialkonstruktivismus und der Wissenssoziologie. (Schütz/Luckmann 2003, Berger/Luckmann 1980) Insbesondere Berger und Luckmann binden ihren Konstruktivismus über den Begriff der Institutionalisierung zugleich an das Menschenbild der Philosophischen Anthropologie und damit an eine naturalistische Grundlage. (Berger/Luckmann 1980: 49-98) Auch dieses Thema wird hier nicht weiter erläutert.

(8.1) Wir haben in Abschnitt 5.2. angedeutet, dass Sprache und die in ihr verarbeiteten kulturellen Muster nicht den gesamten menschlichen Verhaltensprozess strukturieren, sondern dass diesem Prozess auch vorsprachliche Schichten angehören. Der Grundgedanke kann auf die folgende Formulierung gebracht werden: menschliches Verhalten ist ein vertikal integriertes System, weil das menschliche Gehirn ein vertikal integriertes System ist. Insbesondere arbeitet das kognitive Modul des Gehirns nicht isoliert, sondern im Kontext einer Rückkoppelung mit dem limbischen System, das seinerseits in hierarchische Konditionierungsebenen gegliedert ist, welche nur begrenzt oder gar nicht einer bewussten Einflussnahme zugänglich sind. (Roth 2003: 373 ff.) Diese Konditionierungsebenen enthalten sowohl lernunabhängige, also angeborene, Dispositionen als auch durch die frühkindliche Lebensumwelt zustande gekommene ontogenetische Prägungen und somit die Lebenserfahrung des Organismus. Die emotionalen Module des Gehirns arbeiten vor diesem lebensgeschichtlichen Hintergrund »als ein Bewertungssystem im Dienste der Verhaltenssteuerung«. (Roth 2003: 376) Ohne diese Fähigkeit zur Bewertung und Priorisierung von Verhaltensoptionen wäre der menschliche Verstand eine leerlaufende, richtungslose Maschinerie.

(8.2) Dies bedeutet andererseits nicht, dass das menschliche Verhalten dadurch zu einem deterministischen Automaten wird. Sondern menschliches Handeln wird durch Bedürfnisaufschub »abhängbar« von seinen Antrieben, und »(d)ieses Aufschieben schafft … einen Leerraum, einen Hiatus zwischen den Bedürfnissen und Erfüllungen«. (Gehlen 2014: 334) Diese »Lücke«, dieser Hiatus ist der anthropologische Ort der Emotionen: sie verbinden Bedürfnisse, die sich nicht mehr reflexhaft in Verhalten umsetzen, mit den auf sie bezogenen Erfüllungshandlungen und halten die Bedürfnisse für einen Latenzzeitraum in der Sphäre des reflexiv kontrollierten Handelns präsent und in Geltung. »Emotionen entstehen aus Antrieben, die (noch) nicht in Handlungen umgesetzt sind.« (Eibl 2009: 59)

(8.3) Darüber hinaus erfüllt planmäßiges, »abgekoppeltes« Handeln nicht nur die ihm zugrundeliegenden Bedürfnisse auf einem Umweg, sondern es kann auch neuartige, historisch präzedenzlose Handlungsweisen den Charakter von Bedürfnissen verleihen: »die menschlichen Antriebe sind entwicklungsfähig und formbar, sind imstande, den Handlungen nachzuwachsen, die damit selber zu Bedürfnissen werden. (…) Man kann daher auch sagen, es besteht gar keine objektive Grenze zwischen Antrieben und Gewohnheiten, zwischen primären und sekundären Bedürfnissen, sondern dieser Unterschied, wo er je auftritt, wird vom Menschen selbst gemacht.« (Gehlen 2014: 336) Anders formuliert: menschliche Antriebe sind hinsichtlich ihrer Objektwahl unterspezifiziert. Worauf sich elementare Empfindungen wie etwa das Scham- und Schuldgefühl oder auch die Orientierung an Rang- und Statusindikatoren richten, ist biologisch unterbestimmt und in diesem Sinne kulturell konstruiert. Die vertikale Integration menschlichen Verhaltens ist also keine unidirektionale Hierarchie, sondern erfolgt durch Kontrollflüsse sowohl bottom-up als auch top-down. Diese Differenzierung ist wesentlich, um zu verstehen, dass eine Identifikation unbewusster Verhaltensroutinen allein noch keinen Hinweis auf eine Verhaltensfestlegung durch angeborene, biologische Muster impliziert. Es bedarf eines hierauf abgestimmten, gesonderten Forschungsdesigns, um diesen Unterschied herauszuarbeiten.

(9.1) Es gibt eine ganze Reihe von geschlechtstypischen Verhaltensdispositionen, für die sich eine biologische Fundierung plausibel beanspruchen lässt, die ich aber hier nicht im Einzelnen diskutiere, sondern nur im Telegrammstil aufzähle: unterschiedlich gute Leistungen bei verbalen Kompetenzen (Frauen+), räumlichem und analytischem Denken (Männer+), unterschiedliche Interaktionsstile in Bezug auf Kinder (verbal / explorativ), Spielzeugpräferenzen bei Kleinkindern (Puppen / Autos), komplementäre Denkstile (prädikativ / funktional), unterschiedliche Aggressionsmuster (reaktiv / assertiv, Beziehungsaggression / offene Aggression), unterschiedliches Rangverhalten (instabile Geltungshierarchie / stabile Dominanzhierarchie), Selbstvertrauen (Selbstunterschätzung / Selbstüberschätzung), unterschiedliche Misserfolgstoleranz, unterschiedliches Risikoverhalten (vernünftig / übermütig), unterschiedliches Geltungsstreben (Streben nach Unauffälligkeit / Auffälligkeit), unterschiedliche Partnerschaftspräferenzen (good provider/good genes), unterschiedliche Bewertung von Familie und Beruf und andere. (Bischof-Köhler 2011) Bischof-Köhlers Arbeit, auf die ich mich hier zentral beziehe, hat den Vorzug, nicht nur eine Synopse einer Vielzahl von umsichtig bewerteten empirischen Studien zu bieten, sondern in der Abwägung der Befunde ein Abgleiten sowohl in kulturalistische als auch biologistische Positionen zu vermeiden. Auch in der Erörterung der Konsequenzen aus diesen Befunden vermeidet sie eine übereilte Festlegung auf ein politisches »Lager«. Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass Bischof-Köhlers Entwurf nicht voraussetzt, »dass die angeborenen Präferenzen geschlechtsspezifisch sind, also ausschließlich bei Jungen oder bei Mädchen auftreten. Ihre Verteilung über die Geschlechter kann sich durchaus überlappen. Es genügt, wenn auf jeder Seite die Mehrzahl der Beteiligten die genannten geschlechtstypischen Vorlieben zeigt«. (Bischof-Köhler 2011: 352)

(9.2) Abgesehen davon, dass ich ihre Datenbasis und Argumentation für solide und sauber ausgearbeitet halte, ist auch eine Tendenz in ihren Schlussfolgerungen höchst aufschlussreich: sie identifiziert nicht nur eine grundsätzliche Differenzen in männlichen und weiblichen Dispositionen, sondern auch eine hierin gründende, grundsätzliche Asymmetrie in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die sie als ein Potential für Diskriminierung sieht: »Die Eigen- und Fremdstereotypen beinhalten nämlich nicht nur bloße Tatsachenbehauptungen, sondern auch eine Bewertung, und zwar nicht nur symmetrisch zugunsten des eigenen und zuungunsten des anderen Geschlechts, sondern auch asymmetrisch zum Nachteil der Frauen. (…) Dabei ziehen die Frauen häufig den kürzeren, sei es, weil sie durch die rigorosen Methoden der Männer überrollt werden, sei es, dass sie sich selbst ins Abseits manövrieren, indem sie sich imponieren lassen und dünnhäutiger auf Misserfolge reagieren. (…) Das Wertgefälle zuungunsten der Frau erschloss sich dabei nämlich als eine weitere Konsequenz unseres phylogenetischen Erbes, genauer gesagt, des ständigen Konkurrenzdrucks im männlichen Geschlecht.« (Bischof-Köhler 2011: 353 f.) Der Unterschied zum feministischen Diskriminierungsargument besteht aber darin, dass es sich dabei nicht um die Unterdrückung einer spontanen Tendenz zu gleichem Verhalten handelt, sondern um die unzureichende gesellschaftliche Entlastung einer spontanen Tendenz zu ungleichem Verhalten. Ähnlich wie sich selbst überlassene Marktprozesse nicht zum Ausgleich, sondern zum Monopol tendieren, so tendieren sich selbst überlassene Geschlechterbeziehungen zu einer inhärenten Ungleichwertung der Geschlechter. Auch in Bischof-Köhlers dezidiert biologisch argumentierendem Ansatz ist die Frage nach kompensierenden gesellschaftlichen Interventionen daher nicht von vornherein vom Tisch. Anders aber als in einer »Patriarchatstheorie« oder Theorie »männlicher Hegemonialität« gibt es kein aktives Beherrschungsstreben des männlichen über das weibliche Geschlecht, sondern die den Geschlechterbeziehungen inhärente Asymmetrie ist ein Systemeffekt biogener geschlechtstypischer Dispositionen, über die bis in moderne Zeiten keines der beiden Geschlechter reflexiv, und damit auch nicht intentional verfügt. In diesem Sinne »beseitigt« ihr Modell den Begriff des »Patriarchats«, indem geschlechtstypische Verhaltensdivergenzen nicht intentionalistisch und psychologistisch missverstanden werden.

(9.3) Wir können die verhaltensbiologischen und verhaltenspsychologischen und damit akteurstheoretischen Befunde von Doris Bischof-Köhler nun auf die Ebene elementarer sozialer Funktionsbereiche abbilden. Hierzu eignet sich insbesondere die von Klaus E. Müller schon in den 80er Jahren vorgelegte ethnographische Geschlechtsrollensynopse. (Müller 1989) Müllers Entwurf ist wesentlich dadurch gekennzeichnet, dass er ältere evolutionistische Modelle des Übergangs einer »matriarchalen« zu einer »patriarchalen« Entwicklungsstufe menschlicher Kulturen, wie man sie bei Lewis H. Morgan, Friedrich Engels oder Johann Jakob Bachofen findet, zurückweist und an umfangreichem ethnografischem Material zeigt, dass dem Geschlechterverhältnis bereits in primitiven Gesellschaften eine fundamentale Asymmetrie innewohnt. Er untersucht dabei sowohl die biologische und ökonomische Existenzsicherungsbasis solcher Gesellschaften als auch den kulturellen »Überbau«, d.h. vor allem die symbolischen Grundstrukturen der Gesellschaftsordnung. Müller identifiziert eine elementare »Zwei-Sphären-Dichotomie«, die er als »Endosphäre« und »Exosphäre« bezeichnet: »Die Frauen, durch Schwangerschaft und Geburt und Betreuung der Kinder in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt, gingen weiterhin, vielleicht auch verstärkt, der Sammelwirtschaft im näheren Umfeld des Lagers nach …, so daß sich ihre Bindung an Haus und Siedlung auf diese Weise also zunehmend verstärkte. Die Männer dagegen gewannen mit der Entwicklung der Jagd die Möglichkeit, sich mehr und mehr aus dem engeren Lagerbereich und seinem Umkreis zu lösen. Ihre Lokomotion erfuhr eine quasi sprunghafte Dynamisierung, entfaltete sich gewissermaßen spiralförmig-zentrifugal über die Zentralareale hinaus bis teils in die Tiefen der Exosphäre jenseits der Territoriumsgrenzen hinein. (…) Ganz zwangsläufig also verfügten die Männer immer über das umfassendere, weiterreichende Wissen, gelangten als erste in den Besitz von Neuigkeiten aus der Außenwelt, d.h. geboten in gewissem Maße auch über die Zukunft, besaßen am ehesten Fremdsprachenkenntnisse und zeigten sich so im Umgang insgesamt versierter, quasi ›weltläufiger‹.« (Müller 1989: 381 f.)

(9.4) Es fällt nicht schwer, die von Bischof-Köhler identifizierten geschlechtstypischen Dispositionen auf Müllers Dichotomie von Endosphäre und Exosphäre als geschlechtsspezifischen Handlungsfeldern abzutragen und auf diese Weise eine evolutionstheoretisch erklärbare Ausgangskonstellation der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zu identifizieren. Ich sehe in Müllers Modell jedoch zwei Schwächen, die es nicht entwerten, aber zu einer Weiterentwicklung anregen: erstens sucht Müller zwar nach universellen Konstanten, um die Basiskonstruktion des Geschlechterverhältnisses zu erklären, versäumt es dabei aber, eine anthropologische Fundierung in biologischen Begriffen wenigstens in Betracht zu ziehen. Dadurch muss seine ausschließlich kulturtheoretische Argumentation gleichsam »selbsttragend« aufgebaut sein, was dazu führt, dass auch sein Bild des männlichen Dominanzstreben insgesamt schwärzer ausfällt, als es tatsächlich sein müsste. Denn zweitens fällt auf, dass er mit den kulturevolutionistischen Matriarchatstheorien auch gleich die empirischen Beispiele entsorgt, die ihnen seinerzeit eine gewisse Plausibilität verliehen haben: so fallen beispielsweise Morgans in der Sache auch heute noch maßgeblichen Befunde zur irokesischen Gesellschaft (Morgan 1985) bei Müller auch empirisch komplett unter den Tisch. Ohne dies hier im Einzelnen begründen zu können, bin ich aber der Meinung, dass sich solche Beispiele zwanglos in Müllers Modell einfügen lassen, wenn man berücksichtigt, dass das Verhältnis von Endosphäre und Exosphäre selbst einer gewissen Plastizität unterliegt, welche mit der Produktionsweise der jeweiligen Gesellschaften korreliert werden kann: so fallen alle Beispiele für (mehr oder weniger) »geschlechtsegalitäre« Gesellschaften in die Klasse der sesshaften Agrarkulturen, die der Sphäre weiblicher Produktivkräfte eine Chance zur Aufwertung bieten, und in einer Gesellschaft wie der des Alten Ägypten kommt auf Grund seiner geostrategischen Gunstlage mit nur wenigen militärisch zu sichernden Engpässen auch eine Entlastung der »männlichen Exosphäre« hinzu. Demgegenüber gehen die schon sehr früh ausgeprägt »patriarchalischen« Gesellschaften der Indoeuropäer auf die spätneolithischen und bronzezeitlichen, halb- bis vollnomadischen Viehzüchtergesellschaften der pontisch-kaspischen Steppe zurück, die den weitaus größten Teil ihrer Produktivkräfte auf die »männliche Exosphäre« gründen.

