Warum es empörend ist, sich mit Männeranliegen zu befassen

Derzeit findet in Detroit die erste von „A Voice for Men“ veranstaltete internationale Konferenz für Männeranliegen (International Conference on Men’s Issues) statt. Die Liste der Themen und Referenten findet man hier.

Im Vorfeld der Konferenz kam es zu einer Reihe von Protesten (was legitim, wenn auch in sich interessant ist) ,  aber auch zu Bedrohungen und Ankündigungen von Gewalttaten sowohl gegen Konferenzteilnehmer, Veranstaltern aber auch Unbeteiligten – was schon weniger legitim ist. Beiden, sowohl den Protesten wie auch den Drohungen, liegt das Motiv zugrunde, eine solche Konferenz möge nicht stattfinden. Die Drohungen – deren Ernsthaftigkeit schwer zu beurteilen ist – haben einen kurzfristigen Wechsel des Veranstaltungsortes nötig gemacht.

Proteste und teilweise auch gewaltförmige Verhinderungsversuche von Debatten zu „Männerthemen“ hat es in letzter Zeit in Nordamerika häufiger gegeben. (Ich habe dazu einen separaten Blogeintrag in Vorbereitung). Ich will in diesem Beitrag nicht so sehr auf die Inhalte der Konferenz eingehen – auch das wäre ein Thema für einen separaten Beitrag. Stattdessen will ich mich mit dem Phänomen befassen, dass es überhaupt zu Empörung und Protesten kommt, wenn sich im Rahmen einer Konferenz Wissenschaftler, Publizisten und Politiker mit gesellschaftlichen und kulturellen Problemlagen von Jungen und Männern befassen wollen. Warum ist das ein Aufreger?

Oder anders gefragt: Wenn irgend eine andere demografische Gruppe eine solche Konferenz abhalten würde, etwa Frauen oder Migranten oder Atheisten oder was-auch-immer und es würde zu Versuchen kommen, eine solche Konferenz zu verhindern – würde sich dann die öffentliche Empörung nicht eher gegen die Verhinderer richten, statt gegen die Konferenzausrichter? (Nun gut – EINE Gruppe ließe sich benennen, bei der es ähnlich wäre: Nazis.)

Im Vorfeld der Konferenz gab es ein Gespräch zwischen Warren Farrell, Paul Elam und Tom Golden, das sich unter Anderem mit dieser Frage befasst. Die hier relevanten Abschnitte sind bei Minute 15:30 (Warren Farrell) und 19:30 (Paul Elam):

Um es einmal etwas frei zu paraphrasieren, wäre hier die These zur Erklärung dieser Aversion und Feindseligkeit gegenüber einer Beschäftigung mit männlichen Problemlagen:

Es ist sowohl Teil unseres genetischen Erbes wie auch Teil unserer Kultur, Männer als „Verfügungsmasse“ anzusehen und einzusetzen. Verfügungsmasse für alles, wo es gefährlich und/oder in besonderem Maße körperlich anstrengend ist. Und es ist ebenso Teil unseres genetischen wie kulturellen Erbes, Jungen darauf vorzubereiten, als Männer diese Verfügbarkeit als Heldentum aufzufassen und sinnstiftend umzudeuten.

Wenn nun diese „Gender Rolle“ (  😉 ..) in Frage gestellt wird, dann wird eine randbewusste Grundlage unserer Zivilisation in Frage gestellt. Die Verfügbarkeit von Leben und Gesundheit von Männern als Ressource hätte sich danach herausgebildet im Bestreben, zu Überleben. Als Gesellungseinheit zu überleben. Und wenn man dies in Frage stellt, dann beunruhigt es unbewusst oder randbewusst Männer und Frauen gleichermaßen. Und diese unterschwellige Beunruhigung, die gefühlte Bedrohung einer Grundlage des Überlebens der Gesellungseinheit, macht dann eine aggressiv-ablehnende Gestimmtheit: Über diese Themen, die „Disoponibilität“ von Jungen und Männern, soll bitteschön lieber nicht nachgedacht werden. DAS möge bitte nicht in Frage gestellt werden. Und wenn es doch passiert, dann muss man das eben eingrenzen, bekämpfen, verhindern …

Das wäre also im Kern eine evolutionspsychologische Erklärung für das Ausmaß an Aggressivität dieser Konferenz gegenüber, die sich rein von der Themenwahl und von den Vortragenden nicht erklären lässt.
(Unserem virtuellen Hausherren hier, dem Evo-Chris, müsste das ja gefallen. 😉 )

Die Frage wäre natürlich: Wie weit trägt diese Erklärung? Aus meiner Sicht ist es zunächst einmal ein Gedanke, ein Aspekt, der das irrationale Moment dieser Proteste thematisiert. Andererseits: „No one tells the whole story“ – wie der Brite zu sagen pflegt. Welche anderen Gründe lassen sich denken für diese doch etwas merkwürdige Empörungsbereitschaft? Weshalb soll es ein Tabu sein, über Lebenslagen von Männern zu reden?

Abschließen vielleicht noch: Paul Elam benennt aus meiner Sicht eine wirklich erstaunliche Ironie in der Protestbewegung gegen diese Themen. Es sind ausgerechnet diejenigen Kräfte, die sich (vorgeblich) das Aufbrechen von starren Geschlechterrollen so sehr auf die Fahnen geschrieben haben, die das Thematisieren der männlichen Geschlechterrolle „Verfügbarkeit“ scheuen wie der Teufel das Weihwasser. DAS darf nicht genannt werden, HIER soll weggeschaut werden. HIER soll alles so bleiben, wie es war.

Eine Widersprüchlichkeit mit einer ganz eigenen Geschmacksrichtung …

 

 

 

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