Ein Rollentausch – oder wie es nicht funktioniert[e].

Um das Thema „Der Mann als Haupternährer“ wird vielerorts hitzig diskutiert; es steht die Frage im Raum, warum trotz emanzipierter Frauen immer noch so viele Männer Haupt- wenn nicht gar Alleinverdiener innerhalb der Familie sind.

Zu diesem Thema möchte ich euch etwas erzählen. Und zwar von meinem eigenen Versuch, den Part des Hauptverdieners zu übernehmen. Allerdings erzähle ich es nicht alleine; ich bat den Vater meiner Kinder, die Erzählung zu lesen und ggf. zu ergänzen. Der kursive Teil ist daher von ihm.

Es ergab sich durch eine Verkettung nicht-ganz-so-ideal geplanter Ereignisse, welchen natürlich meine eigenen Entscheidungen zugrunde lagen, dass ich im Alter von 26 Jahren aus Österreich zurück nach Deutschland kam. Ich war schwanger und arbeitslos, der Vater des ungeborenen Kindes steckte noch mitten im Studium.

Nur wenige Monate zuvor hatte ich den theoretischen, praktischen und mündlichen Teil der Meisterprüfung im Konditorenhandwerk abgelegt, nun trennten mich von meinem Meisterbrief noch der Unternehmer- sowie der Ausbilderkurs. Doch dies lag vorerst auf Eis, meine finanziellen Reserven waren mittlerweile nahezu gänzlich aufgebraucht, und ich überlegte, womit wir wohl weiterhin unseren Lebensunterhalt bestreiten würden.

Für eine schwangere Frau ist es aus Kostengründen für den Unternehmer quasi unmöglich, eine Vollzeitstelle zu finden. Dennoch hatte ich fürchterliche Angst davor, ins Hartz IV abzurutschen. ALG I bekam ich keins, obwohl ich in Salzburg während der letzten fünfeinhalb Jahre nahezu ununterbrochen in Vollzeit beschäftigt gewesen war. Doch, so teilte man mir auf der ARGE mit, ich sei ein „Präzedenzfall“ und man könne leider außer ALG II nichts für mich tun. Na toll. Zurück nach Salzburg zu gehen kam für mich nicht in Frage. Also sah ich mich um und fand einen 400 € Job, als Servicefahrerin für ein Schnellrestaurant mit Lieferservice. Das Restaurant gehörte zu einer Kette, die einst deutschlandweit vertreten war, welche jedoch ihre Glanzzeit bereits hinter sich hatte.

Ich übernahm den Job, schließlich hatte ich das während meiner Lehrzeit nebenberuflich schon einmal getan, um eine teure Autoreparatur zu finanzieren. Der Vater des Kindes fand zu der Zeit einen Minijob in einer Tankstelle, und so jobbten wir eine zeitlang vor uns hin. Mit Hilfe unserer Familien schlugen wir uns mehr schlecht als recht „halt irgendwie so durch“.

Es war auch eine Zeit, in der ich das Studieren nicht aufgeben wollte – ja, beurlauben vom Studium, das war möglich, habe ich dann auch für 4 Semester getan. Das war auch einer der Gründe, warum ich nicht Vollzeit arbeiten gehen konnte. Ich hätte meinen Status als Vollzeitstudent verloren, wäre vielleicht sogar exmatrikuliert worden. Zusätzlich bekam ich noch Halbwaisenrente, die hätte ich auch verloren. Das Geld, dass wir so zusammen kratzten, reichte gerade mal für die Miete und etwas zu Essen, aber wenn jetzt noch ein Kind unterwegs ist…

Eines Tages hing ein Zettel an der Tür des Schnellrestaurants. Man suchte einen neuen Pächter, und ich überlegte für einige Sekunden, ob das für uns nicht eine Chance sein könnte. Doch genau so schnell verwarf ich die Idee wieder; wer würde mir schon Geld geben, so ganz ohne Rücklagen oder Sicherheiten.

