»Du willst wohl ’ne Ausnahme sein?!« Oder: Wie ich eines Tages die Männerrechtler entdeckte …

Nachdem ich bei »Geschlechterallerlei« jetzt einen Tag übernommen habe, aber von der Entscheidung bis zum ersten Vorkommnis desselben die Zeit eher knapp war, nutze ich, nachdem auch schon andere Mitglieder des hiesigen Autorenkollektivs entsprechend verfahren sind, diesen Umstand, um als Eröffnung in einer zwanglosen Plauderei darzustellen, wie zur Männerrechtlerei gekommen bin. Die Vokabel »Plauderei« darf als Warnung aufgefasst werden: der folgende Text ist nicht besonders analytisch und bleibt an der Oberfläche, weil er als analytischer und vertiefender Text den Rahmen eines Blogposts unweigerlich sprengen würde. Ich werde also zunächst ein bißchen biografisch ausholen, aber nicht allzu viele Details nennen, sondern im Telegrammstil ein paar Grundstrukturen beschreiben. Schließlich bin ich für eine gründliche Autobiografie noch nicht berühmt genug.

Linksliberales, bildungsbürgerliches Elternhaus. Behütete Kindheit, danach eine nicht ganz so unbeschwerte Jugend. Beide Eltern berufstätig, die Hausarbeit paritätisch aufgeteilt nach dem Grundmuster: sie Wäsche, er Küche. Beide Eltern arbeiten nicht nur, sie arbeiten auch – es ist das goldene Zeitalter der Psychoanalyse – ihre eigenen Biografien auf. Die Mutter das Opfer eines Kriegsopfers mit episodischen Gewaltausbrüchen, der Vater ein Opfer des Patriarchats. Letzteres meine ich ganz wörtlich: in einem Elternhaus aufgewachsen, das zu jenen Kreisen gehörte, die man »Pietcong« nennt, und in dem alle Familienangehörigen unter der Hausgewalt des frommen Vaters stehen. Auf Widerworte steht, ganz alttestamentarisch, die Prügelstrafe. Biedere Kleingeistigkeit, moralische Überheblichkeit und regelrechte Zwangsheiraten, denn Gott der Herr spricht: es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Ein dem Geiste nach prämoderner Kontext also, in dem der Begriff des Patriarchats tatsächlich einen präzisen, deskriptiven Sinn ergibt.

Mit dem Resultat, dass in der betreffenden, chronisch kriselnden Ehe sie zu überkontrollierenden, bei Bedarf mit verbaler Aggression abgesicherten Verhaltensweisen neigt, dagegen er niemals die offene Konfrontation gelernt hat und seine Freiheiten nur durch die Hintertür wahrzunehmen vermag. In dieser Konstellation erreicht der Sohn (über Geschwister plaudere ich hier nichts, ich war aber kein Einzelkind) das Jugendalter, indes die Ehekrise der Eltern sich verschärft und die Beschäftigung der Eltern mit sich selbst dadurch eher noch intensiver wird. Mit den typischen Problemen der Pubertät, nicht zuletzt in sexueller Hinsicht, bleibt der Sohn daher praktisch ohne jeden Beistand, während er zugleich zwischen einer dominanten und zum Teil hoch verbalaggressiven, Abwertung und Verachtung kommunizierenden Mutter und einem psychisch hilflosen Vater eingeklemmt ist. Und von der Mutter dadurch, und zwar ganz ohne ideologische Zutaten, nachhaltig signalisiert bekommt, dass Männer eigentlich nichts anderes sind als ein Schmerz im Arsch der Frauen. Mit dem Resultat, dass er mit einer systematischen Überforderung und einer gründlich beschädigten männlichen Selbstachtung ins Erwachsenenleben startet, und, wenn man das sechzehnte Lebensjahr als Nullpunkt setzt, ungefähr zehn Jahre braucht, um sich davon zu erholen und überhaupt für Frauen beziehungsfähig zu werden. Was er durchaus sein will, denn schwul oder wenigstens bi ist er nicht.

Bis hierhin hat das alles noch nichts mit Feminismus zu tun. Die Mutter war immer stolz auf ihre eigenen Leistungen und hatte für Alice Schwarzer nur Verachtung übrig. Aber nun bewegt sich der Sohn im akademischen Milieu der Sozialwissenschaften, und wo, wenn nicht dort, begegnet er auch erklärten Feministinnen, und obendrein ist eine gute, ältere Freundin von ihm eine undogmatische Linke mit feministischem Hintergrund. Oder eine undogmatische Feministin mit linkem Hintergrund, je nachdem, wohin das Pendel von Haupt- und Nebenwiderspruch gerade ausschlägt. Als Student hat man auch die Zeit, sich mit sich selbst zu befassen, und prompt kommt Erfahrung mit einer Männergruppe hinzu. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre fast notwendig das, was später »lila Pudel« genannt werden wird, aber faktisch waren die meisten davon einfach nette Jungs, die über Probleme reden wollten, und dies in dem einzigen Kontext taten, der damals dafür existierte. Nur zwei oder drei von denen waren wirklich ideologisch drauf – bei welchen ich mich schließlich unbeliebt gemacht habe, weil ich ihren Standpunkt als »Sozialarbeiterideologie« bezeichnet habe.

