Geschlechterdiskurs, Massenmedien – und die Verdrängung der männlichen Perspektive

Dies ist mein erster Beitrag in diesem Gemeinschaftsblog. Tatsächlich ist es auch mein erster Blogbeitrag als Autor überhaupt. Es bringt mich dazu, als Einstieg ein wenig darüber zu reflektieren, was das für ein „Resonanzraum“ ist, in dem wir uns hier bewegen.

Offensichtlich geht es im weitesten Sinne um Geschlechterthemen. Und in der öffentlichen Diskussion über diese Themen finde ich es auffallend, dass die männliche Perspektive auf Geschlechterthemen, Geschlechterpolitik oder das Geschlechterverhältnis kaum im „offiziellen“ Teil der Massenmedien stattfindet. Dort herrscht die weibliche (oft feministisch geprägte) Sicht vor. Wie auch in der Politik, wo Geschlechterpolitik sehr weitgehend „Frauenpolitik“ ist. Die männliche Seite, die Artikulation von männlichen Interessen oder Perspektiven findet in diesen Diskursen, so weit sie in den gesellschaftlichen Institutionen stattfinden, kaum statt. face-205563_150 Um es mit einem ganz groben Pinsel zu zeichnen, könnte man sagen, Politik, Medien und in weitestem Sinne die (Unterhaltungs)Kultur oder auch das Bildungswesen sind stark femizentrisch geprägt. Ebenso gibt es eine ganze Reihe von femininen bis feministischen Lobby-Organisationen, teils eigenständig, teil in anderen gesellschaftlichen Organisationen wie z.B. Gewerkschaften oder Universitäten verankert – aber keine institutionell verankerte Interessenvertretung für Jungen und Männer. Anders gesagt: Die Hälfte der Bevölkerung hat in der gesellschaftlichen Landschaft keine Stimme, keine organisierte Interessenvertretung.

Diese Stimme gibt es dagegen in der gesellschaftlichen „Schmuddelecke“, vor allem im Internet, in Blogs wie diesem, in Intnetforen, in den Kommentarspalten von Massenmedien. Im Verhältnis zum „offiziellen“ gesellschaftlichen Diskurs verhalten sich diese Meinungen und Ansichten oft wie eine Unterströmung, die weniger sichtbar doch recht anders verlaufen in der Fließrichtung, als es an der Wasseroberfläche den Anschein hat. (Für leichtsinnig Badende vermag eine Unterströmung auch ein überraschendes Gefahrenpotential bereit zu halten.)

Ich will hier einmal eine Parallele ziehen zu einem anderen aktuellen Thema: der Situation in der Ukraine. Bernd Ulrich hat am 10. April 2014 in der FAZ ziemlich erschreckt festgestellt:

„Wenn die Umfragen nicht täuschen, dann stehen zurzeit zwei Drittel der Bürger, Wähler, Leser gegen vier Fünftel der politischen Klasse, also gegen die Regierung, gegen die überwältigende Mehrheit des Parlaments und gegen die meisten Zeitungen und Sender.“

Im Online-Magazin Telepolis schreibt Malte Daniljuk unter dem Titel „Meinungskluft um die Ukraine“ gar von einer „Götterdämmerung des deutschen Auslands-Journalismus“.
men-191933_150 Ich will nun hier gar nicht das Ukraine-Thema diskutieren (und würde auch darum bitten, in den Kommentaren dies nicht zu tun). Mir geht es um das Phänomen der Kluft zwischen „offiziellem“ gesellschaftlichem Diskurs und einem zumindest nicht unbeachtlichen Teil der Rezipienten. Zwischen den Lautsprechern und ihrem Resonanzraum scheint es Dissonanzen zu geben.

