Matschos Albtraum

Es folgt ein Gastbeitrag von honeyinheaven. Sie war ursprünglich ebenfalls als fester Autor vorgesehen, hat sich dann aber kurz vor dem Start des Blogs zurückgezogen. Den folgenden Text hatte sie bereits fertig.

Als Matthias Schojewski, den alle zu seiner Freude nur Matscho nannten, erwachte, fühlte er sich, als hätte er zehn Runden mit einem der Klitschkos hinter sich – den KO-Schlag mit eingeschlossen. Mitunter allerdings täuschte der erste Eindruck, und als er sich Minuten später aus der Decke gewühlt hatte, stellte er fest, dass er zumindest keine Kopfschmerzen hatte. Dennoch beschloss er, sowohl das Frühstück – zu wenig Zeit – als auch die Rasur – Rasierer in seinem Zustand eindeutig zu laut – zu canceln, um noch rechtzeitig zu seiner Arbeit in der Werbeagentur zu kommen. Das Saufen unter der Woche war eindeutig nichts für ihn. Als er wenig später auf die Straße trat, ging es ihm dank der frischen Luft etwas besser. Und doch war da dieses merkwürdige Gefühl, das etwas nicht stimmte.
Auf dem Weg zur S-Bahn kam ihn eine junge Frau seines Alters entgegen, die etwas größer war als er mit seiner eher bescheidenen Größe von wenig mehr als 1,75. Na da würde er doch gleich richtig fit werden! Matscho setzte den Blick auf, von dem er überzeugt war, dass ihm keine Frau widerstehen konnte und blickte der Dame auf die Oberweite. Merkwürdigerweise sah diese nun aber nicht peinlich berührt zur Seite, sondern fixierte ihn ihrerseits. Für eine Sekunde war er irritiert, aber als sie vorbei war, wollte er sich unbedingt noch einen Blick auf ihren Hintern gönnen. Als er sich umdrehte, erschrak er so sehr, dass er seine Tasche fallen ließ – die Dame hatte sich ebenfalls umgedreht und betrachtete offenbar im Weitergehen reichlich ungeniert sein Gesäß. Was war denn heute los?
Am Kiosk kaufte er sich schnell die BILD. Nicht, dass ihm etwas an den Schlagzeilen in dieser „Zeitung“ gelegen war, obwohl das Blatt und vor allem sein Chef-Kolumnist sich als eine der wenigen gegen diesen unseligen feministischen Zeitgeist stemmten. Aber geschenkt – ihm ging es weit mehr um das Mädchen von Seite Eins, die ihm die Fahrt zur Arbeit versüßen würde.
Apropos süß – als er an einem Gerüst vorbei ging, hörte er plötzlich Stimmen und dann ein lautes weibliches Gekicher. Dann Pfiffe.
„Hey, Schatzi…hallo Süßer…bist du auch so heiß wie du aus schaust?“ Erneut Gelächter.
Als er sich einigermaßen entrüstet umdrehte und nach oben blickte, traf ihn fast der Schlag. Dort auf dem Gerüst stand eine Horde Bauarbeiterinnen, die noch immer pfiffen und grölten und sich offenbar einen Spaß mit ihm machten. Es waren tatsächlich Frauen – manche muskulös, manche tätowiert, und die Vorarbeiterin – oder hieß das dann Polierin – hatte eine Zigarette im Mundwinkel und einen gewaltigen Bierbauch. Frauen. Als Bauarbeiterinnen. Er sollte definitiv weniger trinken. Am Ende war Matscho froh, als er die S-Bahn-Haltestelle erreicht hatte.
Sollte dort endlich wieder alles normal sein? Nicht wirklich. Dass ihm eine Frau schon wieder auf den Po glotzte, ignorierte er tapfer. Die Werbeplakate aber konnte er nicht übersehen, auch wenn er sich das gewünscht hätte. Auf dem einen war ein männliches Glied abgebildet, das nur sehr knapp von einem knallengen Leoparden-String bedeckt war. „Ich kann 24 Stunden abspritzen!“ stand in großen Lettern darunter. Auf dem zweiten war ein Mann zu sehen, dessen Gesichtsausdruck selbst mit Wohlwollen nur als grenzdebil durchging. Er stand neben einer größeren Frau, die gerade etwas grillte und reichlich besitzergreifend schaute: „Ich mag Frauen mit Kohle!“ war hier die Unterschrift. Und Matscho wurde klar, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Und dass dieses „etwas“ über einen normalen Kater weit hinaus ging. Wie konnte es eine Agentur denn wagen, Männer SO darzustellen? Das musste er nachher gleich seinen Kollegen erzählen.
In der S-Bahn setzte er sich an den Gang und holte sogleich die BILD aus der Tasche. Endlich wieder Normalität. Mal sehen, welches Mädchen sich heute zeigte. Die Vorfreude verwandelte sich innerhalb einer Sekunde in Entsetzen, und es kostete ihn einige Überwindung, nicht mitten in der Bahn laut aufzuschreien. Dort, wo sonst das heiße Girl von Seite Eins war, prangerte jetzt ein fast nackter Kerl. „Hans im Glück wartet auf den nächsten F…“ hatte ein sogenannter Journalist reichlich ungelenk darunter gedichtet. Matscho presste die Hände auf die Schläfen und begann, dieselben zu massieren. Waren denn jetzt alles verrückt geworden? Oder war er etwa krank?