(9.5) Und schließlich lässt sich an Müllers Entwurf auch die im engeren Sinne »maskulistische« Kritik anschließen, die auf das spezifische, vom Feminismus konsequent ignorierte »Kostenmodell« einer männlichen Zuordnung zur Exosphäre abhebt: sobald menschliche Kulturen sei es aufgrund agrarischer Produktivkraftentfaltung, sei es aufgrund Verknappung fruchtbaren Bodens oder einer Kombination solcher Faktoren in einen Verdichtungsprozess der Bevölkerungsentwicklung und der Kulturkontakte eintreten, wird die männliche Exosphäre zwangsläufig zu der Arena, in der die daraus entstehenden Konflikte ausgetragen und der Druck zur Entwicklung weiterführender Lösungen primär spürbar wird. Männer entzünden nicht nur das Feuer des Krieges, sie sind zugleich auch das primäre Brennholz, das dieses Feuer nährt, und hinter jedem Krieger steht eine Frau, die ihn warnt, als Verlierer heimzukehren. Männer müssen sich nicht für eine »jahrtausendealte Frauenunterdrückung« oder ein »fünftausendjähriges Patriarchat« entschuldigen. Es gibt schlechterdings nichts, das entschuldigt werden müsste! Man kann bestimmte historische Entwicklungen sowohl in actu als auch retrospektiv als falsch bewerten – aber dies ist im Verlauf des Zivilisationsprozesses immer schon geschehen! Das ägyptische Ethos bewertet eigensüchtiges Verhalten als falsch, die jüdische Religion bewertet die ägyptische als falsch, das griechische Modell der Gleichheit das persische Gottkönigtum, das Christentum die antike Lebensform, der Protestantismus den Katholizismus, Aufklärung und Naturwissenschaft den christlichen Dogmatismus, die modernen Menschen- und Bürgerrechte die hierarchische Staatsform und Gesellschaftslehre und das hierarchische Geschlechterverhältnis. Erst der Second-Wave-Feminismus hat in grandioser Verleugnung seiner eigenen historischen Voraussetzungen so getan, als wären alle diese aufeinander aufbauenden Akte des ethischen Verwerfens vorgefundener schlechter Zustände, die den Zivilisationsprozess ausmachen, nichts wert und die feministische Ideologie die einzige Messlatte, an der sich fortan alle Menschheit zu messen habe. Und diese Hybris ist der Grund, warum es so etwas wie »Maskulismus« überhaupt gibt.

(10) Mit diesen eher aphoristisch gehaltenen Sätzen muss ich meinen längst zu lang geratenen Beitrag vorerst beschließen. Von hier an entfaltet sich die Geschichte der menschlichen Zivilisation als eine zweifache Emanzipationsgeschichte: als Emanzipation von der äußeren Natur mit den Mitteln der Technologieentwicklung und Produktivkraftentfaltung, und als Emanzipation von der inneren Natur der biologisch fundierten Antriebe und Motivationen, die den Menschen, wie erstmals die Hochreligionen der »Achsenzeit« feststellen, in einem prägenden Griff halten, der durch Reflexion und Willensanstrengungen überwunden werden soll – und kann. Und dies führt den Zivilisationsprozess an die Schwelle der Moderne, in der erstmals in der Weltgeschichte das Geschlechterverhältnis selbst kritisch in diesen reflexiven Blick einbezogen wird. Aber das ist ein eigenständiges Kapitel.

Literatur:

  • Austin, John L. (1989), Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words). Stuttgart: Reclam
  • Axelrod, Robert (1984), The Evolution of Cooperation. New York: Basic Books
  • Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas (1980), Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt a. M.: Fischer
  • Berk, Laura (2011), Entwicklungspsychologie. 5., aktualisierte Auflage – bearbeitet von Prof. Dr. Ute Schönpflug. München: Pearson
  • Bischof-Köhler, Doris (2011), Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede. Stuttgart: Kohlhammer
  • Cassirer, Ernst (1923, 1994), Philosophie der symbolischen Formen. Erster Teil: Die Sprache. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft
  • Doidge, Norman (2007), The Brain That Changes Itself. Stories of Personal Triumph from the Frontiers of Science. London: Penguin
  • Dux, Günter (1994), Geschlecht und Gesellschaft. Warum wir lieben. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Eibl, Karl (2009), Kultur als Zwischenwelt. Eine evolutionsbiologische Perspektive. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Geertz, Clifford (1973), The Interpretation of Cultures. Selected Essays. New York: Basic Books
  • Gehlen, Arnold (1950, 162014), Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Wiebelsheim: Aula-Verlag
  • Glasersfeld, Ernst von (1997), Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Habermas, Jürgen (1976), Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Hallpike, Christopher R. (1990), Die Grundlagen primitiven Denkens. München: dtv
  • Holler, Manfred J.; Illing, Gerhard (2006), Einführung in die Spieltheorie. Berlin – Heidelberg – New York: Springer
  • Humboldt, Wilhelm von (1995), Schriften zur Sprache. Stuttgart: Reclam
  • Kandel, Eric R. (2008), Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes. Mit einem Vorwort von Gerhard Roth. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Kohlberg, Lawrence (1996), Die Psychologie der Moralentwicklung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Lewontin, Richard (2002): Die Dreifachhelix. Gen, Organismus und Umwelt. Berlin – Heidelberg: Springer
  • Luhmann, Niklas (1984), Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Maturana, Humberto (2000), Biologie der Realität. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Metzinger, Thomas (2004), Being No One. The Self Model Theory of Subjectivity. Cambridge, Massachusetts: MIT Press
  • Mithen, Steven (1998), The Prehistory of the Mind. A Search for the Origins of Art, Religion and Science. London: Phoenix
  • Morgan, Lewis Henry (1878, 1985), Ancient Society. Foreword by Elisabeth Tooker. Tucson: The University of Arizona Press
  • Müller, Klaus E. (1989), Die bessere und die schlechtere Hälfte. Ethnologie des Geschlechterkonflikts. Frankfurt a. M.: – New York: Campus
  • Parzinger, Hermann (2014), Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. München: C. H. Beck
  • Piaget, Jean (1967, 1992), Biologie und Erkenntnis. Über die Beziehungen zwischen organischen Regulationen und kognitiven Prozessen. Frankfurt a. M.: Fischer
  • Roth, Gerhard (1996), Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Roth, Gerhard (2003), Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Neue, vollständig überarbeitete Ausgabe. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Schütz, Alfred; Luckmann, Thomas (2003), Strukturen der Lebenswelt. Konstanz: UVK (UTB)
  • Schurz, Gerhard (2011), Evolution in Natur und Kultur. Eine Einführung in die verallgemeinerte Evolutionstheorie. Heidelberg: Spektrum
  • Searle, John R. (1983), Sprechakte. Ein sprachphilosophischer Essay. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Searle, John R. (2011), Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Zur Ontologie sozialer Tatsachen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Searle, John R. (2012), Wie wir die soziale Welt machen. Die Struktur der menschlichen Zivilisation. Berlin: Suhrkamp
  • Simmel, Georg (1908, 1992), Soziologie. Untersuchung über die Formen der Vergesellschaftung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Singer, Wolf (2002), Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Singer, Wolf (2003), Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Thompson, Richard F. (2001), Das Gehirn. Von der Nervenzelle zur Verhaltenssteuerung. Heidelberg: Spektrum
  • Tomasello, Michael (2012), Warum wir kooperieren. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
  • Tomasello, Michael (2014), A Natural History of Human Thinking. Cambridge: Harvard University Press
  • Voland, Eckart (2013), Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. Heidelberg – Berlin – Oxford: Springer Spektrum
  • Vygotskij, Lev Semënovič (1934, 2002), Denken und Sprechen. Psychologische Untersuchungen. Weinheim – Basel: Beltz
  • Welsch, Wolfgang (2012), Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne. Weilerswist: Velbrück
  • Wilson, Edward O. (2014), Die soziale Eroberung der Erde. Eine biologische Geschichte des Menschen. München: C.H. Beck
  • Wuketits, Franz M. (1997), Soziobiologie. Die Macht der Gene und die Evolution sozialen Verhaltens. Heidelberg – Berlin – Oxford: Springer Spektrum
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49 Antworten zu Natur, Kultur und Geschlecht. Eine anthropologische Skizze.

  1. LoMi schreibt:

    Djadmoros,

    Respekt!!! Da hast Du Dir viel Arbeit gemacht. Ich werde mir Deinen Artikel ausdrucken und später lesen, damit Deine Arbeit auch die gebührende Aufmerksamkeit bekommt.

  2. Leszek schreibt:

    „Ich werde mir Deinen Artikel ausdrucken und später lesen, damit Deine Arbeit auch die gebührende Aufmerksamkeit bekommt.“

    Ich auch.

  3. @djadmoros

    Ein langer Artikel, da muss man sich durcharbeiten.

    Vorneweg:

    „Erstens ist die Anzahl der menschlichen Gene um mehrere Größenordnungen unzureichend für die immense Größe des neuronalen Zustandsraums, der von ihnen kodiert werden müsste. (Schurz 2011: 198)“

    Das ist doch wohl sehr davon abhängig, wie man
    1. die „Steuerung“ vornimmt.
    2. wie die Gene kombiniert und ausgeführt werden können.

    Hox-gene sind da ein Stichwort.
    Da man damit Gene immer wieder neu miteinander kombinieren können bzw. auch Operationen wiederholt ausgeführt werden können (zB mit Befehlen wie „Wachse bis X“, was zB für die Vernetzung des Auges gut nachgewiesen ist) ist die Anzahl der Gene begrenzt, ihre Kombinationsmöglichkeit allerdings unbegrenzt.
    Der Verweis auf eine geringe Anzahl von Genen entspricht dann so ungefähr einem Verweis auf die geringe Anzahl von Buchstaben im Alphabet.

    „Wir entwickeln die Bedeutung von Sprache und Symbolisierung im Folgenden als Variante der Theorie des »sozialen Gehirns« (Social Brain Hypothesis). Ursprünglich entstammt diese Theorie der Beobachtung des Verhaltens von Schimpansen unter Bedingungen eines intensiven Kontakts mit Menschen, wie sie beispielsweise bei Verhaltensexperimenten, also unter Laborbedingungen vorliegen. Unter diesen Umständen vollbringen die Versuchstiere erstaunliche kognitive und kommunikative Leistungen, die sie in freier Wildbahn niemals zeigen. “

    Das finde ich durchaus als Beispiel passend. Sie zeigen zwar andere Verhaltensweisen, aber sie bleiben dennoch innerhalb dieser Schimpansen, Gorillas und Bonobos.
    Die Bonobos entwickeln nicht die kriegerische Art und die intrasexuelle Konkurrenz von Schimpansen und umgekehrt. Gorillas gehen nicht davon aus, dass sie im Gefängnis friedlich mit einem anderen Alphamännchen in der Gruppe zusammenleben können und sich die Frauen teilen können. Gorillaweibchen kämpfen nicht mit den Alphamännchen um die Herrschaft über ihre Schwestern und errichten ein Matriarchat.

    Sie entwickeln neue Verhaltensweisen innerhalb ihrer biologischen Grenzen.

    Plastizität ist eben kein Wert an sich, was man mittels genzentrierter Evolutionsbiologie auch gut nachvollziehen kann. Ein Gorilla, der beschließen kann, dass sein Leben angenehmer ist, wenn er sich aus der intrasexuellen Konkurrenz zurückzieht, gibt eben keine Gene weiter.

    Natürlich ist unser Gehirn in vielen Bereichen plastisch. Das sagt aber nicht, dass es in allen Bereichen plastisch ist. Nachweise dafür, dass unser Gehirn in einigen Bereichen plastisch ist, sagen damit leider gar nichts über den Rest aus.

    • crumar schreibt:

      @Christian

      1. Das Argument „Plastizität“ bezieht sich auch definitiv auf das Gehirn und nicht auf beliebige Organe.
      Das ist m.E. deshalb von besonderer Bedeutung, weil die Entwicklung und Herausbildung der Geschlechtsidentität des Menschen in einem zweistufigen Prozess verläuft.

