Egalitärer Liberalismus

Es folgt ein Gastartikel, der unter dem Pseudonym Rotterdam eingereicht worden ist.

1) Der egalitäre Liberalismus als Leitbild für einen liberalen Maskulismus

Innerhalb der feminismuskritischen und männerrechtlichen Szene kam in letzter Zeit verstärkt die Frage auf, wie man sich bezüglich der Belange von Homo- und Transsexuellen positionieren sollte. Weniger stand dabei die Frage im Vordergrund, OB man das überhaupt tun sollte. Ich meine: ja. Und ich meine auch, dass liberale Männerrechtler sich in diesen Belangen für die Gleichberechtigung aller Betroffenen einsetzen sollten. Und ich denke auch, dass eine solche Sicht der Dinge konsistent ist.

Was also haben Schwulenrechte und Männerrechte gemeinsam, abgesehen von der Tatsache, dass viele Homosexuelle Männer sind? Wie lässt sich der Einsatz für Schwulenrechte mit dem Maskulismus verbinden? Wie kann ein liberaler Maskulist seine Sympathie für den Equity-Feminismus rechtfertigen?

Um diese Fragen befriedigend beantworten zu können, ist meiner Ansicht nach ein theoretischer Überbau vonnöten, aus dem die politische Positionierung für jedes dieser Teilgebiete abgeleitet werden kann.

Ich bin der Ansicht, dass der egalitäre Liberalismus in hervorragender Weise in der Lage ist, die Anforderungen an ein solches Leitbild zu erfüllen.

2) Was ist der egalitäre Liberalismus?

Die Maxime des egalitären Liberalismus lautet:
Angestrebt wird für alle Menschen das größtmögliche Maß an Freiheiten, welches unter den Bedingungen der fairen Verteilung dieser Freiheiten möglich ist.

Es spricht einiges dafür, dass ein solches gesellschaftliches Leitbild von einer unparteiischen Versammlung von rationalen Menschen als erstrebenswert betrachtet werden würde und somit den Bedingungen der Fairness genügt.

An dieser Stelle knüpft der egalitäre Liberalismus an die politische Philosophie John Rawls‘ an, der diese und weitere Thesen in seinem Hauptwerk „A Theory of Justice“ darlegte.

Ein weiterer Anknüpfungspunkt ist Rawls‘ Konzept von der Gerechtigkeit als Fairness. Ich werde hier nicht ins Detail gehen, sondern lediglich einen kurzen Abriss vorlegen:

Eine gesellschaftliche Regel gilt dann als fair, wenn davon ausgegangen werden kann, dass eine Versammlung freier und rationaler Menschen unter den Bedingungen absoluter Unparteilichkeit den Entschluss fassen würde, sich ihnen freiwillig zu unterwerfen. „Absolute Unparteilichkeit“ meint hier, dass davon ausgegangen wird, dass keiner der Legislatoren sich über die gesellschaftliche Position im klaren ist, die er nach der Verabschiedung der Regeln einnehmen wird. Keiner der Legislatoren weiß zu diesem Zeitpunkt also, welcher Rasse und welchem Geschlecht er angehört, ob er reich oder arm ist und welche geistigen und körperlichen Fähigkeiten er besitzt. Rawls nannte das den „Schleier des Nichtwissens“.

Insofern ein Legislator also ein Eigeninteresse besitzt und hinreichend risikoavers ist, wird er versuchen, das Risiko, welches eine schlechte gesellschaftliche Position mit sich bringt, soweit wie möglich abzufedern. Gleichzeitig wird er versuchen, derartige gesellschaftliche Regeln einzuführen, die ihm ein Maximum an Ressourcen in Aussicht stellen, ganz gleich in welcher Position er sich wiederfinden wird.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich die drei Prinzipien, nach denen eine Ungleichbehandlung von Menschen gerechtfertigt ist: Das Eignungsprinzip, das Leistungsprinzip und das Bedürftigkeitsprinzip.

3) Eignung, Leistung und Bedürftigkeit

Das Eignungsprinzip, das Leistungsprinzip und das Bedürftigkeitsprinzip regeln den Zugriff auf begrenzte gesellschaftliche Ressourcen – seien es gesellschaftliche Positionen, Produktionsmittel, Zugang zu Bildung oder Verbrauchsgüter. Dabei steht das Leistungsprinzip im Dienst der Maximierung der Ressourcen, welche einer Gesellschaft zur Verfügung stehen und das Bedürftigkeitsprinzip der Minimierung des Lebensrisikos für jeden Einzelnen. Das Eignungsprinzip dient beiden Zielen.

Kann eine Ungleichbehandlung nicht durch eines dieser drei Prinzipien gerechtfertigt werden, wird sie als unfair zurückgewiesen. In diesem Sinne tritt der egalitäre Liberalismus für eine weitgehende formale Gleichbehandlung aller Menschen ein.

a) Das Eignungsprinzip

Schließen sich ein Bauer und ein Schmied zusammen, ist es sinnvoll, dem Bauern die Zugriffsrechte auf die Sichel und dem Schmied die Zugriffsrechte auf den Hammer zuzugestehen. Selbst in Konstellationen, in denen dem einen Zugriffsrecht kein gleichwertiges anderes Zugriffsrecht gegenübersteht (Hammer gegen Sichel), können diejenigen, die minderberechtigt sind, von diesem Arrangement profitieren, nämlich indem der Schmied durch sein Hammerzugriffsrecht mehr Mehrwert erwirtschaftet als es die Nicht-Schmiede könnten. Damit die derart Minderberechtigten auch in den Genuss der Früchte der Berechtigten kommen und dem Arrangement zustimmen, braucht es ein wie auch immer geartetes System der Umverteilung oder Lastenteilung.