Jedenfalls war das ideologische Umfeld dieser Szene, zumal im universitären Milieu, so beschaffen, dass an den feministischen Glaubenswahrheiten nicht zu rütteln war. Zu der Zeit gab es nur einseitige Studien zu häuslicher und sexueller Gewalt, es schien alles der Stand der Wissenschaft zu sein. Von der amerikanischen Männerbewegung hatte ich damals nur das Stichwort »Schwitzhüttenrituale« gehört und darauf mit einem innerlichen Facepalm reagiert. Außerdem war das die Zeit, in der Schriften wie »Der Untergang des Mannes« von Volker Elis Pilgrim neu aufgelegt wurden (die Originalausgabe war 1973 erschienen) – eine wüste, vulgärsoziologische Räuberpistole vom Manne und seinem Patriarchat, die den Vergleich mit keinem von Radikalfeministinnen verfassten Pamphlet zu scheuen brauchte, und in der der programmatische Satz formuliert wurde, dass der Mann sozial und sexuell ein Idiot sei. Ein Stück weit hat mich damals einer meiner Soziologieprofessoren gerettet, als ich ihm (in einem Seminar über Familiensoziologie) eine Hausarbeit mit tendenziell ähnlichen Aussagen abgeliefert habe – er hat mir sehr freundlich, aber auch sehr klar zu verstehen gegeben, was für einen unglaublichen Scheiß ich da verzapft hatte. Danach war ich sozusagen entgiftet.

Aber ich schweife ab! Der Feminismus trat ja immerhin mit dem Anspruch und Versprechen auf, auch die Männer zu befreien! Sofern und soweit ich aber in feministischen Kontexten über Aspekte meiner Biografie erzählte und diskutierte, über die ganz und gar nicht traditionellen Rollenmuster meines Elternhauses, über weibliche Aggression, aber insbesondere über meine subjektive Unfähigkeit, irgend eine Art von klassischer Männerrolle einzunehmen oder »männliches Verhalten« an den Tag zu legen (wogegen ich gar nichts gehabt hätte, wenn ich gewusst hätte, wie ich das hätte anfangen sollen), kam immer wieder eine Grundnote durch. Eine Grundnote, die meistens sinngemäß, aber tatsächlich auch wörtlich auf die Formel gebracht wurde: »Du willst wohl ’ne Ausnahme sein?!« Gemeint war selbstredend: eine Ausnahme von der allgemeinen, verkorksten, schädlichen, gefährlichen, herrschenden, privilegierten, hegemonialen (auch wenn es den Begriff damals noch nicht gab) Männlichkeit. Als ich das zum ersten Mal hörte, blieb mir die Spucke weg. Aber mit der Zeit musste ich erkennen, dass diese Verleugnung und Zurückweisung meiner persönlichen Erfahrungen – ich war ja selbst so etwas wie ein wandelnder empirischer Prüfstein für deren Ideologie, nur eben leider ein falszifizierender – System hatte. Es war ein klassischer Fall von »victim blaming« und hinsichtlich dieser nach meinem Elternhaus erneuten Negation nicht meiner Meinungen, sondern meiner Erfahrung war es tatsächlich auch eine Art »Retraumatisierung«. Offenbar schien ich dazu verurteilt zu sein, in Bezug auf Frauen mit meinen eigenen Bedürfnissen und Sichtweisen gegen Mauern der narzisstischen Selbstbezogenheit zu prallen. Ich wusste allerdings, dass ich immer eine »Ausnahme« gewesen war, ich wusste, dass mein Vater eine »Ausnahme« war, dass meine Mutter eine war – ich war mir daher ziemlich gut bewusst, dass es hier nicht um »Ausnahmen« ging, sondern dass in der Unterstellung einer Regel der Fehler lag. Wenn ich durch meine Erfahrung mit dem Feminismus einen Längsschnitt lege und die Quintessenz derselben in einen einzigen Satz kondensieren möchte – dann bietet sich dazu eben jener als rhethorische Frage gekleidete Vorwurf an, den ich als Titel für diesen Blogpost gewählt habe.