      Diese ist aber nicht mit der *Geburt*, sondern erst mit dem Ende der *Pubertät* abgeschlossen.

      Von daher ist es alleine dadurch naheliegend (und m.E. ein evolutionärer Vorteil), dass mit der Pubertät eine *erfahrungsabhängige* Modulation der Herausbildung der Geschlechtsidentität einsetzt und (vorläufig) abschließt.
      Was natürlich bedeuten würde, es gäbe eine Feedback-Schlaufe…

      2. Warum eigentlich andauernd dein Vergleich von Bonobos, Gorillas und Schimpansen mit Menschen?
      Es hat sich *ein* Paarungsverhalten für den Menschen als Vorbild durchgesetzt und das ist das der Schimpansen.
      Von daher ist es m.E. sinnlos, mir ständig mit Bonobos vor der Nase herumzufuchteln, wenn diese völlig irrelevant sind.

      Schönen Gruß, crumar

      • „Diese ist aber nicht mit der *Geburt*, sondern erst mit dem Ende der *Pubertät* abgeschlossen.“

        Meinst du da die Theorie, dass pränatale Hormone bereits bestimmte Grundlegende Veränderungen bewirken im Aufbau des Gehirns, insbesondere Sex center, mating center und gender role center (vgl hier http://allesevolution.wordpress.com/2012/03/02/wie-geschlechtsunterschiede-im-gehirn-durch-pranatale-hormone-entstehen/) und darauf aufbauend in der Pubertät das ganze weiter ausgebaut wird?
        Oder welche zwei stufen hast du da vor augen?

        „Von daher ist es alleine dadurch naheliegend (und m.E. ein evolutionärer Vorteil), dass mit der Pubertät eine *erfahrungsabhängige* Modulation der Herausbildung der Geschlechtsidentität einsetzt und (vorläufig) abschließt.
        Was natürlich bedeuten würde, es gäbe eine Feedback-Schlaufe…“

        Natürlich fließt da auch Kultur, Sozialisation und Erfahrung ein, eine Freiheit in der Modulation muss jedoch keinen Vorteil bringen, gerade wenn es bestimmte sonstige Universalien im menschlichen verhalten bringt. Eine Ausformung ist dann eher hilfreich.

        „2. Warum eigentlich andauernd dein Vergleich von Bonobos, Gorillas und Schimpansen mit Menschen?
        Es hat sich *ein* Paarungsverhalten für den Menschen als Vorbild durchgesetzt und das ist das der Schimpansen.“

        Keineswegs. Das Paarungsverhalten von mensch und Schimpanse ist sehr unterschiedlich, schon weil menschen eine Paarbildung kennen.

        Der Vergleich deswegen, weil es im Text angesprochen war und man es daher an dem Beispiel auch gut erläutern konnte, wie Biologie und Kultur zusammenspielen.

      • mitm schreibt:

        @crumar: „…Herausbildung der Geschlechtsidentität des Menschen in einem zweistufigen Prozess verläuft.“

        Erklär mal genauer, was Du hier meinst. Die äußerlichen Geschlechtsmerkmale bilden sich natürlich erst in der Pubertät, Hormonproduktion läuft auf vollen Touren, das Gehirn wird auch durchgeschüttelt, usw….
        Aber: ich habe immer wieder gehört, daß z.B. Homosexualität bzw. die Veranlagung dazu schon viel früher erkennbar ist. – Sind diese frühen Anzeichen Stand der Wissenschaft?
        Demnach hätte die “Plastizität” ziemliche Einschränkungen.

      • crumar schreibt:

        @Christian

        1. Nein, ich meine folgende Theorie, die u.a. hier steht:

        „Noch bis vor einigen Jahren ging man in der Entwicklungspsychologie und in den Neurowissenschaften davon aus, dass wesentliche Veränderungen in der Architektur und Funktionsweise des Gehirns auf die Pränatalzeit beziehungsweise auf die ersten fünf bis sechs Lebensjahre beschränkt sind (historischer Überblick siehe [6]). Der heutige Kenntnisstand erfordert jedoch eine Revision dieser Annahme.

        Groß angelegte Längsschnittstudien konnten darlegen, dass es während der Adoleszenz zu einer grundlegenden Reorganisation des Gehirns kommt (7). Der Abbau von synaptischen Verbindungen (8) bei der gleichzeitigen Zunahme der weißen Substanz (9, 10) sowie Veränderungen in Neurotransmitter-Systemen (11, e1, e2) zeigen, dass die anatomischen und physiologischen Reifungsprozesse der Adoleszenz weitaus dynamischer sind als ursprünglich vermutet. Demnach ist von einem Umbau der kortikalen Schaltkreise auszugehen, die den adoleszenzspezifischen Veränderungen in kognitiven Funktionen und in der Affektregulation zugrunde liegen könnten (12).

        Interessanterweise unterscheidet sich dieses Entwicklungsmuster beim Menschen von der Hirnentwicklung anderer Primaten. Obwohl auch der Rhesusaffe und der Schimpanse beispielsweise mit einem noch unreifen Gehirn zur Welt kommen, reifen beim Makaken alle kortikalen Hirnareale im gleichen Tempo (13). Im Unterschied dazu haben Post-mortem-Analysen beim Menschen gezeigt, dass die Synaptogenese ihr Maximum im visuellen und auditiven Kortex innerhalb weniger Monate nach der Geburt bereits erreicht, wohingegen die Entwicklung der Synapsenbildung im Präfrontalkortex viel langsamer verläuft: Das heißt, im Laufe der Evolution (!!!! Christian) gab es einen Wechsel zu einem heterochronen kortikalen Reifungsmuster beim Menschen (8). Diese protrahierte Entwicklung dient vermutlich der Ausbildung spezifisch menschlicher Fähigkeiten, die insbesondere durch die Einbettung in ein soziokulturelles Umfeld erworben wird, das reich ist an Stimulationen wie etwa durch Schule, Musik, verbale Kommunikation und Interaktionen (14)“
        (…)
        „Stand bisher die frühkindliche Forschung im wissenschaftlichen und medialen Mittelpunkt, so zeigen aktuelle Befunde, dass auch die fortwährenden psychologischen und biologischen Veränderungen in der Adoleszenz einen wichtigen Einfluss auf die Funktionsweise und Architektur des Gehirns besitzen. Das Gehirn eines Jugendlichen durchläuft noch einmal eine plastische Phase, in der sich Umwelteinflüsse in besonderer Weise prägend auf kortikale Schaltkreise auswirken. Dies eröffnet Chancen für Bildung und Erziehung. So können Jugendliche in dieser Lebensphase aufgrund ihrer hohen Beeinflussbarkeit durch Emotionen insbesondere von Lernerfahrungen profitieren, die in einem positiven emotionalen Kontext stattfinden und die gezielt eine Emotionsregulation trainieren.
        (…)
        Ein weiterer, wichtiger Aspekt der künftigen Entwicklungsforschung wird daher die Untersuchung des Einflusses der Umwelt auf die Funktionsweise und Organisation des Gehirns sein.“

        Und jetzt kommt eine schöne Zusammenfassung:

        „Die kognitiven Neurowissenschaften haben bisher unzureichend den Einfluss des sozialen und kulturellen Kontexts auf kognitive und affektive Prozesse und deren Entwicklung analysiert. Die Erkenntnis, dass die Adoleszenz eine entscheidende Phase in der Reifung des Gehirns darstellt und Reifungsprozesse möglicherweise bis in die dritte Lebensdekade anhalten, hat somit auch wichtige pädagogische und gesellschaftspolitische Konsequenzen.“

        http://www.aerzteblatt.de/archiv/141049/Hirnentwicklung-in-der-Adoleszenz-Neurowissenschaftliche-Befunde-zum-Verstaendnis-dieser-Entwicklungsphase

        Ich glaube, hier ist wieder einmal die Gelegenheit dir zu sagen, dass die von dir angenommene (genetisch und hormonell (prä-)natal festgelegte) Linearität der menschlichen Entwicklungsgeschichte m.E. einfach nicht existiert.
        Und genau das ist doch FASZINIEREND!

        2. Das menschliche Paarungsverhalten und -system lässt sich mit genau zwei Arten von Primaten NICHT beschreiben: Bonobos und Gorillas.
        Also verstehe ich den SINN nicht, eine Wahlmöglichkeit zu suggerieren, die gar nicht mehr existiert.

        Schönen Gruß, crumar

      • @crumar

        „1. Nein, ich meine folgende Theorie, die u.a. hier steht:“

        äh, das ist im wesentlich das, was ich aufgeführt habe.

        Sie schreibt ja selbst, dass die pränatale Phase ganz wesentlich ist, will aber, dass auch die postnatale Phase, dort insbesondere die Pubertät mehr berücksichtigt wird.

        „Ich glaube, hier ist wieder einmal die Gelegenheit dir zu sagen, dass die von dir angenommene (genetisch und hormonell (prä-)natal festgelegte) Linearität der menschlichen Entwicklungsgeschichte m.E. einfach nicht existiert.“

        Auf welche Passagen stützt du denn deine Aussage? Sie sagt hier gar nicht wie sich diese plastische Phase auswirkt, auch nicht welche Entwicklung sie konkret sieht und wie stark deren Auswirkungen sind und welche Bereiche betroffen sind. Aus meiner Sicht läßt sich der Artikel recht problemlos in die von mir zitierten Theorien einordnen. Ich denke dir fehlt da einfach der Überblick über die anderen Theorien um ihren Artikel einzuordnen.

        Hier auch noch ein Artikel von ihr:
        http://www.bio.psy.rub.de/papers/Neufang%20Cerebral%20Cortex%202009.pdf

        effects of sex steroids on brain morphology are classically described as operating through 2 distinct mechanisms (Cooke et al. 1998). One mechanism, called ‘‘organization,’’ is defined as a developmental mechanism in which steroids act during critical periods to mediate permanent sexually dimorphic differentiation of brain morphology that gives rise to male and female sexual behavior and physiology in adulthood. The other mechanism, called ‘‘activation,’’ is mediated through the acute effects of gonadal hormones on the fully developed nervous system and is responsible for maintaining sex-specific behaviors in adulthood (Breedlove and Hampson 2002). Although the organization– activation framework for steroid control of reproductive behavior originally presumed a strictly activating role for gonadal steroids during adolescence, a recent modernizationof this thinking incorporates dual roles for steroid hormones, proposing that they not only activate but also organize neuralcircuits during adolescence (Romeo et al. 2002). The sequence of events during steroid-dependent adolescent maturation of reproductive behavior may be an initial reorganization of circuits that further sensitizes them to hormone activation (Sisk and Foster 2004).

        Die Ausführungen von Breedlove und Hampson geben die auch von mir bereits zitierten Theorien wieder

        http://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=D6TnKbTRBJoC&oi=fnd&pg=PA75&dq=Breedlove+and+Hampson+2002&ots=jhkrHizK7p&sig=CEqdVA_UD9bfB6jYELx3PWn4L94#v=onepage&q=Breedlove%20and%20Hampson%202002&f=false

      • crumar schreibt:

        @mitm

        1. Lass und doch einmal ein paar Annahmen kritisch durchgehen und die *Art und Weise*, wie sie bisher zur Beweisführung herangezogen worden sind.

        Ein wichtiger, *sichtbarer* Punkt ist, die Körpergröße oder -länge differiert zwischen Männern und Frauen Pi mal Daumen 7%.

        Das ist durchaus richtig, nur setzt die Entwicklung, dass junge Männer größer sind als Frauen überhaupt erst mit 14 Jahren ein (ich beziehe mich hier auf den Median und nicht auf den „Schnitt“).
        Zwischen 11-13 sind junge Frauen hingegen *größer* als junge Männer.
        Zwischen 4-10 sind beide Geschlechter (Median) *gleich* groß.

        D.h. wer den Prozess unterschlägt und nur auf das Resultat schaut und eine lineare Entwicklung behauptet, der hat mit der EMPIRISCHEN REALITÄT ein echtes Problem.
        Damit meine ich: weder erfolgt die körperliche Entwicklung so linear, wie sie hormonell und genetisch vorgegeben zu sein scheint, noch wird sie von den Betroffenen so empfunden.

        Ein 13-jähriger Junge ist ein heranwachsender Junge, ein 13-jähriges Mädchen eine heranwachsende Frau. Es gibt kein Lebensalter, bei dem die Theorie der „hegemonialen Männlichkeit“ auf ein größeres Unverständnis treffen könnte. 😉

        Ich hoffe, du hast an dieser Stelle meine Antwort an Christian mitgelesen.

        2. Zu deiner Frage zur Homosexualität:

        Wichtig ist m.E., dass die sexuelle Orientierung einfach nur eine genetische Variation der „normativen“ heterosexuellen ist – schwul und lesbisch hat es sei jeher gegeben.
        Ich glaube ebenfalls, die Entwicklung zur Homosexualität – an sich – hat hormonelle Ursachen.

        Der entscheidende Punkt ist m.E., dass bis zur Pubertät die Sozialisation geschlechterexklusiv erfolgt. Ebenso wie es eine mehr oder weniger jungenspezifische Kultur gibt, gibt es auch eine mehr oder weniger mädchenspezifische. D.h. ebenso wie Jungen eine Variationsbreite an „Jungen“ zu (konflikthaft) verhandeln und zu leben haben, haben dies auch Mädchen.