Zugleich mindert das Eignungsprinzip das Lebensrisiko der Gemeinschaftsmitglieder, indem es den Besitz von potentiell gefährlichen Freiheiten reguliert. Ein gutes Beispiel ist hier das Recht, ein Fahrzeug führen zu dürfen. Um es zu erhalten, muss ein Erweis der Eignung erbracht werden. Gleichzeitig behält es sich unsere Gesellschaft vor, ungeeigneten Personen (wie Blinden) dieses Recht vorzuenthalten. Gemäß der obersten Maxime des egalitären Liberalismus müssen diese Einschränkungen auf ein Minimum reduziert werden.

b) Das Leistungsprinzip

Nimmt man dem Schmied aus dem obigen Beispiel zwecks Umverteilung zu viele Früchte seiner Arbeit ab, verliert er die Motivation, zugunsten der Gesellschaft zu arbeiten. Je leistungsbereiter aber jedes einzelne Gesellschaftsmitglied ist, desto besser kommt das gemeinschaftliche Projekt voran, zumal auch die schwächsten Mitglieder des Unternehmens durch Umverteilungsmaßnahmen an der Prosperität der Unternehmung teilhaben. Eine angemessene Belohnung für die Anstrengungen eines jeden Einzelnen ist also im Interesse aller. Diese Belohnung kann in Form materieller Güter oder gesellschaftlicher Positionen und Privilegien erfolgen, aber auch darüber, dass man den entsprechenden Personen Respekt und Ansehen entgegenbringt.

c) Das Bedürftigkeitsprinzip

Es gibt gesellschaftliche Startpositionen, die schlechtere Chancen auf eine befriedigende Partizipation am gemeinschaftlichen Projekt namens Gesellschaft bieten als andere. Die genetische Lotterie ist nicht fair und verteilt körperliche wie geistige Attribute ungleich. Aus der Perspektive eines unparteilichen Legislatoren muss das Risiko dieser Menschen auf eine mangelhafte Teilhabe an der Gesellschaft minimiert werden. Das kann beispielsweise geschehen, indem man einen Teil der gesellschaftlichen Ressourcen benutzt, um die gesellschaftliche Teilhabe der Schwächsten zu verbessern (indem man beispielsweise teure Rollstuhlrampen an öffentlichen Gebäuden anbringt). Das Bedürftigkeitsprinzip steht in gewisser Spannung zum Leistungsprinzip. Wird leistungsschwächeren Mitgliedern ein größerer Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen ermöglicht als leistungsstärkeren, die nicht als bedürftig in diesem Sinne anerkannt werden, kann dies einen Motivationsverlust letzterer zur Folge haben.

4) Gruppenrechte

Die Basis, auf der die Legitimität einer Ungleichheit evaluiert wird, ist idealerweise die Lebenssituation eines jeden Individuums. Zuordnungen auf der Basis von Gruppenzugehörigkeit sind meist problematisch, da diese häufig sehr schlechte Heuristiken darstellen. Ein Beispiel: Nehmen wir an, wir wollen die Bedürftigkeit einer bestimmten Person evaluieren. Wir wissen nun, dass Mitglieder der Personengruppe A in der Regel bedürftiger sind als Mitglieder der Personengruppe B. Dies ist aber nicht immer der Fall, da es durchaus Mitglieder der Gruppe B gibt, die bedürftiger sind als A.

Es gibt allerdings durchaus Fälle, in denen eine Evaluierung aufgrund der Gruppenzugehörigkeit aus praktischen Gründen angezeigt ist. In Deutschland gilt man beispielsweise mit Vollendung des 18. Lebensjahres als uneingeschränkt geschäftsfähig. Die Zugehörigkeit zur Gruppe der über-17-jährigen ist hier ein Proxy für die geistige Reife eines Menschen. Obwohl diese Heuristik ausgesprochen ungenau ist, wäre die Alternative (beispielsweise ein Test der geistigen Reife eines jeden) schlicht unpraktikabel.

Insofern aber die Evaluierung des Individuums zumutbar und praktikabel ist, muss diese Vorrang genießen vor der Anwendung eines Proxys, der schlicht die Gruppenzugehörigkeit im Blick hat. So werden in Deutschland beispielsweise Sozialleistungen vergeben, indem die tatsächliche Bedürftigkeit eines Individuums evaluiert wird. Die Zugehörigkeit zu einer Menschengruppe, deren Mitglieder gemeinhin einen niedrigen sozioökonomischen Status haben, ist hingegen irrelevant.

Insbesondere müssen Heuristiken abgelehnt werden, die grob über- oder unter-inklusiv sind. Nehmen wir an, wir knüpfen die Vergabe einer gesellschaftlichen Ressource an die Eigenschaft X. Nun kommt Eigenschaft X unter Mitgliedern der Gruppe A häufiger vor als unter Mitgliedern der Gruppe B. Jedoch besitzen nicht alle A die Eigenschaft X und nicht alle Menschen mit Eigenschaft X gehören der Gruppe A an. Die Vergabe gesellschaftlicher Ressourcen nun an die Zugehörigkeit zur Gruppe A zu knüpfen ist unzulässig, es sei denn, die individuelle Evaluierung von Eigenschaft X ist unzumutbar oder nicht praktikabel.

5) Rote Linien und Grundfreiheiten

Es ist davon auszugehen, dass eine Versammlung hinreichend risikoaverser Legislatoren unter den Bedingungen absoluter Unparteilichkeit gewisse Freiheitsrechte auch dann nicht zur Disposition stellen möchte, wenn ihre Einschränkung durch eines der drei Prinzipien der legitimen Ungleichbehandlung gerechtfertigt wäre. Diese Freiheitsrechte möchte ich Grundfreiheiten nennen. Welche Freiheitsrechte im Einzelnen dem Katalog der Grundfreiheiten zuzurechnen sind, möchte ich an dieser Stelle offen lassen. Das würde entschieden zu weit führen.

6) Reichweite gesellschaftlicher Gleichbehandlung

Während die Gültigkeit der Regel der Gleichbehandlung für öffentliche und staatlich organisierte Bereiche einleuchtend ist, stellt sich allerdings die Frage, inwieweit der Anspruch auf die Durchsetzung von Gleichbehandlung auch für semi-öffentliche, privat betriebene und private Räume gelten sollen. Ist die Durchsetzung gleicher Freiheiten für alle doch immer auch mit einer gewissen Einschränkung der Handlungsfreiheit des Einzelnen verbunden. Will man es einem rassistischen Gastwirt untersagen, keine Migranten einzulassen, obwohl er sich in deren Gegenwart unwohl fühlt? Möchte man es dem Betreiber eines Schwulenclubs erlauben, Heten auszuweisen? Und wie sieht es mit Fitnessstudios exklusiv für Frauen aus? Sollte ich als Vermieter diskriminieren dürfen? Als Veranstalter einer privaten Fete? Ich gebe zu, dass ich hier kein handfestes Kriterium anbieten kann und freue mich auf Vorschläge.