Allerdings war ich weder missionarisch noch masochistisch genug, um gegen die Ansprüche (und mindestens im Kontext studentischer Diskurse auch Vorherrschaft) dieser von mir intuitiv als verfehlt erkannten Ideologie einen privaten Feldzug zu beginnen. Ich habe daher einfach die biografische Konsequenz gezogen, dass man sich im Leben mit Feminismus nicht belasten muss. Ich habe daraufhin also getan, was das einzig Gesunde war, und mich zu diesem ideologischen Sumpf in innerliche, nach der Uni dann auch in äußerliche Distanz begeben, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich immerhin einigermaßen gelernt, abzulehnen, was mir nicht gut tat. Ich wurde beruflich und familiär erfolgreich und hatte die Umtriebe des Feminismus irgendwann so weit vergessen, dass ich ungefähr ein Jahr vor dem Kachelmann-Prozess nicht mal genau sagen konnte, ob ich eigentlich etwas gegen Alice Schwarzer habe. Allerdings habe ich nicht aufgehört, den misandrischen Diskurs, der sich in der Öffentlichkeit weiter ausbreitete, zumindest unterschwellig wahrzunehmen.

Bis dann meine Ehescheidung bevorstand. Um es gleich zu sagen: diese erfolgte einvernehmlich und nahm, auch aufgrund einer erfolgreichen Trennungsmediation, einen fairen Ausgang. In Bezug auf die gemeinsamen Kinder besteht zwischen der Mutter und mir ein gutes Kooperationsverhältnis, und die Kinder haben dank räumlicher Nähe auch nicht das Gefühl, jemanden verloren zu haben. Das hat mich jedoch nicht davor geschützt, im Verlauf dieser Trennung in tiefe Ängste zu verfallen und tief in der Kiste meines Mißtrauens und meiner schlechten Erfahrungen zu wühlen – zumal ich, vorzugsweise im Internet, auch mitbekommen habe, wie es anderen Vätern ergeht und welche Zustände in dieser Hinsicht vor deutschen Gerichten herrschen. Und zu dieser Zeit begann ich, die seit dem Auftreten der »Neuen Frauenbewegung« sukzessive entstandenen gesellschaftlichen Verhältnisse wieder bewusst wahrzunehmen. Dazu trugen im Kontext meiner langjährigen »Tätigkeit« als Telepolis-Forent auch solche berüchtigten Artikel wie »Jammernde Väter« von Birgit Gärtner bei.

Zu diesem Zeitpunkt verfügte ich also gleichsam über eine große Schachtel mit Puzzleteilen, aber noch nicht über ein Gesamtbild oder einen Überblick. Immerhin hatte ich die Schachtel geöffnet und suchte nach einem Muster, um diesen Haufen zusammenzusetzen. Und dann war es im Sommer 2011 – wahrscheinlich naheliegend bei jemandem, der zeitlebens umfänglich Bücher gelesen hat – tatsächlich ein Buch, bei dem sich mir die Puzzleteile endlich zusammenfügten, und zwar kein anderes als Arne Hoffmanns »Männerbeben«. Wohl einfach darum, weil es, mit dem Terminus von Clifford Geertz, eine »dichte Beschreibung« der aktuellen Geschlechterverhältnisse darstellt, in der ich mich in Dutzenden von Formulierungen »wiedergefunden« habe.

An here I am. Ich freue mich, in der männerrechtlichen Bloggerszene eine Diskussionsplattform gefunden zu haben, in der ich meine eigenen Standpunkte weiterentwickeln und »testen« kann. Zumal ich die virtuellen Saalschlachten des Telepolis-Forums eigentlich nur noch ermüdend finde und ich auch niemamden dort daran hindern möchte, dumm zu sterben.

Abschließend noch eine kurze Erläuterung, warum ich hier anonym poste und nun auch teilzeitblogge: ich wünschen mir, meine Auseinandersetzung mit dem Thema früher oder später in ein eigenes Buch zu fassen – und falls ich es tatsächlich fertigbringe, dann verlasse ich die Anonymität noch früh genug und wecke bis dahin keine schlafenden Hunde. Und falls das nicht klappt und ich das Ei nicht legen kann, von dem ich hier gackere, dann ist das in der Anonymität wenigstens nicht so peinlich! 🙂 Ich hoffe aber, bis zum nächsten Zwanzigsten zumindest meinen versprochenen Grundsatzartikel zum Thema »Biologie und Kultur« fertigzustellen.

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16 Antworten zu »Du willst wohl ’ne Ausnahme sein?!« Oder: Wie ich eines Tages die Männerrechtler entdeckte …

  1. Graublau schreibt:

    Herzlich willkommen in der Runde! Ich sehe das Geschlechterallerlei gerade als Möglichkeit, seine persönliche Perspektive zu schildern.