        Wenn das „Hirn durchgeschüttelt“ wird in der Pubertät, finden auch die Bewegungen der beiden „Lager“ aufeinander zu und sie setzen sich beide in eine wechselseitige Beziehung, in ein kulturelles (also kulturell vermitteltes) Verhältnis. Erwachende Sexualität, die (mehrheitlich) auf ein Gelingen setzen kann.

        Und m.E. wird genau hier Homosexualität zum Problem in der Phase, wo es zu einem *für sich* (also identitär) wird. Wenn man also nicht die „Lager wechseln“ kann und die Kumpels dies auch tun. Da vollzieht sich der Wechsel von latent schwul zu manifest schwul – ob das gewollt ist oder nicht.

        Das für heute – muss dringend ins Bett.

        Schönen Gruß, crumar

      • crumar schreibt:

        @Christian

        Was ist eigentlich an: „Reifungsprozesse möglicherweise bis in die dritte Lebensdekade anhalten“ misszuverstehen?

        Dritte Lebensdekade ist demnach alles, was ÜBER dem Alter von 20 bis hin zu 30 (in Worten ZWANZIG bis DREISSIG) stattfindet.

        Der Witz scheint mir zu sein, dass dies auch erklärt, warum das Wachstum, die Körperlänge von Jungen und Mädchen nach den zweiten Weltkrieg einen jähen Einbruch erfuhr.
        Genau weil ihre PUBERTÄT in einem Zeitraum der Mangelernährung stattfand – wenn ich zum Beispiel Lepide als Signal- oder Botenstoffe annehme, dann ist Unterernährung ein Auslöser für einen Prozess, der das Wachstum verlangsamt.
        Denn das Signal ist, es herrschen keine (gesellschaftlichen) Bedingungen vor, die es wahrscheinlich machen, dass der höhere Energiebedarf eines Menschen größerer Körperlänge gedeckt werden kann.

        Von daher hat ein Mensch mit geringerer Körperlänge und einem (daher) geringeren Energiebedarf eine größere Chance unter diesen Bedingungen zu überleben.
        Das – nämlich der Rekurs auf die NICHT natalen Bedingungen – macht zutiefst Sinn!

        Was auch – unter den heutigen Bedingungen – zutiefst Sinn macht, ist das sinken des Lebensalters für die Geschlechtsreife von Frauen.
        Lag diese vor 150 Jahren noch bei 17, so ist sie heute auf 13 gesunken.
        Es ist völlig unwahrscheinlich, dass dies ein durch die Evolution zu erklärender Prozess ist. Im Kontext von s.o. macht dies zutiefst Sinn.

        Die „Evolution“ gibt ein GO! für die Reproduktion eben gerade wegen der radikal verbesserten Bedingungen in westlichen Zivilisationen immer früher – die Kultur dieser Länder hingegen zögert den „biologischen Imperativ“ immer weiter heraus.
        Entscheidend ist aus meiner Sicht die wachsende Differenz (in Jahren) zwischen der Realisierung eines Kinderwunsches aus der Sicht der (biologischen) Geschlechtsreife und der tatsächlich stattfindenden.
        Wenn früher eine junge Frau mit 17 geschlechtsreif war, dann mit 19 aber auch schwanger – zwischen den 13 von heute und der Geburt des ersten Kindes mit 29 liegen Welten.

        Spannend, oder? Ist das nicht auch eine biologische Erklärung dafür, warum Frauen immer unglücklicher werden? Und warum es vermehrt das Phänomen der Teenage-Schwangerschaften gibt?

        Schönen Gruß, crumar

      • @crumar

        „Was auch – unter den heutigen Bedingungen – zutiefst Sinn macht, ist das sinken des Lebensalters für die Geschlechtsreife von Frauen.
        Lag diese vor 150 Jahren noch bei 17, so ist sie heute auf 13 gesunken.
        Es ist völlig unwahrscheinlich, dass dies ein durch die Evolution zu erklärender Prozess ist. Im Kontext von s.o. macht dies zutiefst Sinn.“

        ich verstehe immer noch nicht, was dir daran so besonders erscheint. Wir haben bestimmte biologische Vorgänge, die natürlich auf die Umwelt reagieren. Bei der Geschlechtsreife liegt es soweit es mir bekannt ist aber an einem „falschen Zählen“ aufgrund von mehr licht (durch künstliches Licht) und die Vorteile einer guten Ernährung.
        Was bringt da vollkommen neue Perspektiven?

        „Die “Evolution” gibt ein GO! für die Reproduktion eben gerade wegen der radikal verbesserten Bedingungen in westlichen Zivilisationen immer früher – die Kultur dieser Länder hingegen zögert den “biologischen Imperativ” immer weiter heraus.“

        Die evolution gibt kein „Go“, allenfalls geben Produkte längst abgeschlossener Evolutionsvorgänge ein GO. Die Evolution kann nicht spontan auf etwas reagieren.

        „Wenn früher eine junge Frau mit 17 geschlechtsreif war“

        War das denn so? Meines Wissens konnte in vielen antiken Kulturen mit Geschlechtsreife geheiratet werden und die Heiraten erfolgen recht früh, weit vor 17

      • LoMi schreibt:

        @Crumar

        in welchem Alter gilt eine Schwangerschaft eigentlich als Teen-Schwangerschaft? In meiner früheren DDR-Wirklichkeit nahm ich es als normal wahr, wenn ein Mädchen mit 17 schwanger und mit 18 verheiratet war. Heute wäre das womöglich ein „soziales Problem“.

      • LoMi schreibt:

        Christian

        „“Wenn früher eine junge Frau mit 17 geschlechtsreif war”

        War das denn so? Meines Wissens konnte in vielen antiken Kulturen mit Geschlechtsreife geheiratet werden und die Heiraten erfolgen recht früh, weit vor 17“

        Im Kontext der Jugendforschung ist das als Akkzeleration bekannt und das beschreibt die Entwicklung, dass die Pubertät immer früher eintritt. Dazu gibt es wohl auch Zahlen. Es gilt in diesem Kontext als nachgewiesen, dass sich die Geschlechtsreife immer weiter vorverlagert hat.

        Ich meine mich zu erinnern, dass das ein Effekt gesunder Ernährung ist.

      • crumar schreibt:

        @Lomi und @Christian

        1. Lomi zuerst zum Thema „Dazu gibt es wohl auch Zahlen. Es gilt in diesem Kontext als nachgewiesen, dass sich die Geschlechtsreife immer weiter vorverlagert hat.“:

        „Ich meine mich zu erinnern, dass das ein Effekt gesunder Ernährung ist.

        Bullshit.

        Selbst wenn du Größenvergleiche anstellst zwischen den Alterskohorten (alle fünf oder zehn Jahre) der ab 1960 bis 1990 geborenen Kinder wirst du nichts feststellen was darauf hinweist, die gesündere Ernährung *alleine* hätte dieses Wachstum in der Körpergröße ermöglichen können.
        Oder du kannst mir sagen, was eigentlich genau „gesunde Ernährung“ von einer „ungesunden Ernährung“ unterscheidet, die vorher dominant vorgeherrscht hat.
        Die nämlich *vorher* hätte vorherrschen müssen.
        Der zweite Weltkrieg und die Mangelernährung waren 1955 und erst recht für die „Babyboomer“ ab 1964 schon fast zwanzig Jahre vorbei.

        2. „in welchem Alter gilt eine Schwangerschaft eigentlich als Teen-Schwangerschaft? In meiner früheren DDR-Wirklichkeit nahm ich es als normal wahr, wenn ein Mädchen mit 17 schwanger und mit 18 verheiratet war. Heute wäre das womöglich ein “soziales Problem”.“

        a. Ok, die DDR war in diesem Fall eine Ausnahme, insofern (gesellschaftlich) gefördert worden ist nach Abschluss einer Qualifikation möglichst schnell ein Kind zu erzeugen.
        Aber der entscheidende Punkt ist m.E. ein Missverständnis, nämlich „Geschlechtsreife“ mit „Alter bei der ersten Geburt“ zu verwechseln.

        Das ist nämlich genau mein Argument: das stetige auseinander wachsen zwischen dem Eintritt der Geschlechtsreife und dem Alter bei der Geburt des ersten Kindes.

        b. Als teenage Schwangerschaft im engeren Sinne gilt hier und heute alles zwischen 15-19 Jahren. Auch da hat sich demnach – kulturell bedingt – verschoben.

        @Christian
        „Die evolution gibt kein “Go”, allenfalls geben Produkte längst abgeschlossener Evolutionsvorgänge ein GO. Die Evolution kann nicht spontan auf etwas reagieren.“

        Ist es nicht merkwürdig, dass meine Schreibweise so war „Evolution“ und deine Lesart so: Evolution. Und meine Intention in der Argumentation ziemlich klar war, nämlich zu NEGIEREN, es könne sich demnach um ein Produkt der Evolution gehandelt haben und du genau auf diesen Aspekt so reagierst, als hätte ich behauptet, was mein Beitrag gar nicht hergibt, ich hätte es?

        Du wunderst dich eventuell, warum Menschen auf deine Beiträge angepisst reagieren?!
        Weil das, was sie schreiben mit dem von dir rezipierten einfach nichts zu tun hat.

        Ich schrieb hier:
        „Ich glaube, hier ist wieder einmal die Gelegenheit dir zu sagen, dass die von dir angenommene (genetisch und hormonell (prä-)natal festgelegte) Linearität der menschlichen Entwicklungsgeschichte m.E. einfach nicht existiert.
        Und genau das ist doch FASZINIEREND!“

        Damit meine ich: „Komm ins Offene, Freund!“

        Und du hast bisher genau EINE Reaktion in deinem Repertoire und die ist, alles wieder auf den linearen, aus dem qua-natalen Entwicklungszustand zurecht zu schrumpfen, der dir behagt.
        Es muss qua Geburt „festverdrahtet“ sein, sonst fühlt sich Christian nicht wohl.
        Christian will, dass es ab Geburt ein „female brain“ gibt und ein „male brain“, sonst fühlt er sich unbehaglich.
        „Oh, it hurts!“, wenn wir damit ein Problem haben – „Feelings, nothing but Feelings“!

        Das ist eine ernsthafte Suche nach Erklärungen und niemand von uns kennt die ganze Geschichte.

        Keep on moving!

        Schönen Gruß, crumar

      • @crumar

        „Es muss qua Geburt “festverdrahtet” sein, sonst fühlt sich Christian nicht wohl.“

        Mir wäre es ganz lieb, wenn du einfach mal zugestehen könntest, dass das auch eine wissenschaftlich gut vertretbare These ist, mit der ich – bei hinreichender Auslegung von festverdrahtung – keineswegs alleine stehe sondern die von einer Vielzahl von Autoren geteilt wird.
        Es hat also nichts mit „dann fühlt er sich nicht wohl“ zu tun, sondern eher damit, dass sehr vieles dafür spricht, dass es genau so ist.

        „Christian will, dass es ab Geburt ein “female brain” gibt und ein “male brain”, sonst fühlt er sich unbehaglich.“

        Keineswegs, ich vertrete fließende Übergänge mit Häufungen und kultureller Ausformbarkeit

        „Das ist eine ernsthafte Suche nach Erklärungen und niemand von uns kennt die ganze Geschichte.“

        Ich könnte im Gegenzug anführen, dass du zumindest auszuschließen scheinst, dass diese Geschichte einen hohen Biologieanteil hat. Sei doch selbst mal in der richtung offener

      • LoMi schreibt:

        Crumar

        „“Ich meine mich zu erinnern, dass das ein Effekt gesunder Ernährung ist.

        Bullshit.“

        Wie gesagt, ich meine mich zu erinnern. Mehr Autorität kann ich meiner Aussage nicht unterlegen. Der Zusammenhang zwischen Ernährung und Wachstum/ Eintrittsalter in die Pubertät wird auf jeden Fall gezogen. Wie er gewichtet wird, kann ich nicht sagen. Ob der Zusammenhang trägt, kann ich auch nicht beurteilen.

        Ich will damit keineswegs der „Festverdrahtung“ das Wort reden, das wäre ganz und gar nicht meine Position. Für gewöhnlich findet man mich unter den Kritikern eines Biologismus.

        „Aber der entscheidende Punkt ist m.E. ein Missverständnis, nämlich “Geschlechtsreife” mit “Alter bei der ersten Geburt” zu verwechseln.

        Das ist nämlich genau mein Argument: das stetige auseinander wachsen zwischen dem Eintritt der Geschlechtsreife und dem Alter bei der Geburt des ersten Kindes.“

        Dass das Dein zentrales Argument war, habe ich erkannt. Kannst Du es noch näher erläutern?

      • LoMi schreibt:

        Crumar,

        im übrigen ist die kulturell unterschiedliche Bewertung einer frühen Schwangerschaft in DDR und heutigem Deutschland ja schon selbst ein Argument für eine gewisse Plastizität. Die heute hochemotionale Sorge um die schwangeren Teens verdeckt, dass der Zeitpunkt des Kinderkriegens schlicht optional ist. Durch die Emotionen wird so getan, als handele es sich hier um eine nahezu pathologische Abweichung von der Norm. In Akademikerkreisen ist die Norm – aus DDR-Sicht aber selber abnormal, wenn man dort Kinder gerne und oft erst mit Anfang 40 bekommt, also in einem Alter, wo sich viele DDR-Leute auf ein Großelterndasein innerlich vorbereiteten.