7) Anwendungsbeispiele

Soviel zum theoretischen Teil. Nun zu einigen Beispielen, wie sich dieser Rahmen für maskulistische und schwulenrechtliche Argumentationen nutzen lässt:

a) Ablehnung von Gleichstellungsmaßnahmen:

Gleichstellungsmaßnahmen zielen auf die Herstellung von Ergebnisgleichheit ab. Dabei wird unterstellt, dass ein ungleiches Ergebnis die Folge einer unfairen Prozedur ist. Insofern aber gezeigt werden kann, dass das Ergebnis Folge von Prozessen ist, die den Maßstäben der Leistungs-, Eignungs- und Bedürftigkeitsprinzipien genügen, wird diese Argumentation hinfällig.

b) Ablehnung von Frauenfördermaßnahmen:

Aus der Perspektive des egalitären Liberalismus ist eine Frauenfördermaßnahme nur dann gerechtfertigt, wenn das Kriterium der Bedürftigkeit erfüllt ist. Insofern überhaupt in diese Richtung argumentiert wird, bedienen sich die Proponenten dieser Maßnahmen aber denkbar schlechten Heuristiken. Genannt sei das Beispiel der Rhetorikkurse für Frauen, Bewerbertrainings für Frauen, Managementkurse für Frauen etc. Der Nachweis ist keineswegs erbracht, dass alle Frauen in diesen Bereichen ein Defizit haben und es keine Männer gibt, die das gleiche oder ein größeres Defizit in dieser Hinsicht aufweisen.

c) Befürwortung der Homo-Ehe:

Für eine Ungleichbehandlung homosexueller Paare muss eine Begründung gefordert werden, die den oben besprochenen drei Prinzipien entspricht. Bisher beruhen die Sachargumente gegen die rechtliche Gleichstellung auf einer merkwürdigen Interpretation des Leistungsprinzips. Heterosexuelle Paare leisteten „Reproduktionsarbeit“ und müssten dafür entlohnt werden. Dass die Eigenschaft „heterosexuell“ aber eine denkbar schlechte Heuristik für die erwartbare Erziehungsleistung einer Person ist, dürfte einleuchtend sein.

8) Strategische Vorteile dieser Positionierung

Der egalitäre Liberalismus knüpft an linke, liberale und linksliberale Diskurse an und bedient sich eines ähnlichen Vokabulars und ähnlicher Begründungsmuster. Ein liberaler Maskulismus, der sich des egalitären Liberalismus als theoretische Grundlage bedient, wird es leichter haben, Anknüpfungspunkte im Mainstreamdiskurs zu finden. Ebenso werden es Leute, die ihre Forderungen vorgeblich an dieselben Gerechtigkeitsmaßstäbe knüpfen, es sehr viel schwerer haben, maskulistische Argumentationsmuster zu diffamieren.

Die meisten Feministen sind, wenn sie denn überhaupt biologisch bedingte Geschlechterunterschiede anerkennen, Gradualisten. Das heißt, dass sie nicht daran glauben, dass es bestimmte Eigenschaften gibt, die exklusiv der Gruppe der Männer oder der Gruppe der Frauen zuzuordnen sind. Sofern dies aber der Fall ist, bricht die Begründung für eine Ungleichbehandlung aufgrund des biologischen Geschlechts in den meisten Fällen weg.

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24 Kommentare zu „Egalitärer Liberalismus“

  1. „Will man es einem rassistischen Gastwirt untersagen, keine Migranten einzulassen, obwohl er sich in deren Gegenwart unwohl fühlt? Möchte man es dem Betreiber eines Schwulenclubs erlauben, Heten auszuweisen? Und wie sieht es mit Fitnessstudios exklusiv für Frauen aus? Sollte ich als Vermieter diskriminieren dürfen? Als Veranstalter einer privaten Fete? Ich gebe zu, dass ich hier kein handfestes Kriterium anbieten kann und freue mich auf Vorschläge.“

    Der Vorschlag heißt: Eigentumsrecht. Der Besitzer des Restaurants, des Clubs, des Fitnessstudios und der Wohnungen besitzen Eigentumsrechte an ihren Lokalitäten. Das heißt, dass sie natürlich darüber entscheiden dürfen, wofür sie diese Lokalitäten benutzen und wem sie Einlass gewähren. Das ist gerecht, weil analog auch jeder andere Mensch Restaurants, Clubs, Fitnesstudios und Wohnungen betreiben bzw. vermieten, und dort seine eigenen Regeln aufstellen kann.
    Als Veranstalter einer privaten Feier gilt selbiges: Da jeder das Recht auf Selbstbestimmung über sich und seinen Körper hat, darf man natürlich darüber entscheiden, mit wem man seine Feier verbringt.

    1. Ich bin mir recht sicher, dass das in Deutschland derzeit anders geregelt ist. Soweit ich weiß, darfst du als Eigentümer einer Bar, eines Clubs, einer Wohnung und eines Fitnessstudios niemanden aufgrund seiner Herkunft abweisen. Du musst dir schon eine andere Ausrede einfallen lassen.

      Viele Räume des öffentlichen Lebens – Cafés, Kneipen, Imbissbuden, Restaurants, Geschäfte – werden privat betrieben. Sollten alle Betreiber darin übereinstimmen, bestimmte Menschengruppen nicht zuzulassen, kann das sehr weitreichende Ausschlüsse produzieren.

      1. Ich erinnere mich daran, dass in meinem Studienort, an dem auch viele britische Soldaten mit ihren Familien lebten, britische Austauschstudenten nicht in bestimmte Kneipen hereinkamen. Das war natürlich Mist, zumal wir in einer großen internationalen Gruppe dort reingehen wollten und damit relativ klar war, dass es sich nicht um Soldaten handelte, die den Ruf weg hatten, gerne mal zu randalieren. Die Lösung: Wir sind dauerhaft in eine andere Kneipe umgezogen.

        Das Problem des wohnungssuchenden Schwarzen läßt sich natürlich nicht so einfach lösen. Zum einen kann man niemanden zwingen, einen bestimmten Mieter anzunehmen. Wenn aber alle Vermieter gleichzeitig beschließen, keinem Schwarzen eine Wohnung zu geben, er aber natürlich eine Wohnung braucht, was dann? Sozialer Wohnungsbau der Stadt? Die Stadt als letzte, neutrale Maßnahme?

      2. „Das Problem des wohnungssuchenden Schwarzen läßt sich natürlich nicht so einfach lösen. Zum einen kann man niemanden zwingen, einen bestimmten Mieter anzunehmen. Wenn aber alle Vermieter gleichzeitig beschließen, keinem Schwarzen eine Wohnung zu geben, er aber natürlich eine Wohnung braucht, was dann? Sozialer Wohnungsbau der Stadt? Die Stadt als letzte, neutrale Maßnahme?“

        Letztlich läuft es auf folgende Alternativen hinaus. Keine kann dem Liberalen so wirklich schmecken:

        – Entweder man führt Vorschriften ein, welche Zugangsbeschränkungen für privat betriebene Räume zulässig sind und welche nicht

        – Oder man lässt den Staat mit einem Angebot einspringen, für das gewisse Zugangsbeschränkungen eben nicht gelten

        Ich tendiere derzeit zur erstgenannten Lösung. Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass es in Deutschland bereits entsprechende Vorschriften gibt. Da müsste man mal einen Juristen befragen.

