Getrennt leben, gemeinsam erziehen – warum der Vater so wichtig ist.

Ein Paar mit Kindern stellt fest, dass es als Paarbeziehung in dieser Konstellation nicht funktioniert. Natürlich geht man nicht ohne triftigen Grund auseinander, schon gar nicht, wenn Kinder da sind. Da versucht man vielleicht noch eher, die Beziehung irgendwie doch noch zu kitten, um den Kindern das oftmals traumatische Erlebnis der Trennung zu ersparen. Und macht es damit unter Umständen nur noch schlimmer.

Ich selbst bekam von meinen Eltern das volle Programm gereicht, zuerst eine katastrophale Ehe und nach fünfzehn unendlich langen Jahren des sich-gegenseitig-das-Leben-schwer-Machens kam dann doch die äußerst hässliche Trennung, inklusive Nachspionieren, Ausfragen und Aufhetzen der Kinder gegen das jeweils andere Elternteil. Das war der Hauptgrund warum ich mir irgendwann im Laufe meiner ersten Schwangerschaft schwor, meinen Kindern so etwas nicht anzutun. Das war sogar der Hauptgrund dafür, warum ich eigentlich die längste Zeit überhaupt keine Kinder wollte.

Mal ganz abgesehen davon, dass Kinder ein Recht auf ihren Vater haben und umgekehrt, bin ich der festen Überzeugung, dass ein Kind beide Elternteile braucht. Doch wo über die Notwendigkeit der Mutter allgemeine Übereinstimmung herrscht, sieht das beim Vater leider – zumindest in vielen Köpfen – immer noch anders aus. Zum Glück findet langsam aber sicher ein Umdenken statt, und der Wert des Vaters findet Anerkennung, wie zB hier.

Der Artikel von Fanny Jimenez beschäftigt sich unter anderem mit dem inzwischen emeritierten US-Psychologen Ronald Rohner, welcher das „Center for the Study of Interpersonal Acceptance and Rejection“ an der University of Connecticut aufgebaut und bereits in den frühen 70er-Jahren Studien zur Bedeutung des Vaters in der Familie durchgeführt hatte.

Jimenez schreibt:

So fand er im Jahr 1975 in einer vergleichenden Studie an 101 verschiedenen Kulturen heraus, dass Kinder, bei denen der Vater mit im Haushalt wohnte, von der Mutter, aber auch von anderen Bezugspersonen mehr Akzeptanz und Wärme erfuhren. Seine Arbeit motivierte viele andere Wissenschaftler, seinem Beispiel zu folgen. So rückte die Rolle des Vaters für die Kindesentwicklung stärker in den Fokus der Forschung.

Im Jahr 2012, am Ende seiner beruflichen Laufbahn, veröffentlichte Rohner zusammen mit Kollegen aus 13 Nationen im „Personality and Social Psychology Review“ einen einzigartigen Überblick über alle Ergebnisse der vergangenen Dekaden. Egal ob es der Vater oder die Mutter ist, so das Ergebnis: Wenn ein Kind sich ungeliebt oder abgelehnt fühlt, steigt sein Risiko, später aggressiv und emotional instabil zu werden. Auch ein gering ausgeprägtes Selbstbewusstsein, ein Gefühl der Unzulänglichkeit und eine negative Sicht auf die Welt resultieren häufig daraus.

Was ich sehr interessant finde. Es deckt sich zufällig mit meinem eigenen Erleben der Beziehung zwischen meinem Vater, der mir [gefühlt] desinteressiert bis ablehnend gegenüber stand, und mir.

Jimenez schreibt weiter:

[…]Einige Studien ergaben darüber hinaus sogar, dass die Einstellung und das Verhalten des Vaters für manche Entwicklungen des Kindes grundsätzlich mehr Gewicht hat, egal, wie es um die Hierarchie in der Familie bestellt ist. Wenn Väter ihrem Kind gegenüber gleichgültig, ablehnend oder gar feindselig agieren, entwickeln diese überdurchschnittlich oft Verhaltensauffälligkeiten, depressive Störungen und werden drogenabhängig oder straffällig – und zwar auch dann, wenn die Mutter ihr Kind bedingungslos liebt und unterstützt.