        Ich sehe gerade, dass ich wohl den ganzen Kommentarstrang hätte berücksichtigen müssen, weil Du dort auf Quellen zur Gehirnreifung in der Adoleszenz eingeht. Diesbezüglich sind natürlich unterschiedliche Gestaltungen der Elternrolle via Alter schon sehr interessant, auch für die Ausbildung einer Geschlechtsidentität.

    • djadmoros schreibt:

      @Christian:

      »Der Verweis auf eine geringe Anzahl von Genen entspricht dann so ungefähr einem Verweis auf die geringe Anzahl von Buchstaben im Alphabet.«

      Die Frage wäre jetzt aber, ob es tatsächlich Soziobiologen gibt, die die These einer genetischen Kodierung der neuronalen Verschaltungen ernsthaft vertreten. Ich bin zwar weit davon entfernt, mich in dieser Literatur umfassend auszukennen, aber bei denen, die ich kenne (Wuketits, Voland, Dawkins, Dennett) habe ich keinen Hinweis auf eine solche Ansicht gefunden.

      Hinsichtlich der an das Gehirn gestellten Flexibilitätsanforderungen macht ein solcher Gedanke freilich auch theoretisch keinen Sinn.

      »Sie zeigen zwar andere Verhaltensweisen, aber sie bleiben dennoch innerhalb dieser Schimpansen, Gorillas und Bonobos. (…) Sie entwickeln neue Verhaltensweisen innerhalb ihrer biologischen Grenzen.«

      Was genau soll dieser Einwand besagen? Die Social Brain Hypothesis in Bezug auf Menschenaffen besagt, dass diese über Potentiale verfügen, die sie in ihrer artspezifischen Kommunikation nicht ausschöpfen. Dass sie, wenn sie dazu Gelegenheit erhalten, dabei die Grenzen ihrer Art überschreiten, war nicht die These, sondern nur: dass diese phänotypischen Merkmale kommunikative Strukturen benötigen, um zur »Expression« zu gelangen.

      »Ein Gorilla, der beschließen kann, dass sein Leben angenehmer ist, wenn er sich aus der intrasexuellen Konkurrenz zurückzieht, gibt eben keine Gene weiter.«

      Ein Mensch, der dasselbe beschließt, gibt ebenfalls keine Gene weiter: er gibt aber etwas anderes weiter, was der Gorilla nicht hat: Wissen. Und es ist dieser nicht-genetische Übertragungsmechanismus, der die menschliche Kultur steuert.

      »Nachweise dafür, dass unser Gehirn in einigen Bereichen plastisch ist, sagen damit leider gar nichts über den Rest aus.«

      Dass das menschliche Gehirn in *beliebigen* Bereichen plastisch sei, war nicht meine These. Wie LoMi schon sagte: es geht hauptsächlich um die Großhirnrinde, in welcher die höheren und spezifisch menschlichen kognitiven Fähigkeiten angesiedelt sind.

      • „Die Frage wäre jetzt aber, ob es tatsächlich Soziobiologen gibt, die die These einer genetischen Kodierung der neuronalen Verschaltungen ernsthaft vertreten.“

        Das kommt darauf an, was du alles unter neuronalen Verschaltungen einordnest. Das gesamte Gehirn ist eine neuronale verschaltung und alle Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass das Gehirn ein Produkt der Evolution ist und insbesondere auch geistige Fähigkeiten, Wünsche, Verhalten etc insofern auch stark mit der Natur des Menschen zusammenhängen. Dann muss natürlich auch die Verschaltung in den Genen geregelt sein.

        „Hinsichtlich der an das Gehirn gestellten Flexibilitätsanforderungen macht ein solcher Gedanke freilich auch theoretisch keinen Sinn.“

        Warum nicht?
        Hast du schon mal überlegt, dass es evolutionär vorteilhaft sein kann, wenn eine Frau sich frauentypisch und ein mann sich männertypisch verhält, weil
        1. diese Eigenschaften auf die typischen Probleme die sich Männern und Frauen stellen zugeschnitten sind
        2. ein solches Verhalten auch in Hinblick auf Partnerwahl ein durch sexuelle selektion gefördertes Auswahlkriterium sein kann

        „Was genau soll dieser Einwand besagen? Die Social Brain Hypothesis in Bezug auf Menschenaffen besagt, dass diese über Potentiale verfügen, die sie in ihrer artspezifischen Kommunikation nicht ausschöpfen“

        Das mag sein, immerhin konnte man ja bestimmten Primaten Zeichensprache beibringen, aber es sagt trotzdem nichts darüber aus, ob sie ihr Verhalten ändern oder diese Fähigkeiten nur bei entsprechender Förderung einsetzen um die Ziele ihres Verhaltens intelligenter umzusetzen.

        “ Dass sie, wenn sie dazu Gelegenheit erhalten, dabei die Grenzen ihrer Art überschreiten, war nicht die These, sondern nur: dass diese phänotypischen Merkmale kommunikative Strukturen benötigen, um zur »Expression« zu gelangen.“

        Für mich interessant ist eben, inwieweit der Mensch ebenfalls bestimmte Vorgaben hat, denen er folgt. Dafür spricht vieles.

        „Ein Mensch, der dasselbe beschließt, gibt ebenfalls keine Gene weiter: er gibt aber etwas anderes weiter, was der Gorilla nicht hat: Wissen. Und es ist dieser nicht-genetische Übertragungsmechanismus, der die menschliche Kultur steuert.“

        Klar, ich bestreite den Einfluss von Wissensweitergabe und Kultur nicht. Ich verweise nur darauf, dass wir deswegen nicht frei oder beliebig plastisch sind. Kultur und Wissen erlauben uns neue Optionen unsere alten Wünsche und Begehren umzusetzen.

        „Dass das menschliche Gehirn in *beliebigen* Bereichen plastisch sei, war nicht meine These. Wie LoMi schon sagte: es geht hauptsächlich um die Großhirnrinde, in welcher die höheren und spezifisch menschlichen kognitiven Fähigkeiten angesiedelt sind.“

        Dann liegen wir ja gar nicht so weit auseinander. Jetzt ist noch die Frage, welchen Einfluss das hat.

  4. elmardiederichs schreibt:

    @djadmoros

    Darüber muß ich erst mal nachdenken – wird vermutlich ein eigener post.

    Habe zu Dokumentationszwecken rebloggt.

  5. LoMi schreibt:

    „Natürlich ist unser Gehirn in vielen Bereichen plastisch. Das sagt aber nicht, dass es in allen Bereichen plastisch ist. Nachweise dafür, dass unser Gehirn in einigen Bereichen plastisch ist, sagen damit leider gar nichts über den Rest aus.“

    Ich glaube, niemand geht von einer vollkommenen Plastizität des Gehirns aus. Schließlich weiß man doch, dass das Gehirn aus einer Reihe unterschiedlicher Teile besteht, die auch unterschiedlich funktionieren. Der Teil, der plastisch sein wird, dürfte die Großhirnrinde sein. Andere Teile dürften eher festgelegt sein.

    • @LoMi

      „Ich glaube, niemand geht von einer vollkommenen Plastizität des Gehirns aus. Schließlich weiß man doch, dass das Gehirn aus einer Reihe unterschiedlicher Teile besteht, die auch unterschiedlich funktionieren. Der Teil, der plastisch sein wird, dürfte die Großhirnrinde sein. Andere Teile dürften eher festgelegt sein.“

      Vielleicht präzisiert Djadmoros ja noch, wie er dazu steht, er scheint mir aber schon von einer starken Plastizität auszugehen, wenn ich das richtig verstehe.
      Die spannende Frage ist ja, wie die „festgelegten Teile“ mit den „plastischen“ interagieren. Da sind wir eben auch schnell bei „freien Willen“ etc.

      (im übrigen: hatte Elmar nicht genau eine solche Abänderbarkeit von allem in einem seiner letzten Artikel angeführt?)

      • elmardiederichs schreibt:

        Elmar weiß eben, daß einige Männer erst nachdem sie eine Familie gegründet haben, schwul werden. Und so wie Schwule immer sagen: „Ein Steifer ist ein Steifer“, gilt das für Heterosexualität sicher auch, nicht wahr? Es gibt also keinen Grund anzunehmen, daß jeder Schwule schon immer ein Schwuler war.

        Plasitizität ist übrigens was anderes als biologische Präferenzen und Bedürfnisse. Letztere werden postuliert, weil man sonst in der Theorie personaler Autonomie und in der Willensfreiheitsdebatte ins Schleudern gerät. Ersteres aber ist die Folge eines Fehlens von biologischer Invarianz. Diese biologische Freiheit macht evolutionär absolut Sinn, wenn man sich die Notwendigkeit in Erinnerung ruft, daß es für Menschen überlebensnotwendig ist, auf Unvorhergesehenes felxibel zu reagieren.

        Nur ist EvoChris noch nicht darauf gekommen, daß evolutionärer Vorteil und biologische Determinierung gegeneinander arbeiten – es sei denn, es gibt aus biologischen Gründen, die Freiheit, gegen jede Programmierung aus Selektion zu verstoßen.

        Viel Spaß damit. 😉

      • „Elmar weiß eben, daß einige Männer erst nachdem sie eine Familie gegründet haben, schwul werden. “

        Nach allem was man hört ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie schwul sind, aber es sich selbst nicht eingestehen deutlich höher.

        Viele Ehen dieser Art sind ja auch von wenig Sex gekennzeichnet.

        Genug Männer und Frauen haben sich aber auch von Todesstrafen nicht abhalten lassen, homosexuell zu sein. Wenn es ihnen einfach gewesen wäre, heterosexuell zu werden, dann wäre dies für sie wohl ein vozuziehender Weg gewesen.

        „Diese biologische Freiheit macht evolutionär absolut Sinn, wenn man sich die Notwendigkeit in Erinnerung ruft, daß es für Menschen überlebensnotwendig ist, auf Unvorhergesehenes felxibel zu reagieren.“

        In einigen Bereichen sicherlich. Im Bereich der sexuellen Präferenzen oder bei geschlechtlichen Verhalten kann es hingegen – gerade aus einer genzentrierten Sicht – genau andersrum sein: Flexibilität ist dann ein evolutionärer Nachteil.

        „Nur ist EvoChris noch nicht darauf gekommen, daß evolutionärer Vorteil und biologische Determinierung gegeneinander arbeiten “

        Mir ist zumindest klar, dass es hier keine einheitliche Antwort gibt. Unberechenbarkeit und Flexibilität sind in einigen Bereichen vorteilhaft, in anderen nachteilhaft

        Aber auch hier noch mal die Frage:

        Wäre eine biologische Fixierung der sexuellen Präferenzen mit deinen gegenwärtig vertretenen Theorien in Einklang zu bringen oder nicht?

      • elmardiederichs schreibt:

        „Nach allem was man hört ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie schwul sind, aber es sich selbst nicht eingestehen deutlich höher.“

        Ach so? Die soziologische Befragung ersetzt die Empirie biologisch-evolutionärer Beweisführung? Ist ja ein ganz interessanter Konstruktivismus, denn du da am Wickel hast.

        „Viele Ehen dieser Art sind ja auch von wenig Sex gekennzeichnet.“

        Ach? Du bist jedes Mal dabei?

        „Genug Männer und Frauen haben sich aber auch von Todesstrafen nicht abhalten lassen, homosexuell zu sein.“

        Sicher und sie lassen sich auch nicht durch Todesstrafe nicht davon abhalten, die Ehe zu brechen. Na ud?

        „Wenn es ihnen einfach gewesen wäre, heterosexuell zu werden, dann wäre dies für sie wohl ein vozuziehender Weg gewesen.“

        Das ist nicht meine These. Du behauptet, daß alles, was schwer ist, auf den Widerspruch zu biologischen Tendenzen zurückzuführen ist – was eine zirkuläre Argumentation ist, weil sie die Richtgkeit des Biologismus voraussetzt, während sie diesen zu beweisen sucht.

        „In einigen Bereichen sicherlich.“

        Ah, und wie kann man das vereinbaren?

        „Wäre eine biologische Fixierung der sexuellen Präferenzen mit deinen gegenwärtig vertretenen Theorien in Einklang zu bringen oder nicht?“

        Fixierung bei allen und unter allen Umständen für immer?

      • „Ach so? Die soziologische Befragung ersetzt die Empirie biologisch-evolutionärer Beweisführung? Ist ja ein ganz interessanter Konstruktivismus, denn du da am Wickel hast.“

        Natürlich kann eine Befragung Ergebnisse bringen, die man als Argument für aber insbesondere auch gegen biologisch-evolutionäre Theorien bringen kann.
        Die Wirklichkeit muss ja nun einmal diese wiederspiegeln, ich muss sie daher auch nicht ausblenden.

        Ich kann aber gerne zusätzlich biologische Argumente anführen:

        „Ach? Du bist jedes Mal dabei?“

        Warum wäre das wichtig?
        Bestreitest du diesen Punkt denn überhaupt?

        „Sicher und sie lassen sich auch nicht durch Todesstrafe nicht davon abhalten, die Ehe zu brechen. Na ud?“

        Das ist beides ja auch peroblemlos mit evolutionären Theorien vereinbar. Warum sollte der letzte Punkt also dagegen sprechen?
        Im Gegenteil, es zeigt wie wenig Macht soziale Normen haben, wenn sie mit biologischen Begehren konfrontiert sind.