      3. „Ich bin mir recht sicher, dass das in Deutschland derzeit anders geregelt ist.“

        Ich dachte, Du wolltest einen Vorschlag und keine Analyse deutscher Gesetze.

      4. „Das Problem des wohnungssuchenden Schwarzen läßt sich natürlich nicht so einfach lösen.“
        Das ist eine absurde hypothetische Situation die auf dem freien Markt nie auftreten könnte. Meinst du wirklich, es ist realistisch anzunehmen, dass jeder einzelne Vermieter in der Stadt nicht nur rassistisch ist, sondern sogar so rassistisch, dass er bereit ist sich einiges an Profit entgehen zu lassen? Denn wenn manche Vermieter keine Schwarzen aufnehmen wollen, steigt dadurch der Preis den Schwarze bereit sind zu zahlen, so dass es sehr profitabel wird für nicht-rassistische oder weniger rassistische Vermieter an Schwarze zu vermieten.

        Eine derartige Situation könnte nur durch Kriminalität oder durch staatliches Eingreifen entstehen. Wenn zum Beispiel die Vermieter der Stadt drohen, jeden der an Schwarze vermietet zu verprügeln. Das ist dann aber ein Fall für die Polizei und bedarf keiner besonderen Gesetze. Die Situation könnte natürlich auch durch ein Gesetz eintreten das es verbietet oder deutlich unattraktiver macht, an Schwarze zu vermieten. Ein anderes Beispiel wären Maximalpreise für Mietwohnungen die unter dem Marktpreis liegen. Dann gibt es einen Mangel an Wohnungen und Diskriminierung wird kostenlos für Vermieter, denn auch ohne Schwarze aufzunehmen finden sie genügend Mieter. In diesem Fall muss aber lediglich dieses Gesetz aufgehoben werden.

      5. „Das ist eine absurde hypothetische Situation die auf dem freien Markt nie auftreten könnte. Meinst du wirklich, es ist realistisch anzunehmen, dass jeder einzelne Vermieter in der Stadt nicht nur rassistisch ist, sondern sogar so rassistisch, dass er bereit ist sich einiges an Profit entgehen zu lassen?“

        Es hat doch genügend Demokratien gegeben, deren Gesellschaft aus heutiger Sicht zutiefst rassistisch waren. Was heute eine himmelschreiende Ungerechtigkeit wäre, war damals normal.

        Der Profit geht nur dann verloren, wenn es keine anderen potientiellen Mieter gibt. Selbst wenn es dauerhaft stets eine nur sehr niedrige Zahl wohnungssuchender Leute gibt: Dadurch, dass immer ein anderer Interessant vorhanden ist, muss kein Vermieter den Schwarzen nehmen und sich ökonomisch ins eigene Fleisch schneiden. Der Schwarze hingegen geht bei der Wohnungssuche stets leer aus.

        „Denn wenn manche Vermieter keine Schwarzen aufnehmen wollen, steigt dadurch der Preis den Schwarze bereit sind zu zahlen, so dass es sehr profitabel wird für nicht-rassistische oder weniger rassistische Vermieter an Schwarze zu vermieten.“

        Das führt zu einem anderen Szenario, das mir auch schon eingefallen ist: Nehmen wir mal an, dass „nur“ 60-80% keine schwarzen Mieter wollen. Dann können die restlichen Vermieter die Mieten für Schwarze nach oben drücken, weil sie ja auf einer knappen Ware sitzen. (Klar, das kann man mit Regelungen verhindern… aber ich möchte mich ja gerade an dem Ideal orientieren, dass man möglichst wenig regulieren muss.)

      6. @ Adrian

        „Ich dachte, Du wolltest einen Vorschlag und keine Analyse deutscher Gesetze.“

        Völlig richtig, mein Fehler. Es las sich nur so, als würdest du dich auf aktuell gültige Gesetze beziehen.

        Was sagst du denn zum „Schwarzer-Mieter-Problem“?

      7. „Es hat doch genügend Demokratien gegeben, deren Gesellschaft aus heutiger Sicht zutiefst rassistisch waren. Was heute eine himmelschreiende Ungerechtigkeit wäre, war damals normal.“

        Das habe ich auch nie bestritten. Aber der Punkt ist, dass es unabhängig vom Grad des Rassismus unbeliebten Minderheiten besser geht unter einem freien Markt als auf einem Markt der stark vom Staat beeinflusst wird. All die besonders schlimmen Fälle von Diskriminierung von Minderheiten geschahen eben gerade durch Verletzungen des freien Markts die vom Staat herbeigeführt oder unterstützt wurden. Beispielsweise die Gilden im mittelalterlichen Europa die Juden von handwerklichen Berufen ausschlossen, oder die Jim Crow Gesetze in den USA in denen Rassensegregation per Gesetz festgeschrieben wurde.

        Was das mit Demokratie zu tun hat erschließt sich mir nicht. Demokratie ist selbstverständlich kein Schutz gegen Rassismus oder Diskriminierung von Minderheiten. Immerhin ist Demokratie im Wesentlichen die Diktatur der Mehrheit, was natürlich selten gut für Minderheiten ist.

        „Der Profit geht nur dann verloren, wenn es keine anderen potientiellen Mieter gibt.“

        In einer sehr stark rassistischen Gesellschaft wird der Preis den Schwarze zahlen müssen steigen. Daher können Vermieter große Gewinne erzielen indem sie an Schwarze vermieten.

        „Das führt zu einem anderen Szenario, das mir auch schon eingefallen ist: Nehmen wir mal an, dass “nur” 60-80% keine schwarzen Mieter wollen. Dann können die restlichen Vermieter die Mieten für Schwarze nach oben drücken, weil sie ja auf einer knappen Ware sitzen. (Klar, das kann man mit Regelungen verhindern… aber ich möchte mich ja gerade an dem Ideal orientieren, dass man möglichst wenig regulieren muss.)“

        Ja, und wo ist das Problem? Niemand, ob schwarz oder weiß oder sonstwas, sollte ein Recht darauf haben das Eigentum anderer Menschen gegen deren Willen zu nutzen. Jemand der sich weigert an Schwarze zu vermieten fügt damit niemanden einen Schaden zu. Er weigert sich lediglich ein Geschäft einzugehen das für ihn nicht attraktiv ist.