Was ebenfalls auf mich selbst zutrifft. Doch von den negativen Aspekten der Ablehnung durch den Vater kommen wir mal zu den Chancen, die sich durch Anwesenheit und positive Aufmerksamkeit des Vaters ergeben:

[…]“So waren in der Studie Kinder, deren Väter bereits eine intensive und liebevolle Beziehung zu ihnen führten, als die Babys erst drei Monate alt waren, im Alter von einem Jahr besser entwickelt und zeigten mehr soziale Kompetenz.“ […]

„Der Umgang des Vaters mit seinem Kind unterscheide sich oft deutlich von dem der Mutter. „Wenn sich Väter mit ihren Kindern beschäftigen, tun sie das auf andere Weise“, erklärt Rohner. „Väter spielen eher auf körperlicher Ebene. Sie raufen sich mit ihren Kindern, fördern ihre Wettbewerbsbereitschaft und ihre Unabhängigkeit – und den Mut, Risiken auf sich zu nehmen.“

„Im „Journal of Early Adolescence“ berichten die Forscher, dass Kinder Ausdauer und Beharrlichkeit eher vom Vater lernen als von der Mutter. Väter, die ihren Kindern diese Eigenschaft erfolgreich vermitteln, seien warmherzig, zuverlässig und liebevoll, setzen aber klare Regeln und Grenzen, die sie ihren Kindern gut erklären konnten. Gleichzeitig seien sie gut darin, ihren Kindern ein altersgerechtes Maß an Selbstbestimmung einzuräumen.

Warum Väter in dieser Hinsicht wichtiger für die Kinder seien, konnten die Wissenschaftler in der Studie nicht beantworten. Ihre Vermutung ist, dass Vätern Durchhaltevermögen einfach etwas wichtiger ist als Müttern und sie deshalb bei ihren Kindern mehr darauf achten. Mütter hingegen konzentrieren sich den Forschern zufolge häufig mehr darauf, Eigenschaften wie Dankbarkeit und Höflichkeit zu vermitteln.“

Auch dies erlebe ich ganz ähnlich im Erziehungsverhalten des leiblichen Vaters meiner Kinder. Selbiges gilt für meinen Partner, der für die Kinder ganz klar eine Vaterfigur darstellt. Er handhabt die Erziehung anders als ich, was ich einerseits gut und wichtig finde. Andererseits ergeben sich aus der Besonderheit meines Sohnes immer wieder Konfliktsituationen, die uns beide gleichermaßen verunsichern und auch ermüden.

Außerdem spricht die Autorin mit Peter Seher, dem Vater einer fünfjährigen Tochter, über seine Art der Erziehung und wie er sein elterliches Dasein wahrnimmt. Neben seiner Tätigkeit als Börsenmakler und seinem Blog herdzeit.de kümmert er sich liebevoll um seine Tochter und verrät abschließend: „Wenn ich Hanna abends manchmal ins Bett trage und sie sich schlaftrunken an meine Schultern kuschelt, dann fühle ich mich unersetzbar.“

Der Kindsvater und ich haben uns getrennt, als unsere gemeinsamen Kinder ein Jahr bzw. zweieinhalb Jahre alt waren. Wir hatten uns in der Vergangenheit gegenseitig versprochen, unsere persönlichen Querelen nicht auf dem Rücken der Kinder auszutragen. Natürlich gab es Tränen, Wut und mindestens ein verletztes Ego. Wir verhielten uns unvernünftig und es hagelte beiderseitig Vorwürfe und verletztende Worte. Doch irgendwann erinnerten wir uns an das Versprechen und daran, was wir doch eigentlich vorhatten besser zu machen als meine eigenen Eltern.

Dieses gemeinsam Erziehen, obwohl man kein Paar mehr ist, bedeutet wohl vor allem eines: Absoluter Wille, trotz der Trennung im Interesse des Kindes bzw. der Kinder zu handeln. Und die Fähigkeit, das eigene Ego auch mal hinten anzustellen. Es bedeutet einerseits, sich an Absprachen zu halten, und andererseits, auch mal „fünfe gerade“ sein zu lassen.

Es bedeutet in meinem speziellen Fall, dass ich mich manchmal regelmäßig dafür verfluche, keines von diesen Weibsbildern keine von jenen Frauen zu sein, die den Vater einfach „entsorgen“, sondern mich statt dessen ständig über Bezuschussung diverser Anschaffungen, gemeinsame Termine, Arztbesuche sowie sonntägliche Aktivitäten mit dem Kindsvater austausche und mich außerdem mit dem allgegenwärtigen „Menscheln“ auseinander setze.

Meine Kinder haben also einen leiblichen Vater, der sich bemüht, doch dessen Kapazitäten aufgrund räumlicher Entfernung und Berufstätigkeit stark eingeschränkt sind. Aber: während der Zeit, als er arbeitslos bzw. arbeitssuchend war, konnte und durfte er die Kinder täglich sehen.

