Warum ich sie für Männer halte

Vor fast zwei Monaten gab es einige interessante Beiträge zu Männlichkeit. Es wurde zwar keine Blogparade daraus, ich möchte aber gerne über ein Erlebnis berichten, das thematisch daran anschließt.

Einige Tage zuvor war bei Christian in den Kommentaren der Hinweis aufgekommen, dass gerade junge Männer den schlechtesten Leumund hätten und ihnen Chancen fehlen würden, sich ihrer neuen oder bevorstehenden Rolle als würdig zu erweisen.

Es war in einer Kneipe in einer Großstadt. Ich war erst zum zweiten Mal da, wusste aber bereits, dass hier viel Livemusik gespielt wurde. Die Dekoration (Bandposter aus vergangenen Jahrzehnten und alte E-Gitarren und -Bässe an den Wänden) machte ebenfalls einen schönen rockigen Eindruck. Es war ein Abend mit offener Bühne, bei dem zunächst eine Band spielte und dann jeder, der Lust hatte, selbst Musik machen konnte.

Das Angebot war noch recht neu und entsprechend tummelten sich die spielwütigen Musiker. Da war alles dabei von vielleicht Ende 20 bis zu in Ehren ergraut. Zur allgemeinen Skepsis des Publikums um mich herum ging eine als Schülerband angekündigte Formation auf die Bühne. Wir guckten uns alle etwas zweifelnd an, ein Eindruck, der sich noch verstärkte, als die jungen Damen zum Teil ihre Texte vom Smartphone ablasen. Was war nur aus der guten alten Rockmusik geworden?

Nach vielleicht drei Liedern wurden die Stücke jedoch besser und es kristallisierte sich heraus, dass die wechselnden Sängerinnen alle mindestens ein Lied in petto hatten, das zu ihrer Stimme passte und sie auch drauf hatten. Nun nickten sich die Zuhörer anerkennend zu. Doch, die konnten etwas!

Auch die jungen Herren, die jetzt als Sänger und Rapper auf die Bühne kamen, stießen auf allgemeine Zustimmung. Und als ich schließlich selbst die Bühne bestieg um ein wenig zu spielen und zu singen, da hatte ich eine Begleitband, die zu großen Teilen aus etwa 18-jährigen bestand und ihre Sache wunderbar machte.

„Warum sind das Männer?“, ging es mir durch den Kopf. „Warum werden diese Typen offensichtlich als Männer wahrgenommen und akzeptiert, obwohl sie noch so jung sind? Wieso klappt hier, was ansonsten doch so schwer sein soll?“

Eine perfekte Erklärung habe ich nicht. Es gibt jedoch einige Hinweise darauf, was richtig gelaufen ist:

Die Jungs fielen nicht durch allzu deutliche Zugehörigkeit zu einer Jugendsubkultur auf. Selbst die Hiphopper erfüllten größtenteils hinsichtlich ihrer Kleidung nicht die Klischees. Stattdessen kam mir die Gruppe wie die typische Mittelschichtjugend vor, aus bürgerlichem Elternhaus, ordentlich angezogen, ohne besonders auffällig zu sein und damit rein äußerlich nicht besonders aneckend, sondern für einen Erwachsenen erträglich.

Das, was sie machten, konnten sie. Die männlichen Musiker und Sänger hatten durch die Bank ihre Sache drauf. Sie wirkten souverän in dem, was sie taten. Weder strahlten sie Aufregung aus, noch machten die große Augen ob des Publikums, das sie zum ersten Mal erlebte und sie beklatschte.

Das wurde noch dadurch verstärkt, dass sie sich selbst nicht allzu sehr feierten, obwohl in ihrer Gruppe ja durchaus Damen anwesend waren, die entzückt waren und die man vielleicht hätte beeindrucken wollen. Die Frauen waren zudem in der Minderheit, aber es fand kein Hauen und Stechen um sie statt.

Die Begleitmusiker erledigten ihren Job, ohne allzu viele Worte verlieren zu müssen. Sie brauchten nicht lange zu reden, sondern konnten auf einen gezielten Hinweis hin losspielen.

Bei den Wechseln am Mikrophon wirkte die ganze Gruppe unglaublich locker. Die Typen konnten lächeln, jeder bekam sein Maß an Aufmerksamkeit, man spornte sich gegenseitig an und komplimentierte den anderen auf die Bühne.

Später mischten sich weitere ältere Musiker mit den jungen Leuten. Es wirkte wie ein gleichberechtigtes Spiel und nicht wie ein Wettkampf, bei dem die altgedienten Veteranen den jungen Hüpfern einmal zeigen wollten, wo der Hammer hängt, oder bei dem sich die jüngeren künstlich von den älteren abgrenzen mussten.

Es war eine Freude zu sehen, wie diese geschätzt 18-jährigen eine Menge Spaß hatten und dabei auch die anderen unterhielten. So ganz nebenbei durchlebten sie eine positive Rolle, die sie einnehmen konnten. Aber daran dachte in diesem Moment wohl nur ich, durch die Diskussion bei Alles Evolution in meiner Aufmerksamkeit geschärft.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die Textzeile „Don’t Wanna Be A Boy, You Wanna Be A Man“ passt doch wunderbar.

Michael Jackson: Beat It

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5 Kommentare zu „Warum ich sie für Männer halte“

  1. Tja, Graublau, willkommen in der realen Welt außerhalb irgendwelcher Internet-Kommunen, deren Mitglieder sich gegenseitig Negativitäten zuflüstern.

    1. @rexi

      Graublau thematisiert ja, dass auch die anderen erst kritisch waren:

      !Wir guckten uns alle etwas zweifelnd an, ein Eindruck, der sich noch verstärkte, als die jungen Damen zum Teil ihre Texte vom Smartphone ablasen. Was war nur aus der guten alten Rockmusik geworden?“

      Insofern scheinen die anderen Zuschauen aufgrund des jungen Alters auch zunächst die Leute nicht akzeptiert zu haben, bis sich diese bewiesen haben.

      Dann darüber nachzudenken, wann und warum diese Akzeptanz auftritt finde ich schon interessant.

  2. Wirklich ein sehr schöner Artikel.

    Er zeigt, dass „anerkannte Männlichkeit“ scheinbar etwas ist, dass man erst erwerben oder verdienen muss. So wie Jungen sich in archaischen Kulturen erst als Jäger oder Krieger beweisen mussten , um in die Runde der Männer aufgenommen zu werden.

    „anerkannte Weiblichkeit“ hingegen entsteht allein durch Körperlichkeit, Pubertät, teilweise verstärkt durch modische Kunstgriffe. Sie muss nicht verdient werden.

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