    „Du willst wohl ne Ausnahme sein!“ ist ja ein großartiger Spruch. Man stelle das den Forderungen gegenüber, „anders sein“ solle akzeptiert und Rollen aufgebrochen werden.

    Und ansonsten mein beliebtes Gedankenexperiment: Man stelle sich die Situation mit einem Ausländer/Schwarzen/Juden vor, dem man ein stereotyp-negatives Bild entgegenhält. Er antwortet darauf wahrheitsgemäß, dass er diesem Bild nicht entspreche, und bekommt den Vorwurf zu hören, er wolle wohl eine Ausnahme sein… nach dem Motto „Unverschämtheit, dass die Realität nicht zu unseren Vorurteilen passt!“

    • Matze schreibt:

      „Man stelle das den Forderungen gegenüber, “anders sein” solle akzeptiert und Rollen aufgebrochen werden.“

      Exakt. Alle Rollenbilder sollen dekonsturiert werden, nur bei den Männern, da lieber nicht. Sonst geht der Sandsack noch flöten…

      Und außerdem: Warum sollten Männer auch an neuen Rollenbilder Interesse haben, das können viele Feministinnen sich ja gar nicht vorstellen, schließlich denken die das DieMänner überall und über alles DieMacht haben.

      “Unverschämtheit, dass die Realität nicht zu unseren Vorurteilen passt!”

      Das sieht man ja auch immer schön wenn Frauen den Feminimus ablehnen. „Das kann ja wohl nicht wahr sein!“

    • djadmoros schreibt:

      @Graublau:

      Danke! 🙂 Ja, genau so habe ich das auch wahrgenommen: was nicht passend ist, wird passend gemacht. Ein Merkmal jeder Ideologie, und die Ironie dabei ist: in der großen Kette der modernen Ideologien stellt der Feminismus selbst nicht die Ausnahme dar, die er gern sein möchte. Auch die Frauenbewegung unterliegt einer »Dialektik der Emanzipationsbewegungen« von der Befreiung über die Bürokratisierung in den Terror. Dass die Formen des Terrors dabei wechseln, ändert nichts am Entwicklungsmuster der betreffenden Bewegung.

      • LoMi schreibt:

        Das hätten die auch wissen können, hätten sie mal Robert Michels ernst genommen oder Heinrich Popitz gelesen. Aber der feministische Machtbegriff ist zu diffus, um eine intellektuelle Reife zu gewinnen, die auch Selbstkritik möglich macht.

  2. mitm schreibt:

    „als Eröffnung in einer zwanglosen Plauderei …“

    Das nenn‘ ich britisches Understatement 😉

    Sehr gerne gelesen und mMn sehr wertvoll. Und zwar weil nach meiner Beobachtung in der MRM-Szene grob geschätzt 3 Alterskohorten (Babyboomer, Generation X, Generation Y) unterwegs sind, die in sehr verschiedenen Verhältnissen aufgewachsen sind, ganz andere Erfahrungen, Sichtweisen und Prioritäten haben und von den MR-Themen sehr unterschiedlich betroffen sind. Auch wenn eine biographische Darstellung wie diese hier ein paar Zufälligkeiten enthält, vermittelt sie trotzdem ein gutes Bild für die anderen Generationen, was damals anders war und warum diese Personen anders denken.

    Die hier beschriebene „gründliche Beschädigung der männlichen Selbstachtung“ zu Beginn des Erwachsenenlebens ist nach meinem Eindruck bei den Babyboomern und Generation X ein massenhaft auftretendes, die Selbstwahrnehmung dominierendes Phänomen. Bei Generation Y bin ich mir unsicher, da stehen teilweise andere Probleme im Vordergrund.

    • Graublau schreibt:

      Es ist höchst erfreulich, solche Unterscheidungen vorzunehmen! Sie helfen einerseits beim Verständnis, andererseits verhindern sie auch, sich selbst als einen „Vorkämpfer einer gaaanz starken Einheitsfront“ o.ä. wahrzunehmen.

      Was so eine Sozialisierung ausmachen kann, hat zuletzt LoMi bei Alles Evolution sehr schön beschrieben.

    • djadmoros schreibt:

      @mitm:

      Die Differenzierung in Alterskohorten finde ich auch sehr wichtig! Wobei ich die »Beschädigung der männlichen Selbstachtung« als generationstypisches Phänomen noch gar nicht in Betracht gezogen habe. Aber man könnte die Babyboomer-Generation in Anlehnung an Schoppes Blogpost vielleicht auch als »Generation Mitscherlich« bezeichnen, insofern damals die gesamte Kriegs- und Nachkriegszeit als »männlich« denunziert wurde.