        Das dadurch Schwarze höhere Preise zahlen müssen als sie es ohne Rassismus tun müssten ist natürlich schlecht. Aber die Schuld dafür liegt beim Rassismus, nicht beim System der Marktwirtschaft. Denn um einen fairen Vergleich zu haben muss man einen freien Markt unter weitverbreitetem Rassismus vergleichen mit einem regulierten Markt unter ebenso weitverbreitetem Rassismus. Und in letzterem ist die Situation noch viel schlechter für Schwarze da es bei einer derart rassistischen Bevölkerung höchstwahrscheinlich keine Gesetze gibt die Schwarze vor Diskriminierung schützen, sondern vielmehr Gesetze die solche Diskriminierung unterstützen oder sogar vorschreiben.

      8. „Das dadurch Schwarze höhere Preise zahlen müssen als sie es ohne Rassismus tun müssten ist natürlich schlecht. Aber die Schuld dafür liegt beim Rassismus, nicht beim System der Marktwirtschaft. Denn um einen fairen Vergleich zu haben muss man einen freien Markt unter weitverbreitetem Rassismus vergleichen mit einem regulierten Markt unter ebenso weitverbreitetem Rassismus. Und in letzterem ist die Situation noch viel schlechter für Schwarze da es bei einer derart rassistischen Bevölkerung höchstwahrscheinlich keine Gesetze gibt die Schwarze vor Diskriminierung schützen, sondern vielmehr Gesetze die solche Diskriminierung unterstützen oder sogar vorschreiben.“

        Nun, der Lackmustest für die Fairness einer gesellschaftlichen Regel ist aus der oben skizzierten Perspektive die Frage, ob eine Zusammenkunft aus rationalen, risikoaversen Akteuren unter den Bedingungen der absoluten Unparteilichkeit dieser Regel zustimmen würde.

        Wir müssen uns nun also fragen, ob eine solche Versammlung die Nutzungsrechte für Privateigentum einschränken würde, um den Anspruch auf Gleichbehandlung eines jeden Gesellschaftsmitgliedes auszuweiten. Dann wissen wir auch, ob wir eine solche Einschränkung fair nennen dürfen.

        Sollte eine derartige Versammlung zu dem Schluss kommen, dass eine solche Einschränkung angebracht ist, wird sie die Regel natürlich nicht so ausformulieren, dass sie gegenüber einer Teilgruppe der Gesellschaft diskriminierend ist. Schließlich wissen die Legislatoren selbst nicht, welcher Teilgruppe der Gesellschaft sie angehören werden.

        Zu welchem Schluss eine rassistische Versammlung unter der Bedingung der Parteilichkeit kommen würde, ist für dieses Gedankenspiel zunächst einmal unerheblich.

      9. Nun ja, ich halte Rawls Theorie der Gerechtigkeit für realitätsfernen Unsinn. Warum sollte es uns tangieren was eine Komitee von Geistern hinter dem „Schleier der Unwissenheit“ entscheiden würde?

        Ich bin ja durchaus auch ein Freund von Gedankenexperimenten, aber dabei muss man das ganze schon konsequent zu Ende denken. Es ist einfach nicht möglich aus unserer Perspektive zu wissen, was solche Geister entscheiden würden. Zum Beispiel die Annahme der Risikoaversion. Wie risikoavers sind diese Geister denn nun? Davon hängt sicher vieles ab, aber es gibt keine objektiv korrekte Einstellung zu Risiko. Eine weitere Komponente ist Zeitpräferenz, also in welchem Ausmaß werden zeitlich näherliegende Ereignisse als wichtiger eingeschätzt als weiter entfernte? Auch hier gibt es keine objektiv richtige Antwort, doch das Maß an Zeitpräferenz entscheidet darüber, wie stark die Geister Investition befürworten.

        Doch auch innerhalb des Rawlschen Rahmenwerks halte ich derartige Einschränkungen von Eigentumsrechten für unzulässig. Das Geisterkomitee wird auch sicher nicht im Detail die Gesetze ausformulieren, sondern muss das irdischen Institution überlassen. Das Komitee mag vielleicht die Anfangsbedingungen festlegen, insbesondere die institutionellen Rahmenbedingungen, danach müssen aber Menschen die Gesetze umsetzen und haben die Möglichkeit sie zu ändern. So habe ich zumindest das Gedankenexperiment verstanden.

        Auch wenn die ursprünglichen Gesetze nicht diskriminierend sind, werden sie dennoch von durchaus parteilichen Menschen umgesetzt. Es kommt nämlich nicht auf den Wortlaut der Gesetze an, sondern vor allem darauf wie sie interpretiert und ausgeübt werden. Man nehme zum Beispiel den Umgang mit häuslicher Gewalt in unserer Gesellschaft. Grundsätzlich sind die Gesetze zwar geschlechtsneutral, tatsächlich erhalten weibliche Opfer viel besseren Schutz als männliche Opfer und männliche Täter werden viel härter bestraft als weibliche.

        Außerdem kann man auch indirekt gewisse Gruppen bevorzugen oder benachteiligen. Ein Beispiel dafür ist die Einführung des Mindestlohns in Amerika, welcher zumindest zum Teil rassistisch motiviert war. Weiße Arbeiter waren besorgt um ihre Arbeitsplätze und ihre Löhne wegen der Konkurrenz von schwarzen Arbeitern, welche bereit waren für niedrigere Löhne zu arbeiten. Um dem einen Riegel vorzuschieben, wurde der Mindestlohn eingeführt. Nun standen die überwiegend rassistischen Arbeitgeber nicht mehr vor der Wahl einen Weißen oder einen billigeren Schwarzen einzustellen, sondern mussten sowieso den höheren Preis zahlen und konnten somit ohne Mehrpreis ihrer rassistischen Inklination folgen. Vor Einführung des Mindestlohns waren die Arbeitslosigkeitsquoten von Weißen und Schwarzen etwa gleich; seitdem ist die Arbeitslosigkeit unter Schwarzen deutlich höher.

    1. Für morgen haben wir einen Artikel, am 24. wäre Elitemedium dran – wenn da nichts kommt, wäre das der früheste Termin. Am 25. gibt es keinen regulären Autor.

      Für den Artikel von Rotterdam habe ich etwa 5 Minuten gebraucht (plus Korrekturlesen). Also im Zweifelsfall einfach her damit. geschlechterallerlei [ät] gmail [punkt] com .

    2. @ desideriusvonrotterdam

      Sehr interessanter Artikel zu einer theoretischen Fundierung des linksliberalen Maskulismus, danke dafür.

