Genderlehre vs. Biologie

Wenn ich den aktuell vorherrschenden Genderfeminismus richtig verstehe, dann sind wir nach der Geburt, unabhängig von unserem biologischen Geschlecht erst einmal ein weißes Blatt Papier. Alles was später an Geschlechterrollen und geschlechtsspezifischen Vorlieben zu Tage tritt ist angeblich erst gesellschaftlich anerzogen worden und nicht etwa angeboren.

Das ist für den Genderrfeminismus sehr wichtig, weil nur auf diese Weise spätere gesellschaftliche Beobachtungen, wie z.B. die stärkere Vertretung von Männern in Führungspositionen, das schlechtere Abschneiden von Frauen in vielen Naturwissenschaften, die Neigung von Frauen lieber schlechtbezahlten Berufe anzustreben, als Ergebnis von diskriminierenden Strukturen gewertet werden können.

Ab und zu wird zwar – eher als Feigenblatt – auch von feministischer Seite widerwillig eingeräumt, dass auch die Biologie „einen gewissen Einfluss“ haben könnte, im weiteren Aufbau des Theoriengebäudes findet das jedoch kaum Berücksichtigung. Wissenschaftliche Studien, die angeborene Geschlechterunterschiede feststellen, werden gerne mit der Begründung abgetan, die untersuchenden Wissenschaftler selbst, seien nicht frei vom schier übermächtigen Einfluss der gesellschaftlichen Geschlechterkonstrukte – und außerdem verdächtig oft weiße Männer.

Wenn man bedenkt, dass es für den Genderfeminismus eine existentielle Katastrophe darstellen würde, wenn biologisch zweifelsfrei angeborene Geschlechterunterschiede bewiesen werden könnten, mit denen zum Beispiel auch Folgeeffekte, wie unterschiedliche Schwerpunkte bei der Studien- und Berufswahl begründet werden könnten, kann man verstehen, warum von dieser Seite so gegen die etablierte Wissenschaft gewütet wird.

Die gesamte Gendertheorie ist bisher – anders als die Biologie – eben nur ein gedankliches Konstrukt. In sich stimmig, aber dem wissenschaftlichen Beweis (bisher) nicht zugänglich.

Mich erinnert das ein wenig an die amerikanischen Kreationisten, die zwar wissenschaftlich hoffnungslos gegenüber der Evolutionstheorie an Boden verloren haben, gleichwohl darauf beharren die Schöpfungslehre als „alternative Theorie“ anzuerkennen und sogar an Schulen zu lehren. Der Unterschied zu den Kreaotionisten besteht leider nur darin, dass die Genderlehre zunehmend an Einfluss gewinnt.

Wenn man die Theorie der anerzogenen Geschlechterunterschiede wissenschaftlich beweisen wollte, müsste man Jungen versuchsweise in der Mädchenrolle aufziehen und umgekehrt. Derartige Menschenversuche verbieten sich schon aus ethischen Gründen. Entsprechende Versuche in der Vergangenheit sind allerdings spektakulär schief gegangen, mit schlimmen Folgen für alle Beteiligten. Umgekehrte versuche transsexuelle Kinder in der Rolle ihres biologischen Geschlechts zu erziehen verlaufen im Regelfall auch nicht sonderlich erfolgreich.

Ein wirkliches Problem bekommt die Genderlehre ohnehin beim Thema Transsexualität. Ein heterosexueller-cis Mann wird vom Genderfeminismus nur als Ergebnis einer gesellschaftlichen Prägung angesehen. Die Behauptung einer Transfrau „schon immer“ eine Frau gewesen zu sein (leider im falschen biologischen Körper) wird dagegen bereitwillig angenommen. Wenn aber Geschlechterrollen und Gefühle der „richtigen“ Geschlechtszugehörigkeit lediglich anerzogen und nicht etwa bereits biologisch determiniert sind, wäre transsexuellen Menschen ihre Transidentität erst nach der Geburt anerzogen worden. Das würde dann aber leider die Konservativen stärken, die z.B. befürchten, dass Jungen durch falsche Erziehung transsexuell werden könnten. Das würde auch bedeuten, dass man Transsexualität bei Kindern durch „Umerziehung“ wieder therapieren kann. Ich glaube nicht, dass der Genderfeminismus diese Schlussfolgerungen wirklich mal zu Ende gedacht hat.

 

 

Werbeanzeigen