      Das gehört ja auch zu den vorbereitenden Faktoren der Neuen Frauenbewegung. Im Zeitkontext kann ich mir sogar vorstellen, dass eine Schrift wie die von Pilgrim eine befreiende Rollenverweigerung gewesen ist, die vor dem Hintergrund der *restaurativen* Tendenzen der Adenauerzeit ihren Sinn erhält. Aber genau darin liegt m. E. eine wesentliche Verlockung der Ideologie: dass man beginnt, eng kontextgebundene Wahrheiten für allgemeingültig zu erklären, weil man damit eine »Diskursherrschaft« erringen und sich selbst damit institutionalisieren kann.

    • crumar schreibt:

      Ich finde eine Klassifikation nach Alterskohorten prinzipiell gut, habe aber eine etwas andere Sicht. Die Babyboomer in Deutschland gab es m.E. von 1955-1965, mit dem absoluten Höhepunkt für das Geburtsjahr 1964. Von daher war der studentische Teil – und der Feminismus der zweiten Welle ab 1968 war eine akademische Veranstaltung – der Männer dieses Jahrgangs (bei einem geschätzten Studienbeginn mit 20,5 Jahren) mit dem universitären Feminismus auf dem Stand von ca. 1984 konfrontiert.
      Und da war 1968 bereits 16 Jahre her.
      Daher spreche ich in Abgrenzung zur dritten Welle des Feminismus ab 1990/93 von der „zweieinhalbten Welle“. 😉

      Schönen Gruß, crumar

  3. emannzer schreibt:

    “gründliche Beschädigung der männlichen Selbstachtung”

    So war er, der Duktus der späten 70er und beginnenden 80er. „Der Mann – ein Fehlgriff der Natur“ als Buchtitel und ähnliche Pamphlete wie „Der Tod des Märchenprinzen“ einer stalkenden Feministin namens Svende Merian, brachten die ungute Saat eines unausgesprochenen ‚du bist scheixxe‘ mit sich, welche bis heute anhält.

    Einen tollen Beitrag hast du geschrieben, djadmoros, indem u.a. auch ich mich wiederfinde und erinnerte an die unsägliche Sozialisation als Mann – durch eine definitiv kranke Ideologie, welche nicht nur rückblickend faschistoid wirkt.

    Ich bin gespannt auf deine nächsten Beiträge und freue mich, dass du an die Öffentlichkeit gegangen bist.

  4. LoMi schreibt:

    @Djadmoros

    Deinen längeren post muss ich mir mal zu Gemüte führen, wenn ich Zeit habe. Als Telepolis-Forent habe ich Dich allerdings immer gerne gelesen. Neben Crumar waren das die wenigen und viel zu seltenen Lichtblicke im Telepolis-Forum (Ich muss glatt mal schauen, ob Du auch einen meiner Artikel mal kommentiert hast).

  5. LoMi schreibt:

    Meine Sozialisation war übrigens sehr viel widersprüchlicher. Es gab mitunter seltsame Paralellaktionen. Ich habe in den frühen 1990ern ein Lied geschrieben, dass sich über die klassischen Anti-Männerklischees lustig gemacht hatte, lange vor dem Ärzte-Song „Männer sind Schweine“. Gleichzeitig war ich aber der Meinung, dass der Feminismus recht hätte.

    Später (es muss laut heutigem Genderama-Beitrag in den letzten 10 Jahren gewesen sein) habe ich mich in vielen Genderamabeiträgen wiedergefunden und immer noch gleichzeitig im Beruf die Notwendigkeit von Genderanteilen im Studium betont.

    Das waren nur zwei Ausschnitte aus einer Reihe von Widersprüchen, über die ich mich rückblickend immer wieder wundere. Aber was mich nun gar nicht wundert angesichts dessen, ist der Umstand, dass sich viele von uns eben sehr langwierig mit dem Feminismus auseinandersetzen. Schließlich hat er uns geprägt bis in die Haarwurzeln, was ja auch diese Widersprüche zeigen. Mit den männerfeindlichen Klischees habe ich immer noch Mühe. Graublau hat oben einen Kommentar von mir bei EvoChris verlinkt, den man nicht nur abstrakt-theoretisch, sondern auch biografisch verstehen darf: Dort ging es um das Aufwachsen mit Stereotypen über die dämonische männliche Sexualität, was mich bis heute daran hindert, frei meine Wünsche zu artikulieren oder auch nur zu denken. Natürlich bricht da über die Jahre schon vieles auf, aber auf diese Weise ist es eben doch zu einer Art Lebensprojekt geworden, weil diese Emanzipation sicher noch den Rest des Lebens erkämpft werden muss.