      Ich habe leider im Augenblick zu viel zu tun, um Artikel zu schreiben.
      Aber dieser Blog besteht ja hoffentlich noch etwas länger.

  2. Ich habe einige Probleme mit der Rawlsschen Gerechtigkeitstheorie. Vorausschicken sollte ich, daß ich kein studierter Soziologe oder Philosoph bin und daran in diesem Leben nichts mehr ändern werde.

    Nachdem ich einige Quellen über John Rawls und seine Gerechtigkeitstheorie durchgesehen habe, schätze ich diese Theorie zwar als sehr interessant und wichtig, aber auch heftig umstritten ein, weil sie bestimmte Defizite hat (von denen mir eines sogar selbst als Amateur aufgefallen ist), s. http://de.wikipedia.org/wiki/A_Theory_of_Justice#Kritik

    Zunächst einmal sollte man die Existenz des Expertenstreits als Faktum zur Kenntnis nehmen, d.h. wenn man männerrechtliche Forderungen damit begründet, daß sie auf der Rawlsschen Gerechtigkeitstheorie beruhen, hat man den Streit um männerrechtliche Forderungen nur auf die Gültigkeit und Anwendbarkeit dieser Theorie verlagert und das Problem eher vergrößert.

    Zur Positionierung der Rawlsschen Gerechtigkeitstheorie: Der Titel des Blogposts ist „Egalitärer Liberalismus“, im Text wird scheinbar synonym an einer Stelle „liberaler Egalitarismus“ verwendet. Faktisch ist Rawls ein Vertreter des Egalitarismus (und sein wichtigster Kritiker, Robert Nozick ein Vertreter des Libertarismus). D.h. neben der Gleichheit vor dem Gesetz ist für Rawls auch die soziale Gleichheit der unhinterfragbare Normalfall. Rawls wichtigste Anforderungen an soziale Gerechtigkeit sind laut http://www.was-ist-soziale-gerechtigkeit.de/download/Soziale_Gerechtigkeit-Kap003015.pdf

    1. Die persönlichen Freiheitsrechte (liberale Grund- und
    Menschenrechte) müssen unbedingt respektiert werden. Sie haben immer Vorrang vor Gleichheitsforderungen (»Freiheitsprinzip«).

    2. Grundsätzlich muss ökonomische und soziale Gleichheit
    herrschen. Ungleichheit ist nur unter zwei Bedingungen zulässig (»Differenzprinzip«), wenn

    a. Ämter und Positionen für alle zugänglich sind, und zwar nicht nur im Sinne formaler Rechtsgleichheit, sondern auch im Sinne realer Chancengleichheit und

    b. die ökonomische und soziale Ungleichheit sich in dem Sinne vorteilhaft für die relativ am schlechtesten Gestellten auswirkt, dass sie besser gestellt sind als sie es bei Gleichverteilung wären.

    Ein großes Problem liegt im Begriff „soziale (Un-) Gleichheit“, der sehr große Interpretationsspielräume bei der Definition und Bewertung hat.

    Ein zweites Problem der Rawlssche Gerechtigkeitstheorie liegt darin, daß man sie i.w. nur für formale gesetzliche oder ähnlich allgemeine gesellschaftliche Strukturen sinnvoll anwenden kann, nicht oder nur schlecht hingegen auf das Innenverhältnis von Beziehungen, wo individuelle Präferenzen und operative Defizite / Pannen eine große Rolle spielen. An dieser Stelle wird die Frage virulent, ob der Maskulismus nur strukturelle Diskriminierungen von Männern beseitigen will oder (was typisch für den Feminismus wäre) auch die informell geregelten Bereiche von Männern und Frauen regulieren will.

    Ein drittes Problem sehr ich bei multi-kulturellen bzw. kulturell stark fragmentierten Gesellschaften, in denen für Begriffe wie Freiheit und Gleichheit kein tragfähiger flächendeckender Konsens mehr erzielt werden kann.

    Also in der Summe ist die Theorie sicher wichtig und einige Stunden Beschäftigung wert, aber ob sie die Wunderwaffe zur Lösung des Geschlechterstreits ist, möchte ich bezweifeln.

    1. Vielen Dank für die ausführliche Antwort!

      „im Text wird scheinbar synonym an einer Stelle “liberaler Egalitarismus” verwendet.“

      Das ist ein Fehler. Es muss egalitärer Liberalismus heißen. Ich bitte um Korrektur.

      Ich bin nicht der Ansicht, dass man Rawls blind in allem folgen sollte. Doch ich glaube durchaus, dass seine Theorien sehr gute Anknüpfungspunkte darstellen, die sich für unsere Zwecke nutzbar machen lassen.

      Zur Kritik:

      „Faktisch ist Rawls ein Vertreter des Egalitarismus (und sein wichtigster Kritiker, Robert Nozick ein Vertreter des Libertarismus). D.h. neben der Gleichheit vor dem Gesetz ist für Rawls auch die soziale Gleichheit der unhinterfragbare Normalfall.“

      Ja, hier muß man Vorsicht walten lassen. Rawls war durchaus kein Vollblutliberaler.

      „b. die ökonomische und soziale Ungleichheit sich in dem Sinne vorteilhaft für die relativ am schlechtesten Gestellten auswirkt, dass sie besser gestellt sind als sie es bei Gleichverteilung wären.“

      Ich denke, dass das Differenzprinzip ein hervorragendes Argument gegen die Proponenten der Ergebnisgleichheit darstellt. Hat die jüngere Geschichte doch gezeigt, dass ordoliberale Wirtschaftsordnungen sehr viel bessere Lebensbedingungen für die schwächsten Gesellschaftsmitglieder bereitstellen als diverse sozialistische Ordnungen.

      „Ein zweites Problem der Rawlssche Gerechtigkeitstheorie liegt darin, daß man sie i.w. nur für formale gesetzliche oder ähnlich allgemeine gesellschaftliche Strukturen sinnvoll anwenden kann, nicht oder nur schlecht hingegen auf das Innenverhältnis von Beziehungen, wo individuelle Präferenzen und operative Defizite / Pannen eine große Rolle spielen. An dieser Stelle wird die Frage virulent, ob der Maskulismus nur strukturelle Diskriminierungen von Männern beseitigen will oder (was typisch für den Feminismus wäre) auch die informell geregelten Bereiche von Männern und Frauen regulieren will.“

      Das sehe ich nicht als Problem an, sondern als großen Vorteil. Als Liberaler bin ich der Ansicht, dass der Staat sich weitgehend aus der Lebensgestaltung seiner Bürger heraushalten sollte. Wie Männer und Frauen die Chancen nutzen, die ihnen unter den Bedingungen der Rechts- und Chancengleichheit geboten werden, sollte ihnen überlassen bleiben. Wie gesagt: Angestrebt wird für alle Menschen das größtmögliche Maß an Freiheiten, welches unter den Bedingungen der fairen Verteilung dieser Freiheiten möglich ist.

