Sie wurden gegendert! II

Eigentlich wollte ich längst eine weitere Rezension von Arne Hoffmanns neuem Buch schreiben, allerdings unter einem anderen Aspekt als die bisherigen. Die ist aber noch nicht fertig und deshalb stattdessen ein Revival von malinskis Artikel Sie wurden gegendert!.

Vor kurzem nämlich ist mir folgende Begebenheit zu Ohren gekommen: Eine mir bekannte Pädagogin schreibt einen Artikel für eine pädagogische Fachzeitschrift, eine Rezension eines pädagogischen Werkes. Da sie auch ein wenig „herausgefordert“ ist von dem zwanghaften „geschlechtergerechten“ Gegendere, unterlässt sie die sprachlichen Verrenkungen nicht nur konsequenterweise in ihrer Rezension, sondern kritisiert dieses auch an dem besprochenen Werk, das sich wohl sehr um politische Korrektheit bemüht. Sie erlaubt sich anzumerken, dass es doch unpassend sei, ausgerechnet in einem Buch, das sich im weitesten Sinne mit Ästhetik beschäftigt, eine solche verkomplizierte gekünstelte Sprache zu verwenden.

Sie schickt Ihren Text an die Redaktion und bekommt einige Stunden später die redigierte Version zurück. Und siehe da, alle Personenbezeichnungen in der Mehrzahl wurden durchgegendert. Aus „Lehrer“ wurde „Lehrerinnen und Lehrer“, aus „Autoren“ wurde „Autorinnen und Autoren“ etc. Die Rezensentin betrachtet dieses Umschreiben nicht nur als einen Eingriff in ihren Stil, sie empfindet es auch als widersinnig, wenn sie das Gendern in ihrem Text kritisiert, die Rezension dann aber selbst gegendert wurde. Dasselbe ist ihr einige Zeit bevor mit einem anderen Text bei derselben Redaktion auch schon einmal passiert. Auch da wurde ein absichtlich ungegenderter Text durchgegendert und die Redaktion ließ sich nicht erweichen, dies zurückzunehmen und ihren persönlichen Stil in diesem Sinne zu akzeptieren.

In meiner Bewertung des Vorgangs bin ich persönlich etwas zwiegespalten. Als gelernter Redakteur ist mir natürlich klar, dass es das Recht einer Redaktion ist, bei ihr eingereichte Texte auch zu redigieren, und zwar auch in stilistischen Angelegenheiten. Und wenn es eine Redaktionspolitik gibt, bestimmte Formulierungen zu verwenden oder eben nicht zu verwenden, dann ist auch das legitime Redaktionsarbeit.

Auf der anderen Seite ist es absolut widersinnig, in einem Text Gendersprech zu kritisieren und es dann selbst zu verwenden. Und wieviel gilt dann noch die Formulierungsfreiheit des Autoren, wenn durch das Redigieren die Intention des Autors ad absurdum geführt wird? Aber die eigentliche Frage, die sich mir stellt, ist: Wie weit hat sich das Diktat des Gendersprech in vielen Redaktionen schon so durchgesetzt, dass die Verwendung des generischen Maskulinums einem Gedankenverbrechen gleichkommt? Wo darf man als Autor in diesem Punkt überhaupt noch seinem eigenem Stil folgen?

Mir scheint, dass sich die feministische Argumentation im Lauf der Zeit ein wenig verschoben hat. Während man früher kritisierte, dass Frauen beim generischen Maskulinum „nur“ mitgemeint würden, wird jetzt so getan, als würden sie komplett nicht mitgemeint und ausgeschlossen. Die Strategie dahinter ist, die Existenz des generischen Maskulinum nicht anzuerkennen und dieses als natürliches Maskulinum zu begreifen, mit dem ab sofort nur die Männer gemeint seien. Dadurch erhebt sich erst recht die „Notwendigkeit“, das entsprechende Femininum hinzu zu stellen, weil ja ansonsten die Frauen gar nicht erwähnt würden.

Das totalitäre Element in dem Vorgehen ist kaum noch zu übersehen. Doppelplusungut.

Und jetzt wieder zur Popmusik. Zum Thema Totalitarismus fällt mir kaum was besseres ein als:

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