    • crumar schreibt:

      @Lomi
      „Aber was mich nun gar nicht wundert angesichts dessen, ist der Umstand, dass sich viele von uns eben sehr langwierig mit dem Feminismus auseinandersetzen. Schließlich hat er uns geprägt bis in die Haarwurzeln, was ja auch diese Widersprüche zeigen.“

      Ich glaube, unsere Beschäftigung mit dem Feminismus hat immer auch den Charakter einer „Umwegfinanzierung“. Damit meine ich, wir sahen an diesem Beispiel eine Parabel von Befreiung und Selbstbefreiung, die wir für uns selbst nicht zu denken, geschweige denn umzusetzen wagten.

      Damit meine ich etwas ganz persönliches: für die Befreiung der Liebsten zu sein ist selbstverständlich – sich die Frage nicht zu stellen, was diese Selbstbefreiung im Schluss für einen selbst bedeutet, das ist eben männlich (sehr ironisch!).
      Denn nach meiner Erfahrung haben wir nicht nur am Feminismus, sondern an der traditionellen Männlichkeit in erster Linie gelernt, wie wir *nicht* sein *wollen*.
      Der Feminismus hat uns in erster Linie gelehrt, wie wir nicht sein *sollen*.

      Selbst wenn wir die moralischen Direktiven des Feminismus über Bord werfen, sind wir in der Definition von Männlichkeit, die wir leben können und wollen keinen Schritt voran gekommen.
      Ich hätte einen Tipp für die „dämonische Sexualität“ – das ist dein Dämon (du):

      Hänge ihn dir an den Badezimmerspiegel und betrachte ihn sorgfältig!
      Was sagt dir der Dämon zur Gestaltung des heutigen Tages?
      Bist du glücklich mit der Realisierung deiner dämonischen Pläne? 😉

      Nach meiner Biographie zu urteilen bin ich in einer Zwischenzeit groß geworden; ich erlebte Sexualität zunächst als wunderschönes und verwirrendes Spiel der Geschlechter und fand mich dann wieder zu (revolutionären) Uni-Zeiten in einer katholizistisch-feministisch geprägten Atmosphäre, in dem alles scheinbar geregelt war.
      Gar nicht so einfach, denn irgendwie hatte ich revolutionär natürlich auch mit einer entsprechenden Sexualmoral gleich gesetzt (Ok, ich war jung, ich war blöd) – die übrigens ziemlich überbewertet wird.
      Das katholische (sorry, Roslin!) war die Doppelmoral: es gab den Feminismus des Tages und dann den der Nacht. Am Tag war ich der „potentielle Vergewaltiger“ und nachts hieß es „härter-tiefer-schneller“. Es wäre also m.E. falsch, die Erfahrung von Widersprüchen in unserer Sexualität nur auf uns selbst als Männer zu beziehen. Der Witz ist der hohe projektive Anteil, den junge Frauen, die sich ihrer selbst und ihrer Sexualität nicht wirklich sicher sind, auf uns gespiegelt haben.
      Damit meine ich retrospektiv, Feminismus bietet sich lebensgeschichtlich für Frauen bis Mitte 20 geradezu an.

      Sie verurteilten das dämonische deiner Sexualität und meinten und meinen ihre.
      Wenn du triebhaft bist, erspart das das nachdenken über die eigenen Triebe.
      Ich hatte ein persönliches Gespräch mit einer Feministin, die ich gerne mochte (und mag) und sie gab von sich: „Frauen können ohnehin nur einen Orgasmus bekommen – alles andere ist eine Erfindung (des Patriarchats).“
      Ich war damals schon so gefestigt, meine Erfahrungen nicht zu verleugnen und antwortete: „Nicht „Frauen“, DU kannst nur einen Orgasmus bekommen.“
      Die Gesichtsentgleisung war spektakulär.
      Ich will sie damit nicht beschämen, sondern nur aufzeigen, dass sie sich in einem Konkurrenzverhältnis gesehen hat, das sie sich ideologisch zugleich nicht eingestehen konnte. Und ihre Lösung war die Zückung des feministischen Ausredenkalenders: Alle Frauen sind und empfinden so wie ich (Kollektivsubjekt).
      Es ist mir egal, wie viele Orgasmen jemand haben kann und ich bin auch keine Normenkontrollinstanz – es ist nur widersinnig zu behaupten, du wärst mit einem zufrieden, wenn du drei brauchst. Und das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen.