Achtlos warf er die Zeitung auf den leeren Platz neben sich. Da bemerkte er, dass eine Oma, die ihm schräg gegenüber saß, direkt auf seine Hose starrte und dabei einen lüsternen Blick aufgesetzt hatte, den er von Frauen dieses Alters weder kannte noch erwartete. Hektisch blickte er selbst nach unten – hatte er in der Eile vergessen, den Reissverschluss zu schließen? Nein. Alles okay. Als er erneut zu der Alten schaute, grinste sie breit. Und zum ersten, aber nicht zum letzten Mal an diesem Tag wünschte sich Matscho, aus diesen Albtraum zu erwachen.
Bei der Arbeit ging die Verwirrung weiter. Eine Arbeitskollegin, die sonst schon rot wurde, wenn er sie mit einem „Hallo Mausi“ begrüßte, nannte ihn nun die ganze Zeit Schatzi, und niemand schien dies als komisch zu empfinden. Schlimmer waren allerdings die Sekunden, die er mit drei Frauen aus der Chefetage im Aufzug verbringen musste. Alle drei grinsten ihn fröhlich an, machten dann einen Männerwitz („Was ist ein Typ im Regenmantel? Ein Ganzkörperkondom!“ Hahaha…) und brachen in schallendes Gelächter aus, als wäre er überhaupt nicht anwesend.
Etwas später erhielt ein Kollege offenbar einen Anruf von zu Hause, stürmte sogleich zur Chefin, um dann mit hochrotem Kopf nach draußen zu gehen. Kaum hatte den Raum verlassen, legten die Frauen los.
„Na, typisch Alleinerzieher! Und wir müssen dann seine Arbeit mit machen! Soll er sich doch ne Frau suchen, die für ihn und den Balg zahlt! Was haben denn wir damit zu tun?“ Und als dann in Erwartung vollster Zustimmung in seine Richtung geschaut wurde, war die Stimme plötzlich gönnerhaft. „Na, Kleiner, du machst das intelligenter, gell?“ In jener Sekunde hatte Matscho das Gefühl, dass sein Kopf einer roten Verkehrsampel gleichen musste.
Trotz allem beschloss er nach der Arbeit noch in seinen Klub zu gehen. Natürlich gehörte der Laden nicht wirklich ihm, aber er war Stammgast. Und heute war doch Donnerstag – da bekamen die Weiber immer ein Glas Sekt gratis, was somit Frauenüberschuss und freie Auswahl für ihn bedeuten würde. Dort war bestimmt noch alles beim Alten!
Als er eine Stunde später mit einem Glas Sekt an der Bar stand – heute ein Glas Frei-Sekt für alle Männer – und alle Hände damit zu tun hatte, eine sehr hartnäckige Schwarzhaarige, die überhaupt nicht sein Typ war, abzuwehren, wusste er, dass offenbar gar nichts mehr in Ordnung war. Auch auf sein drittes höfliches „Nein“ gab die Schwarzhaarige nicht auf, und Matscho konnte den Geruch von Bier und Nikotin riechen, als sie sich zu ihm herüber beugte. Auf der Tanzfläche vorhin war es noch immer schlimmer gewesen. Dort hatten ihn zwei Frauen beim Tanzen in die Zange genommen, und ganz egal, wie oft er sich weg gedreht hatte – sie schienen diese Zeichen, dass er kein Interesse hatte, einfach nicht zu verstehen. Als die Schwarzhaarige nun wie selbstverständlich ihre Hand auf sein Knie legte und dieselbe dann langsam aber stetig nach oben schob, war es um seine Selbstbeherrschung endgültig geschehen.
„Lass mich jetzt in Ruhe! Ich will nichts von dir!“
Das Gesicht der Frau wechselte innerhalb eines Moments von lüstern auf eisige Ablehnung. Ihre Augen waren jetzt eine einzige Drohung, und ihre Fäuste waren geballt, als wollte sie gleich auf ihn los gehen.
„Dann verpiss dich doch! Bist wohl ne Schwuchtel, oder was?“
Schwuchtel! Er! Eine Schwuchtel! Er! Er war Matscho, und er war ganz bestimmt nicht schwul. Und überhaupt…und plötzlich bemerkte er, dass er schrie und schrie und offenbar nicht mehr aufhören konnte. Er schrie noch, als er längst erwacht war und Schweiß überströmt in seinen Kissen lag.
Ein Traum. Alles war nur ein Traum gewesen. Real war allerdings der Kater, der ihn jetzt plagte. Er hatte Angst vor dem, was er da draußen gleich erleben würde, aber es half nichts – er musste zur Arbeit. Ganz vorsichtig verließ er dieses Mal das Haus und schaute sich mehrmals um. Eine besondere Anspannung überfiel ihn, als er an besagtem Gerüst vorbei kam. Innerlich wappnete er sich gegen alles, aber es passierte nichts. Über ihm arbeiteten die Bauarbeiter und schenkten ihm, dem Geschlechtsgenossen logischerweise keinerlei Beachtung. Etwas später hastete eine junge Frau an ihm vorbei. Dieses Mal drehte sich Matscho nicht nach ihrem Hintern um. Und als er am Kiosk angelangt war, beschleunigte er plötzlich den Schritt. Er hatte auf die „Zeitung“ zum ersten Mal seit Jahren keine Lust mehr.