An diesem Tag besprach ich die Neuigkeiten mit meinem damaligen Partner, und gemeinsam beschlossen wir, es dennoch zu wagen. Mehr als nein sagen konnten die Franchisegeber schließlich nicht.

Wir waren jung, von unserer Unfehlbarkeit überzeugt. Wir glaubten, zu zweit schaffen wir alles. Das Geschäft wird ein Selbstläufer, schließlich kennen wir uns ja aus… wie naiv wir da waren…

Wider Erwarten wurden wir zu einem „Vorstellungsgespräch“ eingeladen. Nach dem Gespräch verließ ich das Gebäude mit dem Gefühl, hätte ich den Lizenzgebern das Geld bar auf den Tisch legen können, ich hätte auf der Stelle eine Zusage plus Vertrag erhalten.

Doch ganz so einfach war es nicht. Irgendwie schafften wir es, einige Tausend Euro Startkapital aufzutreiben, was für die Gründung eines Unternehmens lächerlich wenig ist. Doch mehr war nicht drin, und so versuchten wir unser Glück mit dem Wenigen, was wir hatten.

Uns wurden wundervolle Zahlen vorgelegt, vom Vorpächter und von den Franchisegebern. Wir haben damit gerechnet, und gerechnet, und gerechnet… und kamen zu dem Schluss, wir persönlich müssten maximal ein Jahr drinstehen, zumindest beide. Sie, als Chefin hatte mehr von der Last zu tragen. Sie hat auch so ziemlich alles unterschrieben, für mich war eher angedacht, ich mach ein Jahr Studienpause. An der Uni gibt es ja Kinderkrippen, und jede Vorlesung muss ich auch nicht besuchen. Ein Jahr, und ich bin wieder im Studium…

Sieben Wochen vor dem geplanten Entbindungstermin fiel also der Startschuss meines Unternehmens. Wir hatten beschlossen, dass unser Sohn zum Teil vom Vater und zum Teil von den beiden Omas betreut werden würde. Ich selbst würde mich hauptsächlich um das Restaurant kümmern, schließlich hatte ich die Verträge unterschrieben und trug somit sämtliche Verantwortung für den Restaurantbetrieb.

Da es einen „fliegenden [Pächter-]Wechsel“ gegeben hatte, lief unser Einstieg in die Branche recht unspektakulär und sechs Wochen später an einem Sonntag machte sich unser Sohnemann auf den Weg. Fünf Tage nach der Entbindung ging ich schon wieder arbeiten.

Ich schildere das ganze recht nüchtern, denn ich könnte das emotionale Chaos, welches zu der Zeit in mir herrschte, nicht einmal ansatzweise beschreiben. Ich wäre ZU gern bei meinem Sohn zuhause geblieben – den Hormonen sei es gedankt. Doch alles war doch ganz anders geplant, wer hätte meinen Posten im Betrieb übernehmen sollen? Daher ging ich – schweren Herzens – tatsächlich kurze Zeit nach der Geburt meines Sohnes wieder Vollzeit arbeiten, und hoffte einfach, dass er das einigermaßen würde wegstecken können. Schließlich hatte er ja Papa, Oma oder die andere Oma, und wurde von denen liebgehabt und war bestens versorgt.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Als Sohnemann fünf Monate alt war, wurde ich erneut schwanger, das Resultat ist meine entzückende Tochter. Nach einem dreieinhalb Jahre andauernden Ausflug in die Selbständigkeit fuhr ich das Unternehmen, mittlerweile hochverschuldet und seelisch sowie körperlich komplett ausgebrannt, gegen die Wand, suchte [mit Einverständnis des Vaters, der nach unserer Trennung ebenfalls am Ende seiner Kräfte angelangt war] für die beiden Kinder eine Vollpflegestelle und versuchte, irgendwie wieder zu Kräften zu kommen und schnellstmöglich in einen normalen Lebensrhythmus zu finden.