      „Ein drittes Problem sehr ich bei multi-kulturellen bzw. kulturell stark fragmentierten Gesellschaften, in denen für Begriffe wie Freiheit und Gleichheit kein tragfähiger flächendeckender Konsens mehr erzielt werden kann.“

      Ja, zu diesem Thema gab es eine riesige Debatte und Rawls hat schließlich klein bei gegeben. Ich bin der Ansicht, dass auch für stark fragmentierte Gesellschaften rein formale Gerechtigkeitskonzeptionen die erste Wahl sind. Aber für die Begründung bräuchte ich wohl einen eigenen Blogpost. Es würde auch sehr vom Geschlechterthema weg führen.

      1. „Ich denke, dass das Differenzprinzip ein hervorragendes Argument gegen die Proponenten der Ergebnisgleichheit darstellt“

        Verstehe ich nicht. Nach obigem Punkt 2 (Grundsätzlich muss ökonomische und soziale [Ergebnis-] Gleichheit herrschen. Ungleichheit ist nur [ausnahmsweise] unter zwei Bedingungen zulässig / entschuldbar…..) ist Ergebnisgleichheit der Normalfall. Bei jeder (gefühlten) sozialen Ungleichheit kann der sich negativ betroffen Fühlende vom Bessergestellten eine Entschuldigung verlangen oder eben Aufgabe des Privilegs, womit wir bei der Privilegientheorie angelangt werden, deren strikte Ablehnung Konsens ist. Würde mich schon interessieren, wie Rawls sich von der Privilegientheorie abgrenzt.

        „Das sehe ich nicht als Problem an, sondern als großen Vorteil.“

        Das hängt sehr davon ab, was unter den persönlichen Freiheitsrechten (liberale Grund- und
        Menschenrechte) verstanden wird und wie z.B. Art. 3 GG interpretiert wird (feministischerseits natürlich als Gleichstellungsgebot). Diese Definition ist ganz zentral, ist aber leider ein Streitpunkt. Mir ist auch nicht klar, was das konkret bei einigen aktuellen Streitthemen bedeuten würde.

        „Als Liberaler bin ich der Ansicht, dass der Staat sich weitgehend aus der Lebensgestaltung seiner Bürger heraushalten sollte“
        Sehe ich auch so. Leider aber nicht der regierende Feminismus. Angefangen bei der Aufschrei-Kampagne über die „Toleranz“-Erziehungskampagne in Baden-W. wird überall versucht, immer mehr von Staats (oder Ideologie) wegen in private Bereiche einzugreifen, bzw. es wird von oben her durchregiert. Wenn man nun dagegen argumentieren will, kann man schlecht mit dem Argument kommen, daß dieser Bereich von der Rawlssche Gerechtigkeitstheorie nicht abgedeckt wird und man deswegen nicht diskutieren kann oder will und alles ablehnt. Man braucht also vermutlich „Anbauten“ an die Theorie, die handfeste Gegenargumente liefern.
        Damit kommen wir in ein Minenfeld, nämlich die Frage, wie man mit den biologischen Unterschieden und Präferenzen von Frauen und Männern umgeht. Der abstrakte Begriff von Gleichheit nützt einem wenig, denn Frauen und Männern sind nun mal verschieden. Sofern Rawls dazu Konzepte entwickelt hat, wäre es interessant, dazu mehr zu hören. Wobei der Stand der naturwissenschaftlich / medizinischen Kenntnisse vor rund 40 Jahren, als er seine Theorie entwickelte, im Vergleich zu heute sehr schlecht war.

      2. Das Differenzprinzip besagt, dass Ungleichheit dann zulässig ist, wenn die Ordnung, aus der sie resultiert, dafür sorgt, dass es den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft absolut (nicht relativ) besser geht.

        Ein liberaler Sozialstaat, der auf dem Leistungsprinzip beruht, erfüllt diese Bedingungen. Denn das Leistungsprinzip sorgt dafür, dass die Gesamtmasse der zu verteilenden gesellschaftlichen Güter steigt. Davon profitieren auch die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft. Alle drei Prinzipien, das Leistungsprinzip, das Eignungsprinzip und das Bedürftigkeitsprinzip sind mit dem Differenzprinzip vereinbar.

        Legen wir die Maßstäbe an, die das Differenzprinzip vorgibt, ist eine dergestalt ungleiche Ordnung also besser als eine der absoluten Gleichverteilung.

        Zu erwähnen sei an dieser Stelle noch, dass Rawls für eine nicht näher spezifizierte Grenze der Ungleichheit plädierte. Und zwar auch dann, wenn die dahinterstehende Ordnung den Anforderungen des Differenzprinzips genügt. Er glaubte, dass eine zu große Ungleichheit sich zerstörerisch auf den Zusammenhalt einer Gesellschaft auswirkt.

        „Das hängt sehr davon ab, was unter den persönlichen Freiheitsrechten (liberale Grund- und Menschenrechte) verstanden wird und wie z.B. Art. 3 GG interpretiert wird (feministischerseits natürlich als Gleichstellungsgebot). Diese Definition ist ganz zentral, ist aber leider ein Streitpunkt. Mir ist auch nicht klar, was das konkret bei einigen aktuellen Streitthemen bedeuten würde.“

        Ein Gleichstellungsgebot widerspricht dem Prinzip der gleichen Verteilung von Rechten und Freiheiten und wird nicht durch das Leistungs-, Eignungs- oder Bedürftigkeitsprinzip gedeckt.

        Zum Bildungsplan und diversen Erziehungsaktionen:

        Das ist schwierig, weil wir in Deutschland einen staatlichen Erziehungsauftrag haben. Hier müsste man sich auf ein weltanschauliches Neutralitätsgebot berufen. Ein solches ist aus der Perspektive des egalitären Liberalismus und in Anlehnung an Rawls durchaus zu begründen, aber die Konstruktion des Arguments ist sehr komplex.