Sie haben seit fünf Jahren außerdem noch einen sozialen Vater, der zwar ebenfalls berufstätig ist, doch für die Kinder mittlerweile fast genauso „Papa“ ist wie der leibliche Vater. Er liebt sie und sorgt für sie, als wären es seine eigenen Kinder.

Dies verursacht einen Loyalitätskonflikt bei den Kindern. Sie lieben uns, schließlich sorgen wir für sie; Wir sind alles, was unsere Kinder haben und natürlich wollen sie auch von uns geliebt werden. Und dafür würden sie alles tun. Wer selbst Kinder hat, weiß, wie sensibel die kindlichen Antennen sind, und wie erfinderisch Kinder sein können, wenn es um zielführende Strategien geht. Doch zum Glück müssen meine Kinder nicht entscheiden, wen sie lieber mögen.

Gerade stelle ich fest, so weit wollte ich eigentlich gar nicht auf das Thema eingehen oÔ

Der Artikel bedeutet für mich einerseits die Bestätigung meines eigenen Empfindens bezüglich meiner Eltern und der Einbeziehung des leiblichen Vaters meiner Kinder in deren Erziehung. Weiters kann ich jetzt irgendwie leichter die väterliche Herangehensweise akzeptieren, die sich tatsächlich von meiner eigenen unterscheidet. Ich selbst neige tatsächlich zum „Helikoptern“, wobei ich mich wirklich auf dem Wege der Besserung befinde. Ich weiß, dass ich meinen Kindern Raum geben muss, und dass ich ihnen erlauben muss, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, um daraus lernen zu können. Auch wenn das, nun ja… auch wenn das Mamaherz dabei blutet.
Die beiden Männer hingegen lassen die Leine eher mal länger und die Kinder dürfen erst mal machen. Dies ist dann der Moment, in dem ich [innerlich kopfschüttelnd und mal mehr mal weniger erfolgreich den Helferimpuls niederringend] danebenstehe und mich frage, wie so etwas möglich ist. Aber das ist eben meine Art und Weise, und nur deswegen muss sie ja nicht die einzig richtige sein.

Ich bin sehr auf Zuverlässigkeit und regelmäßige Abläufe bedacht. Ich weiß nicht ob es an meiner Persönlichkeit liegt, daran, dass ich eine Frau bin oder einfach nur der Tatsache geschuldet ist, dass ich in 99,9% der Fälle die Konsequenzen von nicht eingehaltenen Tagesplanungen ausbaden darf. Vielleicht ein bisschen von allem.
Die beiden Herren [und JA ich werfe tatsächlich auch diesbezüglich beide in einen Topf, denn in gewissen Verhaltensweisen sind sie sich tatsächlich sehr ähnlich] sind da eher gelassen. Abendessen? Gibts. Kann man um sechs. Kann man aber auch gut erst um acht. Frühstück? Joa, gibts auch. Kann man direkt nach dem Aufstehen. Muss man aber nicht.

Und wenn es darum geht, den Kindern etwas beizubringen, dann bin ich sehr darauf bedacht, eine gute Anleitung zu liefern. Gleich vorab. Leiblicher wie sozialer Vater drücken dem Kind das Werkzeug in die Hand und sagen „Da. Mach mal.“

Nur damit das jetzt nicht falsch verstanden wird: Ich möchte hiermit ausdrücklich keinem allein erziehenden Elternteil auf den Schlips treten. Oft genug besteht berechtigter Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, bei Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch. Ich finde eher solche Konstellationen problematisch, in denen die Kinder instrumentalisiert werden, um dem jeweils anderen Elternteil zu schaden. Keine Trennung läuft angenehm ab; Wo Gefühle im Spiel sind kochen die Gemüter hoch, und kaum einer kann rational handeln. Doch trotz allen Gemeinheiten und verbalen Tiefschlägen: Eltern sind auch während und nach einer Trennung immer noch Eltern. Und somit Vorbild; Das, was ihre Kinder sehen, erleben und nachahmen werden.

Das, was wir tun, tun wir  gewiss nicht, weil es immer einfach oder angenehm ist. Ich tue es, weil es das einzige ist, was sich für mich aufgrund dessen, was ich weiß, richtig anfühlt.

[EDIT] Hier der heutige Artikel von Agens: Scheidungskinder brauchen beide Eltern! [/EDIT]

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