Warum ich den Beitrag homosexueller Männer in der Geschlechterdebatte nicht missen möchte

Man kann es aus Fairness machen: „Jeder darf seine Meinung und damit Sichtweise äußern, also auch homosexuelle Männer“. Man kann es aus Idealismus machen: „Uns anderen bringt es selbst nichts (außer dem Gefühl, fair zu handeln), aber für die homosexuellen Männer ist es wichtig, ihre Perspektive zu schildern.“ Ich hingegen habe ein ganz eigennütziges Motiv dafür, warum ich die Blogeinträge und Kommentare von Adrian so schätze. Kurz gesagt: Ich lerne daraus eine Menge über mich selbst als heterosexueller Mann und das ist mir sehr wichtig.

Ich hatte ihm bereits mehrmals versprochen (zuletzt vor über einem Monat, die anderen diesbezüglichen Kommentare finde ich nicht mehr wieder), darüber zu bloggen, was das konkret bedeutet. Es sind vor allem drei Punkte:

1. männliche Sexualität

Männer reagieren auf optische Reize.
Männer haben Spaß an Körperlichkeit.
Männer haben einen höheren Sexualtrieb.
Das ist alles ganz natürlich und ok!

Das klingt trivial und selbstverständlich? Herzlichen Glückwunsch, ich musste diese Einsicht nämlich wieder erlernen.

Ich habe viel zu lange kritiklos die Ansicht übernommen, die ich oft gehört und gelesen habe und die anscheinend gut zu Frauen passt: „Dieses Körperfixiertheit, diese ständige Lust auf Sex, dieses Reagieren auf Äußerlichkeiten… wie oberflächlich, schmutzig und falsch!“

Nachdem man noch in der Generation meiner Eltern die weibliche Perspektive ignoriert oder verteufelt hatte, habe ich erlebt, wie sich die Verhältnisse umdrehten: Plötzlich war die weibliche Sicht auf Sexualität normgebend. Abweichungen davon waren grundsätzlich negativ: Der Mann ist dem Tiere nah, er ist ja völlig triebgesteuert, ein Wunder, dass er sich überhaupt beherrschen kann, eigentlich sind alle Männer potentielle Vergewaltiger, nur dass sie noch nichts gemacht haben… die Dämonisierung männlicher Sexualität als etwas Gefährliches oder ihre Abwertung als eine minderwertige Haltung kann natürlich nicht gesund sein, geschweige denn zu einem positiven Selbstbild von Männern beitragen.

Zuletzt wurde es bei Alles Evolution angesprochen (man beachte auch die Verweise auf frühere Beiträge im dortigen Artikel): Man wird Männern nicht aberziehen können, was sie nun einmal ausmacht und was zu ihrer Natur gehört. Hier gibt es eine Gemeinsamkeit von Homosexualität und männlicher Sexualität: Sie werden dämonisiert, aber man kann sie nicht ändern, selbst wenn man wollte, darum sollte man sie einfach akzeptieren, wie sie sind.

Wie können Eigenschaften der Sexualität eines homosexuellen Mannes richtig und akzeptabel sein, dieselben Eigenschaften bei einem heterosexuellen Mann jedoch verwerflich? Das ist nicht einzusehen und das war ein wichtiger Punkt zur Normalität.

2. Kultur und Zivilisation

Heterosexuelle Männer konkurrieren um Frauen. Sie versuchen in irgendeiner Form Status zu erlangen, um attraktiv zu sein.

Männer können herrlich simpel gestrickt sein und an einfachen Dingen (wie Sex) immer wieder Spaß haben. Woher kommt dann dieser „Drang nach oben“? Halb schwang bei mir noch der oft gehörte Vorwurf mit, Männer würden sich von sich aus nicht für Kultur interessieren.

Ich war mir inzwischen nicht mehr sicher: Waren Initiative und Erfindungsreichtum nur Nebenprodukte männlicher Triebe? Waren Kultur und Geistesleistungen von Männern nur erbracht worden, um Frauen abzubekommen? Würden Männer ansonsten zufrieden mit sich und der Welt den lieben langen Tag unter Bäumen liegen?

Wenn es so wäre, müssten homosexuelle Männer durch die Bank schlichte Gemüter sein, die sich für Geistiges nur insoweit interessieren, als es ihrem Broterwerb dient. Adrian erwähnt aber, dass er gerne Gespräche über Politik, Wirtschaft und Wissenschaft führt. Das hätte bei ihm aber keine Funktion als Instrument auf dem Partnermarkt. Die männliche Kulturleistung wurde also nicht nur „wegen Status oder Frauen“ erbracht.

Auch der Spaß am Wettbewerb ist keineswegs allein auf intrasexuelle Konkurrenz von Männern zurückzuführen. Tom174 erwähnt ein Beispiel, wie er sich einen Wettstreit mit Adrian ums letzte Wort liefert (auf den Original-Artikel, in dem das stattfindet, verweise ich mal lieber nicht).

Also ist Sex für uns heterosexuelle Männer wichtig, aber nicht das einzige, was uns antreibt. Gut zu wissen!

3. Anforderungen an Männer

„Niemand fragt mich nach beruflichem Erfolg, denn ich muss ja nur mich selbst versorgen. Niemand erwartet von mir ,”meinen Mann zu stehen”, denn für wen, außer mir selbst, sollte ich das denn tun?“ – Adrian

Die Rolle des Versorgers und Beschützers – sie ist fest mit dem heterosexuellen Mann verbunden. Interessant ist, dass diese Forderungen, die viele heterosexuelle Männer gerne erfüllen oder erfüllen würden, tatsächlich von der Gesellschaft bewusst abgestellt werden können, wenn sie keinen Sinn ergeben. Wie Adrian zurecht bemerkt, handelt es sich um Zwänge, denn lange Arbeitszeiten und Aufopferungswillen machen für sich genommen keinen Spaß und müssen durch andere Dinge ihren Sinn bekommen.

Das zeigt zweierlei: Zum einen, dass Männer keineswegs „frei“ oder per se „freier“ sind als Frauen. Patriarchat? Pustekuchen! Welche Herrschergruppe wäre denn so dumm, sich selbst mit so schweren Anforderungen zu versehen? Tatsächlich bedeutet die Bereitschaft, eine Frau und Kinder zu ernähren (oder ernähren zu können) eine erhebliche Einschränkung in der Freiheit der Lebensführung. Wenn Männer nicht dagegen aufmucken, dann deswegen, weil viele darin ihre Erfüllung sehen (selbst wenn mehr Zeit für die Kinder und Hobbys schön wäre).

Zum anderen ergibt sich darauf aber auch, dass Männer ohne große Aussicht auf Partnerschaft und Familie diese Leistung nicht erbringen müssen. Es ist eine Art gesellschaftlicher Deal, der bei fehlenden Rahmenbedingungen nicht zustande kommt.

Seinen eigenen Weg gehen – oder auch nur aus dem Hamsterrad aussteigen. Das kann für Männer eine interessante Perspektive sein, um sich aus unvorteilhaften oder für sie nicht funktionierenden Rollenbildern zu befreien.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal ein Lied, das in meinem Bekanntenkreis recht beliebt ist und gerne mitgegrölt wird.

Electric Six: Gay Bar

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