        „Damit kommen wir in ein Minenfeld, nämlich die Frage, wie man mit den biologischen Unterschieden und Präferenzen von Frauen und Männern umgeht. Der abstrakte Begriff von Gleichheit nützt einem wenig, denn Frauen und Männern sind nun mal verschieden.“

        Aber mit wenigen Ausnahmen eben nur graduell und nicht essentiell verschieden. Und diese Tatsache reicht aus, um eine Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechtes in den meisten Fällen abzulehnen. Dass aufgrund im Schnitt verschiedener Präferenzen gewisse Häufungen von Männern oder Frauen in gewissen Bereichen auftreten, muss einen ja nicht stören, solange die Chancengleichheit gewahrt bleibt.

    2. Zu den strategischen Vor- und Nachteilen dieser Positionierung (ich finde solche Fragen ja immer äußerst spannend):

      „Zunächst einmal sollte man die Existenz des Expertenstreits als Faktum zur Kenntnis nehmen, d.h. wenn man männerrechtliche Forderungen damit begründet, daß sie auf der Rawlsschen Gerechtigkeitstheorie beruhen, hat man den Streit um männerrechtliche Forderungen nur auf die Gültigkeit und Anwendbarkeit dieser Theorie verlagert und das Problem eher vergrößert.“

      Kritik an Rawls kam hauptsächlich aus kommunitaristischer und kulturrelativistischer Ecke. Erstere spielt in Deutschland so gut wie keine Rolle und letztere wird hierzulande wohl hauptsächlich durch die radikale Linke vertreten, die du ohnehin nicht von liberalen Werten wirst überzeugen können. Rein strategisch halte ich die vorgeschlagene Positionierung weiterhin für sinnvoll.

  3. „Gleichstellungsmaßnahmen zielen auf die Herstellung von Ergebnisgleichheit ab. Dabei wird unterstellt, dass ein ungleiches Ergebnis die Folge einer unfairen Prozedur ist. Insofern aber gezeigt werden kann, dass das Ergebnis Folge von Prozessen ist, die den Maßstäben der Leistungs-, Eignungs- und Bedürftigkeitsprinzipien genügen, wird diese Argumentation hinfällig.“

    Das erscheint mir ausgesprochen anti-liberal. Gleichstellungsmaßnahmen sind aus liberaler Sicht grundsätzlich abzulehnen weil sie eine klare Verletzung der individuellen Freiheit darstellen. Das hier vorgeschlagene Vorgehen ist auch genau falsch herum. Wenn überhaupt muss die Beweislast bei demjenigen liegen, der behauptet das Ergebnis sei unfair. Er muss beweisen, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zuging, sprich das eine Rechtsverletzung vorliegt. Und falls dies gelingt, ist die richtige liberale Antwort, diese Rechtsverletzung zu beseitigen und gegebenenfalls Opfer zu entschädigen.

    1. „Das erscheint mir ausgesprochen anti-liberal“

      Schwieriger Begriff. Jedenfalls gilt Rawls als Vertreter des Egalitarismus, sofern das damit gemeint war.

      „Wenn überhaupt muss die Beweislast bei demjenigen liegen, der behauptet das Ergebnis sei unfair“

      Sehe ich zwar im Prinzip genauso, allerdings bin ich inzwischen davon überzeigt, daß man – egal welche Seite die Beweislast hat – den geforderten Beweis nicht so führen kann, daß der politische Streit beigelegt wird. Der Beweis muß sich auf irgendeine soziale Theorie stützen, abgesehen von trivialen Fällen versagen diese Theorien leider regelmäßig (bzw. es gibt sogar widersprechende Theorien und Denkschulen) oder sind zumindest spekulativ.

      Beim Egalitarismus müssen die Liberalen mittels der sozialen Theorie erklären, daß die vorhandenen Ungleichheiten auf Umwegen auch den Schlechtergestellten nützen und Leistungs-, Eignungs- und Bedürftigkeitsprinzipien genügen. Der Beweis dürfte höchstens in sehr einfachen und offensichtlichen Fällen gelingen. Daß rein männliche DAX-Vorstände auch den Schlechtergestellten nützen, wird man kaum beweisen können. Im Egalitarismus werden die Liberalen also Frauenquoten in DAX-Vorständen nicht verhindern können.

      Beim Liberalismus müssen die Egalitarier erklären, daß vorhandenen Ungleichheiten dadurch entstanden, daß „es dabei nicht mit rechten Dingen zuging“ oder aktuell zugeht. Auch hier braucht man eine wilde soziale Theorie (z.B. „Männerbünde“ und „das Patriarchat“), um das Unrecht (z.B. keine Frauen in einem DAX-Vorstand) zu lokalisieren. Unnötig zu erwähnen daß Liberale diese Theorien für Unfug halten und nicht akzeptieren.

      1. „Jedenfalls gilt Rawls als Vertreter des Egalitarismus, sofern das damit gemeint war.“

        Das Rawls Vertreter des Egalitarismus ist, will ich nicht bezweifeln. Mit Liberalismus haben seine Thesen aber nicht viel gemein, zumindest nicht mit dem was man hierzulande unter Liberalismus versteht. Natürlich gilt Rawls in Amerika als „liberal“, aber im heutigen englischen Sprachgebrauch ist der Begriff ist eher äquivalent zu dem was man in Deutschland sozialdemokratisch nennt.

        Ich halte im übrigen Liberalismus und Egalitarismus für völlig unvereinbar. Menschen sind von Natur aus ungleich und daher führt Freiheit immer zu sehr ungleichen Ergebnissen. Möchte man diese Ungleichheit beseitigen oder reduzieren, geht das nur durch Einschränkung der Freiheit.

    2. „Wenn überhaupt muss die Beweislast bei demjenigen liegen, der behauptet das Ergebnis sei unfair.“

      Das sehe ich natürlich genau so. Ich wollte in dem Abschnitt auch gar keine Aussage über die Lage der Beweislast machen, sondern einen Vorschlag dahingehend, wie man den Proponenten der Ergebnisgleichheit argumentativ begegnen sollte.

      Denn mitm hat natürlich vollkommen recht: de facto liegt die Beweislast derzeit bei den Liberalen, denn die Proponenten der Ergebnisgleichheit haben die Diskurshoheit an sich gerissen.

      Im Übrigen halte ich den Begriff „Egalitarist“ für Freunde der Ergebnisgleichheit für ungeeignet, bezog sich der Egalitarismus historisch doch hauptsächlich auf die Gleichheit an Rechten. In diesem Sinne sind fast alle liberalen Positionen auch egalitaristische Positionen.

      Ich sehe natürlich den Nutzen eines griffigen Begriffs, allein zur besseren „Feindbestimmung“. Aber „Egalitarist“ ist da schlicht unglücklich gewählt. Ich würde „Mediokratisten“ vorschlagen, aber das ist genau so ungenau und außerdem versteht es keiner.

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