Fundstück: 10 Jahre Genderama

Genderama wird 10 Jahre alt und Arne Hoffmann nutzt die Gelegenheit, um daran zu erinnern, dass in den angelsächsischen Ländern schon eine Menge männerrechtlicher Aktionen laufen, während hierzulande immer noch lieber diskutiert als gehandelt wird. Ich hatte in meinem letzten regulären Beitrag sozusagen mein Leib- und Magenthema gefunden und mir überlegt, Politiker anzuschreiben.

Gestern hatte Arne Hoffmann noch auf den 3. Wissenschaftlichen Männerkongress hingewiesen und heute einen Bericht als Gastbeitrag veröffentlicht. Beim Durchlesen der 11 Forderungen an die Politik fand ich direkt „mein“ Thema wieder:

„Zwei wesentliche Gründe für die Unterdiagnostizierung von Depression bei Männern sind die Angst vor Stigmatisierung bei den Betroffenen und ein geschlechterbezogener Verzerrungseffekt in der Depressionsdiagnostik zugunsten weiblicher Symptome. Depressivität kann sich bei Männern jedoch auch unter der Tarnkappe von Aggressivität, Suchtmittelmissbrauch, Hyperaktivität oder Risikoverhalten manifestieren.“

Also, Schluss mit dem Zögern – wann, wenn nicht jetzt, und wer, wenn nicht wir? Ich habe daher eine E-Mail aufgesetzt und an sämtliche 37 Mitglieder des Ausschusses für Gesundheit geschrieben:

„Betreff: Depression und Suizidprävention

<Anrede>

am 10. September war der Welttag der Suizidprävention. Wenige Tage davor ist zum selben Thema ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erschienen. (1) Aufmerksamkeit erregte das Thema nur kurz zuvor durch den Selbstmord des Schauspielers Robin Williams. Ihm kann niemand mehr helfen – jedoch gibt es noch viele unbekannte Fälle.

Laut Forschung stehen 90% aller Selbstmorde in Zusammenhang mit einer Depression. Gleichzeitig ist die Selbstmordrate von Männern um ein Vielfaches höher als die von Frauen. (2) Es wird davon ausgegangen, dass Depressionen bei Männern seltener erkannt werden, etwa weil sie andere Symptome aufweisen, und andererseits noch gesellschaftliche Tabus darüber bestehen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. (3) Zwar ist etwa ein spezieller Männergesundheitsbericht mit dem Schwerpunkt auf der psychischen Gesundheit erschienen; dieser ist jedoch – im Gegensatz zum Frauengesundheitsbericht – nicht kostenlos zu beziehen. (4)

Nun mag es auf den ersten Blick der Intuition widersprechen, das Augenmerk verstärkt auf Depression und Suizidprävention bei Männern zu richten. Allerdings betrifft jeder Selbstmord im Schnitt sechs andere Menschen. (5) Ein toter Mann fehlt als Ehemann, Vater, Sohn, Bruder, Freund. Aus volkswirtschaftlicher Sicht geht wertvolle Arbeitskraft verloren, die unter dem Strich ins Gesundheitssystem einzahlt.

Sie sind Mitglied des Ausschusses für Gesundheit. Mich interessiert daher Ihre Meinung zu folgenden Fragen:

Ist ein kostenlos erhältlicher Männergesundheitsbericht ein vernünftiger erster Schritt zu mehr Allgemeinbildung zu den Themen psychische Störungen? (Man kann es auch als Schritt zu Gleichberechtigung sehen, da ein entsprechender Bericht für Frauen wie erwähnt existiert.) Falls ja, wie läßt sich das in die Wege leiten, das heißt, was kann ein einzelner Bürger wie ich dazu beitragen? Falls nein, was wäre Ihr Alternativvorschlag?

Angesichts der erdrückenden Zahlen in der Suizidstatistik: Was sind aus ihrer Sicht geeignete Schritte, um die Problematik speziell bei Männern zu entschärfen? Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, der Erkennung und Behandlung von Depressionen bei Männern mehr Aufmerksamkeit zu widmen?

Mich würde allgemein ihre Ansicht über die Themen Depression und Suizid interessieren. Das sind keine leichte Themen, aber da es um den Unterschied zwischen Leben und Tod geht, auch sehr sinnvolle. Vielleicht ist es für Sie abseits der Tagespolitik interessant, sich dazu zu äußern.

Freundliche Grüße

<Vorname Nachname>

Quellen:
(1) http://docs.dpaq.de/7819-who_world_suicide_report_embargo.pdf
(2) http://gleichmass.wordpress.com/2014/01/31/fachbeiratin-prof-dr-a-moller-leimkuhler-im-interview-uber-mannliche-depression/
(3) http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Klinik-und-Poliklinik-fuer-Psychiatrie-und-Psychotherapie/de/forschung/psysozio/schwerpunkte/gender/index.html
(4) http://www.stiftung-maennergesundheit.de/start/hauptnavigation/projekte/aktuelle-projekte/maennergesundheitsbericht-2013.html
(5) http://www.suizidpraevention-deutschland.de/informationen/kurzinfo-suizid.html

(Ich habe absichtlich keinen Bezug auf den Männerkongress genommen. Als Namen und Adresse habe ich die Daten eines Bekannten verwendet, der sich freundlicherweise damit einverstanden erklärt hat.)

Klar, die E-Mail hätte ich auch an sämtliche Stellvertreter schicken können. Und an die Mitglieder des Ausschusses für Forschung sowie deren Stellvertreter. Und gezielt an die Abgeordneten aus meinem Wahlkreis (wegen Heimatbezug). Und je nach Partei etwas anders formulieren können.

Und ganz ehrlich, natürlich ist das Internetaktivismus. Das wird die Welt nicht ändern. Das wird eine Nachricht unter vielen sein, wenn sie überhaupt durch den Spamfilter geht. Um in der Politik etwas zu erreichen, muss man Lobbyarbeit betreiben oder mit vielen Wählerstimmen sprechen.

Aber andererseits: Vielleicht hat wirklich ein Abgeordneter Interesse, liest sich das durch und antwortet. Und selbst wenn nicht: Dann hätte ich wenigstens ein Skandal-Thema für den nächsten Artikel… in diesem Sinne: Es gibt viel zu tun, packen wir’s an!

Und für all die Besserwisser und Perfektionisten da draußen: Sagt mir, was Ihr geschrieben hättet und an wen Ihr eine E-Mail richten würdet! Dann kann ich wenigstens etwas lernen – und eine Konkurrenz von Ideen soll ja zu besseren Ergebnissen führen.

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4 Kommentare zu „Fundstück: 10 Jahre Genderama“

  1. Dann will ich mal fair sein und auch die Reaktionen dokumentieren. Die erste Antwort trudelte heute um kurz vor 10 Uhr ein. Das Büro von Dr. Harald Terpe (Bündnis 90/Die Grünen) teilte mir mit, man habe das Schreiben an Maria Klein-Schmeink (die gesundheitspolitische Sprecherin) weitergeleitet.

    Die Dame habe ich natürlich bereits separat angeschrieben, da sie ja ebenfalls im Ausschuss sitzt. Ich bin angenehm überrascht, dass nach ca. 12 Stunden bereits eine Antwort kommt.

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