        „Das ist nicht meine These“

        Was ist denn eigentlich deine These? Doch wohl eine „Lernbarkeit“ oder eine „wandelbarkeit“ der sexuellen Ausrichtung oder nicht?

        „Du behauptet, daß alles, was schwer ist, auf den Widerspruch zu biologischen Tendenzen zurückzuführen ist – was eine zirkuläre Argumentation ist, weil sie die Richtgkeit des Biologismus voraussetzt, während sie diesen zu beweisen sucht.“

        Das ist ja auch nicht der einzige Beweis. Allerdings ist es eben schwer mit Sozialisierungstheorien oder Theorien, die allein mit Vernunft und freien Willen argumentieren in Einklang zu bringen.
        Was ist denn deine Theorie und wie erklärt sie diesen Umstand?

        „Ah, und wie kann man das vereinbaren?“

        Man begreift wie Evolution funktioniert. Dann liegt es auf der Hand.
        Es ist ungefähr so als würdest du fragen „Warum sind unsere Zehen weniger beweglich als unsere Finger? Wie läßt sich das vereinbaren?“ Weil es einen Vorteil in diesem Bereich bringt, in anderen aber nicht. Wenn man zB auch frei entschließen kann, lieber mit Männern zu schlafen, dann gelangen eben Gene dieser Personen mit freier Entscheidung nicht oder in geringerer Zahl in die nächste Generation.

        „Fixierung bei allen und unter allen Umständen für immer?“

        Bei einzelnen Personen für immer würde mir erst einmal reichen.

      • elmardiederichs schreibt:

        @EvoChris

        Mich wundert, daß du immer noch deine posts zitierst. Denn erstens bringen sie keine Argumente, sondern sind nur Hinweise auf andere Quellen und zweitens wird zu einen post in der Regel zu anderen Themen als die des postes diskutiert. Solche post nützen gar nichts, sie sind reine Zeitverschwendung.

        „Im Gegenteil, es zeigt wie wenig Macht soziale Normen haben, wenn sie mit biologischen Begehren konfrontiert sind.“

        Ist wieder zirkulär.

        „Allerdings ist es eben schwer mit Sozialisierungstheorien oder Theorien, die allein mit Vernunft und freien Willen argumentieren in Einklang zu bringen.“

        Warum? Nenn doch bitte eine solche Theorie, die sa versagt.

        “Ah, und wie kann man das vereinbaren?”

        „Bei einzelnen Personen für immer würde mir erst einmal reichen.“

        Dann hast du unrecht. Bitte beschäftge dich mit dem Phänomen der Gefängnishomosexualität.

      • @elmar

        „Mich wundert, daß du immer noch deine posts zitierst. Denn erstens bringen sie keine Argumente, sondern sind nur Hinweise auf andere Quellen und zweitens wird zu einen post in der Regel zu anderen Themen als die des postes diskutiert. Solche post nützen gar nichts, sie sind reine Zeitverschwendung.“

        Sie führen die Argumente aus diesen Quellen an. Aber wenn du willst, dann kannst du auch die Argumente aus den verlinkten Quellen nehmen.
        Wenn zB epigenetische Marker für Homosexualität gefunden worden sind, eineige Zwillinge eher beide Homosexuell sind als zweieige und diese wiederum häufiger als sonstige Geschwister, wenn Medikamente (diethylstilbestrol) mit erstaunlich hoher Rate dazu führen, dass Kinder homosexuell werden, wenn sich auch sonst, zB an den unterschieden des auf testosteron im Mutterleib reagierenden nicht sichtbaren Ohrknöchelchens unterschiede zwischen Homosexuellen und Heterosexuellen, die mit pränatalen Testosteron-Theorien in Einklang zu bringen sind, Unterschiede zeigen, und wenn die Fraternal Birth order unabhängig von Adpotionen Auswirkungen hat, dann sind das Argumente, mit denen du dich halt lieber nicht auseinandersetzt.

        Bisher ist deine Gegenposition auch nur: „Die sind schlecht, da steht nichts“ ohne dich mit den konkreten Argumenten auseinanderzusetzen. Klar, ohne Gegenargumente ja auch schwierig.

        „Ist wieder zirkulär.“

        Nein

        „Warum? Nenn doch bitte eine solche Theorie, die sa versagt.“

        Die poststrukturalistischen Theorien aus dem genderfeminismus beispielsweise. Auch sonstige Sozialisierungstheorien können das aus meiner Sicht nicht erklären. Aber wenn du meinst, dass sie es doch können, dann bin ich gespannt wie.

        „Dann hast du unrecht. Bitte beschäftge dich mit dem Phänomen der Gefängnishomosexualität.“

        Gefängnishomosexualität ist keine Homosexualität, sondern eine Ausweichsexualität. Homosexualität bedeutet, dass man Männer begehrt, nicht, dass man, wenn nur Männer da sind, diese nimmt. Genauso wie jemand, der ein fleshlight benutzt keine Objektsexualität hat.
        Ich schließe aber daraus, dass eine feste sexuelle Ausrichtung in dem von mir verwendeten Sinne mit deinen Theorien nicht vereinbar ist?

      • elmardiederichs schreibt:

        @EvoChris

        Aha – du hast also nicht als petitio principii. War ja klar. 🙂

      • Doch, ich habe ja diverse andere Punkte genannt. Dass du die selektiv ausblendest liegt an dir

      • djadmoros schreibt:

        @Christian:

        »Die spannende Frage ist ja, wie die “festgelegten Teile” mit den “plastischen” interagieren.«

        Darauf gehe ich in Punkt 8 unter dem Stichwort »vertikale Verhaltensintegration« zumindest kurz ein.

      • @djadmoros
        Das klingt etwas nach dem, was ich mit „Ausformung der Biologie durch Kultur“ meine. Kannst du es vielleicht mal an einem Beispiel erläutern, wie du dir das vorstellst?

      • djadmoros schreibt:

        @Christian:

        »Kannst du es vielleicht mal an einem Beispiel erläutern, wie du dir das vorstellst?«

        Ich bin noch auf der Suche nach einem geeigneten historischen Beispiel anstatt einem nur ad hoc ausgedachten – voraussichtlich heute Abend.

      • @djadmoros

        „Ich bin noch auf der Suche nach einem geeigneten historischen Beispiel anstatt einem nur ad hoc ausgedachten – voraussichtlich heute Abend.“

        Mich würde eher interessieren, wie du das zB in Bezug auf konkrete Geschlechterunterschiede siehst. Wie greifen da die Plastizität, das, was du von Bischof -Köhler übernommen hast und Müller zusammen?

      • djadmoros schreibt:

        @Christian:

        »Mich würde eher interessieren, wie du das zB in Bezug auf konkrete Geschlechterunterschiede siehst. Wie greifen da die Plastizität, das, was du von Bischof -Köhler übernommen hast und Müller zusammen?«

        Bischof-Köhler liefert die dispositionelle Ebene und Müller die Rollen bzw. Handlungsfelder. Zwischen Rollen und Dispositionen besteht unter Abzug der üblichen Unschärfen (z. B. differenzielle Hormonspiegel) ein Passungsverhältnis. Dieses Passungsverhältnis ist *ursprünglich* ein Resultat der biologischen und protokulturellen Evolution (»protokulturell«: Überlappungsbereich von biologischer und kultureller Evolution). Nicht in diesem Passungsverhältnis inbegriffen und nicht dispositionell vorgeprägt sind die Lernleistungen, die beispielsweise für den Wechsel in eine andere Umwelt erforderlich sind, also Anpassung an geänderte Klimaverhältnisse, Erlernen der essbaren Pflanzen und jagdbaren Tiere. Die prinzipielle Möglichkeit dieser Lernleistungen gründet in der Plastizität des Gehirns.

        Wir befinden uns hier in der »kulturellen Nullage«, gleichsam auf der Startlinie des Zivilisationsmarathons. Bereits hier gibt es eine »Zweigleisigkeit« von dispositioneller Passung und »freien« Lernleistungen. Bereits der Mensch in der »kulturellen Nullage« ist in Bezug auf seine potentiellen Lernleistungen dafür offen, nahezu jede ökologische Nische des Planeten zu besiedeln. Dies kann genetische Anpassungen *nach sich ziehen*, ist aber nicht durch genetische Dispositionen *vorgeprägt*. Dies ist die kollektive Ebene.

        Auf der individuellen, handlungsbezogenen Ebene ist die Differenzierung von Dispositionen und Lernen ebenfalls wesentlich: zum einen werden Gewohnheitshandlungen an Dispositionen *assimiliert*, d. h. sie gehen mit ihnen prinzipiell wieder auflösbare Verbindungen ein, um als *Routinen*, also »unecht deterministische« Verhaltensautomatismen im Körpergedächtnis abgespeichert zu werden – es handelt sich gleichsam um einen von den Dispositionen »geborgten« Determinismus mit »Kündigungsrecht«. Zum anderen werden in der Konfrontation mit *neuartigen* Situationen automatische Verhaltensreaktionen *sistiert*: das bewusste Denken und z. B. das experimentelle Lernen tritt zwischen die Verhaltensantriebe und die tatsächliche Handlung (das ist Gehlens »Hiatus«).

        Das alles gilt bereits auf der Stufe primitiver Gesellschaften, auf der erwähnten Startlinie des Zivilisationsmarathons. Unter den Rahmenbedingungen komplexer Kulturen kommt (historisch in etwa mit dem Aufkommen der Erlösungsreligionen) die Ausbildung der »moralischen Person« hinzu, die eine explizite, willentliche Kontrolle des menschlichen dispositionellen Gerüsts anstrebt, weil das Ausgeliefertsein an diese »innere Natur« als *Unfreiheit* oder Quelle des Leidens (Buddhismus) angesehen wird. Hier zeigt sich die menschliche Verhaltensplastizität auf einer neuen Stufe, insofern die Selbstkontrolle der eigenen Antriebe und Motivationen in asketischen Exerzitien ziemlich weit gehen kann. Diese Domestizierung der eigenen inneren Natur kann aber paradoxerweise als Befreiung und Emanzipation erfahren werden. Die heute übliche Verurteilung von »Triebunterdrückung« ist ein eminent modernes Phänomen.

      • @djadmoros

        „Unter den Rahmenbedingungen komplexer Kulturen kommt (historisch in etwa mit dem Aufkommen der Erlösungsreligionen) die Ausbildung der »moralischen Person« hinzu, die eine explizite, willentliche Kontrolle des menschlichen dispositionellen Gerüsts anstrebt, weil das Ausgeliefertsein an diese »innere Natur« als *Unfreiheit* oder Quelle des Leidens (Buddhismus) angesehen wird. Hier zeigt sich die menschliche Verhaltensplastizität auf einer neuen Stufe, insofern die Selbstkontrolle der eigenen Antriebe und Motivationen in asketischen Exerzitien ziemlich weit gehen kann. “

        Das ordnest du alles sehr unkritisch der Verhaltensplastizität zu, was ich für falsch halte.
        Moral und Gerechtigkeit haben ebenso biologische Grundlagen wie andere Punkte und der „innere Kampf“ dürfte problemlos auch in Naturvölkern eine Rolle spielen. Warum sollte Zb der Aborigne oder andere Naturvölker nicht zB seinen Sexualtrieb unterdrücken müssen?
        Der Höhlenmensch hatte ebenso einen Trieb und ein rationales denken.
        Und auch heute noch leben wir vieles aus, was uns biologisch geprägt hat, du nimmst es vielleicht nur nicht als solches wahr

      • djadmoros schreibt:

        @Christian:

        »Das ordnest du alles sehr unkritisch der Verhaltensplastizität zu, was ich für falsch halte.«

        *Was genau* ist daran »unkritisch«, und *was genau* ist falsch?

        »Moral und Gerechtigkeit haben ebenso biologische Grundlagen wie andere Punkte«

        *Inwiefern* haben Moral und Gerechtigkeit biologische Grundlagen?

        »Warum sollte Zb der Aborigne oder andere Naturvölker nicht zB seinen Sexualtrieb unterdrücken müssen?«

        Das kann je nach Situation selbstverständlich vorkommen. Es ist aber nicht dasselbe wie eine geltende *Norm*, sich generell und systematisch von der eigenen inneren Natur zu distanzieren, weil diese »des Teufels« ist oder als Quelle allen Leidens gilt. *Das* ist ein Schritt, den erst die Erlösungsreligionen vollzogen haben.

      • @DJadmoros

        *Was genau* ist daran »unkritisch«, und *was genau* ist falsch?

        Unkritisch deswegen, weil deine Begründung dazu sehr oberfächlich ist und du dich nicht damit beschäftigt hast, welche Theorien dazu anderweitig vertreten werden. Gerade zB im Bereich der gesellschaftlichen Kooperation und verschiedener Modelle menschlichen Verhaltens gibt es diverse Ansätze, die sowohl spieltheoretische Darlegungen enthalten als auch dafür argumentieren, dass diese in Selektionsvorgänge eingeflossen sind, die uns bestimmte Verhaltensweisen bevorzugen lassen.
        Du scheinst auch ein sehr kurzgreifendes Verständnis biologisch begründeter Dispositionen zu haben.