      Du bist unheimlich?
      Prima, dann erforsche deine Abgründe und wenn du sie kund tust, dann wirst du vielleicht herausfinden, dass deine Partnerin z.B. „bondage“ gar nicht verwerflich findet.
      Und um das Spektrum auf „selbstgemacht“ zu erweitern: weißt du eigentlich, wie dein Sperma schmeckt und hast du schon einmal versucht, die selber einen zu blasen?
      Wenn nicht, dann probiere es doch einfach mal aus…

      Mir fehlt das spielerische an der gesamten Diskussion.
      Mir fehlt auch die Entdeckung, wie grün die Augen der Frau sind, die du gerade vögelst.
      Und wie nahe man sich ist.
      Und wie wenig reproduzierbar diese Nähe ist – da lag Kollontai m.E. sehr daneben.

      Schönen Gruß, crumar

      • LoMi schreibt:

        Hallo Crumar,

        ich habe das Glück, mich in Kreisen zu bewegen, die in Sachen Sexualität sehr offen sind. Dort ist Feminismus selten ein Thema, die Selbstentdeckung hingegen spielt eine große Rolle. Dämonisch ist das für niemanden.

        „Selbst wenn wir die moralischen Direktiven des Feminismus über Bord werfen, sind wir in der Definition von Männlichkeit, die wir leben können und wollen keinen Schritt voran gekommen.“

        Da gebe ich dir recht. Selbstverständlich ist Feminismuskritik nur die Hälfte der Wahrheit, womöglich eh nur ein „pubertäres“ Frühstadium des Nachdenkens über das Mannsein, eine Art verspätete jugendlichen Auflehnung. Der Vergleich passt zumindest zur Destruktivität der Kritik. Feminismuskritik ist oft auch nur der Versuch der Dekonstruktion von belastenden Über-Ich-Normen, da machen wir das Gleiche wie die Feministinnen. Die Kritik ist zunächst ein Dagegensein, deshalb auch pubertär. Was noch fehlt, ist ein Lebensplan, ein Entwurf. Den gewinnt man nicht durch Kritik. Ich halte Feminismuskritik deshalb nicht für der Weisheit letzten Schluss, aber ich finde die Beschäftigung damit sehr nachvollziehbar.

        Das Spielerische fehlt gewiss. Aber es ist riskant: Man müsste persönlich werden, während man als „Feminismuskritiker“ anonym bleibt und allenfalls eine wohlfeile Empörung zeigt, die alle teilen. Andere Gefühle bleiben außen vor. Man versteckt sich lieber.

        Ich fand den Text von Djadmoros genau deswegen gut, weil er persönlich war. Natürlich mag ich seinen analytischen Verstand, aber die persönliche Seite ist dennoch interessant.

      • Seitenblick schreibt:

        @Crumar
        >Denn nach meiner Erfahrung haben wir nicht nur am Feminismus, sondern an der traditionellen Männlichkeit in erster Linie gelernt, wie wir *nicht* sein *wollen*.
        Der Feminismus hat uns in erster Linie gelehrt, wie wir nicht sein *sollen*.

        Vielleicht bin ich da ja eine Ausnahme, aber den zweiten Punkt würde ich ergänzen. Was dort gelehrt wurde, ist ja vielleicht ambivalenter: In zweiter Linie lehrte er doch auch ein zweites, negatives Männerbild, das man eigentlich ebenso ablehnt wie das der ‚traditionellen Männlichkeit‘.
        Ich nenne es mal bewusst polemisch ‚Das Bild des braven, domestizierten, langweiligen Mannes‘.

        Was später als ‚Frauenbediener‘ bezeichnet wird, war doch schon vorher bei den Sprüchen, wie der ’neue/bessere Mann‘ so zu sein hat, zu merken. Selbst, wenn es sich noch nicht begrifflich artikulierte – aber wer wollte denn gern so sein? Was löst es denn aus, etwas zu hören?

        Vielleicht stieß es mir auch aus biografischen Gründen viel stärker auf (ich hatte als Kind/Jungendlicher nicht nur einen gegangenen Vater, der für ein Männerbild stand, das ich ablehnte, sondern auch vier Frauen um mich rum, derend Männerbild – scheinbar deskriptiv und was ihre Wunschbilder anging – ich genauso nur mit Abwinken quittierte).

        Also – ich glaube, dieses ‚wie Männer sein sollten‘ ist ja vielleicht viel ambivalenter verarbeitet worden.
        Mit dem ’sollen‘ bin ich schon in Herrschaftstrukturen, und die haben ihre Eigenlogik.

        >Selbst wenn wir die moralischen Direktiven des Feminismus über Bord werfen, sind wir in der Definition von Männlichkeit, die wir leben können und wollen keinen Schritt voran gekommen.