Und hier sehe ich eine Parallele zur Thematisierung von Geschlechterthemen in Politik, Medien und kulturellem Überbau – und der Resonanz beim geneigten Publikum. In beiden Fällen scheint nicht unerheblich für die Kluft zwischen Kommunikatoren und Adressaten, dass seitens der „offiziellen“ Agenten im Diskurs in vielen Fällen mit entweder sehr einseitigen oder teilweise klar falschen Informationen hantiert wird. In geschlechterthematischen Rahmen ist dies z.B. bei den Diskussionen um den sog. „Pay Gap“ zwischen den Geschlechtern oder beim Thema „häusliche Gewalt“ recht deutlich. (Ich will an dieser Stelle diese Themen selber gar nicht ausführlich ansprechen, ich habe es für einen meiner späteren Beiträge vor.) Mir geht es mehr um das Phänomen der Kluft oder des Kontinentaldrifts zwischen „Sendern“ und „Empfängern“.

Während in der Geschlechterdebatte die Diskurshoheit einer femizentrischen (und oft feministischen) Sicht weithin unangefochten ist, die Ideologie also praktisch ohne Debattengegner agieren kann, grummelt es in den Kelleretagen vernehmbar.

Aber noch eine andere Analogie liegt nahe. Seit Entstehung der Psychoanalyse ist der Begriff der „Verdrängung“ in der Welt. Er beschreibt ein innerpsychisches Geschehen, bei dem psychische Inhalte sozusagen vor dem Bewusstsein versteckt werden, in dem sie in das Schattenreich des Unbewussten befördert werden. Und es gibt Instanzen in der Psyche, die darüber wachen, dass diese Inhalte dort bleiben. Nun ist in der Psychoanalyse die Vorstellung zentral, dass eine solche Verdrängung zu neurotischen Symptomen führen kann. Die in den Untergrund verbannten Inhalte werden dort sozusagen zu „Terroristen“ oder „Saboteuren“, deren Anschläge auf regulierenden Instanzen oft überraschend und unvorhersehbar kommen. (Oft überkommen sie das Individuum auch „maskiert“ – so dass gar nicht so recht erkennbar ist, dass es sich um „schmuddelige“ Kellergestalten handelt oder um welche dieser Gesellen genau.)
mask-75443_150
Und in dieser Analogie könnte man vielleicht sagen: Im gesellschaftlichen Diskurs wird die männliche Perspektive in den Untergrund gedrängt. „Offiziell“, an der Oberfläche des gesellschaftlichen Bewusstseins wird nur die feminzentrische Perspektive zugelassen. Die Anstrengungen der „Wächterinstanzen“, zum Beispiel Männerrechtler als Nazis und Freunde von massenmordenden Amokläufern darzustellen, mag hier pars pro toto als Illustration für diese Analogie zum psychoanalytischen Verdrängungsmodell stehen.

Aber was wäre jetzt die Neurose auf der gesellschaftlichen Diskursebene? Nun, ebenfalls pars pro toto, könnte man z. B. auf Bestrebungen verweisen, aus der Sprache jegliche Assoziation zu Männlichem zu tilgen, die so weit geht, dass alleine schon die Buchstabenkombination „er“ in einem beliebigen Wort vermieden und durch etwas anderes ersetzt werden muss.

Man fragt sich ja unwillkürlich als erstes: Das ist eine Satire, oder? Ups – es muss natürlich heißen: „M@n fragt sich ja un_willkürlich als xstes: Das ist eine Satix, odn?“ So wäre es genderkorrekt, nicht diskriminierend und nicht frauenunterdrückend. (Nur leider auch nicht mehr lesbar). Nein, es ist kein Satire – es ist ernst gemeint. Was nicht weiter erwähnenswert wäre, wenn es sich einfach um irgendwelche durchgeknallten Spinner handelte, die so etwas ernsthaft vorschlagen. Es handelt sich aber um gesellschaftliche Institutionen (hier die Humboldt Universität in Berlin), die von Steuergeldern, also der staatlichen Zwangsabgabe für die Gemeinschaft, finanziert werden.

Und ich frage mich schon: Wenn diese Vorschläge für „W_ortungen als Sprachhandeln“ NICHT neurotisch sind (in ihrer Abwehr auch nur leichtester Assoziationen an Männliches) – was wären sie dann?