        „*Inwiefern* haben Moral und Gerechtigkeit biologische Grundlagen?“

        Diese Fragen beantwortet dir zB dieses Buch
        http://www.amazon.de/The-Origins-Virtue-Instincts-Cooperation/dp/0140264450

        If evolution by natural selection relentlessly favors self-interest, why do human beings live in complex societies and show so much cooperative spirit? In The Origins of Virtue, Matt Ridley, a zoologist and former American editor of the Economist, shows that recent research in a number of fields has suggested a resolution of the apparent contradiction between self-interest and mutual aid. Brilliantly orchestrating the new findings of geneticists, psychologists, and anthropologists, The Origins of Virtue re-examines the everyday assumptions upon which we base our actions towards others, whether we are nurturing parents, siblings, or trade partners. The Origins of Virtue searches for the roots of that capacity for trust, contrasts it with the social instincts of ants, baboons, and naked mole rats, and draws provocative conclusions for our understanding of politics. Ridley not only traces the evolution of society but shows us how breakthroughs in computer programming, microbiology, and economics have all played their role in providing us with a unique perspective on how and why we relate to each other.

        Ich habe hier kurz was dazu geschrieben:
        http://allesevolution.wordpress.com/2011/08/23/kooperatives-verhalten-und-gruppenbildung/

        In dem Buch “The Origins of virtue” stellt Matt Ridley dar, wie die Tugend entstanden sind. Genauer geht es darum, wie ein selbstloses Verhalten biologisch erklärbar ist.

        Das Grundproblem ist dabei, dass erste Modele immer dargelegt haben, dass es günstiger ist, nicht tugendhaft, sondern nur auf seinen eigenen Vorteil hin ausgerichtet zu sein. Fortschritte ergaben sich dann aus modernen Überlegungen zur Spiletheorie, nach der kooperatives Verhalten dann erfolgreich sein kann, wenn die Spieler das Spiel wiederholt spielen können und dabei insbesondere unkooperatives Verhalten bestrafen können. Ein Spieler, der solange kooperativ ist, wie auch der andere Kooperativ ist und evtl. sogar den ein oder anderen Fehler (also unkooperatives Verhalten) verzeiht, kann die Vorteile eines kooperativen Verhaltens nutzen, ohne sich zu sehr der Gefahr auszusetzen, dass er ausgenutzt wird.

        Weitere Mechanismen, die der Herstellung eines kooperativen Verhaltens zugänglich sind, wären Entrüstung über unkooperatives Verhalten, das Schämen für solches Verhalten, die Bestrafung des unkooperativen Verhaltens bis hin zum Ausschluss aus der Gesellschaft etc. So könnte also ein “Gerechtigkeitsgefühl” entstanden sein, dass eine Leistung auf ihren Wert hin überprüft und insbesondere auch nachhält, ob die Gegenseite Leistungen erwidert und faire Gegenleistungen bringt.

        Unter diesem Gesichtspunkt wäre eine Strategie, bei der man stets kooperativ ist, auch wenn man die andere Person nie wieder sieht, eine Werbemaßnahme, die sagt, dass man so kooperativ ist, dass man selbst ohne Aufsicht entsprechendes Verhalten zeigt. Dies wäre dann eine Werbemaßnahme gegenüber anderen Personen, die dann mit einem eher selbst kooperativ sind.

        Einen interessanten Ausflug macht Ridley dann in das Feld der Kooperation innerhalb der Gruppe. Bei den meisten Tieren nutzen insbesondere die Männchen Kooperation innerhalb der Gruppe aus, um in der Hierarchie aufzusteigen (etwa indem das Alphamännchen durch zwei andere Männchen gemeinsam vom Thron gestoßen wird) oder Fortpflanzung zu ermöglichen.

        Bei Delphinen beispielsweise indem sie zu dritt ein Weibchen in die Enge treiben und dann im Prinzip in Geiselhaft nehmen um sie zu vergewaltigen oder bei Affen indem ein ranghöheres Männchen von einem Weibchen zu zweit weggejagd wird um sie dann zu begatten oder als große Männchengruppe für Revierkämpfe, in denen ein regelrechter Krieg gegen benachbarte Affen geführt wird, zB um deren Weibchen ins eigene Revier zu bekommen oder das Revier auszuweiten.

        Zusammenarbeit auf der Gruppenebene wird also im Tierreich immer wieder beobachtet, erfordert aber nach den dortigen Beobachtungen immer wieder eine Abgrenzung der Gruppe nach einem gemeinsamen Kriterium. Ameisen mögen höchst soziale Tiere bei einer Betrachtung des eigenen Ameisenhaufens sein, aber sie arbeiten nicht mit anderen Ameisenhaufen zusammen, sondern bekriegen sie.

        Ridley meint nun, dass dieser Gruppeneffekt auch bei Menschen besteht. Auch wir brauchen eine Gruppe, der wir uns zugehörig fühlen und eine Gruppe, die im Gegenzug “die Anderen” sind, damit eine Zusammenarbeit möglich ist. Ohne dieses verbindende Element der Gruppenzugehörigkeit würde Altruismus innerhalb einer Gruppe dem einzelnen keine Vorteile mehr bringen, da sie beliebig wird (das mag aufgrund der heutigen Gruppengröße zB bei einer Nationalität zwar auch ein sehr subjektiver Abgrenzungsgrund sein, aber dennoch wird die Einschätzung eines Gruppenvorteils aufgrund unserer Denkweise nach wie vor benötigt. Deswegen – so Ridley – gäbe es in allen menschlichen Gruppen Elemente um einen Gleichklang, eine Gleichheit, ein verbindendes Element herzustellen.

        Ein Beispiel wäre Musik, bei der sich alle im Takt dieser bewegen, Uniformen, Märsche, alles bei der eine Synchronisation erreicht wird. Auch Religion könne diese Funktion erfüllen, indem sie eine Abgrenzung herbeiführt, etwa in Gläubige und Heiden (in einem kurzem Ausflug legt er dabei dar, dass die Regeln der meisten Religionen innere Regeln sind, die der Glaubensgemeinschaft dienen und dort Kooperation stärken sollen und nicht zwingend gegenüber “den anderen” anzuwenden sind – etwa das christliche Gebot, dass man nicht töten soll, dass ansonsten in einem Widerspruch zu den sehr kkriegerischen Handlungen des alten Testaments und den unzähligen Tötungen dort im Namen Gottes stehen würde).

        Weitere moderne Anwendungen wären die Fußballfans eines Vereins, die sich eben auch einer gewissen Gruppe zugehörig fühlen und sich so zu Fans anderer Vereine abgrenzen. Ridley stellt dar, dass jede Gruppe eine Gegengruppe braucht um sich selbst definieren zu können. Weil solche Gruppenbildung im Tierreich insbesondere bei Männern beobachtet wird, die so die Kooperation nutzen um in Hierarchien aufzusteigen oder ihre Fortpfanzungschancen zu erhöhen wäre demnach auch verständlich, warum gerade Männer solche Gruppenzugehörigkeiten benötigen. Fußballfans wären demnach nichts anderes als der Wunsch der jeweiligen Fans halt in einer Gruppe zu finden um sich nicht alleine mit anderen Gruppen messen zu müssen.

        Sieht man dabei Sport als ritualisierten Wettkampf an, macht es noch viel mehr Sinn, dass überall auf der Welt Männer ein höheres Interesse daran haben sich einer der Männergruppen zuzuordnen, die diese ritualisierten Wettkämpfe austragen. Kurzum, es erklärt, warum Männerfußball ein Millionengeschäft ist während Frauenfußball im vergleich vor sich hindümpelt. Frauengruppen benötigen ihre Gruppen weniger für eine Behauptung im Konkurrenzkampf, sondern sie können von vorneherein eher auf weniger Wettbewerb ausgerichtet sein, weil sie üblicherweise keine Revierkämpfe führen müssen und auch keine Männer für die Fortpflanzung in Zusammenarbeit monopolisieren konnten (vgl. auch Sport und Konkurrenzkampf: Unterschiede zwischen Mann und Frau)

        Natürlich bedeutet das nicht, dass Frauen kein biologisches Interesse an Gruppenbildung und Ausgrenzung anderer haben. Sie haben dies durchaus schon deswegen,weil ein Fremder außerhalb der Gruppe eben auch immer eine Gefahr darstellt, da Fremde weniger kooperatives Verhalten gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen zeigen müssen.

        „Das kann je nach Situation selbstverständlich vorkommen. Es ist aber nicht dasselbe wie eine geltende *Norm*, sich generell und systematisch von der eigenen inneren Natur zu distanzieren, weil diese »des Teufels« ist oder als Quelle allen Leidens gilt. *Das* ist ein Schritt, den erst die Erlösungsreligionen vollzogen haben.“

        Auch hier siehst du meiner Meinung nach die Biologie zu kurz. Wir haben keine Norm uns von der eigenen inneren Natur zu distanzieren. Allenfalls haben wir eine Norm uns von bestimmten Aspekten der inneren Natur zu distanzieren, die in Konflikt mit Gemeinschaftsinteressen stehen,
        Ehe zB ist die kulturelle Ausformung einer Langzeitstrategie, die tief in unserer Biologie verankert ist und auf einer ausgeklügelten Biochemie beruht.
        Kooperativ sein ist unsere innere Natur, solange wir davon ausgehen entweder etwas zurück zu erhalten von der Gemeinschaft oder aber damit unsere Großzügigkeit selbst als costly Signal darstellen zu können.
        Bündnisse und Freundschaften schließen ist unsere innerste Natur, weil wir kooperative Tiere sind (bündnisse schließen zu können bringt enorme evolutionäre Vorteile)
        Du hast insofern einfach eine falsche Vorstellung von „innerster Natur“, was deine ganze Theorie wackelig macht.

      • djadmoros schreibt:

        @Christian:

        »Unkritisch deswegen, weil deine Begründung dazu sehr oberfächlich ist und du dich nicht damit beschäftigt hast, welche Theorien dazu anderweitig vertreten werden.«

        Zunächst mal ist meine Argumentation *komprimiert*, was an der Vielzahl der Themen liegt, die ich anschneiden wollte. Du kannst das meinetwegen »oberflächlich« nennen – zur Vertiefung dient (auf Nachfrage) die Diskussion. Womit ich mich *beschäftigt* habe, kannst Du aber nicht wissen.

        »… diverse Ansätze, die sowohl spieltheoretische Darlegungen enthalten als auch dafür argumentieren, dass diese in Selektionsvorgänge eingeflossen sind, die uns bestimmte Verhaltensweisen bevorzugen lassen …«

        Das ist jetzt nicht weniger oberflächlich als Du mir vorwirfst. Aber schauen wir mal, was Deine Zusammenfassung von Ridley hergibt.

        (1) Die Spieltheorie ist ein formales Modell, das aufeinander bezogenes (»doppelt kontingentes«) menschliches Handeln und die dahinter stehenden Absichten abbilden soll. Sie *beschreibt* Kalküle und Spielsituationen, erklärt aber nicht, woher sie kommen. Es mag an Deiner Zusammenfassung liegen, aber *nichts* in Deinen ersten vier Absätzen gibt irgend einen Hinweis darauf, was daran biologisch sein soll. Tomasello (»Naturgeschichte des menschlichen Denkens«) dagegen kann sehr gut erklären, warum die der Spieltheorie zugrundeliegenden Situationen der menschlichen *Kultur* bedürfen: weil spieltheoretisch fassbare Situationen an die sozial rekursive »Theory of Mind« gebunden sind, über die nur der Mensch verfügt. Wenn also Ridleys Buch tatsächlich Argumente in Deinem Sinne enthalten sollte, dann sind sie in Deiner Zusammenfassung nicht enthalten.

        (2) Gruppeneffekte beim Menschen: Ridleys Behauptung, dass Menschen einer Gruppenzugehörigkeit bedürfen, steht in keinem Widerspruch zu meinen Ansichten oder zur Kulturanthropologie. Aber wiederum fehlt – zumindest in Deiner Zusammenfassung – jeder Hinweis darauf, was denn das Biologische daran sein soll. Wiederum Tomasello (ich verweise speziell auf ihn, weil ich sein Modell in meinem Blogpost zusammengefasst habe, meine Argumente also eigentlich schon im Text stehen) argumentiert, dass Gruppenzugehörigkeit beim Menschen über *kulturelle Identität*, also über kollektiv geteilte Weltsicht, Wissensbestände und Symboliken operiert.

        (3) Der einzige Punkt, den ich nachvollziehen kann, ist die Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Modalitäten der Gruppenzugehörigkeit, die sich in unterschiedlichen Verhaltensstilen ausprägt. Aber auch diesen Punkt habe ich (mit Bezug auf Bischof-Köhler) bereits genannt und als plausibel eingeschätzt.

        (4) »Wir haben keine Norm uns von der eigenen inneren Natur zu distanzieren.«

        Ich habe eine Aussage in Bezug auf die menschliche Religionsgeschichte gemacht, speziell in Bezug auf die Erlösungsreligionen, wie sie seit der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends allmählich entstanden sind. Welche biologisch veranlagten Normen es gibt oder nicht gibt, ist in diesem Zusammenhang völlig unerheblich, weil es sich bei den betreffenden religiösen Normen um einen empirischen Tatbestand handelt.