        >Keinen Schritt
        Keinen? Vielleicht ein paar kleine? ;-).
        Ich habe den Eindruck, manche Änderungen laufen auch unterschwellig-langsam.
        Ich entdecke bei mir, dass ich langsam eine positive Füllung des Begriffs „erwachsen“ entwickele. Früher war das für mich nur ein Manipulationsbegriff, an dem man keinen positiven Sinn entdecken kann. Mit dem Begriff ‚Männer‘ sieht es ähnlich aus.

        Ok, manchmal habe ich das Gefühl, dass die positive Füllung immer noch etwas unterentwickelt ist. Aber, obwohl ich Definiitonen liebe ;- ) – muss es denn immer eine Definition sein? Vielleicht geht’s manchmal auch ohne – das kann auch viel Raum lassen ….

      • djadmoros schreibt:

        @Lomi:

        »Feminismuskritik ist oft auch nur der Versuch der Dekonstruktion von belastenden Über-Ich-Normen, da machen wir das Gleiche wie die Feministinnen.«

        Halte ich für einen sehr treffenden Satz! Nur das »nur« würde ich in Frage stellen. Denn dieses Über-Ich ist ja ein gesellschaftliches Produkt, ein hegemonialer Diskurs, eine kulturelle Norm, oder wie immer der Lieblingsbegriff lautet. Wie sehr das lastet, sehen wir täglich an zahlreichen Kommentaren, die vor allem subjektiven Überdruss ausdrücken – wobei Roslin das am ästhetisch sublimsten hinbekommt.

        Das führt bei mir aber zu dem Gefühl, dass ich diese subjektive, lebensgeschichtliche Befreiung nur dann leisten kann, wenn ich den gesamten Diskurs, der dieses Über-Ich konstituiert hat, in die Höhe stemme und über die Reling stürze, weil ich aus der fortgesetzten Identifikation immer neuer begrifflicher Voraussetzungen nicht aussteigen kann. Vielleicht ist das Größenwahn, oder ich hole mir einen intellektuellen Bandscheibenvorfall, aber ich sehe mich mit diesem Diskurs in einer solchen Rekursionstiefe verwoben, dass ich mich eigentlich nur gründlich davon frei schreiben kann.

        »Was noch fehlt, ist ein Lebensplan, ein Entwurf. Den gewinnt man nicht durch Kritik.«

        Manche Lebenspläne kommen von selbst, besonders dann, wenn sie »Kinder« heißen. 🙂 Ich werde meine in wenigen Jahren durch die Pubertät navigieren müssen, und möchte bis dahin wissen, welche Ratschläge ich ihnen eigentlich mitgeben möchte. Insofern plant sich mein Leben in den Grundzügen selber. Die Kritik ist für mich die Machete, mit der ich mir dabei das Gestrüpp aus dem Weg haue.

        @crumar

        »Der Witz ist der hohe projektive Anteil, den junge Frauen, die sich ihrer selbst und ihrer Sexualität nicht wirklich sicher sind, auf uns gespiegelt haben. Damit meine ich retrospektiv, Feminismus bietet sich lebensgeschichtlich für Frauen bis Mitte 20 geradezu an.«

        Das trifft, wie ich finde, in den Kern der Angelegenheit. Denn in dieser Altersstufe findet ja die Auseinandersetzung der nachwachsenden Generation mit den ihnen vorgegebenen Rollen- und Deutungsmustern statt, und da steht Unsicherheit, nicht nur bei den Frauen, im Zentrum des Lernprozesses. Und wodurch man sich verunsichert fühlt, dem gibt man Tiernamen. Nur dass sich da eben eine Schieflage gebildet hat, weil auch von den Männern erwartet wird, sich selbst durch die Brille der Frauen zu definieren. Was sie dann daran hindert, dem »projektiven Anteil«, der da auf sie niedergeht, eine intelligente Form von Widerstand entgegenzusetzen.

      • Seitenblick schreibt:

        >Was sie dann daran hindert, dem »projektiven Anteil«, der da auf sie niedergeht, eine intelligente Form von Widerstand entgegenzusetzen.

        Das ist, finde ich, ein unterbeleuchtetes Feld: Die Reaktionen der Männer. Ich habe das Gefühl, da wissen wir noch zu wenig drüber. Wenn man so massiv mit Projektionen konfrontiert wird – bsw. wird Sexualität an die Männer delegiert, insbesondere mit ihren nicht-rationalen/sublimierbaren und impulshaften Anteilen- , wie reagiert ‚man‘ denn so darauf? Mit Ignorieren, Lächerlich-machen, mit – Verinnerlichen?

        Wo bleibt denn bei solchen Fragen die teure ‚Geschlechterforschung‘? 😉

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