Am Anfang funktionierte auch alles wunderbar. Wir waren motiviert, die Aufteilung funktionierte, auch was das Nachts aufstehen anging oder das Babysitten. Als die Tochter dann da war und es im Geschäft nicht so funktionierte wie geplannt, hatten wir erst Au Pair Mädchen (die erste verliess uns nach 3 Monaten wieder wegen einer Herz OP, die zweite hat sich illegal nach Frankreich abgesetzt…) und dann eine Tagesmutter. Zusätzliches Personal konnten wir uns in dem Maße wie am Anfang gar nicht mehr leisten, also stand ich auch länger im Geschäft…je nachdem 8-13 Stunden am Tag, Ruhetage gab es keine. Freizeit wurde zum absoluten Luxus. Gute Stimmung gab es privat auch nicht mehr…

Der Burnout war vor programmiert. Sie hat ja schon nach einem Jahr gefragt, ob die Entscheidung richtig war, den Laden zu übernehmen. Und ich habe sie davon versucht zu überzeugen, dass es das war. Aber ehrlich gesagt, überzeugt war ich davon auch nicht. Nur kam die Einsicht, wie bei vielem damals, einfach zu spät.

Was ich damit sagen möchte: Ein Kind frühzeitig in die Fremdbetreuung zu geben, ist für die Mutter nicht nur mit massivem emotionalen Stress und ständigen Gewissensbissen verbunden. Hinzu kommt, dass sie im besten Fall von anderen Leuten „nur“ schräg angeschaut wird; im schlimmsten Fall, so selbst erlebt, klingelt eines Tages jemand vom Jugendamt, da irgendeine Person den Verdacht auf Kindeswohlgefährdung ausgesprochen hat. Eine Mutter, die ihr Kind früh fremd betreuen lässt, kann ja nicht ganz richtig im Kopf sein. Oder so.

Dabei ist es, wie bei vielem, für Außenstehende nicht nachvollziehbar, wie es ist, in so einer Extremsituation zu leben. Es tut weh und man verzweifelt an sich selbst. Der Vorschlag für eine Pflegefamilie war zu dem Zeitpunkt wie ein Schlag ins Gesicht für mich. Aber, sie hatte Recht. Wir waren beide am Ende, körperlich und emotional und dazu noch traumatisiert vom eigenen Versagen.

Unser Rollentausch lief unter verschärften Bedingungen ab, dessen bin ich mir bewusst. Doch ich war, und das ist keine Übertreibung, nicht zuletzt wegen der ständigen Trennung von meinem Sohn und später beiden Kindern irgendwann einfach nur noch ein Nervenbündel und nicht mehr ich selbst.

Es endete wirklich hässlich, und ich kann von Glück sagen dass wir alle so glimpflich davon gekommen sind. Wobei, ob Sohn und Tochter irgendwelche Schäden von der ich nenne es mal „unkonventionellen Betreuungssituation“ davongetragen haben, werden wir wohl erst erfahren, wenn beide Kinder erwachsen sind.

Es endete wie es Enden musste. Wir beide haben unsere Lehren daraus gezogen und haben in der Retrospektive am Ende die einzig richtige Entscheidung getroffen, nämlich uns selbst einzugestehen, dass es so nicht funktioniert und die Konsequenzen gezogen.

Quizfrage: Ist es sexistisch, dass nahezu alle Kunden, Vertreter und sonstige Mitmenschen entweder meinen damaligen Partner oder meinen Bruder, der ebenfalls im Restaurant mithalf, für den Chef hielten, niemals jedoch mich? 😉

[EDIT] Es geht nicht klar hervor: Ich bin der Ansicht, dass ein Rollentausch durchaus funktionieren kann; Genauso wie dieser vielleicht unter anderen Umständen hätte funktionieren können. Doch es IST problematisch, da eine Mutter, die ihre Kinder fremdbetreuen lässt, immer von mehr oder weniger heftigen Schuldgefühlen und Verlustschmerz geplagt wird. Und: Es mag sein, dass wir theoretisch an dem Punkt angelangt sind, dass Frauen selbst wählen dürfen, ob sie lieber die Kinder betreuen oder lieber arbeiten gehen, doch praktisch wird man als arbeitende Mutter immer noch schief angeschaut.[/EDIT]