        Fazit: anstatt mir vorzuwerfen, ich hätte mich mal wieder zu wenig mit »anderweitigen Theorien« beschäftigt, solltest Du erstens Deine eigenen Textkonserven darauf überprüfen, ob sie die Argumentation wirklich liefern, die Du ankündigst, und Dich zweitens an die eigene Nase fassen: »oberflächlich« sind – wie dieses hier – ziemlich viele Deiner eigenen Postings, weil Du in hoher Taktzahl Kommentare raushaust, die auf den ersten Blick als beeindruckende Leistung erscheinen, auf den zweiten Blick aber viele taube Nüsse enthalten, weil Du den Bezug zu den Aussagen des Vorposters überhaupt nicht herstellst. Und ich bin nicht der erste, der sich darüber ärgert.

  6. LoMi schreibt:

    „er scheint mir aber schon von einer starken Plastizität auszugehen“

    Nun, wir werden sehen, aber ich denke nicht, dass er damit auch das limbische System z.B. meint.

    „Da sind wir eben auch schnell bei “freien Willen” etc.“

    Auch hier würde ich immer sagen, dass niemand einen vollkommen freien Willen vertritt, denn wir leben als körperliche Wesen in einer materiellen Umwelt und haben damit immer ein Verhältnis zu etwas. Es gibt uns immer nur in Kontexten und den Willen dann eben auch.

    • elmardiederichs schreibt:

      Die entscheidende und von dir offengelassene Frage ist wohl eher, was Freiheit und freier Wille eigentlich besagen.

      „Auch hier würde ich immer sagen, dass niemand einen vollkommen freien Willen vertritt“

      Ja? Woher weißt du das?

      „Es gibt uns immer nur in Kontexten und den Willen dann eben auch.“

      Und welche Beschränkungen ergeben sich deiner Meinung nach daraus?

      • LoMi schreibt:

        Folgende: Der Wille bezieht sich auf die konkrete Situation, in der er auftritt. Das heißt, dass ich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort bin und dort bestimmte Handlungsbedingungen vorfinde. Zu den Handlungsbedingungen gehört auch mein Körper, seine Art der Wahrnehmung über die Sinne, seine Bedürfnisse. Das heißt nicht, dass der Körper den Willen determiniert. Ich kann auch Dinge wollen, die nicht gehen. Aber ich denke mir den Willen jetzt doch ein bisschen sprachlich, wie einen sprachlichen Ausdruck. Und dann muss der Wille Begriffe benutzen, die etwas bezeichnen und dazu gehören eben auch die erwähnten Handlungsbedingungen inklusive meiner raumzeitlichen wie gesellschaftlichen Verortung.

  7. djadmoros schreibt:

    @all:

    Take your time – ich habe mir fürs Schreiben ja auch Zeit gelassen! 🙂 Inhaltlich vertiefend antworten kann ich in der Regel ohnehin nur abends.

    • crumar schreibt:

      @djadmoros

      Vielen Dank für den Artikel – drucke ich mir gerade aus und werde ihn morgen lesen.
      Bin sehr gespannt!

      Besten Gruß, crumar

    • mitm schreibt:

      @djadmoros: danke auch von mir. Auf so einen Text, der den Bogen von der Biologie bis zum sozialen Verhalten spannt, habe ich schon lange gehofft.
      Wegen der enormen Breite an Themen, die der Text aufgreift und integriert, ist er sicher eines der Highlights des Jahres 2014 in der Masku-Blogger-Szene 🙂

      • LoMi schreibt:

        Zweifellos!

      • djadmoros schreibt:

        Danke! 🙂 (Nicht, dass ich jetzt noch rot werde) Es ist halt ein konzentrierter Brühwürfel – mit dem Nachteil, dass viele Argumente der starken Komprimierung wegen in Bezug auf ihre Präzision vermutlich der Nacharbeit bedürfen. Aber das gehört ja auch zum Sinn von Diskussion.

  8. El_Mocho schreibt:

    Sorry, ich habe nach wie vor Probleme mit der ganzen Denkweise.

    „ Genetisch determiniert sind der anatomische Aufbau einzelner Neurone sowie das Größenwachstum des Gehirns, nicht aber die Muster neuronaler Aktivität.“

    „obwohl sich das einzelne Neuron deterministisch verhält, sind die Muster ihres Zusammenwirkens indeterministisch,“

    „Die neuronale Aktivität stellt daher einen in sich geschlossenen, selbstreferentiellen und zirkulären Prozess dar, dessen Zustände weder durch irgendeine Art von genetischer Programmierung noch auch durch direkte Einwirkungen von Umweltreizen erzeugt werden.“

    Mir fehlen hier einige grundlegende Erklärungen. Wie entsteht etwas nicht-determiniertes aus determiniertem? Woher kommen die besagten Zustände, wenn sie weder aus den Genen noch aus der Umwelt stammen?

    Fundamentale Fragen, die die idealistische Philosophie nie hat beantworten können, werden als gelöst hingestellt, indem nicht mehr vom Selbst oder vom Subjekt gesprochen wird, sondern vom Gehirn.

    Das wird hier alles nur postuliert, ohne es wirklich stringent herzuleiten, und solange das so ist, erscheint mir eine deterministisch/materialistische Erklärung plausibler.

    Es wird zwar viel Literatur herangezogen, aber höchst selektiv, wie mir scheint. Die Lerntheorien von Piaget und Kohlberg sind inzwischen einer intensiven Kritik von Evolutionspsychologischer Seite unterzogen worden (von J. Haidt z.B.).

    • djadmoros schreibt:

      @El_Mocho:

      »Wie entsteht etwas nicht-determiniertes aus determiniertem?«

      Stephen Wolfram (der Erfinder von »Mathematica«) liefert dafür recht eindrucksvolle Beispiele aus dem Bereich der Computersimulation von zellulären Automaten: es gibt simple Regeln für die Schwarz- und Weißfärbung von Zellen über eine beliebige Folge von »Generationen«. In einer sehr einfachen Version bestimmen drei Felder der Generation n die Farbe eines Feldes der Generation n + 1. Bei zwei Farben ergeben sich daraus 256 Regelsets. Die meisten dieser Regelsets verhalten sich deterministisch: sie erzeugen wiederkehrende, reguläre Muster. Zehn von ihnen aber verhalten sich indeterministisch, d.h. sie erzeugen nach einer gewissen Laufzeit irreguläre Muster, die von Zufallsmustern nicht unterscheidbar sind. Bei komplexeren Regeln ergeben sich komplexere indeterministische Muster. »(I)ndeed none of the tests I have ever done on it show any meaningful deviation at all from perfect randomness.« (Wolfram 2002: 28)

      Hierauf basierende Algorithmen werden mittlerweile auch zur Erzeugung von »Pseudo-Zufallszahlen« verwendet – »pseudo« deshalb, weil sie nicht auf »echtem« physikalischem Zufall beruhen, wie er z. B. bei radioaktivem Zerfall vorliegt. Die Entstehung von indeterministischen Resultaten aus deterministischen Regeln lässt sich also bereits auf einem sehr grundlegenden Komplexitätsniveau experimentell demonstrieren – gleichwohl ist dieser Befund kontraintuitiv, was ein Grund dafür sein mag, wenn eine ausschließlich Begriffsarbeit leistende Philosophie hier einen Widerspruch konstatiert. Aber Kontraintuitivität und Unanschaulichkeit sind per se eben noch kein Beleg für einen Irrtum. Es scheint sich also um eine grundlegende Eigenschaft der Natur zu handeln.

      Und ein anderer Aspekt des Problems ist im Bezug auf unterschiedliche Betrachtungsebenen enthalten. Fangen wir mal mit einem biologisvhen Beispiel an: der dreidimensionalen Faltung von Proteinen. Auf der chemischen Ebene sind Proteine Aminosäuresequenzen – wie auch immer sie sich dreidimensional anordnen, ändert nichts an ihrer Identität als chemischer Stoff. Welche biologische »Bedeutung« aber die Faltung eines Proteins hat – ob es »korrekt« oder »falsch« gefaltet ist – ist auf der Ebene der chemischen Substanz nicht festgelegt und nicht entscheidbar, sondern hängt vom funktionellen Kontext ab, in dem das Protein operiert. Die Existenz eines »Chaperons« beispielsweise, einer makromolekularen Protein-»Dose« mit Protein-»Deckel«, die einem Polypeptid geschützte Faltungsbedingungen bietet, ist nichts, was auf der chemischen Ebene vorherbestimmt oder determiniert wäre. Sondern es geht aus einer neuen Klasse von Interaktionsbeziehungen zwischen makromolekularen Einheiten auf einer neuen Komplexitätsstufe hervor, die wir »Biochemie« und »Biologie« nennen. (Campbell/Reece/Markl 2006: 85-96)

      Mit dem Gehirn ist es ähnlich: ich habe das unter 2.1 mit einem Zitat von Maturana zu illustrieren versucht. Obwohl sich die einzelne Nervenzelle für sich genommen deterministisch verhält, hängt ihr Verhalten im Verbund mit anderen Zellen auch von lokalen Parametern wie Druckschwankungen ab, die das elektrische Potential beeinflussen – die »Einheiten« der Informationsverarbeitung liegen analog zum Beipsiel der Proteinfaltung auf einer anderen, »makroskopischen« Ebene. Darum sagt Maturana, dass »Verhalten« die funktionelle Einheit des Nervensystems darstellt.

      Anstatt also darauf zu insistieren, dass der Mensch eine biologische Entität ist, könnten wir mit demselben Recht darauf insistieren, dass der Mensch eine chemische oder physikalische Entität ist. Es wäre nicht falsch, aber wir würden eine wesentliche Beschreibungsebene einfach weglassen. Wir nennen dann notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen für die Entstehung und Existenz der nächsthöheren Ebene des Phänomens.

      »Woher kommen die besagten Zustände, wenn sie weder aus den Genen noch aus der Umwelt stammen?«

      Der zitierte Satz bezieht sich darauf, dass interne Modelle einer Umwelt nicht im Sinne einer Abbildtheorie verstanden werden dürfen – die Pointe ist im Wörtchen »direkt« versteckt. Umweltinformation gelangt durchaus »ins« Gehirn, aber nur dadurch, dass sie bereits präexistente Zustände des verarbeitenden Nervensystems moduliert. Welche Umweltinformtion auf welche Weise verarbeitet wird, hängt also von der Geschichte der bisherigen internen Zustände des Gehirns ab. Sie kommen also aus der Umwelt, werden aber gleichsam subjektiv interpretiert

      »Fundamentale Fragen, die die idealistische Philosophie nie hat beantworten können, werden als gelöst hingestellt, indem nicht mehr vom Selbst oder vom Subjekt gesprochen wird, sondern vom Gehirn.«

      Kant hat wesentliche Grundeinsichten des Konstruktivismus ja bereits vorweggenommen, indem er Strukturen der Erkenntnis a priori postuliert hat. Und wie das Beispiel der zellulären Automaten zeigt, führt rein kontemplative Begriffsarbeit gelegentlich zum Steckenbleiben in Scheinproblemen, bei denen ein Sprung ins Empirische hilfreich sein kann. Ich befürworte nicht, Philosophie durch Neurophysiologie zu ersetzen – Neurophysiologen können ebenso penetrant überheblich auftreten wie Soziobiologen. Ich wollte aber zeigen, dass man sich, um eine soziologische Kulturtheorie zu begründen, durchaus sehr eng an naturalistische Begrifflichkeiten halten kann, ohne darum in biologischen Reduktionismus abzugleiten.

      »Die Lerntheorien von Piaget und Kohlberg sind inzwischen einer intensiven Kritik von Evolutionspsychologischer Seite unterzogen worden (von J. Haidt z.B.).«

      Haidt hat ja an Piaget offenbar vor allem das Fehlen einer emotionalen Dimension der Analyse beanstandet, weshalb er mit der Annahme grundsätzlicher moralischer »Module« arbeitet, die ein Resultat der Hominisierung, der Evolution zum Menschen sind. Diesen Aspekt habe ich in Abschnitt 8.1 zu berücksichtigen versucht, allerdings mit Bezug auf Günther Roth und seine Beschreibung der Funktion des limbischen Systems: ein ausschließlich »kognitiver« Mensch wäre eine Abnormität, alles kognitive Urteilen bleibt kontextualisiert in ein emotionales Bewertungssystem.

      Der springende Punkt ist dabei, dass sich Piagets/Kohlbergs und Roths/Haidts Perspektiven nicht wirklich widersprechen, sondern ergänzen. Piaget und Kohlberg haben ihre Befunde ja nicht aus der leeren Luft gegriffen, sie waren keine Kathederphilosophen, sondern empirisch arbeitende Psychologen. Biologische Eigenschaften und Merkmale sind notwendige, aber keine hinreichenden Bedingungen für die Entstehung des Menschen als »Kulturwesen«. Für die Bestimmung der *notwendigen* Bedingungen darf die (Sozio-)Biologie nicht außer Betracht bleiben (und da hat die Soziologie m. E. tatsächlich etwas Nachholbedarf), aber die Bestimmung der *hinreichenden* Bedingungen ist mit soziobiologischen Mitteln nicht zu leisten!

      – Campbell, Neil A.; Reece, Jane B.; Markl, Jürgen (Hrsg.)(2006), Biologie. München etc.: Pearson Education
      – Wolfram, Stephen (2002), A New Kind of Science. Champaign: Wolfram Media

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